Zwei Meisterwerke

Helen Macdonald ‘H is for Hawk’ und T.H. White ‘The Goshawk’

Für alle, die es noch nicht mitbekommen haben: Das hier ist ein phantastisches, großartiges Buch. Helen Macdonalds “H is for Hawk” (H wie Habicht) gewann renommierte Preise – den Samuel Johnson Prize und den Costa Book Award), eroberte sich Top-Platzierungen auf Bestsellerlisten und erhielt hymnische Rezensionen gleich bündelweise, allein zwei davon in der New York Times: Dwight Garner schrieb, ihr Buch sei so gut, dass es geradezu schmerze, es zu lesen (“Her book is so good that, at times, it hurt me to read it”), Vicki Constantine Croke vergleicht Helen Macdonalds Worte mit Federn: So unfassbar schön, dass man ihre erstaunliche Konstruktion darüber kaum bemerkt (“… with words that mimic feathers, so impossibly pretty we don’t notice their astonishing engineering.”). Und nichts davon ist übertrieben. Es ist eines der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe – und ich meine nicht Jagdbücher, was ja eine ziemlich drastische Einschränkung wäre. Ich habe H is for Hawk dreimal hintereinander gelesen und mit Anmerkungen und Merkzetteln gespickt – eine Reverenz, die ich den wenigsten Büchern erweise…

Als Trauer und Schmerz nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters ihr den Boden unter den Füßen zu entziehen drohen, wächst in der erfahrenen Falknerin, die bisher umgänglichere Beizvögel bevorzugt hatte, der dringende Wunsch, ja, die Notwendigkeit, zum ersten Mal einen Habicht zu fliegen. Vermutlich die Wirkung der Selbstheilungskräfte einer durch massives Leid gefährdeten Psyche, ein komplizierter seelischer Prozess, für den es die eine rationale Begründung nicht gibt, Gründe aber durchaus. Da sind Erinnerungen an Ausflüge, die die Neunjährige mit ihrem Vater unternahm, um Greifvögel zu beobachten, es gibt Schilderungen der mystisch scheinenden Fähigkeit der Habichte, aus der Welt zu fallen: Über auf einer Beizjagd entflogene Habichte schreibt sie: “It seemed that the hawks couldn’t see us at all, that they’d slipped out of our world entirely and moved into another, wilder world from which humans had been utterly erased.” (Es schien, als ob die Habichte uns überhaupt nicht sehen könnten, als seien sie unserer Welt entschlüpft und hinübergezogen in eine andere, wildere Welt, aus der der Mensch vollständig herausgelöscht wurde.”). Sie beschreibt, wie ein gefangenes Habichtsweib freigelassen wird und im Nichts verschwindet: “It was as if she’d found a rent in the damp Gloucestershire air and slipped through it. That was the moment I kept replaying, over and over. That was the recurring dream. From then on, the hawk was inevitable.” (“Es war, als ob sie einen Riss in der nasskalten Luft von Gloucestershire gefunden hätte und hindurchgeschlüpft wäre. Das war der Moment, den ich in Gedanken immer und immer wieder abspielte, der wiederkehrende Traum. Von da an war der Habicht unausweichlich.”)

Der Welt entkommen durch Identifikation mit einem Wesen, für das die Leiden der menschlichen Existenz bedeutungslos sind: “Some deep part of me was trying to rebuild itself, and its model was right there on my fist. The hawk was everything I wanted to be: solitary, self-possessed, free from grief, and numb to the hurts of human life.” (Irgend ein verborgener Teil von mir versuchte sich wieder aufzubauen, und das Modell dafür saß auf meiner Faust: Der Habicht war alles, was ich sein wollte: Einzelgängerisch, selbstbeherrscht, frei von Gram und taub für das Leid menschlichen Lebens.”)

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Helen Macdonald. Foto: Marzena Pogorzaly. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung vom Ullstein-Verlag.

H is for Hawk ist ein Buch über Verlust, Schmerz und Trauer und den Umgang damit und Wege zur Heilung, ebenso aber über unsere Beziehung zur Natur und unser Verhältnis zu den wilden Kreaturen darin. Es geht um Fragen, die das Selbstverständnis nicht nur jedes Jägers und Falkners berühren und in die ewigen Fragen münden: Wie wir leben wollen und wofür es sich lohnt, zu leben.

Es ist ein Buch über Helen Macdonald und ihren Vater – und über T.H. White. Die Abschnitte über den englischen Autor Terence Hanbury White gehören zu den besten des Buchs. White, der mit seiner Fantasy-Version der Artus-Sage bekannt wurde, schrieb ein schmales, sprachgewaltiges, komisches, tragisches, mutiges Bändchen über seinen furchtbar gescheiterten Versuch, einen Habicht abzutragen: The Goshawk (Der Habicht). Helen Macdonald umreißt die überragende literarische Qualität von Whites Goshawk sehr treffend, wenn sie schreibt, dass sie das Buch viele Male gelesen habe und es ihr jedesmal wie ein anderes Buch erschien: “…sometimes a caustically funny romance, sometimes the journal of a man laughing at failure, sometimes a heartbreaking tract of another man’s despair.” (… manchmal als kaustisch-komische Romanze, manchmal als die Aufzeichnungen eines Mannes, der das Scheitern verlacht, manchmal als herzzerreißendes Traktat über eines anderen Menschen Verzweiflung.)

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T.H. White, The Goshawk

In gewisser Weise ist The Goshawk ein Vorläufer, H is for Hawk demnach auch die Auseinandersetzung mit diesem Vorläufer und Helen Macdonalds Versuch einer Überwindung der Whiteschen Vorlage. Denn White beschreibt in der Tradition des 19. Jahrhunderts seine Auseinandersetzung mit dem Habicht als Kampf: “‘Man against bird’, he wrote, ‘with God as an umpire […]” (Mensch gegen Vogel, schrieb er, mit Gott als Schiedsrichter…”). “White made falconry a metaphysical battle.” (White machte Falknerei zu einer metaphysischen Schlacht.”) Dem Kampf Mensch gegen die zu zähmende Wildheit der Natur stellt Macdonald ihr eigenes ideologisch abgerüstetes Verständnis entgegen, etwa, wenn sie das Verhalten ihres Habichtsweibs Mabel beschreibt, und mit Erstaunen feststellt, dass die den überlieferten klischeehaften Zuschreibungen zufolge blutrünstige, mörderische und eindeutig humorlose Kreatur ein komisches Gefallen am Spiel mit zugeworfenen Papierbällen findet. Die Differenz zu White liegt nicht darin, dass hier ein spezifisch weiblicher Zugang zur Natur, zur Falknerei eröffnet würde – eine Deutung die Helen Macdonald selbst empört zurückweist – oder dergleichen Quatsch, sondern vermutlich eher darin, dass der Menschheit ihr Rollenmodell, die Selbstgewissheit, der gottgegebene Bezwinger der Schöpfung zu sein, zwischenzeitlich abhanden gekommen sein dürfte.

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Als Helen Macdonald The Goshawk zum ersten Mal liest, ist sie acht Jahre alt. Und verwirrt: “Grown-ups were experts. They wrote books to tell you about things you didn’t know; books on how to do things. Why would a grown-up write a book about not being able to do something?” (Erwachsene waren Experten. Sie schrieben Bücher, um dir etwas über Dinge zu erzählen, die du nicht wusstest; Bücher darüber, wie man etwas macht. Warum sollte ein Erwachsener ein Buch darüber schreiben, nicht in der Lage zu sein, etwas zu tun?”). Empört beklagt sich das Mädchen bei ihrer Mutter über die unbegreiflichen Taten und Worte dieses seltsamen Erwachsenen. Schließlich liest sie eine abwertende Kritik des Buchs in einer Falkner-Zeitschrift und folgert, dass es erlaubt sei, diesen Erwachsenen nicht zu mögen und für einen Dummkopf zu halten. “It’s painful to recall my relief on reading this, founded as it was on a desperate misunderstanding about the size of the world. I took comfort in the blithe superiority that is the refuge of the small.” (Es ist schmerzlich, mich der Erleichterung, mit der ich das las, zu erinnern, die auf einer hoffnungslosen Fehleinschätzung der Größe der Welt beruhte. Ich fand Trost in jenem heiteren Überlegenheitsgefühl, das die Zuflucht der kleinen Leute ist.).

Als Macdonald das Buch Jahre später wiederliest, stellt sie fest, dass es mehr enthält als “schlechte Falknerei”, begreift, warum viele es für ein Meisterwerk halten. Diese Erkenntnis liefert Anlass und Auftakt für eine mit wissenschaftlicher Akribie erfolgte Auseinandersetzung mit T.H. White und seinem Werk (und die Sorgfalt und Hingabe, mit der Helen Macdonald sich dieser Aufgabe stellt, reichen schon hin, um einen endgültig und vollständig für diese Autorin einzunehmen).  Sie besuchte nicht nur das Haus bei Stowe, wo Gos und er lebten, was White im Vorwort zu The Goshawk wie folgt beschreibt: “a second-rate philosopher, who lived alone in a wood, tired of most humans in any case, to train a person who was not human, but a bird”,. (Ein zweitrangiger Philosoph, der allein in einem Wald lebte, der meisten Menschen definitiv überdrüssig, um eine Person zu trainieren, die nicht menschlich, sondern ein Vogel war.). Sie flog nach Amerika, um im Harry Ransom Center in Texas, in dem Whites Nachlass verwahrt wird, dessen Aufzeichnungen und Tagebucheinträge zu studieren.

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Auffallend ist, dass White und Macdonald bei aller Verschiedenheit aus einer vergleichbaren emotionalen Konstellation zum Habicht finden, sich auf jeweils ihre Weise mit ihm identifizieren. So wie Macdonald ihrem Schmerz durch Identifikation mit dem Greif zu entfliehen suchte, so erblickte auch White im Habicht etwas, das er gern sein wollte. White, der Vorläufer, ist hier auch Vorbild. Macdonald beschreibt Whites Kindheit in Indien (sein Vater war Kolonialbeamter), seine Erinnerungen an Schläge und Streit, an die endlosen, schrecklichen, gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen seinen Eltern, an ihren Hass aufeinander. Die Mutter wendet ihre Zuneigung den Hunden zu, die der Vater folgerichtig erschießt. Es gibt eine Szene, in der Whites Eltern über der Wiege, in der er liegt, miteinander zanken und ringen, sie entwinden sich gegenseitig die geladene Pistole und drohen, den jeweils anderen und dann sich selbst zu erschießen, in jedem Fall aber mit ihm zu beginnen. “Keine sichere Art von Kindheit”, notiert White lakonisch, an die sich eine Jugend im öffentlichen Schulsystem Englands mit den zeittypischen exzessiven Prügelorgien anschließt – eine Aufzuchtmethode, die vielleicht nicht unbedingt glückliche, dafür aber schwierige, interessante und im Idealfall künstlerisch produktive Menschen hervorzubringen verspricht, was in Whites Fall vollumfänglich gelungen zu sein scheint.

Ein unerfüllbares Streben nach Anerkennung, zeitlebens unterdrückte Homosexualität und Sadismus formen eine Persönlichkeit, die es kaum mit sich selbst und noch weniger mit anderen aushält. Es ist ein Satz über ein entflogenes Habichtsweib in einem alten Falknerbuch, der “in seiner Seele Funken schlägt”: “The sentence was: ‘She reverted to a feral state.’ A longing came to my mind, then, that I should be able to do this also. The word ‘feral’ had a kind of magic potency which allied itself with two other words. ‘ferocious’ and ‘free’.” (Der Satz lautete: ‘Sie fiel zurück in einen verwilderten Zustand.’ Ein Sehnen kam in meine Seele, dass es mir möglich sein möge, das auch zu tun. Das Wort ‘verwildert’ trug eine magische Potenz in sich, die sich mit zwei anderen Worten verband: ‘grausam’ und ‘frei’.)

Helen Macdonald hat nicht nur ihre frühkindliche Abneigung gegen diesen faszinierenden Autor überwunden, und nicht nur zu einem tiefen Verständnis von Person und Werk gefunden – sondern zu etwas wie Liebe (und schon deshalb gehört dieses Buch auf den Gabentisch): “And it is that joy, that childish delight in the lives of creatures other than man, that I love most in White. He was a complicated man, and an unhappy one. But he knew also that the world was full of simple miracles. ‘There is a sense of creation about it,’ he wrote, in wonderment, after helping a farmer deliver a mare of a foal. ‘There were more horses in the field when I left it than there were when I went in.’

In ‘England Have My Bones’ White wrote one of the saddest sentences I have ever read: ‘Falling in love is a desolating experience, but not when it is to a countryside.’ He could not imagine a human love returned. He had to displace his desires onto the landscape, that great, blank field that cannot love you back but cannot hurt you either.”

(Und es ist diese Freude, dieses kindliche Entzücken am Leben nicht-menschlicher Kreaturen, das ich am meisten an White liebe. Er war ein komplizierter Mensch, und ein unglücklicher. Aber er wusste auch, dass die Welt voller kleiner Wunder ist. ‘Es ist eine Ahnung von Schöpfung dabei”, schrieb er voller Verwunderung, nachdem er einem Farmer geholfen hatte, eine Stute von einem Fohlen zu entbinden. ‘Es waren mehr Pferde auf dem Feld, als ich ging, denn als ich gekommen war.’

In ‘England Have My Bones’ schrieb White einen der traurigsten Sätze, die ich je gelesen habe: Sich zu verlieben [das englische ‘in Liebe fallen’ drückt die Kalamität des Vorgangs besser aus, Anm. SE], sich zu verlieben ist eine trostlose Erfahrung, aber nicht, wenn man sich in die Natur verliebt.’ Er konnte sich nicht vorstellen, dass eine menschliche Liebe erwidert würde. Er musste seine Sehnsüchte in die Landschaft verpflanzen, das große weite Feld, das dich nicht zurücklieben kann, dir aber auch nicht wehtun kann.”

[Anmerkung: Als ich ‘H is for Hawk’ las, gab es die deutsche Übersetzung noch nicht, über deren Qualität kann ich folglich nichts sagen. Helen Macdonald schreibt ein klares, leicht verständliches Englisch, ich würde jeden ermutigen, es im Original zu lesen, von dem ich zu diesem Zweck ein paar Kostproben beigegeben habe.] SE

Bibliografische Angaben:

Helen Macdonald, H wie Habicht
Hardcover mit Schutzumschlag, 20,00 Euro
Ullstein Verlag
416 Seiten
H is for Hawk
Aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Kretschmer.
ISBN-13 9783793422983

Helen Macdonald, H is for Hawk
Jonathan Cape, 14,95 Euro
ISBN-10: 0224097008
ISBN-13: 978-0224097000

T.H. White
The Goshawk
Paperback, 18,95 Euro
NYRB Classics
ASIN: B00VYOWOMS

 

 

 

 

 

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