Wie viele Wölfe verträgt Sachsen?

Ein Gastbeitrag von Christoph Egert

Ich habe gute Beziehungen nach Estland und weiß, wie dort die Wölfe gejagt werden. Die Esten und die Schafzüchter leben schon immer mit dem Wolf. Sicher, Estland ist in der EU und darf, wie alle baltischen Länder, die Wölfe jagen. Mich stört aber, dass immer die Regelungen in Schweden, Frankreich usw. angeführt werden, um zu Aussagen über Abschussregulierungen zu kommen und keine Angaben zu finden sind, wie die baltischen Länder mit den Wölfen umgehen. In den baltischen Ländern beispielsweise ist der Wolf in Anhang V der FFH-Richtlinie gelistet und darf regulär gejagt werden. In Schweden, Frankreich und Deutschland wird der Wolf in Anhang IV eingeordnet und ist streng geschützt. In den EU Staaten, in denen der Wolf im Anhang IV gelistet ist, darf nur in Ausnahmetatbeständen von Artikel 16 der FFH-Richtlinie vorgegangen und in Ausnahme Fällen Einzelexemplare entnommen werden. Diese Entnahme ist keine Jagd. Die Jäger können angesprochen werden, sind aber nicht verpflichtet den Wolf zu schließen. Häufig lehnen Jäger aus Furcht vor Repressalien durch Wolfsbefürworter diese Entnahme ab. So wurde vor einiger Zeit ein ehrenamtlicher Wolfsberater durch das Niedersächsische Ministerium für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben als ehrenamtlicher Wolfsberater des Landkreises Nienburg entbunden. Er hatte dieses Ministerium darüber informiert, dass ihn eine Email von dritter Seite erreicht hatte, deren Inhalt Bedrohungspotential gegen ihn in seiner Funktion als Wolfsberater enthält (JAWINA berichtete).

Ja, wir sind an die Vorgaben der EU gebunden. Die Bevölkerung interessiert aber, wie viele Wölfe noch toleriert werden sollen. Wer legt diese Zahl fest? Die Zahl soll jedoch offiziell nicht festgelegt werden. Der Wolf soll sich im günstigen Erhaltungszustand befinden, was das auch immer bedeutet. Für die baltischen Länder ist der “günstige Erhaltungszustand” festgelegt. Jährlich werden im Baltikum etwa 300 Wölfe geschossen.

Auch in Estland gibt es eine offizielle Institution, die die Situation des Wildes erfasst. In der offiziellen Veröffentlichung zu Wildpopulationen in Estland in „ULUKIASURKONDADE SEISUND JA KÜTTIMISSOOVITUS 2015“( „Status of Game populations in Estonia and proposal for hunting in 2015“ Koostajad: Rauno Veeroja und Peep Männil) werden für Estland 17 Wolfsrudel angegeben. Diese Zahl ist Schwankungen unterworfen.

Es interessierte mich der Vergleich der Wolfsdichte bezüglich der Fläche und der Bevölkerungsdichte speziell für Sachsen und Estland. Nur angenommen, in Estland ist die Anzahl von 17 Rudeln durch die jahrelange Bejagung konstant geblieben, so hat Estland eine Wolfsdichte von 0,37 Rudeln auf 1000 km². In Sachsen sind das 1,2 Rudel auf 1000 km². Wenn Sachsen die flächenmäßig die gleiche Populationsdichte wie in Estland haben soll, dann dürften in Sachsen nur sieben Rudel leben. Die Erfassung der Wolfsrudel unterliegt sicher Schwankungen. Angenommen in Estland werden im Durchschnitt 20 Rudel gezählt, dann dürften etwa 8 Rudel in Sachsen leben.

Es wird immer von den Bedingungen für die Wölfe in der Taiga in Russland und in Kanada berichtet. Dort ist aber eine verschwindend geringe Bevölkerungsdichte – eben Natur pur. Diese Bedingungen gelten bei weiten nicht mehr in Europa. Auf Grund der intensiven Landwirtschaft zählt Deutschland mit zu den wildreichsten Ländern in Europa. Durch den vermehrten Anbau von “Energiepflanzen”, Mais und Raps, ist der Schalenwild Bestand enorm gewachsen und der Niederwildbestand stark gesunkenen. Beispielsweise wurden 1960 auf dem Gebiet vom jetzigen Sachsen etwa 800 Wildschweine geschossen. 2018 waren es 45.000 Sauen. Wölfe finden in Deutschland unter diesen Bedingungen genügend Nahrung. Sie haben aber bisher auf unsere Sauenbestände keinerlei reduzierenden Einfluss.

Um die Infrastruktur mit ins Kalkül zu nehmen, wird Bevölkerungsdichte hinzugezogen. Betrachtet man bei dem Vergleich die Bevölkerungsdichte von Estland 29 Einwohner/km² und Sachsen mit 221 Einwohnern/km², so ist die Bevölkerungsdichte von Sachsen 7,6 mal so groß wie die von Estland. Das bedeutet, dass die Zahl von 7 oder 8 Rudeln für Sachsen noch sehr hoch ist.

Zur Frage des genetischen Austausches ist zu sagen, dass bei einem durch LUPUS besenderten Wolf nach dem Durchzug durch baltische Länder der Funkkontakt letztlich wohl in der Nähe der russischen Grenze abgebrochen ist. Weshalb sollen sächsische Wölfe nur in die Richtung der baltischen Länder laufen und nicht baltische Wölfe auch nach Sachsen kommen? Die Wölfe in Deutschland sind keine isolierte Population. Zu Drückjagden wurde zu Zeiten der DDR auch mitunter mal ein Wolf geschossen. Wölfe waren vereinzelt immer im Osten Deutschlands vorhanden. Die Frage nach „Hybride“ oder nicht „Hybride“ interessiert den Bauern und Schäfer wenig. Ihnen ist es egal, was seine Tiere reißt, obwohl diese Frage für die FFH-Richtlinien von zentraler Bedeutung ist und hierzu geeignete genetische Untersuchungen notwendig sind. Das interessiert auch die Jäger.

Schaut man nach Schweden und Norwegen, so sollen auf der Gesamtfläche der beiden Länder, das sind etwa 771 000 km², entsprechend einem “Bericht des schwedischen Jagdportals SvenskJakt”, in beiden Ländern 350 bis 380 Wölfe leben.

Grundsätzlich ist eine genaue Erfassung, insbesondere der vereinzelt lebenden Wölfe, nicht möglich. Ein Rudel kann man auf 8 Wölfe schätzen. Ein Wolf benötigt täglich etwa 4 kg Nahrung. Nach etwa 3 Jahren verdoppelt sich die Anzahl der Rudel. Bei großen Drückjagden interpretieren Wölfe einen Schuss mit Beute und laufen teilweise in das Treiben, anstatt das Treiben zu verlassen. Das ist kein typisches, artgerechtes Verhalten. Wölfe sind sehr intelligente Tiere und haben sich angepasst. Der Wolfsbestand hat sich unter unseren idealen Bedingungen bestens entwickelt, so dass der Schutzstatus zumindest in Sachsen, mit zur Zeit 22 Rudeln (neue Aktualisierung April 2019), nicht mehr gegeben ist.

Nicht alles in der EU ist einheitlich geregelt, so werden in Griechenland in einzelnen Gebieten die Wölfe geschützt, in den anderen Gebieten können die Wölfe gejagt werden. Das könnte eine Option für Deutschland in Bezug auf Sachsen, Brandenburg, Niedersachsen und andere Bundesländer sein. In den baltischen Ländern wird die Wolfsdichte sinnvollerweise in Abhängigkeit von der Bevölkerungsdichte festgelegt.

Interessant scheint hier eine Analogie zum Vergleich bei der Verfahrensweise im Umgang mit dem Rotwild in Baden-Württemberg. Dort wird Rotwild auf etwa 4 % der Fläche dieses Bundeslandes geduldet. Grundlage dieser Entscheidung sind Schadensbetrachtungen. Ein ähnliches Szenario ist für die Wölfe in Sachsen denkbar, in dem die Wölfe vorrangig auf militärisch genutzten Flächen und Tagebauen geduldet werden. Der Wolf soll nicht ausgerottet werden, sondern es sind Toleranzgrenzen in Fläche und Rudelanzahl für die Bundesländer festzulegen, die auch Schadensbetrachtungen standhalten.

In den baltischen Ländern ist der „günstige Erhaltungszustand“ festgelegt. Die Wölfe bei uns kennen keine EU-Verordnungen und vermehren sich fleißig weiter. Ein „weiter so“ ist für die Akzeptanz des Wolfes absolut kontraproduktiv! Das wichtigste ist, dass die Politik den Prozess über die Aufhebung vom Schutzstatus vom Wolf in der EU rasch voran bringt und der Wolf in Anhang V der FFH-Richtlinie gelistet wird. Christoph Egert (Rissgutachter und Schweißhundeführer – etwa 35 Drückjagden in Wolfsgebieten.)

Beitragsbild: Titelbild der Publikation “Status of Game populations in Estonia and proposal for hunting in 2015” (Screenshot)

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