Was Jagd ist und was nicht

Rezension Antje Joel: Jagd

In dem Buch von Antja Joel mit dem schlichten Titel “Jagd” geht es, wie ich in anderem Zusammenhang schon mal äußerte, eigentlich weniger um die Jagd als solche, sondern eher darum, was man in der Jagd sucht und nicht findet. Freiheit schon mal nicht: “Jagd in Deutschland ist nicht Freiheit. Es ist ein exklusives, streng limitiertes und reglementiertes “Vergnügen”. Stocksteif und starr wie Magda.” Magda ist die protofaschistische Ausbilderin in dem von Gruppenzwang und Konformitäts- und Zugehörigkeitsritualen geprägten Jungjägerkurs, den Joel seinerzeit besucht hat – eine Schilderung, die viele für authentisch halten dürften, da sie ähnliches erlebt haben. Seit sie vor ca. 20 Jahren die Jägerprüfung bestand, hat sie kein Stück Wild geschossen: “Ich bin kein Jäger. Ich war seit Ewigkeiten auf der Jagd. Hatte schon vor Jahren scheinbar jedes Interesse an ihr verloren. Meine Waffen verkauft. Vorbei. Ich dachte, das lag daran, dass die Jagd, so wie ich sie in braven deutschen Wäldern erlebt hatte, nicht meinen Vorstellungen von ihr entsprach. Nicht: lebhaft, natürlich, erfrischend. Sondern: behäbig, steril und altbacken. Ich dachte, es lag daran, dass ich mit den Jägern, wie ich sie in ernüchternder Überzahl kennengelernt hatte, nichts gemeinsam hatte.”

Sie geht der Frage nach, warum die Jagd sie dennoch Jahrzehnte lang nicht loslässt. Was es war, das sie ursprünglich dazu bewegte, die Jägerprüfung abzulegen. Was es ist, was sie an bestimmten Jägertypen – Jagern – anzieht, obwohl es mitunter durchaus fragwürdige Gestalten sind.

Sie stellt die richtigen Fragen: “Wann ist man Jäger? Wenn dein Vater, Großvater und deine Mutter und Oma Magda Jäger gewesen sind? Wenn du den Unterschied zwischen Hoch- und Niederwild kennst und die Saisonzeiten für Rehwild, Hase, Fasan auswendig herrunterrattern kannst? Wenn Du weißt, wie die Zähne des Wildschweins im Jägerdeutsch heißen? Und der Penis des Hirschs? Wenn du schießen willst? Wenn du schießen kannst? Nicht nur auf ein Pappreh, sondern auf die lebende Kreatur? Oder wenn du nach Monaten der Quälerei, solcher und solcher, die Jägerprüfung, schriftlich, mündlich und praktisch, abgelegt und endlich den Jagdschein in den Händen hältst? Ich weiß es nicht.”

Was Jagd sein kann – stattdessen sein kann – dem spürt die Autorin ausgiebig hinterher: In Idaho, wo sie eine Wolfsjagd mit Schneemobilen begleitet, in England bei der Bekämpfung der invasiven grauen Eichhörnchen oder bei der Auseinandersetzung mit mehr oder minder militanten Tierschützern. Bei der einen oder anderen der geschilderten Episoden erscheint die Aufnahme in das Buch nicht unbedingt als zwingend – es sind zum Teil wohl Geschichten, die halt da waren, weil Joel sie irgendwann einmal für Magazine geschrieben hatte und die im Buch einer Zweitverwertung zugeführt werden.

Konsequenterweise macht Antje Joel sich dann nicht die Mühe, dem Leser explizit zu erläutern, was sie mit der einen oder anderen eingestreuten Geschichte sagen will, was diese zum Thema beiträgt. Der Leser muss, igitt, selber denken und den Bezug zum Hauptthema herstellen. Das ist aber auch der einzige Schwachpunkt in einem ansonsten gut geschriebenen und anregenden Buch zum Großthema Jagd, überides das anregendste, lustigste und bissigste seit langem. SE

Beitragsbild: Coverabbildung von Antje Joel, Jagd. (Quelle: Rowohlt)

Antje Joel, Jagd
Verlag:  rororo
272 Seiten
ISBN:  978-3-499-63279-2
14,99 Euro Paperback
12,99 e-book

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