Zehn Fragen zur Rehwild-Jagd

Ein Gastbeitrag von Dr. Armin Freund, Wildbiologe

1. Frage: Brauchen wir eine Jagdzeit für Rehwild?

Versuch einer Antwort:

Der Mensch ist kein Wolf. Wir jagen heute nicht nur zur Nahrungsbeschaffung. Wir jagen auch nicht nur, um den Wald wachsen zu lassen. Wir jagen nicht nur, um Wildbestände an die Landeskultur anzupassen. Wir jagen vor allem aus Freude am Jagen!

Dennoch ist Jagen nicht grenzenloses Vergnügen. Immer ist uns bewusst, dass unsere potentielle Jagdbeute ein Mitgeschöpf ist, für das wir mehr empfinden als z. B. für eine Pflanze. Aus diesen Überlegungen, die stark in den Bereich hineinspielen, den die Jäger Weidgerechtigkeit nennen, folgen gewisse Einschränkungen der Jagd.

Wir jagen nicht auf hochbeschlagene weibliche Stücke und wir erlegen keine zur Aufzucht der Jungen notwendigen Elterntiere. Aus diesen Restriktionen folgt zwangsläufig eine zeitliche Regulierung der Jagd, nämlich wann was erlegt werden darf.

2. Frage: Wie ist die derzeitige Jagdzeit für Rehwild begründet?

Versuch einer Antwort:

Die Bock-Jagdzeit beginnt kurz nach dem Verfegen des Gehörns und endet kurz vor dem Abwerfen. Sie stammt aus einer Zeit, als man glaubte, durch gezielten Abschuss schwacher Böcke und Schonung der Starken den Bestand „aufarten“ zu können. Dabei war der Mensch das Maß aller Dinge. Nur seine Vorstellungen von stark und schwach hinsichtlich der Trophäe waren maßgebend. Der dahinter stehende Gedanke der Zucht starker Rehbestände und insbesondere von starken Rehböcken ist vom Ansatz her falsch und hat in der Praxis nie funktioniert.

Kitze werden erst bejagt, wenn sie ein gewisses Alter bzw. Wildbretgewicht erreicht haben. Oft wird damit allerdings zu spät begonnen. Ricken bejagt man aus ethischen Gründen erst im Herbst, wenn ihre Kitze schon zur Strecke gekommen sind.

3. Frage: Warum wird gegenwärtig von verschiedenen Seiten gefordert, die Rehbock-Jagdzeit bis in den Winter zu verlängern?

Versuch einer Antwort:

Gegenwärtig wird eine Wald-Wild-Mensch-Diskussion, teilweise sehr emotional und sogar verbittert, geführt. Die Skala der Argumente lässt sich dabei anhand der beiden Extrempositionen „Wald vor Wild“ und „Wild vor Wald“ verdeutlichen. Die Wald-vor-Wild-Fraktion geht davon aus, dass bei herbst- und winterlichen Bewegungsjagden größere Rehwildstrecken erreicht werden können, wenn Rehwild nicht mehr auf das Geschlecht angesprochen werden muss. Deshalb soll die Jagdzeit auf Rehböcke möglichst bis Ende Januar verlängert werden. Der alte Grundsatz, wonach Wild vor dem Erlegen stets angesprochen werden muss (Wildart, Geschlecht, Alter), bleibt hier zumindest teilweise auf der Strecke.

4. Frage: Was sagt die Wildbiologie zur Erlegung von Rehböcken in Herbst und Winter?

Versuch einer Antwort:

Der Versuch, starke Rehgehörne durch „Auslese mit der Büchse“ zu erzeugen, ist gescheitert. Insofern ist es vollkommen unerheblich, ob ein Bock mit oder ohne Gehörn erlegt wird.

5. Frage: Kann die Jagdzeit für Rehböcke bis 31. Januar bedenkenlos verlängert werden?

Versuch einer Antwort:

Klares Nein! Organ- und Stoffwechsel-Veränderungen setzen beim Wildwiederkäuer mit der Wintersonnenwende kurz vor Weihnachten ein. Sie werden nicht von der Witterung sondern von der kürzeren Tageslänge ausgelöst. Die Umstellung auf „Wintersparbetrieb“ ermöglicht dem Wild, mit weniger Äsung mit auszukommen. Das funktioniert allerdings nur, wenn das Wild auch tatsächlich Ruhe hat.

6. Frage: Muss dann nicht die gesamte Rehwild-Bejagung und auch die Bejagung anderer Wiederkäuer geändert werden?

Versuch einer Antwort:

Klares Ja. Aus ernährungs- und stoffwechselphysiologischen Gründen muss die Jagd auf Wildwiederkäuer ab Ende Dezember ruhen. Wir sind eben keine Wölfe. Werden Wiederkäuer im Winter bejagt und dadurch in ihrer Ruhe gestört, steigen Verbiss- und Schälschäden, weil der höhere Energiebedarf ausgeglichen werden muss.

7. Frage: Kann man ohne Jagd im Januar oder sogar Februar seine Abschusspläne erfüllen?

Versuch einer Antwort:

Wenn im Winter nicht gejagt werden darf, ist das frühzeitig bekannt. Jeder kann sich darauf einstellen. Der Januar ist nur ein Fünftel der Jagdzeit, wenn man von September bis Januar rechnet. Es sollte bei entsprechender Planung durchaus möglich sein, und in vielen Revieren wird das erfolgreich praktiziert, bis Ende Dezember seine Pläne zu erfüllen bzw. genug Wild zu erlegen. Wenn gesagt wird, im Januar sei das Wild doch besonders gut zu bejagen, dann hat das in Anbetracht der Winterumstellung und des damit verbundenen Ruhebedürfnisses weder mit Jagdethik noch mit Weidgerechtigkeit zu tun.

 8. Frage: Kann man mit der Jagd auf Wiederkäuer nicht schon im April beginnen?

Versuch einer Antwort:

Der Energiesparbetrieb wird Ende März wieder auf „Normalbetrieb“ umgestellt. Erst im April kann das Wild mit dem Beginn der Vegetationsperiode seine leeren Speicher wieder auffüllen. Es ist deshalb sehr aktiv, was als Hauptgrund dafür angeführt wird, es jetzt schon zu bejagen. Allerdings vertreibt man das Wild durch den Jagddruck gerade von den Stellen, an denen es nun Äsung findet. Rehe im April zu bejagen ist biologisch nicht zu begründen und ethisch nicht vertretbar.

9. Frage: Ist die Pflichttrophäenschau aus biologischer Sicht nicht bedeutungslos, wenn Rehböcke nach dem Abwerfen erlegt werden?

Versuch einer Antwort:

Klares Ja. Man sollte jedoch ehrlich sein und sagen, dass die bisherigen Pflichttrophäenschauen biologisch insofern auch sinnlos waren, als keineswegs alle Trophäen gezeigt wurden und zur Qualitätsbeurteilung einer Rehpopulation auch die weiblichen Stücke gehören.

Es ist allerdings absolut legitim einen starken Trophäenträger erlegen zu wollen, und man darf sich darüber auch freuen. Die bei der Trophäenschau vergebenen Punkte und Medaillen haben aber mit Wildbiologie so gut wie nichts zu tun.

 10. Frage: Welchen Sinn hat die Einteilung von Rehgehörnen oder Hirschgeweihen bzw. deren Träger in Güteklassen?

Versuch einer Antwort:

Diese Einordung hat keinen Sinn. Güteklassen sind Erfindungen des Menschen und haben mit Biologie nichts zu tun. Sie stellen den Versuch dar, Zuchtmerkmale zu definieren. Über deren Vererbung ist allerdings wenig bekannt, zumal man beim Wild Kitze oder Kälber in freier Wildbahn so gut wie nie einem bestimmten Vater zuordnen kann.

Foto: SE

 

Ein Gedanke zu „Zehn Fragen zur Rehwild-Jagd

  1. Arndt Fiedler, Jäger seit 1978

    Wir haben in Sachsen gute Erfahrungen mit der -undifferenzierten – Jagd bis Ende Januar gemacht. Allerdings gehen wir in dieser Zeit selten raus, was Jagdruhe fördert. Aber wenn “es passt”, sollte man ruhig das eine oder andere Stück mitnehmen. Der Ansitz gilt im Januar natürlich in erster Linie den Sauen. Wenn Sauen im Bereich sind, kommt Rehwild ohnehin nicht auf die Fläche. Wenn also ein passendes Stück Rehwild (schwach oder spätes Kitz) kommt, spricht m. E. nichts gegen eine Erlegung. Ruhe nach dem Schuss führt dazu, dass bei uns die Rehe nach dem Schuss nicht abspringen. Ich habe einen Bock hinter einem anderen Stück erlegt, dass nur erstaunt nach oben blickte (Geschossknall) und sofort weiter äste. Knall und Mensch dürfen die Stücke nie miteinander verbinden. Dann ist die Beunruhigung der außer dem erlegten Stück ausgetretenen Stücke vernachlässigungsfähig. Throphäenjäger sind bei uns allenfalls zahlende Gäste. Wir selbst jagen für die Küche und zur Vermeidung von Wildschäden im Feld. Die Freude an der Jagd leidet dadurch nicht. Auch nicht, wenn man mit einem erlegten Fuchs morgens erst einmal quer durchs Dorf laufen muss, um den Bauern und Jagdgenossen zu zeigen, dass man ihre Sorgen ernst nimmt. Die Freude der Bevölkerung entschädigt dann für so manche durchwachte Nacht.
    Trophäenschauen und die “Zucht” von starken Trophäen sind hier allgemein als Unsinn anerkannt. Schließlich sind wir übrigens überzeugtes “Wolfsland”. Die Wölfe sind inzwischen auf den Schuss konditioniert, kommen innerhalb von 10 Minuten nach dem Knall und warten in respektvollem Abstand von 10 Metern auf den Aufbruch… Herzliches Waidmannsheil! Ihr Arndt Fiedler

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.