Wald und Wild: Wildproblematik übersteuert

Radikale Reduktion des Schalenwilds gilt als Vorbedingung für den ökologischen Waldumbau. Ein Förster aus dem Rheinland zeigt: Es geht auch ohne erhöhten Abschuss – und ohne Zäune: Entscheidend ist der Waldbau.

JAWINA: Herr Lenzen, welche Ausgangslage fanden Sie vor, als Sie 1978 den Stadtforst Rheinbach übernahmen?

Hans Lenzen: Der etwa 825 Hektar große Stadtwald am Nordostrand der Eifel ist ein Laubholzrevier. Alle Laubholzkulturen und großflächigen Eichen- Naturverjüngungen wuchsen nur in Gattern heran. Bis zu 15 Gatter waren gleichzeitig am Start. Nadelholzanpflanzungen wurden ebenfalls in Gattern oder chemisch oder mechanisch einzeln geschützt.

JAWINA: Das war nicht billig.

Hans Lenzen: Nein. Die Kosten für die jährlichen Waldschutzmaßnahmen lagen bei weit über 5000 Euro, hinzu kamen Kulturkosten für Zäune und Pflanzgut in Höhe von 5 bis 20.000 Euro. Die Zäunungen sorgten außerdem laufend für Aufregung in der Lokalpresse. Das gipfelte dann im Vergleich mit dem Eisernen Vorhang, an dem der Spaziergänger im Stadtwald vorbeilaufen müsse.

JAWINA: Wie sind die jagdlichen Bedingungen?

Hans Lenzen: Hauptwildart ist Rehwild. Rotwild kommt nicht vor, Damwild zieht gelegentlich durch, spielt aber keine Rolle. Schwarzwild ist im Lauf meiner Arbeit Standwild geworden. Die gemeldeten Abschüsse lagen beim Rehwild zu Beginn meiner Tätigkeit bei vier bis sechs Stück auf 100 Hektar. Die Jagd ist komplett verpachtet.

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Die Jagd war komplett verpachtet – trotzdem ist der Waldumbau geglückt.
Fotos: Stephan Elison

JAWINA: Sie hatten also keine Möglichkeit, auf Art und Intensität der Bejagung Einfluss zu nehmen.

Hans Lenzen: Kaum. Zwar wurden die Jäger ständig gebeten, die Abschüsse zu erhöhen. Aber sie erklärten dann – wie überall – mehr Wild sei überhaupt nicht da und das vorhandene kaum noch zu bejagen. Als neuer Förster in so einem Revier hat man es halt äußerst schwer,höhere Abschusszahlen zu fordern. Als ich das Revier übernahm, haben die Streitereien mit den Jägern mehr Nerven und Aufwand gekostet als die eigentliche Arbeit am Wald. In den ersten zehn Jahren habe ich oft überlegt, ob ich nicht besser hinschmeiße und abhaue. Heute sind Streitereien mit den Jägern hier glücklicherweise gar kein Thema mehr.

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Naturverjüngung satt im Stadtwald Rheinbach.
Fotos: Stephan Elison

JAWINA: Wie kam das?

Hans Lenzen: Zum einen gibt es inzwischen teilweise neue Pächter, zum anderen habe ich die jagdlichen Probleme irgendwann einfach ignoriert und mich in meine waldbauliche Aufgabe gestürzt, die Arbeitsweise der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW) im Revier einzuführen. Ich habe meine Arbeit gemacht, die Jäger ihre. Konsequenterweise habe ich auch seit 1992 / 93 keinen Jagdschein mehr gelöst.

JAWINA: Wieso das?

Hans Lenzen: So konnte mir keiner mehr einen Bockabschuss schenken: Ich wollte hier nicht mitjagen, weil ich nicht zu Gegenleistungen und Konzessionen verpflichtet sein wollte. Ich bin vielleicht auch kein so passionierter Jäger. Wenn ich auf eine Drückjagd eingeladen war, habe ich während des Ansitzes die ganze Zeit daran gedacht, was ich in der Zeit zu Hause tun könnte.

JAWINA: Höre ich da eine gewisse Skepsis gegenüber der Jagd heraus?

Hans Lenzen: Ich bin kein Jagdfeind, sondern Befürworter der Jagd. Allerdings muss ich zugeben, dass mich das Bohei um das „heilige deutsche Waidwerk“ gestört hat. Jagd als solides Handwerk ist unerlässlich für gesunde, artenreiche Wälder. Und wenn der Waldumbau hier ohne größere jagdliche Anstrengungen gelungen ist, so liegt das auch an den Bedingungen: Kein Rotwild, Damwild nur als Wechselwild und drei Bundesstraßen, die durch das Revier führen und ihren Tribut fordern. Aber es ist einseitig, wenn die Hauptschuld für den vielerorts nicht wie gewünscht funktionierenden Waldumbau der Jagd gegeben wird. Da heißt es: Zuerst müsse der Jäger seine Aufgabe erfüllen, dann wachse der Wald von alleine. Aber darauf können Förster und Waldbesitzer lange warten, wenn sie sich nicht ihrer ureigensten Aufgabe, dem Waldbau, widmen.

JAWINA: Welche waldbaulichen Maßnahmen haben Sie ergriffen?

Hans Lenzen: Ich haben den Wald in vier Distrikte aufgeteilt, jedes Jahr wird ein Distrikt durchgepflegt. Alle Kahlschläge wurden eingestellt. Wir verlegten uns auf die Einzelbaumpflege. Der Hiebsatz wurde von 3000 auf 5100 Festmeter erhöht. Der erhöhte Einschlag kam mühelos zusammen, weil beim Durchpflegen der Distrikte auch nicht die kleinste Ecke unberücksichtigt blieb. So gelangt schließlich mehr Licht an den Waldboden, was entscheidenden Einfluss auf die Keimung von Samen, auf Feuchtigkeit, Bakterien und somit die Bodengare hat: So kann Naturverjüngung aufkommen. Bei der intensiven Holzernte belassen wir ganz bewusst eine Menge Totholz, stehend und liegend, im Wald. Das kommt ungezählten Kleinstlebewesen zugute, die für das Funktionieren des Ökosystems Wald unerlässlich sind.

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Erfüllt Erholungsfunktion: Stadtwald in Rheinbach.
Fotos. Stephan Elison

JAWINA: Wie veränderte sich der Wald durch diese Maßnahmen?

Hans Lenzen: Am Anfang hatte die Naturverjüngung kaum eine Chance, denn auch das Rehwild vermehrte sich prächtig. Die sichtbaren Schäden nahmen zuerst eher zu als ab.Die Forstschutzkosten blieben in den ersten Jahren auf dem alten Niveau. Nach zehn Jahren war ich so weit, das Vorhaben als gescheitert aufzugeben. Aber nach etwa 15 Jahren, also dem dritten bis vierten Pflegehieb in jedem Bestand, zeigten sich deutliche Erfolge, überall bildete sich leichte Vegetation. Jetzt hatten die Oberböden einen besseren Garezustand erreicht. Es braucht einfach diese Zeit, den Humuszustand des Bodens vorzubereiten. Es geht nichts auf Hauruck.

JAWINA: Wie kommt es, dass das Rehwild die „leichte Vegetation“ nicht gleich wieder abfraß?

Hans Lenzen: Ganz einfach: Es war jetzt flächendeckend Äsung vorhanden. Darauf kommt es an: Das Äsungsangebot muss die Nachfrage übersteigen. So gelingt es, die Wildproblematik zu übersteuern. Ich schätze, dass sich der Rehwildbestand in all den Jahren kaum verändert hat. Die unverändert hohe Anzahl der Wildunfälle stützt diese Einschätzung. Wenn hier also 15 bis 20 Rehe auf 100 Hektar leben, kommt eins auf fünf Hektar – dieses eine kann unmöglich alles fressen, was hier wächst. In der Äsungsfülle gehen die Forstpflanzen einfach unter. Verbiss muss man suchen, Plätzstellen sind allgegenwärtig. Fegestellen sieht man nur an Forstpflanzen, die auf freiem Boden stehen, mit wenig sonstiger Vegetation wie zum Beispiel Brombeere, Kräutern und Gräsern. Holunder und Ebereschen leiten die Fegeschäden auch ab. Der Einfluss des Wildes bestimmt so nicht mehr die Baumartenzusammensetzung des Waldes.

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Allgegenwärtig: Plätzstellen im Revier.
Fotos: Stephan Elison

JAWINA: Wie hat sich die Jagd dadurch verändert?

Hans Lenzen: Die Jagd ist schwieriger, man kann auch sagen, interessanter geworden. Die Jagdmethoden mussten sich mit den neuen Gegebenheiten ändern. Auch so etwas braucht Zeit.

JAWINA: Sie sagen, Sie setzen auf „Einzelbaumpflege“. Ist das in einem Bestand dieser Größe nicht sehr aufwendig?

Hans Lenzen: Ja, schon. Man muss die Pflegehiebe regelmäßig durchführen, sonst entmischt sich der Wald. Die Mischung ist aber von höchster ökonomischer Bedeutung, denn in einem Mischwald kann eine Baumart einspringen, wenn eine andere etwa wegen Schädlingsbefall, Krankheiten (Beispiel Rickettsien an Lärchen), Trocknis oder Alter ausfällt. Ich zeichne jeden Baum selber aus, das ist unerlässlich für die Mischungsregulierung. Hier kommen auch keine Vollernter zum Einsatz, wir führen den Holzeinschlag selbst durch. Wir haben hier Bestände mit bis zu 13 Baumarten: Da gehört zur Pflege Sachkenntnis dazu. Ich bin daher sehr froh, dass ich drei fest angestellte, gut ausgebildete Forstwirte habe.

JAWINA: Ist das wirtschaftlich?

Hans Lenzen: Das kommt auf die Sichtweise an, wir schreiben zurzeit schwarze Zahlen, obwohl wir drei Waldarbeiter und einen Förster beschäftigen. Im Stadtwald inklusive Erholungswaldbetrieb seit zwei Jahren,im Wirtschaftswald schon länger. Und das Holz wird immer wertvoller. 2002 wurden die letzten zwei Wildschutzgatter abgebaut, seit 2007 werden überhaupt keine Forstschutzmaßnahmen mehr durchgeführt. Die Forstschutzkosten sind gegen null gelaufen, Forstpflanzen werden kaum noch gekauft. Durch die auf den schlechteren Stamm gerichteten Hiebe hat sich der Wertholzanteil in den drei Jahrzehnten signifikant erhöht, was durch die alle zehn Jahre erfolgenden Forsteinrichtungen belegt ist. Aber es sieht auch schön aus, der Wald erfüllt seine Funktion als Erholungswald.

JAWINA: Es geht nichts auf Hauruck, sagten Sie. Geduld ist in der Forstwirtschaft auch hinsichtlich der Ertragserwartungen gefragt, nicht wahr?

Hans Lenzen: Ein Förster rechtfertigt sich dadurch, dass er den Wald wertvoller hinterlässt, als er ihn vorgefunden hat. Das erfordert einen langen Atem, und den haben halt nicht alle. Ich bin Beamter, der Wald gehört der Stadt, vor der ich mich rechtfertigen muss. Wenn ich erklärt habe, dass ich jetzt nicht die wertvollen Stämme, sondern die schlechten entnehme – also mehr Masse und trotzdem weniger Ertrag –, das aber so sein müsse, weil sonst weniger für künftige Generationen bleibe, dann haben das alle Fraktionen mitgetragen. Dafür bin ich der Stadt dankbar. Es ist doch scheinheilig, wenn überall naturnahe Waldwirtschaft, andererseits aber knallhart Profit gefordert wird.

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Stolz auf sein Werk: Förster Hans Lenzen.
Fotos: Stephan Elison

JAWINA: Sie sind schon ein bisschen stolz auf Ihr Werk, oder?

Hans Lenzen: Es ist eine Freude, durch den Wald zu gehen und zu sehen, was sich natürlich ansiedelt. Vielleicht kommen ja einmal ein paar Jäger vorbei und sehen sich das mal an.

Die Fragen stellte Stephan Elison

Ein Gedanke zu „Wald und Wild: Wildproblematik übersteuert

  1. Wüst Udo

    vielen Dank für diesen Beitrag ! Nachhaltiges Gemeinwohl vor kurzfritigem Konzernprofit, das geht auch! Wo ein Wille ist, da ist auch ein …

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