Wölfe: Jagd erhält “natürliche” Scheu

Mitte der Neunziger Jahre wurden 31 Wölfe aus Kanada im Yellowstone Nationalpark (YNP) ausgewildert, mittlerweile leben auf den 2,2 Millionen Acres (890.308 Hektar) zehn Rudel mit ungefähr 100 Individuen. Damit sei es an der Zeit, ein “Keine Zimmer frei”-Schild aufzuhängen, schreibt Jim Robbins in dem in der New York Times (NYT) erschienenen Artikel “The New Threat to Wolves in and Around Yellowstone“: Experten halten die Biotop-Kapazität für erschöpft. In den US-Bundesstaaten um den YNP ist Zahl frei lebender Wölfe auf 1700 Stück angewachsen. Nutztierrisse nehmen zu und bringen (nicht nur) Farmer gegen Naturschützer auf. Nach Idaho und Montana wird daher nun auch Wyoming im Herbst eine offizielle Jagdzeit für Wölfe einführen. Ziel ist selbstverständlich nicht, die Wölfe wieder auszurotten, sondern durch nachhaltige Bejagung eine angemessene Populationsgröße zu gewährleisten.

Die in PLOSone erschienene Studie “Implications of Harvest on the Boundaries of Protected Areas for Large Carnivore Viewing Opportunities”  beschäftigt sich mit der Frage, wie sich die Bejagung von Wölfen und anderen Großprädatoren auf die Sichtbarkeit der Wölfe in den Nationalparks (neben dem YNP Denali und Grand Teton) auswirkt. Diese ist dort nämlich ausdrücklich erwünscht, da die Möglichkeit, die Raubtiere zu beobachten, scharenweise Touristen – und deren Dollars – in die Nationalparks bringt. Die Ergebnisse der Studie erlauben interessante Rückschlüsse auf die Frage, wie die Sichtbarkeit von Wölfen minimiert werden kann, wo sie nicht erwünscht ist: Im Siedlungsbereichen unserer Kulturlandschaft zum Beispiel. Auch über die Prävention von Nutztierrissen ist hier einiges zu lernen.

Bislang zeigten die nicht bejagten Wölfe im YNP und den anderen Parks keine Scheu vor Menschen: Sie lebten ihr Leben unmittelbar neben den Straßen, was Forschern und Touristen die Möglichkeit verschaffte, Beutezüge und Familienleben der Wölfe ohne großen Aufwand zu beobachten. Wolfsjäger berichten, dass Wolfsrudel aus den Schutzgebieten einfach stehenblieben und sie neugierig beäugten – was ihnen die Möglichkeit eröffne, in aller Ruhe den Wolf aus dem Rudel auszuwählen, den sie erlegen wollten. Die Wiederaufnahme der Bejagung in den umliegenden Gebieten hat die Sichtbarkeit der Wölfe im YNP und Denali signifikant reduziert – um 45 Prozent. Dies wirke sich nachteilig auf die Möglichkeit aus, das Wolfsverhalten unbeeinflusst von menschlichem Einfluss zu studieren, heißt es in der NYT.

Einige Wildbiologen finden, dass es legitime Gründe dafür gibt, die Bejagung der Wölfe zu erlauben, der wichtigste sei vielleicht, die Landnutzer zu besänftigen: Ein bisschen Blut könne eine Menge Wut befrieden – und das sagt nicht irgendwer, sondern der pensionierte Wildbiologe Ed Bangs, der seinerzeit für die Wiederansiedlung der Wölfe in den nördlichen Rocky Mountains verantwortlich war. Jäger würden mit größter Wahrscheinlichkeit jene Wölfe erlegen, die sie in offenem Gelände mit Straßenanbindung anträfen – und damit genau jene, die mit größer Wahrscheinlichkeit Nutztiere reißen würden.

Fazit: Selbst moderate Bejagung bewirkt eine tiefgreifende Verhaltensänderung von Wölfen. Abschüsse einzelner Tiere wirken sich auf Wolfsrudel in weiter Umgebung aus. Die Erlegung einzelner Individuen hat jedoch auf gravierende Auswirkungen auf Rudelstruktur und Sozialverhalten der Wölfe. Jim Robbins weist zwar zu Recht darauf hin, dass das Leben eines Wolfs eine hochriskante Angelegenheit darstellt, und natürliche Abgänge und Todesfälle an der Tagesordnung sind, wenn Wölfe wehrhafte Beutetiere “mit Hörnern und Hufen” jagten, die bis zu zwanzig Mal größer sind als sie selbst. Welche Auswirkungen der Tod verschiedener Individuen eines Rudels hat, ist Gegenstand weiterer Forschungen, deren Ergebnisse dann in die Ausarbeitung entsprechender Jagdstrategien einfließen müssten. Maßvolle Bejagung scheint jedenfalls die wirksamste Methode darzustellen, die eben gerade NICHT natürlich Scheu der Wölfe aufrechtzuerhalten, Wölfe von menschlichen Siedlungen fernzuhalten und Konflikte mit landwirtschaftlichen Nutztierhaltern zu befrieden. SE

Beitragsbild: Die Studie “Implications of Harvest on the Boundaries of Protected Areas for Large Carnivore Viewing Opportunities” auf PLOSone (Bildschirmfoto, Ausschnitt).

3 Gedanken zu „Wölfe: Jagd erhält “natürliche” Scheu

  1. Heinrich Weidinger

    Es wird nicht möglich sein, durch den Abschuss bestimmter Rudelmitglieder irgendein Ranggefüge zu schaffen, das der Intention des Menschen entspricht.
    Immer sind die “schneidigsten” Jäger, die auch meist die dominanten sind, am gefährdetsten. Man muss sich damit begnügen, die Zahl zu drücken und wenn damit beginnt, dann innerhalb einer kurzen Zeit drastisch. Alles andere bringt nix

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  2. Heinrich Weidinger

    Nachtrag: Unter dem Wolf wird vor allem der Coyote leiden, der weit weniger scheu ist und entlang der Straßen ein dankbares Beobachtungsobjekt ist.
    Andere “Wolfsopfer” fallen bei geringerer Größe kaum auf.

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  3. Ronald Braun

    Der Schlussabsatz bringt es auf den Punkt:
    “Maßvolle Bejagung scheint jedenfalls die wirksamste Methode darzustellen, die eben gerade NICHT natürlich Scheu der Wölfe aufrechtzuerhalten, Wölfe von menschlichen Siedlungen fernzuhalten und Konflikte mit landwirtschaftlichen Nutztierhaltern zu befrieden”
    Das Problem was in Deutschland bleibt ist der Begriff “Maßvoll” und die verstrichene Zeit!

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