„Von Furcht weiß ich nichts“

Warum in den Märchen der Brüder Grimm Jäger als harte Burschen voller Mitgefühl gezeichnet werden – ein Text von Robert Saemann-Ischenko.

Teil 1

Von fast allem, was sich über die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm sagen läßt, trifft auch das Gegenteil zu. Sie huldigen der Tugendhaftigkeit und der Kernfamilie, die Märchen – bersten aber immer noch vor Lebens- und sonstiger Lust. Manche spielen in einer rein literarischen Mittelalterkulisse, andere schildern mit fast schon soziologischer Genauigkeit das bäuerliche Deutschland des 17. und 18. Jahrhunderts („Das Heiraten ist eine Freude und ist auch eine Qual“, heißt’s so schön in „Die drei Männlein im Walde“). Im Wald der Märchen wollen einerseits immerzu Räuber, Tiere und Hexen dem Menschen ans Leben, doch findet er genau und nur dort auch Schutz und Beschützer. Ein Berufsstand allerdings kommt bei den Grimms durchweg und fast ausnahmslos positiv weg, und das sind die Jäger.

Aus einem historischen Einzugsbereich von über 500 Jahren stammen die Märchen, die Jacob und Wilhelm Grimm zusammengestellt haben. Schwänke finden sich darin ebenso wie mündlich überlieferte Volksmärchen, von Schriftstellern verfaßte Kunstmärchen, Legenden, Ursprungsgeschichten. Eine kleine statistische Auswertung ergibt, dass in 211 Märchen der Grimms Jagd/Jagen/Jäger 31mal erwähnt wird, also in jedem siebten. Und zwar spielt die Jagd naturgemäß in den volkstümlichen Schwänken keine Rolle – eine um so größere aber in den Märchen mit mittelalterlichem Kolorit.

In Zeiten also, in denen die Jagd ein feudales Privileg war. 11mal jagt denn auch bei den Grimms der König oder sein Sohn selbst, 14mal der/die Jäger des Königs (auch mit selbigem), 5mal greifen andere Personen zu Bogen, Spieß, Gewehr. Vertreter des einfachen Volks stellen nur in Notsituationen Tieren nach, zum Beispiel um nicht verhungern, nachdem sie sich verlaufen haben. Wilderei wird ansonsten hart bestraft. So maßt sich in „Die Nelke“ ein Koch an, auf die Jagd zu gehen „wie ein vornehmer Mann“ – zack, wird er in einen Pudel verwandelt und muß glühende Kohlen fressen, „dass ihm die Lohe zum Hals heraus“ schlägt. Und in „Die Goldkinder“ wird ein Junge in einen Stein verhext, weil er einen Hirsch verfolgt und ein Hündchen bedroht.

Üblich ist die reguläre legale Jagdausübung, und die ist in vielfacher Hinsicht dramaturgisch wichtig. Zunächst vor allem, um starke Figuren einzuführen und diesen Gelegenheiten zu schaffen, sich zu beweisen. Jäger sind in den Grimmschen Märchen grundsätzlich Berufsjäger und so gut wie immer tatkräftig, tapfer, tüchtig, verfügen aber auch über Herz und Verstand. Sie schneiden einem schlafenden Wolf den Bauch auf und retten so die Großmutter wie in „Rotkäppchen“; treiben einen angreifenden Wolf erst mit gezielten Schüssen und dann mit der blanken Klinge in die Flucht („Der Wolf und der Mensch“); sie haben Mitleid mit einem „alten häßlichen Mütterlein“ und teilen ihr Brot mit ihm („Der Krautesel“); und sind sogar imstande, im Alleingang das Geheimnis eines verwunschenen Waldes zu lüften wie in „Der Eisenhans“ („Der Jäger antwortete: »Herr, ich will’s auf meine Gefahr wagen; von Furcht weiß ich nichts«“).

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ein Fall von Mimikry: Rotkäppchen und der als Großmutter getarnte Wolf. Illustration von Carl Ofterdinger zu Rotkäppchen. Quelle: Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Rotk%C3%A4ppchen

Selbstverständlich zeichnen die Brüder Grimm Jäger als treue, auch harte Diener – um so bemerkenswerter, dass in zwei Fällen Jäger Mitgefühl über ihre Loyalität stellen und Befehle verweigern dürfen, ohne dafür die märchenüblich drakonische Strafe zu empfangen. In „Das Wasser des Lebens“ soll ein Jäger im Auftrag des Königs dessen Sohn meucheln, verschont ihn jedoch („Da erschrak der Prinz, und sprach »lieber Jäger, laß mich leben, da geb ich dir mein königliches Kleid, gib mir dafür dein schlechtes«. Der Jäger sagte »das will ich gerne tun, ich hätte doch nicht nach euch schießen können«). Ganz ähnlich die entsprechende wunderbare Szene aus „Sneewittchen“:

Da rief sie (= die Stiefmutter) einen Jäger und sprach »bring das Kind hinaus in den Wald, ich wills nicht mehr vor meinen Augen sehen. Dort sollst dus töten, und mir Lunge und Leber zum Wahrzeichen mitbringen.« Der Jäger gehorchte, und führte es hinaus, und als er den Hirschfänger gezogen hatte, und Sneewittchens unschuldiges Herz durchbohren wollte, fing es an zu weinen, und sprach »ach lieber Jäger, laß mir mein Leben; ich will in den wilden Wald laufen, und nimmermehr wieder heim kommen«. Und weil es so schön war, hatte der Jäger Mitleiden, und sprach »so lauf hin, du armes Kind«. »Die wilden Tiere werden dich bald gefressen haben«, dachte er, und doch wars ihm als wär ein Stein von seinem Herzen gewälzt, weil er es nicht zu töten brauchte.

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Schneewittchen, die sieben Zwerge – und ein Reh. Illustration von Carl Ofterdinger, Quelle: Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Schneewittchen

In „Fundevogel“ nimmt ein Förster ein Findelkind auf, und im sowieso rührenden Märchen „Die zwei Brüder“ ist die Barmherzigkeit sogar generationsübergreifend: Ein Jäger zieht die verstoßenen Söhne eines Besenbinders auf und lehrt sie die Jägerei. Als die beiden in die Welt ziehen, verschonen sie nacheinander einen Hasen, einen Fuchs, einen Wolf, einen Bären, einen Löwen, die ihnen aus Dankbarkeit jeweils zwei Junge geben. Prompt hilft genau dieses treue Tiergefolge den Brüdern dabei, einen Drachen zu erschlagen und die Königstochter zu erobern.

Das Image des Jägers bei den Brüdern Grimm ist das „eines gutartigen Naturburschen“, faßt die „Enzyklopädie des Märchens“ zusammen. Profan gesagt: Für gute Geschichten braucht’s harte, uneigennützige Burschen, und Ritter gab es halt keine mehr. Da kamen die Jäger gelegen: Sie waren immer draußen, auch zu komischen Zeiten und an merkwürdigen Orten, sie trotzten allen Gefahren sowie einer harschen Umwelt, kannten sich im Wald und mit Heilpflanzen aus, hatten Zugang zu den begehrten Gütern Fleisch und Pelz, waren als Jagdschutzbeauftragte gegenüber Wilderern und Holzdieben strafbefugt und sowieso: bewaffnet und bewandert in der Kunst des Tötens.

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„Ferdinand Fellner Fundevogel“ von Ferdinand Fellner (1799–1859) – Galerie Bassenge. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ferdinand_Fellner_Fundevogel.jpg#/media/File:Ferdinand_Fellner_Fundevogel.jpg

Ebenfalls für die Dramaturgie der Märchen wesentlich: die Jagd als sozialer Begegnungsraum. Irgendwie und -wo müssen sich ja die grundverschiedenen Menschen treffen, die im Märchen aufeinanderprallen, um Spannung zu erzeugen. Klassisch sind dabei zwei Varianten. Die erste funktioniert direkt: König oder Prinz jagen im Wald und finden dort ihre Braut, wie zum Beispiel in „Brüderchen und Schwesterchen“ („und da stand ein Mädchen, das war so schön, wie er noch keins gesehen hatte“).

Die zweite Variante ist indirekt. Bei ihr ergeben sich aus der jagdlichen Begegnung allerlei Prüfungen (Prinzessin retten, Drachen töten, Wildschwein fangen), deren Bestehen wiederum zu einem märchenhaften sozialen Aufstieg führt, inklusive Liebesglück und Reichtum natürlich. So beispielsweise zu finden in „Der singende Knochen: „Endlich liess der König bekanntmachen, wer das Wildschwein einfange oder töte, solle seine einzige Tochter zur Gemahlin haben. “

Es ist kein Zufall, dass Jäger, also Männer, der Retter vom Dienst aller verstoßenen, verirrten, bedrohten Kinder und Frauen sind. Prof. Hans-Jörg Uther, Märchenforscher und ausgewiesener Grimm-Experte, erklärt das so: „Unschuldig verfolgte Menschen müssen gerettet werden, das ist ein uraltes erzählerisches Strukturelement, das schon in der Bibel vorkommt. Die Brüder Grimm aber heben besonders ab auf das Motiv der unschuldig verfolgten Frau. Passive Opfer die Frauen, aktive Retter die Männer – das ist schon eine sehr männlich bestimmte Dichtung.“

Statt findet die Jagd im Wald – und der ist bei den Grimms vor allem eins: bedrohlich. In genau 81 Märchen taucht „Wald“ auf; in mehr als jedem dritten. 28mal wird der Wald dabei „groß“ genannt, dreimal „finster“, zweimal „dunkel“, je einmal „sehr groß“, „großer dunkler“, „großer dicker“, „großer wilder“, „dicker“, „dickster“, „gar kein Ende nehmen wollender“, „wild und finster“, „schwarz“, „einsam“.

Ganz im Geist ihrer Zeit, der Romantik, haben die Grimms den Wald als „wilde Umgebung des kultivierten Landes“ („Enzyklopädie des Märchens“) gezeichnet; eine Einordnung, die bis heute wirkt. Dieser Wald ist in den Märchen zugleich Wirtschaftsraum und Jagdrevier, Heimat und Räuberland, ein Raum unverfälschter Natürlichkeit, aber auch ein mystischer Bereich, in dem gefährliche Begegnungen mit dies- und jenseitigen Wesen stattfinden.

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Waldeinsamkeit in der Romantik: Caspar David Friedrichs “Der Chasseur im Walde” von 1814. Quelle: „Caspar David Friedrich 068“ von Caspar David Friedrich – Übertragen aus de.wikipedia nach Commons durch Bargain.(Originaltext: http://www.philipphauer.de/galerie/caspar-david-friedrich/werke-gr/der-chasseur-im-walde.jpg). Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Caspar_David_Friedrich_068.jpg#/media/File:Caspar_David_Friedrich_068.jpg

Nicht vergessen darf man dabei, dass bereits im Mittelalter der Wald in Deutschland großflächig gerodet und durch exzessive Waldweide des Viehs verheert war – zumindest in der Umgebung von Dörfern und Städten, entlang flößbarer Flüsse, an der Küste. Und im 18. Jahrhundert war bereits „das Erscheinungsbild von Mittel- und Westeuropa im wesentlichen nicht mehr von Wäldern bestimmt“, wie der Geobotaniker Prof. Hansjörg Küster in seinem Buch „Geschichte des Waldes“ schreibt. Die Grimms haben also ihren scheinbar unbegrenzten Wald erzählerisch aufgeforstet, als der real existierende Großwald längst Geschichte war – was seiner erzählerischen Wirkung natürlich keinen Abbruch tat und tut.

Vor allem nachts erscheinen die wilden Tiere des Grimmschen Märchenwaldes, was sogar dem übermenschlich starken Riesen lästig ist, wie er in „Der starke Hans“ zugibt: „Wenn ich nachts schlafen will, so kommen Bären, Wölfe und anderes Ungeziefer der Art, die schnuppern und schnuffeln an mir herum und lassen mich nicht schlafen.“ Die häufigste Abwehrmaßnahme der Menschen, wenn es sie in den finsteren Tann verschlagen hat: auf Bäume klettern und dort übernachten, so wie der Schneider in „Der gläserne Sarg“. (Randbemerkung: Das würde schon mangels Übung heutzutage nicht mehr so funktionieren. Laut einer repräsentativen Emnid-Umfrage vom Februar 2015 sind 49 Prozent aller vier- bis zwölfjährigen Kinder noch nie allein auf einen Baum geklettert.)

Märchenjäger Teil 1, ein Text von Robert Saemann-Ischenko, www.saemannischenko.de

Beitragsbild: Illustration von Anne Anderson (1922) zu “Die drei Männlein im Walde”, Quelle: Wikipedia

Der Autor bittet um Beachtung einer von ihm verfassten Schmähschrift über die ökonomischen Rahmenbedingungen beim Verfassen jagdjournalistischer Texte.

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