Zurück zur englischen Blechschüssel

Ein Beitrag von Jens Ole Sendke

Die Ausführungen des von mir geschätzten Prof. Dr. Pfannenstiel zu klassischen Land Rovern im Allgemeinen und seinem KIA im Besonderen verdienen es durchaus, in einen größeren Gesamtzusammenhang gestellt zu werden. Die von Prof. Dr. Pfannenstiel empirisch ermittelten  Sachverhalte und dargebotenen subjektiven Wahrnehmungen können natürlich nur vor dem Hintergrund von Tatsachen durch die Leser richtig bewertet und eingeordnet werden. Guter Journalismus (wie bei JAWINA üblich) und echte Wissenschaft orientieren sich ausschließlich an  Fakten!

Die vorgestellte „koreanische Reisschüssel“ (Man tut dem Hersteller KIA unrecht, da dort nie Küchengeräte hergestellt wurden, sondern KIA 1944 zur Produktion von Fahrrädern gegründet wurde) ist also neun Jahre alt und hat 130.000 km auf dem Tacho. In einer Zeit, in der Neuwagen für drei Jahre geleast werden und drei Jahre alte Diesel-PKW als „ältere Diesel“, die aus Umweltschutzgründen mit Fahrverboten belegt werden müssen, bezeichnet werden, scheinen neun Jahre für ein Auto ein biblisches Alter zu sein.  … wäre da nicht dieser Fels in der Brandung der Zeit, unbeeindruckt umspült von der Vergänglichkeit: der klassische Land Rover! Nach Angaben des Herstellers sind ca. 2/3 der seit 1948 (da baute KIA noch Fahrräder) hergestellten Land Rover noch heute in Betrieb. Es wundert den Fachmann deshalb kaum, dass der 1954 gebaute Land Rover von Sir Winston Churchill (KIA fahrende herausragende Persönlichkeiten – außer Prof. Dr. Pfannenstiel – sind leider nicht bekannt) „UKE 80“ im Jahr 2012 in einer Scheune wiederentdeckt wurde und als Gebrauchtwagen sogar noch einen ordentlichen Preis erzielte. Oder dass im vergangenen Jahr einer der Land Rover der Oxford & Cambridge Far Eastern Expedition (1955) aus Singapur zurück geholt (dass ein KIA die Strecke London – Singapur absolviert hat, ist leider auch nicht bekannt) und mittlerweile mit seinem Originalkennzeichen „SNX 891“ im Vereinigten Königreich wieder für den Straßenverkehr zugelassen wurde. Der Autor (leider keine wirklich herausragende Persönlichkeit) besitzt übrigens einen Land Rover, der 30 Jahre alt ist und 472.000 km auf der Uhr hat. Das entspricht zehn Leasing-Fahrzeugen (s.o.), wenigstens drei KIA Sorento und außerdem gut 16 Mal der Strecke London – Singapur. DAS ist wirkliche Langlebigkeit, Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung! Einen Land Rover kauft man sich eben nur ein Mal, der ist ein Auto fürs ganze Leben!

Sir Winston Churchill und sein Land Rover.

Kommen wir zu den praktischen Seiten des KIA im Vergleich zum britischen Klassiker. Natürlich sieht es für einen Golffahrer beeindruckend aus, wenn ein KIA einen Tank mit 1000 Liter Wasser über einen ausgetrockneten brandenburgischen Acker zieht. Natürlich könnte der biedere Golf auch einen so beladenen Anhänger ziehen, er schafft es nur nicht auf den Acker. Land Rover-Besitzer haben es da etwas einfacher. Die sparen sich den Anhänger und laden den Tank auf die Ladefläche. Wer nicht so oft zur Suhle fahren will, der hängt an den Land Rover einen stabilen Anhänger an und nimmt einfach noch drei Mal 1000 Liter auf dem Anhänger mit. Zugegeben, dieses 6,5 Tonnen wiegende Gespann wird niemals die Fahrleistungen des gezeigten KIA-Gespanns erreichen, sondern vielleicht nur die eines Büssing 8000 aus den 1950er Jahren. Da hat der KIA wirklich die Nase vorn! Der Land Rover-Besitzer tröstet sich aber mit der Vorstellung, dass bei einem mit 4000 Liter Wasser beladenem KIA beim ersten Anfahrversuch vermutlich der Antriebsstrang verglühen wird…

Nun zu den traumatischen Erfahrungen von Prof. Dr. Pfannenstiel, die dieser bei einer 5000 km dauernden Fahrt durch Namibia erlitten hat (der Autor hat in den vergangenen 25 Jahren übrigens 412.000 km mit seinem Land Rover zurück gelegt, also die 82-fache Strecke), und die ohne Grund zur Gründung der Splittervereinigung VLRG geführt haben.

Werfen wir zunächst einen Blick auf das Land: Namibwüste, der Okavango und sein Delta, Fischfluss-Canyon, dazu 36.000 km Schotterpisten und unzählige unklassifizierte Fahrwege, extremes Klima und wilde Tiere. Ein Land für den KIA Sorento? Zumindest ist nicht bekannt, dass KIA Fahrzeuge nach Namibia exportiert werden. Auch wurde auf der von Prof. Dr. Pfannenstiel erwähnten Farm offenbar kein KIA vorgehalten, sondern ein Land Rover eines älteren Baujahrs. Warum das so ist, lässt sich aus der Zweckbestimmung von Fahrzeugen für namibische Verhältnisse leicht nachvollziehen: unter allen Umständen ankommen und bloß nicht in der lebensfeindlichen Wildnis zurück bleiben!

Sicher, mit dem KIA kann man auf komfortablen Straßen bequem zur Eisdiele fahren, oder mit der besten Ehefrau zum Supermarkt oder in die Oper. Man kann damit auch über eine brandenburgische Wiese oder einen LPG-Plattenweg zum Hochsitz fahren. Notfalls hilft der ADAC. Die Halbwertszeit eines KIA in der namibischen Wildnis ist jedoch gering. Vermutlich würde Prof. Dr. Pfannenstiel ein Heldenepos geschrieben haben, wenn er mit einem KIA durch Namibia gefahren wäre. Wir würden Geschichten von gebrochenen Federn, kochenden Kühlern, verbogenen Antriebswellen, zerstörten Alufelgen hören, von Blasen an den Füßen, Hunger, Durst und kreisenden Geiern. Und über eine Zentralverriegelung, die an der Straßengabelung westlich von Otjinene die wackeren Afrikareisenden bei der Flucht vor gefährlichen wilden Tieren aus ihrem KIA aussperrt. Leider müssen wir auf solche spannenden Schilderungen verzichten, da Prof. Dr. Pfannenstiel mit einem betagten Land Rover unterwegs war. 5000 km ohne wirkliche Ereignisse, außer ein paar getauschten Sicherungen, weil Teile der Komfortausstattung wie Scheibenwischer, Blinker oder Hupe nicht immer funktionierten.

Wir sollten deshalb Demut zeigen, nicht nur vor der namibischen Natur, sondern auch gegenüber den Land Rover-Fahrzeugen, die den Menschen dort und in der übrigen Welt über Jahrzehntelang so unspektakulär durch die Wildnis helfen. Auch dies fällt in einem Land Rover leicht, da aufgrund der Positionierung der Rückbank das Haupt demütig geneigt werden muss, wenn man sich die vorbeiziehende Landschaft anschauen will … Jens Ole Sendke

Beitragsbild: Der Land Rover des Verfassers in den unendlichen Weiten Skandinaviens. Foto: Jens Ole Sendke

Der Autor ist Rechtsanwalt und Justiziar des Landesjagdverbands Brandenburg und war viele Jahre lang Erster Vorsitzender des Deutschen Land Rover Clubs (DLRC).

10 Gedanken zu „Zurück zur englischen Blechschüssel

  1. Ronbi

    Leider haben die Gewaltigen in Brüssel, dem Land Rover Defender die Lichter gelöscht. Die neuen Herren von Landrover aus Indien haben pragmatisch einen neuen “Defender” geboren, he is comming bald.
    Toyota wurde schon vor Jahr und Tag von dem Schicksal ereilt, Toyota Land Cruiser (der Echte) nur außerhalb der EU und mit Sondergenehmigung im Braunkohletagebau.
    Nur “der Jeep” jetzt mit italienischem Herren, sieht noch nach Jeep aus und darf auch unter strengen europäischem Regime fahren.
    Und nur die Schwaben haben es geschafft, ein G sah zu seiner Geburt bereits wie ein G aus und heute immer noch, wenn auch unter dem Blech fast alles anders ist.
    So einen richtigen Mini Gelände Floh, gibt es nur noch bei Suzuki.

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    1. Anko

      Im Gebrauchtwagen-Segment gibt es gottlob noch einiges an Auswahl und Alternativen: Denn die Kombination von 3,5t Anhängelast, geländerfreudigen Starrachsen, Untersetzung und Sperren mit wenigstens passablem *Fahrkomfort* und für ausgewachsene Mitteleuropäer mit Wildwanne und Hund angemessen dimensioniertem Innenraum und solider, wartungsfreundlicher Technik in Dauerläuferqualität gab es am hiesigen Fahrzeugmarkt bis etwa 2005 nicht nur beim G und Jeep Wrangler.

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  2. MH

    Ich danke auch für die Beiträge. Genauso unterhaltsam wie die Kaliberdiskussion. Ich mußte vor etwa 10 Jahren spontan eine Lösung finden, weil wir mit dem damals neugekauften Auto nicht in den Wald fahren wollten/konnten. Der Gebrauchtmarkt war leider wie leergefegt. Lösung: ein VW Polo mit AHK(!) von einem Bastler um die Ecke, jagdrot, 20 Jahre alt, 45 TKM (die Uhr war wohl schon im dritten Umlauf), KP 500 EUR. Investition in einen Satz Winterreifen 155 x irgendwas, um die 100 EUR (für alle 4 Reifen), sollte nur ein paar Wochen, maximal Monate bei uns bleiben. Hielt dann zwei Jahre und 20 TKM und wurde mit Abwrackprämie dann sogar noch zum Geldbringer. Bestes Erlebnis: Anstellen bergauf bei Schnee. Hinter mir ein A3 quattro mit Winterreifen. Ich nach dem Absetzen des Schützen wieder ins Auto, erster Gang, Vollgas, Reifen fraßen sich durch und ab gings. Auf der Kuppe Blick in den Spiegel. Keiner mehr hinter mir. Der Audi stand wie angenagelt am Hang. 1.500 Kilo in Fahrt zu kriegen ist deutlich schwerer als um die 600.

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    1. admin Beitragsautor

      Ach ja, ich war auch mal der Auffassung, dass man bei uns im Flachland ja keinen Geländewagen bräuchte. Wenn man sich dann oft genug in Schnee, Schlamm oder matschigen Wegrändern festgefahren hat (natürlich stets im Funkloch) und eine hinreichende Anzahl Stoßdämpfer, Querlenker, Stabi-Gummis, diverser anderer Achs- und Aufhängungsteile und Ölwannen, etc. gewechselt hat, ändert man seine Meinung. In meinem konkreten Fall wurde die Entscheidung dann noch beschleunigt, weil ich die Jagdkarre in einer gar nicht mal soo tiefen Pfütze final ertränkt hatte (Kat abgeschreckt, Exitus).

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  3. ACY

    Ihr habt das Urgestein Russischer Feinmechanik übersehen! Seit 1976 in fast unveränderter Form gebaut ,mit leichten technischen Neuerungen ist der Lada heute noch
    ein treuer Jagdbegleiter.Ohne Spielerchen ,mit Untersetzung und permanentem (sperrbarem) 4X4 ,einer Anhängelast von 1900 kg und einem unschlagbarem Preis.
    Obwohl immer mit Naserümpfen bedacht ,konnte (kann) der Kleine zumindest im Gelände ,mit Landy und Co. locker mithalten.nicht
    Vor dem Hotel Adlon fehl am Platze, in Wald und Feld unschlagbar!

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    1. admin Beitragsautor

      Naja, im Gelände sicher gut und günstig. Aber: Von ausnahmslos allen Lada-Niva-Fahrern höre ich Klagen über miserable Verarbeitungsqualität und infolgedessen ständiges Geschraube. Elektrik, Rost, die dem Dreck ausgesetzten und daher ständig verschlissenen Radlager, und, und, und…

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    2. Torsten Schröder

      Jo, das Feinmechanikwunderwerk Bj. 2009 hatte ich auch die letzten drei Jahre. Das beste Extra waren die automatisch anklappbaren Spiegel (bei Tempo >80 ohne Fremdeinwirkung, darunter bei entsprechendem Luftzug durch LKW-Gegenverkehr).
      Nach Austausch des gebrochenen Scheibenwischergestänges, der Lichtmaschine und des Anlassers, Einbau eines Batterietrennschalters (damit man ihn am WE nutzen konnte, da ansonsten die Woche über der Saft durch Kriechströme aufgebraucht wurde), wurden wir Freunde und haben einige Monate ohne größere Zwischenfälle miteinander verbracht, im Zweifel musste ich auch nicht mit ihm fahren. In diesem Jahr habe ich mir aber schon Sorgen wegen des TÜVs im nächsten Jahr gemacht. Die Radkästen hinten waren arg von Rost befallen, beim Gastank hat der TÜV-Mann im letzten Jahr auch schon gemeckert. Konnte zum Glück mit bisschen Farbe ausgetrickst werden. Auch wenn ich froh war, aus jeder Ecke meines Reviers zu Fuß nach Hause zu kommen, möchte ich die Erfahrung mit dieser automobilen Ikone nicht missen und mein ältester Sohn kann zeitlebens erzählen, er hat mit einem Lada Niva das Autofahren gelernt. Festfahren habe ich trotz “Ackerstollen”auch geschafft, das Modderloch muss nur tief genug sein, dass der Wagen aufliegt.

      Im Mai hat er seine Reise in die alte Heimat angetreten, nachdem mir ein Händler für die Inzahlungnahme einen total unvernünftigen Preis von noch 3.000 € geboten hat. Da konnte ich dann nicht widerstehen und habe dem Händler aus lauter Dankbarkeit einen 12 Jahre älteren 90iger Defender abgenommen und die natürlich auch total unvernünftige Zuzahlung fiel mir etwas leichter.

      Ich gebe zu, ich bin froh mich vorher leichtsinnigerweise nicht nach den Kosten für Steuern und Versicherung erkundigt zu haben. Aber wer erstmal einen Defender hat, kann sich -trotz aller Defizite die dieses Auto zweifellos mit sich bringt- wohl kaum vorstellen, ein anderes Auto in Erwägung zu ziehen, schon gar nicht einen Kia Sorento, das ist ja wohl völlig abwegig! 😉

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