Waldumbau: Schutzmaßnahmen gewinnen an Bedeutung

Dürre, Stürme und Insekten haben in den vergangenen Jahren Deutschlands Wäldern massiv zugesetzt. Nadelholzreinbestände sollen in Mischwälder umgebaut werden. Vermehrt sollen deswegen Rehe und Hirsche erlegt werden. Wissenschaftler sagen: Schutzmaßnahmen wie Wuchshüllen oder Gitter gewinnen an Bedeutung.

Akteure aus Politik, Forstwirtschaft und Naturschutz fordern, dass der Umbau von anfälligen Fichten- oder Kiefernreinbeständen hin zu klimastabilen Mischwäldern möglichst ohne Schutzmaßnahmen gegen Wildtiere funktionieren soll. Sebastian Hein, Waldbau-Professor der Fachhochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg, erwartet gleichzeitig, dass der Einsatz von Forstschutzmaßnahmen wie dem mechanischen Einzelschutz durch Wuchshüllen sogar zunehmen wird. Im Interview mit dem Deutschen Jagdverband (DJV) erläutert er die Gründe, die für diese Prognose sprechen.

Video: DJV

DJV: Die Waldfläche der Größe des Saarlands ist von Dürre, Sturm und Insekten geschädigt. Auf diesen Flächen sollen jetzt klimastabile Mischwälder entstehen. Dafür müssen Bäume gepflanzt werden. Überleben diese gänzlich ohne Schutzmaßnahmen?

Professor Sebastian Hein: In der Waldbewirtschaftung werden verschiedene Schutzmechanismen angewendet. Zäune beispielsweise schützen vor Schäden durch Reh- oder Schwarzwild. Wuchshüllen fördern das Wachstum und geben der Forstpflanze aus Naturverjüngung oder Pflanzung einen Vorsprung gegenüber Konkurrenzvegetation. Zudem sind sie leichter auffindbar für Pflegemaßnahmen. Daneben gibt es viele weitere Schutzmechanismen, die man auch nur sehr überlegt einsetzen sollte. Wir erwarten jedoch, dass die Dürre der letzten Jahre zu einem steigenden Einsatz solcher Schutzmaßnahmen führen wird.

Kann es trotz angepasster Wildbestände sinnvoll sein, Schutzmaßnahmen vorzunehmen?

Grundsätzlich ist in der Waldbewirtschaftung alles darauf ausgerichtet, die natürliche Wiederbewaldung ohne zusätzliche Maßnahmen – also alleine mit den Kräften der Natur – zu erreichen. Da kann es schon vorkommen, dass dies nicht gelingt: Etwa wenn sehr seltene Baumarten wie Elsbeere oder Speierling gepflanzt werden. Oder wenn für den so wichtigen Umbau hin zu gemischten Wäldern Buchen und Eichen in Kiefernbestände oder Weißtannen in Fichtenbestände eingebracht werden. Hier muss man abwägen und Vor- und Nachteile einander gegenüberstellen.

Im März und April herrscht Jagdruhe, Rehe und Hirsche fressen trotzdem. Wie schützt man Forstpflanzen in der Schonzeit vor Verbiss- und Fegeschäden?

Die Jagdruhe ist wichtig für die Aufzucht des Nachwuchses vieler Tiere. Das ist natürlich sinnvoll. Der Blickwinkel der Waldbewirtschaftung in dieser Zeit: Haben der Aufwuchs, etwa aus Naturverjüngung, oder der neue Jahrestrieb bestehender Pflanzen eine gleichberechtigte Chance? Es kann durchaus vorkommen, dass durch Versäumnisse in den Vorjahren Pflanzen jetzt geschützt werden müssen. Hierfür ist viel auf dem Markt: von Terminaltriebklemmen und Schälschutzkratzern bis hin zu Holzgittern. Heute ist wichtig, dass Produkte wie Plastikhüllen ohne Zertifikat zum biologischen Abbau unter Waldbedingungen nach ihrem Einsatz restlos einsammelt werden. Die rechtliche Lage ist eindeutig: Wer „Aufbau“ sagt, muss auch „Rückbau“ sagen und mithelfen!

Über ein Viertel der Wälder Deutschlands sind immer noch Nadelholzreinbestände. Diese sind besonders anfällig – Waldumbau durch “Vorbau” ist gefordert. Welche Maßnahmen sind notwendig, um frisch gepflanzte Bäume zu schützen?

Die Waldbewirtschaftung hat hier seit ungefähr 40 Jahren ein Großprojekt und eine gesellschaftlich sehr wichtige Aufgabe in Angriff genommen. Ja, und im Klimawandel wird diese Aufgabe des Waldumbaus nochmals viel drängender. Die Waldbesitzer sind da ja sehr erfinderisch – von Vergrämung mit Schafwolle oder Schutz durch Drahthosen, Tonkinstäbe in Einmal- oder Mehrfachverwendung ist alles dabei. Die Maßnahmen sind jedoch leider sehr zeit- und kostenaufwändig. Damit das gelingt, empfiehlt sich die Abstimmung zwischen allen direkt Beteiligten, also Forst, Jagd, Naturschutz, Eigentümer und Öffentlichkeit. Dabei muss gelten: Es wird vor Ort im Wald diskutiert und abgewogen – nicht am „grünen Tisch“. Vor allem: gemeinsam – sonst klappt das Großprojekt Waldumbau nicht. PM

Beitragsbild: Prof. Sebastian Hein erwartet, dass der Einsatz von Forstschutzmaßnahmen wie dem mechanischen Einzelschutz durch Wuchshüllen in der Zukunft zunehmen wird. Quelle: DJV

9 Gedanken zu „Waldumbau: Schutzmaßnahmen gewinnen an Bedeutung

  1. Axel Plümacher

    Hallo,
    kann ja sein, daß ich viel zu einfach gestrickt bin, aber es ergeben sich doch einige Fragen, die einer Antwort bedürfen.
    1.) wieso wird es immer schwerer das Wild während der herbstlichen Jagden auf die Läufe zu bekommen. ich sehe da immer mehr und mehr intakte Naturverjüngungen, vor allem in den Buchenbeständen. Wie geht das bei angeblich überhöhten Rot- und Rehwildbeständen, die doch angeblich die Naturverjüngung verhindern. Man kann doch nicht einfach bayrische Probleme auf die gesamte BRD projezieren wo der Rehwildbestand bundesweit mit Abstand die höchsten Abschußzahlen ermöglicht.
    2.) welche Baumart hat aktuell keine erheblichen Gegenspieler durch Pilze, Hitze oder Insekten? Von Försterseite hört man da Douglasie und Weißtanne sind am wenigsten betroffen. Kann man damit artenreiche Mischwälder gründen?
    3) Egal welchen Förster ich frage, keiner weiß wie der klimastabile Mischwald aussehen soll. Keiner weiß wie sich das Klima in 50 Jahren gestaltet. Aber deren politische Führung in den Amtstuben der Ministerien die weiß das alles?
    4) Wie soll es geregelt werden, wenn vor allem kleinere Fostbesitzer nicht für Licht am Boden sorgen, kommt dann adäquat zu den angedrohten behördlichem Abschuß die angeordnete Bestandspflege, damit da ein neuer Baum überhaupt eine Chance auf Wachsen hat?

    Für mich ist das Ganze Rummachen von der Klöckner einzig und allein ihrer Geltungssucht geschuldet wo sie ohne jegliche Fachkenntnis auf einer wehrlosen Bevölkerungsgruppe und noch wehrloserem Wild rumhacken kann. Der Wald gehört den Tieren genauso wie den Menschen. Viel für das Wild und den Wald wäre gewonnen wenn endlich mal das Betretungsrecht von Feld und Wald zu jeder Tages und Nachtzeit eingeschränkt würde. Blinkblink von morgens bis Abends, Montainbiking auf jeder Rückgegasse und jedem Pfad im Wald auch mit Licht um Mitternacht, Landwirtschaft ohne Berücksichtigung der Lebensgrundlagen der Wildtiere, der urbane Mensch der mit seinen Freizeitaktivitäten mehr und mehr für unkontrollierte und vor allem für das Wild unkalkulierbare Störungen sorgt. All das muß reduziert werden Abschuß der letzten Mohikaner in den letzten Lebensräumen ist die primitivste aber leider auch die einfachste und billigste vermeindliche Lösung für den Wald. ( siehe oben meine Fragen 2-4)
    Axel Plümacher

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    1. Jäger aus Walhall

      Gute Fragen! Die Antworten werden sie leider nicht bekommen.
      Ich sehe das mittlerweile pragmatischer: der Forst ist ein Staatsbetrieb, unterm Strich eine Behörde. Wenn man also durch Jahrzehnte langen Raubbau im Wald eventuell einen Fehler gemacht haben könnte, wird dieser natürlich so nicht benannt und es müssen Schuldige ran, für die der Staatsbetrieb nicht zuständig oder zur Rechenschaft zu ziehen ist. Das sind: Sturm, Trockenheit, Borkenkäfer und wiederkäuendes Schalenwild.
      Wäre nicht die einzige staatliche Institution, welche nie Fehler macht und falls doch Fehler offensichtlich werden, diese nicht eingeräumt und Andere vors Loch geschoben werden.

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    2. Ralf

      Ich hatte bereits einen Kommentar zu den Mountainbikern geschrieben unter
      https://www.jawina.de/bundesministerin-julia-kloeckner-legt-novellierung-des-bundesjagdgesetzes-vor/#comments

      Der Wald, in dem ich jagen darf, steht offensichtlich mit einem Hinweis auf “Mountainbike-Strecke” im Internet. Hier fahren wirklich viele. Das Fahren mit Fahrrädern im Wald außerhalb der Wege ist in Niedersachsen eine Ordnungswidrigkeit nach §42 Abs.2 Nr.2 NWaldLG.
      Die Frage ist, ob die mittlerweile ausgefahrenen Rinnen einen Weg im Sinne eines “Weg” rechtlich darstellen. Und selbst wenn das ein Verlassen des Weges darstellen sollte und somit bußgeldbewährt sein sollte- wer soll es überwachen? Hat jemand eine praktikable Lösung?
      Konsequenz: das Wild wird weiterhin aufgemüdet und zentriert sich an Punkten außerhalb dieser Mountainbike-Gassen und verbeißt dort entsprechend stark die jungen Bäume. Es muss offensichtlich von Landesregierungsseite etwas getan werden. Ansonsten kann man natürlich alles wiederkäuende Schalenwild komplett abschießen lassen. Aber macht das Sinn?

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      1. Titus von Unhold

        Da der Landesgesetzgeber im Gegensatz zu anderen Bundesländern in dem Fall wohl geschlafen hat, ist eine restriktive Auslegiung ausgeschlossen und jeder dauerhaft angelegte, ggf. sogar beschilderte und kartierte Pfad zählt als Weg.

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    3. Titus von Unhold

      1. Naturverjüngung bedeutet erst einmal nicht dass diese auch unverbissen und gesund ist. Generell gilt aber dass anekdotische Evidenz kein Beurteilungsmaßstab sein kann.

      2 & 3. Das wird derzeit in den forstlichen Versuchsanstalten der Länder untersucht, teils mit 60 Arten. Auf Waldwissen.net findet man aber bereits erste Studien aus der Schwiz und Österreich. Wirklich wissen können wir das erst in 300 Jahren, bis dahin gilt es mittels Evidenz Prognosen unter der Annahme von Wahrscheinlichkeiten zu treffen.

      4. Kleine Forstbesitzer haben im Rahmen der waldbaulichen Praxis für die Einhaltung der Rgeln zu sorgen, andernsfalls kann eine Zwangsvornahme erfolgen deren ksoten dann durchgereicht werden. Wie wahrscheinlich das ist, sieht man daran wie die Forstbehörden die ZWangsentnahme von Käferholz aus Wäldern anordnen: Nämlich gar nicht.

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  2. Robin

    Vor Jahren, war es das Waldsterben und jetzt soll es ein angeblicher Klimawandel sein.
    Sind es nicht mehr die forstbaulichen Fehler der Forstwirtschaft.
    Diese nun auf dem Rücken des Wildes auszutragen, ist schäbig.

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    1. Titus von Unhold

      Klimawandel, nicht angeblicher Klimawandel.
      Von Fehlern in der Forstwirtschaft zu sprechen ist übrigens falsch, denn niemand konnte vor Jahrzehnten die aktuellen Entwicklungen vorher sehen.

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  3. Dr. Wolfgang Lipps

    Sehr vernünftig, der Herr Professor Hein, aber er hat den Schuss der Forstpartie nicht gehört. Die will keine, garkeine, also, lieber Professor, möglichst überhaupt keine forstlichen Schutzmaßnahmen. Der Schalenwildabschuss solls richten, gesunde Wildbestände interessieren nicht. Halt am Besten “Wald ohne Wild”.
    Für Wild und Jagd läutet nun mal das Totenklöcknerchen.
    In Brandenburg hat das der Herr Minister Vogelsänger angefangen, den Sänger hats inzwischen erwischt, der Herr Vogel ist uns geblieben und macht es den übrigen Bundesländern und dem Bund mal so richtig vor: Mindestabschuß heißt das Zauberwort.
    Da können wir uns einen Wolf schreiben.
    So isses, liebe Jagdfreunde!

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    1. Jäger aus Walhall

      Ich würde bei einer angeordneten mindest-Abschusszahl, die Hege auf ein Maximum hochfahren, um gleichzeitig die Abschusszahlen zu erfüllen und einen gesunden Rehwildbestand zu halten. Das bedeutet automatisch auch die maximale Raubwild bejagung, um die Prädatorendichte möglichst gering zu halten.

      Zusätzlich frage ich mich, wer die Abschusszahlen tatsächlich kontrollieren will. Ab Ende wird geglaubt, was auf der Streckenliste steht…

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