Von Gutmenschen und Schmuddelkindern

Gefährliche Tendenz: Wie die Legalwaffenbranche diskriminiert wird

Jungjäger Kevin B. [Name geändert] wollte sich etwas gönnen: Bei einem bekannten Büchsenmacher im norddeutschen Raum hatte er sich seine Traumwaffe zusammengestellt: Ein Repetierer eines deutschen Premiumherstellers, eine hochwertige Montage, ein Zielfernrohr der Spitzenklasse. Da kommt ein hübsches Sümmchen zusammen, und eigentlich kann Kevin sich das gar nicht leisten. Das stört ihn aber nicht, denn der Büchsenmacher bietet eine günstige Finanzierung ohne Anzahlung an: Nach nur 48 bequemen Monatsraten wird die neue Jagdwaffe endlich ihm gehören. Doch daraus wird vorerst nichts: Der Kreditantrag ist ausgefüllt, der Verkäufer verschwindet im Hinterzimmer, um den Antrag dem Kreditfinanzierer des Jagdausstatters zu übermitteln. Nach einigen Minuten tritt der Verkäufer mit verstörtem Gesicht wieder hinter den Verkaufstresen: “Äh, es ist mir wirklich sehr peinlich, aber können Sie die Waffe vielleicht doch bar bezahlen? Unsere Kreditbank hat uns gekündigt.” Der Traum vom auf Pump gekauften Luxus-Repetierer ist für Kevin B. vorläufig geplatzt.

Dieser Fall hat sich tatsächlich so ähnlich zugetragen: Ingo Meinhard, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Büchsenmacher und Waffenfachhändler e.V. (VDB), bestätigte den Vorgang gegenüber JAWINA. Demnach haben ein bekannter Kreditfinanzierer für den Einzelhandel sowie weitere einzelne Banken die Zusammenarbeit mit dem legalen Handel von Jagd- und Sportwaffen aufgrund von “ethischen Grundsätzen” eingestellt. “Wenn wir dann gefragt haben, wie diese ethischen Grundsätze denn aussehen, haben wir sie in keinem Fall zugeschickt bekommen”, erklärt Ingo Meinhard. “Die Unternehmen dürften wissen, dass das eine Diskriminierung darstellt und man dagegen vorgehen kann.”

Bei Gesprächen zwischen dem VDB und den Banken zum Thema gaben letztere der Befürchtung Ausdruck, im Fall eines Amoklaufs oder Terroranschlags mit einer bankfinanzierten Jagd- oder Sportwaffe extreme Rufschäden zu erleiden. “Dabei geht es zum Beispiel bei dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt ja auch nicht um die Frage, ob der dabei verwendete LKW von MAN oder Mercedes ist – oder welche Bank den Kredit dafür finanziert hat”, entgegnet Meinhard auf diese Befürchtungen.

Meinhard hat jedoch auch eine gute Nachricht für die Branche: Der VDB habe einen neuen, zuverlässigen Partner für Finanzierungen gefunden. “Wir prüfen jeden potenziellen Partner jetzt vor dem Abschluss einer Vereinbarung sehr gründlich”, so Meinhard. “Wir fragen: Könnt ihr mit unserer Branche langfristig leben? Steht ihr zu uns? Bei diesem Test sind viele Banken durch das Raster gefallen.”

Selbst schuld?

An der Situation ist Branche selbst schuld, ist Meinhard überzeugt: “Wir haben Jahrzehnte lang nicht mit der Öffentlichkeit geredet.” Wir müssen langfristig die Bevölkerung, die keine Waffen haben überzeugen: Wir sind die Guten. Wir brauchen Jäger, Schützen, Waffensammler. “Es ist ein langer Weg, aber wir sind dran!”

Recherchen von JAWINA bestätigen Ingo Meinhards Erfahrung, dass Unternehmen die “ethischen Grundsätze”, auf die sie sich berufen, auf Nachfrage nicht zugänglich machen können oder wollen. Zwar haben viele befragte Unternehmen aus der Jagd- und Sportwaffenbranche Beispiele für Diskriminierungen durch Handelspartner aufgrund ethischer Bedenken berichtet, aber zu ihrem Ethikkodex stehen möchten die Unternehmen in der Regel eher nicht.

Der Kreditfinanzierer aus dem EIngangsbeispiel beteuert auf Nachfrage von JAWINA, dass die über Jahre aufrecht erhaltene Kooperation mit dem VDB “vertragsgemäß ordentlich gekündigt wurde” und zwar “in einvernehmlicher Weise mit Blick auf die Wahrung der Interessen des Kooperationspartners nach der Suche eines neuen Finanzierungspartners.” Die “vertragsgemäße ordentliche Beendigung einer Partnerschaft” sei “ein im Geschäftsleben aus unserer Sicht üblicher Vorgang.” Eine Darstellung, die mit der Schilderung des Vorgangs durch Ingo Meinhard nicht übereinstimmt – und überdies schlecht zu der Tatsache passt, dass Unternehmen wie der anfangs erwähnte Jagdausstatter von der Kündigung des Kreditfinanzierers offenbar überrascht wurden.

“Wir behandeln alle Unternehmen gleich”

Auch die Kreissparkasse Reutlingen, die einem Unternehmen aus der Branche die “finanzielle Begleitung” aufgrund “ethischer Grundsätze” verweigerte (siehe Beitragsbild), will dies so dann nicht gemeint haben: “Grundsätzlich behandeln wir alle Unternehmen gleich”, verkündet die KSK Reutlingen auf Nachfrage von JAWINA: In dem Ihnen vorliegenden Fall seien “es auch rein betriebswirtschaftliche und geschäftspolitische Gründe, warum keine Zusammenarbeit zustande kam – wie bei allen unseren Entscheidungen.” Darüber habe man “gute und langjährige Beziehungen in den Bereichen Sport und Ehrenamt” und fördere “regelmäßig Schützenvereine und Sportschützen.”

“Dem Transportausschluss für Waffen und Munition liegen Sicherheitsaspekte zugrunde” – so begründet ein großes Logistikunternehmen seine Weigerung, die entsprechenden Güter zu transportieren. Eine ethische Bewertung der legalen Waffennutzung durch Jäger oder Sportschützen sei damit nicht verbunden. Es würden “bestimmte gefährliche Güter wie etwa Waffen und bestimmte Chemikalien aus Sicherheitsgründen vom Transport” ausgeschlossen. Diese Transportausschlüsse gingen über die gesetzlichen Bestimmungen hinaus, man prüfe fortlaufend, ob eine Verschärfung dieser Bestimmungen geboten ist. Dabei werde “auch die Sicherheitslage in ganz Europa” berücksichtigt: “Das gesellschaftliche Bedürfnis nach Sicherheit nehmen wir damit sehr ernst. Vor diesem Hintergrund habe sich das Unternemen “in Deutschland entschlossen, auch den Versand von Waffenteilen und Patronen für Waffen […] gänzlich vom Versand auszuschließen.”

Auf die Frage, warum Zündhütchen, die doch unter Sicherheitsaspekten betrachtet weitaus brisanter seien, als z.B. Montageteile oder Schlagbolzenfedern, weiterhin befördert werden (auf recht einträgliche Weise als Gefahrgutversand übrigens), antwortet der Unternehmenssprecher: Das Unternehmen transportiere “grundsätzlich auch Waren, die den geltenden Gefahrgutbestimmungen unterliegen. Manche Gefahrgutklassen werden unter bestimmten Bedingungen transportiert (darunter tatsächlich auch Zündhütchen), andere nicht – je nachdem ob wir einen Pakettransport für vertretbar halten. Unter den transportierbaren Gefahrgutklassen befinden sich auch leicht entzündbare Stoffe und Waren, weshalb es eben auch strenge Vorschriften und Prozesse für den Gefahrguttransport gibt.” Dennoch seien “Zündhütchen nicht mit gebrauchsfertiger Munition zu vergleichen.”

Das Rumgedruckse des Unternehmenssprechers zeigt, worum es den Firmen mit ihren ach so hehren ethischen Grundsätzen wirklich zu gehen scheint: Einerseits fürchten sie, Ziel von Gutmenschen-Kampagnen gegen die Legalwaffenbranche zu werden. Um das zu vermeiden, verzichtet man lieber auf ein paar Umsätze. In Bereichen, bei denen es ziemlich unwahrscheinlich ist, dass sie ins Fadenkreuz öffentlicher Empörung geraten – wie bei Zündhütchen – nehmen sie das Geld gern mit, das man daran verdienen kann. Für dieses Handlungsmuster gibt es einen Namen: Heuchelei.

Nicht mal Spende vom VDB angenommen

Heuchelei muss sich die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen nicht vorwerfen lassen: Ärzte ohne Grenzen hat sich sogar geweigert, eine Spende des VDB für wohltätige Zwecke anzunehmen, steht aber auch dazu: “Wir nehmen Spenden von Unternehmen oder Institutionen an, deren Tätigkeiten mit unseren humanitären Prinzipien sowie dem Satzungszweck der Organisation vereinbar sind”, erklärt die Pressesprecherin von Ärzte ohne Grenzen gegenüber JAWINA: “Wir akzeptieren daher keine Spenden von Firmen oder Institutionen der Rüstungs-/Waffen-/Munitions-, Pharma-, Tabak-, Rohstoff-, Erotik-, Glücksspiel- und Alkoholindustrie. Als Interessenvertretung für den Waffenfacheinzelhandel fällt der VDB in den Bereich Waffen.”

Das ist durchaus legitim, doch vor dem Hintergrund des aktuellen und überaus unappetitlichen Missbrauchsskandals bei Ärzte ohne Grenzen erhält die moralische Selbstbeweihräucherung der Organisation einen unangenehm überheblichen Beigeschmack: “Der Arbeit von Ärzte ohne Grenzen liegen humanitäre Prinzipien zugrunde, die für das Ziel unserer Arbeit unerlässlich sind, an denen sich unsere Arbeit deshalb orientiert und an denen sie sich messen lassen muss. […] Denn damit wir die Bedürftigsten erreichen können, und das insbesondere in komplexen politischen Konflikten, müssen wir glaubhaft als prinzipienorientierte Hilfsorganisation wahrgenommen werden. Dies dürfe “nicht als Bewertung der Arbeit anderer Organisationen oder Akteure missverstanden werden”. Nein, nein…

Wehrt, euch, Schmuddelkinder

Keines der von JAWINA angefragten Unternehmen hat zu der Frage Stellung genommen, ob sie es wirklich vertretbar finden, Jäger, Sportschützen, Büchsenmacher und Jagdausstatter als ethisch derart minderwertig abzuqualifizieren, dass man mit ihnen keine Geschäfte machen kann. Sie haben unsere Frage nicht beantwortet, welche Botschaft sie zum Beispiel für Sportschützen oder Biathleten haben, die Deutschland bei Olympia vertreten oder für Jäger, die jeden Tag ehrenamtlich für anerkannte Naturschutzziele tätig sind. Die Unternehmen wollten auch keine Auskunft erteilen, mit welchen weiteren Branchen sie die Zusammenarbeit künftig aus ethischen Gründen einstellen werden: Mit den Herstellern oder Vertreibern dick machender Erfrischungsgetränke vielleicht? Mit der Fleischindustrie? Mit der Autoindustrie wegen Klimawandel, CO2-Ausstoß und Dieselskandal? Mit anderen Banken wegen der Finanzkrise?

Legalwaffenbesitzer sind es ja gewohnt, mit Terroristen, illegalen Waffenhändlern, Kriminellen und Darknet-Verbrechern in einen Topf geworfen zu werden. Aber bieten lassen sollte man sich das nicht. Sportschützen, Waffensammler und Jäger stellen eine zahlungskräftige Klientel dar, viele haben eigene Firmen oder sind in verantwortlichen Positionen von Unternehmen tätig, die Legalwaffenbranche erwirtschaftet und generiert ordentliche Umsätze hierzulande. Man muss Firmen nicht unterstützen, die sich zu fein für uns sind. Hier sind die Verbände gefragt:  Wenn Jagd-, Sportschützen- und Industrieverbände zusammenarbeiten, repräsentieren sie eine erhebliche wirtschaftliche Macht, die eine klare Botschaft vermitteln kann: Heuchelei lohnt sich nicht. SE

Beitragsbild: Schreiben der KSK Reutlingen (bearbeitet, Screenshot).

5 Gedanken zu „Von Gutmenschen und Schmuddelkindern

  1. Ralf

    Gewisse Dinge merkt man sich halt…
    Dann habe ich eben kein Wildbret mehr in Zukunft, wenn die Sparkasse anfragt! Hausschwein geht ja auch, oder?

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  2. Horst

    “Ärzte ohne Grenzen hat sich sogar geweigert, eine Spende des VDB für wohltätige Zwecke anzunehmen, steht aber auch dazu: „Wir nehmen Spenden von Unternehmen oder Institutionen an, deren Tätigkeiten mit unseren humanitären Prinzipien sowie dem Satzungszweck der Organisation vereinbar sind“,”

    Sehr witzig. Die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen wird in vielen Teilen der Welt durch Menschen mit Waffen geschützt. Was für Schwachmaten. Vielleicht sollten die Leute dann konsequenterweise auf den Schutz von Militär und privaten Sicherheitskräften bei ihren Operationen verzichten.

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  3. Klaas

    Japp…habe diesen Artikel just an meine Sparkasse geschickt mit dem Schreiben, dass ich aus ehtisch-moralischen Gründen (darunter fällt doch auch Heuchelei?) gesuche mein seit 38 Jahren bestehendes Konto aufzulösen.

    Wo ist hier eigentlich der “Teilen” Button?

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  4. jochen

    Das kommt davon, wenn man sich jahrzehntelang bückt. Bloß nicht irgendwo anecken oder auffallen. Wer sich zum Wurm macht, der wird noch getreten, das war schon immer so.

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