Von vegetarischen Denkfehlern und Wildfleisch als “wunderbarer Ergänzung des Speisezettels”

Der DJV im Gespräch mit Ernährungswissenschaftlerin Ulrike Gonder über Fleischesser und Vegetarier und deren Beziehungsprobleme

„Statt strikt vegan bitte einfach bewusster essen – auch mit Fleisch!“, sagt Ulrike Gonder. Die Ökotrophologin hat das Buch „Mythos Vegetarismus“ der Ex-Veganerin Lierre Keith übersetzt. Die US-amerikanische Autorin lebte mehr als 20 Jahre ohne Fleisch, ohne Milch und ohne Eier – bis sie genau deshalb erkrankte. Wer sich ethisch korrekt ernähren möchte, muss nicht auf Fleisch verzichten, sondern die biologischen Zusammenhänge, das Leben auf dieser Erde, besser verstehen.

Die Annahme vieler Vegetarier, die heute übliche agrarindustrielle Intensivmast sei die einzige Möglichkeit, Tiere zu halten, sei ein Denkfehler, sagt auch Ulrike Gonder. In ihren Veröffentlichungen wie dem Text „Fleisch gehört dazu“ (zeo2, Ausgabe 03/13) bezieht sie Stellung: gegen einseitige Argumente, aber für mehr Naturwissen, mehr bewusstes Essen und für den Allesesser Mensch. Der Deutsche Jagdverband (DJV) sprach mit der Autorin und Übersetzerin darüber, ob Wildbret essen den Anforderungen einer gesunden und ethisch korrekten Ernährung entgegen kommt – ganz unvegan.

Frau Gonder, Sie haben als Nicht-Vegetarierin das Buch einer Ex-Veganerin übersetzt. Was hat Sie an der Aufgabe gereizt?

Mich hat dieses Buch sofort fasziniert! Obwohl es auch Schwächen hat, fand ich es irre spannend zu sehen, wie sich Keith Stück für Stück ein umfassendes ökologisches Wissen aneignete. Darauf basierend begann sie, die Dogmen ihres veganen Lebens zu hinterfragen. Man spürt beim Lesen förmlich, wie viel Kraft sie das gekostet hat: Ihr gesamtes Weltbild brach zusammen. Ein zweiter Punkt ist: Ich habe überhaupt nichts gegen eine vegetarische Lebensweise. Sie hat unstrittig Vorteile und sie bietet sich als Protest gegen unhaltbare Zustände in der Tierhaltung ja auch an! Mich stört die oft Biologiekenntnis-freie Gutmenschen-Attitüde vieler Veganer. Daher fand ich es interessant, die Sichtweise einer Ex-Veganerin darzulegen.

In Ihrem Text sprechen Sie von den gravierenden Folgen – Erosion und Versalzung –, wenn mehr Weideflächen für den Anbau von noch mehr Weizen, Mais und Soja für die menschliche Ernährung umgepflügt werden. Vegetarier und Veganer, die sich doch mehrheitlich sehr intensiv mit der Herkunft ihrer Lebensmittel befassen, scheinen diesen Aspekt völlig auszuklammern. Lässt sich das Hungerproblem wirklich lösen, wenn wir Weidetiere verbannen?

Üblicherweise heißt es ja, wir verfüttern zu viel Getreide und Soja, das könnten wir auch selbst essen und damit den Hunger aus der Welt schaffen. Man kann über den Sinn und Unsinn der Intensivhaltung lange und intensiv diskutieren. Dabei wird jedoch oft vergessen, dass es weltweit gerade die extensive Haltung von Weidetieren ist, die einen Großteil des Agrarlandes erst für den Menschen als Nahrungsquelle nutzbar macht: Von den rund 5 Milliarden Hektar Agrarland weltweit sind überhaupt nur etwa 1,4 Milliarden für den Ackerbau geeignet. Diese Böden würden zerstört, würde man auf ihnen Bohnen, Reis, Soja, Weizen oder Mais anbauen. Erst durch die Beweidung lässt sich auf ihnen nachhaltig Nahrung gewinnen – hochwertige, tierische Nahrung.

Sie sagen: „Biolandbau und Vegetarismus schließen einander aus“. Was steckt dahinter?

Ein wichtiges Grundprinzip des Biolandbaus ist doch der geschlossene ökologische Kreislauf. Mit was will man denn seine Böden düngen und Humus aufbauen oder erhalten, wenn keine Tiere auf dem Hof sind? Und was ist mit den Flächen, die sich nur zur Beweidung eignen? Man könnte natürlich Golfplätze oder Spielwiesen daraus machen – aber das würde auch Tiere töten, und die Flächen fielen aus der Nahrungsmittelgewinnung heraus. Eine ökologische Landwirtschaft basiert nach meinem Verständnis auf einer sich gegenseitig stützenden, nährenden und aufeinander abgestimmten Lebensgemeinschaft von Boden, Pflanze, Tier und Mensch.

Veganer verzichten bewusst auf jegliche tierische Lebensmittel und propagieren gleichzeitig Ihre Lebensweise als die einzig richtige. Woher kommt diese Radikalität?

Darüber kann ich nur spekulieren. Vielleicht sind diese Menschen vom Leid der Tiere, das es ja noch immer in großem Umfang gibt, so betroffen, dass sie sich radikalisieren. Ich weiß es nicht. Allerdings darf man keinesfalls alle Vegetarier oder Veganer in einen Topf werfen. Da gibt es so viele Motive und Einstellungen, und ich finde es auch wichtig, ihre Argumente anzuhören. Vieles davon finde ich nachvollziehbar, manches ist klug, aber eben nicht alles. Beispielsweise, dass immer und immer wiederholt wird, tierische Lebensmittel, tierisches Eiweiß oder tierische Fette wären per se ungesund. Das ist – mit Verlaub – Unfug.

Wildtiere ernähren sich aus und von der Natur, leben frei und ohne Medikamente. Die Jagd in Deutschland bedeutet zudem die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen. Kann Wildbret als „noch natürlichere“ Alternative zum Biofleisch damit nicht überzeugen?

Ich wäre vorsichtig mit dem Begriff „natürlicher“. Unsere Landschaften sind ja weitgehend Kulturlandschaften, der Wald mit seinen Rehen, Hirschen und Wildschweinen ebenso wie die Bergwiese mit dem Bio-Weiderind darauf. Zudem können wir nicht alle auf Wildbret umsatteln, und manchen schmeckt es einfach nicht. Das vorausgeschickt finde ich, dass Wildfleisch eine wunderbare Ergänzung des Speisezettels ist! Eine tolle Alternative zu Fleisch aus nicht artgerechter Haltung, es liefert eine Fülle wertvoller Nährstoffe, es hat geschmacklich Charakter und es kann z. B. sehr gut zur Versorgung mit langkettigen Omega-3-Fettsäuren beitragen, die bei vielen Menschen nicht besonders gut ist.

Wie schmeckt Ihnen Wildbret?

Ich freue mich schon auf den Herbst und Winter und hoffe, dass wir wieder Wildschwein- und Rehfleisch aus den hiesigen Wäldern bekommen. Solche Mahlzeiten sind für uns Festessen, die zelebriert und genossen werden. Mir ist dabei sehr wohl bewusst, dass ein wundervolles Tier dafür sterben musste. Aber, wie Lierre Keith es so treffend formulierte: Es muss immer einer sterben, damit ein anderer essen kann! Sie nennt das „Erwachsenenwissen“, weil man erst dann erwachsen ist, wenn man erkannt hat, dass so das Leben funktioniert. Zu wissen, dass ein Tier zuvor gut gelebt hat und dass es professionell und schnell getötet wurde, macht diese Erkenntnis erträglich.

Interview: DJV

Bild: Ernährungswissenschaftlerin Ulrike Gonder (Copyright: Marita Steuernagel, Wiesbaden)

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