“Von Furcht weiß ich nichts”

Warum in den Märchen der Brüder Grimm Jäger als harte Burschen voller Mitgefühl gezeichnet werden – ein Text von Robert Saemann-Ischenko.

Teil 2

Noch gefährlicher als Räuber, Wolf & Co.: Zwerge und Zauberinnen, Geister und Dämonen. Dieses Jenseitspersonal verflucht und verwandelt bevorzugt unschuldige Menschen („Jorinde war in eine Nachtigall verwandelt, die sang zicküth, zicküth“; aus „Jorinde und Joringel“), zwischendurch bestraft es aber auch mal aufs Krasseste die Richtigen, etwa das hartherzige Mädchen aus „Die drei Männlein im Walde“:

Da sprachen die kleinen Männer untereinander: »Was sollen wir ihm schenken, weil es so unartig ist und ein böses, neidisches Herz hat, das niemand etwas gönnt?« Der erste sprach: »Ich schenk ihm, dass es jeden Tag hässlicher wird.« Der zweite sprach: »Ich schenk ihm, dass ihm bei jedem Wort, das es spricht, eine Kröte aus dem Munde springt.« Der dritte sprach: »Ich schenk ihm, dass es eines unglücklichen Todes stirbt.«

Überhaupt sind in den frühen Märchen der Grimms drakonische Strafen allgegenwärtig, ebenso Angst und Einsamkeit, Willkür und Rohheit, Gewalt und Tod. Das Leben vieler Figuren ist bis ins Detail bestimmt von einer unerschütterlich erscheinenden und sozial fast undurchlässigen Ordnung – der König war von nahezu gottgleicher Allmacht, aber auch schon Dorfvorsteher oder beispielsweise der Lehrherr hatten die Macht, anderen das Leben zur Hölle zu machen.

Vor diesem Hintergrund verwundert ein wenig, mit welcher Wendung „Der Froschkönig“ anhebt, das erste in der Gesamtausgabe Grimmscher Märchen: „In alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König …“ Das ist schön formuliert – aber auch ganz schön weit weg von der gesellschaftlichen Wirklichkeit hinter den Märchen. Die alten Zeiten nämlich waren für die allermeisten Menschen in jeder Beziehung einfach nur knüppelhart, und nicht mal das frommste Wünschen hat geholfen.

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Froschkönig: Der Frosch erinnert die vergessliche Königstochter an ihr Versprechen. Quelle: „Crane frog4“ von Walter Crane – http://web.utk.edu/. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Crane_frog4.jpg#/media/File:Crane_frog4.jpg

Ganz authentisch dagegen, was in den Grimm-Märchen an handfesten Fakten über die Jagd steckt. Man erfährt, dass früher schon der Jäger am grünen Wams zu erkennen war (bis ins 18. Jahrhundert legte die Obrigkeit sogar per Gesetz fest, aus welchem Material und in welchen Farben sich die Stände zu kleiden hatten). Jagd war ein Ausbildungsberuf mit drei bis vier Jahren Lehrzeit, an deren Ende der Lehrling freigesprochen wurde. An Jagdmethoden werden die Hetzjagd zu Pferde, der Anstand und die Pirsch erwähnt, sechsmal kommen dabei Hunde zum Einsatz (kein Wunder, die Fürstenhäuser hatten teilweise riesige Meuten. So hielt zum Beispiel Friedrich Wilhelm I. von Preußen allein für die Parforcejagd über 100 Hunde). Die Beute sind Reh- und Rotwild (je dreimal), dazu Hase, „Vogel“, Tauben, Schneegänse, Fuchs, „Fisch“, Rabe.

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Ein adliges Vergnügen auf Kosten der armen Bauern, deren Anpflanzungen rücksichtslos zuschanden geritten wurden: Peter II. und die spätere Kaiserin Elisabeth bei einer Parforcejagd mit Windhunden. Quelle: „SerovElizabethDepartingOnAHunt“ von Walentin Alexandrowitsch Serow – [1]. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:SerovElizabethDepartingOnAHunt.jpg#/media/File:SerovElizabethDepartingOnAHunt.jpg

Nur einmal ist Schwarzwild reguläre Beute – dreimal aber tauchen gewaltige Sauen auf, die den Charakter einer regelrechten Plage haben: „Es war einmal in einem Lande große Klage über ein Wildschwein, das den Bauern die Äcker umwühlte, das Vieh tötete, und den Menschen mit seinem Hauern den Leib aufriß“ („Der singende Knochen“). Diese Schweine werden mit allen Mittel bekämpft – indes ohne dass dabei das Wort „Jagd“ fällt. In „Das tapfere Schneiderlein“ heißt’s:

Als das Schwein den Schneider erblickte, lief es mit schäumendem Munde und wetzenden Zähnen auf ihn zu und wollte ihn zur Erde werfen; der flüchtige Held aber sprang in eine Kapelle, die in der Nähe war, und gleich oben zum Fenster in einem Satze wieder hinaus. Das Schwein war hinter ihm hergelaufen, er aber hüpfte aussen herum und schlug die Türe hinter ihm zu; da war das wütende Tier gefangen, das viel zu schwer und unbehilflich war, um zu dem Fenster hinauszuspringen.

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Märchenhafter Jagderfolg: Das Tapfere Schneiderlein hat ein Einhorn erbeutet. Quelle: „Offterdinger Das Tapfere Schneiderlein (2)“ von Offterdinger, photo by Harke – Mein erstes Märchenbuch, Verlag Wilh. Effenberger, Stuttgart, end of the 19th century. See Cover and title page. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Offterdinger_Das_Tapfere_Schneiderlein_(2).jpg#/media/File:Offterdinger_Das_Tapfere_Schneiderlein_(2).jpg

Besonders interessant: die Fundstellen zum Thema Waffen & Schießkunst. Mehrfach tauchen Wundergewehre und unfehlbare Schützen auf. Den Vogel bzw. die Fliege schießt der Jäger aus „Sechse kommen durch die Welt“ ab, der auf „zwei Meilen einer Fliege das linke Auge“ heraus- und dann einem längst außer Sicht befindlichen Schläfer „den Pferdeschädel unter dem Kopf wegschoß, ohne ihm weh zu tun“. Dr. Sven Lüken, Leiter der Waffensammlung des Deutschen Historischen Museums in Berlin, erklärt das so: „Noch weit bis ins 17. Jahrhundert war die bis auf 200 Schritt treffsichere Armbrust eine gebräuchliche Jagdwaffe, auch waren lang Gewehre mit glatten Läufen üblich – die präziser schießenden Büchsen mit gezogenen Läufen kamen ab dem 16. Jahrhundert auf, waren aber schwerer und aufwändiger zu laden. Sie setzten sich nur langsam durch. Es war kurzum ein jahrhundertelang gehegter Traum der Jäger, eine Waffe zu haben, mit der man auch auf große Entfernungen genau treffen konnte, ,außer Sicht‘ eben.“

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Arkebusier. Quelle: „Arkebusier“ von Jacob de Gheyn II (Verstorben 1629) – Officiers et soldats de la garde de l’empereur Rodolphe II. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Arkebusier.jpg#/media/File:Arkebusier.jpg

In „Die vier kunstreichen Brüder“ holt einer der Brüder, ein „ausgelernter Jäger“, mit einem Schuß fünf Eier vom Tisch, von denen eins in jeder Ecke und das fünfte in der Mitte des Tisches liegt – „der hatte gewiss von dem Pulver, das um die Ecke schiesst“. Und in „Das Männlein im Dorn“ wünscht sich einer „ein Vogelrohr, das alles trifft, wonach ich ziele“, und bekommt dieses wundersame Blasrohr auch.

In „Der gelernte Jäger“ schließlich bekommt der Titelheld am Ende seiner Ausbildung eine unfehlbare Windbüchse, mit der er allerlei Schabernack treibt:

Je weiter er ging, je grösser ward das Licht, und wie er nahe dabeikam, sah er, dass es ein gewaltiges Feuer war, und sassen drei Riesen dabei und hatten einen Ochsen am Spiess und liessen ihn braten. Nun sprach der eine »ich muss doch schmecken, ob das Fleisch bald zu essen ist,« riss ein Stück herab und wollt es in den Mund stecken, aber der Jäger schoss es ihm aus der Hand. »Nun ja,« sprach der Riese, »da weht mir der Wind das Stück aus der Hand,« und nahm sich ein anderes. Wie er eben anbeissen wollte, schoss es ihm der Jäger abermals weg; da gab der Riese dem, der neben ihm sass, eine Ohrfeige und rief zornig »was reisst du mir mein Stück weg?« »Ich habe es nicht weggerissen,« sprach der andere, »es wird dirs ein Scharfschütz weggeschossen haben.« Der Riese nahm sich das dritte Stück, konnte es aber nicht in der Hand behalten, der Jäger schoss es ihm heraus.

Magisch überhöht, freilich, aber mit wahrem Kern. „Zu Zeiten des Schwarzpulvers bedeuteten Schußwaffen: lauter Knall und Pulverrauch. Verbürgt ist, dass Schlachten und Jagden behindert waren oder sogar unterbrochen werden mußten, weil man nichts mehr sah vor lauter Rauch“, erläutert Dr. Lüken. „Deshalb war bei Wilderern die Windbüchse sehr beliebt, eine Art frühes Luftgewehr, das einen Druckluftbehälter im Kolben oder unter dem Schaft hatte. Mit der Windbüchse konnte man nahezu lautlos schießen, ohne durch den Pulverdampf seinen Standort zu verraten. Es gab auch schon am Ende des 18. Jahrhunderts sehr treffsichere Modelle mit gezogenem Lauf, deren Geschosse durchaus genug Energie für das Erlegen von Rotwild hatten.“

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Jacob und Wilhelm Grimm, Stich von Ludwig Emil Grimm, einem weiteren Grimm-Bruder. Quelle: „Jacob und Wilhelm Grimm“ von Ludwig Emil Grimm – Historisches Museum, Hanau zeno.org. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jacob_und_Wilhelm_Grimm.png#/media/File:Jacob_und_Wilhelm_Grimm.png

Tja, alles sehr lehrreich, streckenweise sogar lustig, was man übers Waidwerk findet bei den Grimms. Einen Fehler allerdings sollte der Leser nicht machen: denken, dass damals, in den guten alten Zeiten, die Welt der Jagd noch in Ordnung war. Denn genau so positiv wie die Jäger im Märchen abschneiden, so negativ ist ihre Rolle in den aus gleicher Zeit stammenden Sagen. Dort ist der Jäger „durchweg böse, grausam und frevlerischem Tun geneigt“, konstatiert die „Enzyklopädie des Märchens“ trocken. „Diese Charakterisierung des Jägers geht vermutlich auf das sich im Mittelalter entwickelnde christliche Weltbild zurück und auf eine sich ausbildende Geisterwelt mit dem Teufel im Zentrum“, so Prof. Uther. „Der Teufel trägt darin die Züge eines Jägers und ist zur Strafe für frevlerisches Verhalten zur ewigen Jagd verdammt – wie etwa der Freischütz oder der Fliegende Holländer. Als wilder Jäger und Anführer der gespenstischen Wilden Jagd verkörpert er in den Sagen reliktartig heidnisches Gedankengut.“

Märchenjäger Teil 2, ein Text von Robert Saemann-Ischenko, www.saemannischenko.de

Beitragsbild: Illustrationzu  Jorinde und Joringel von Heinrich Vogeler

Quelle: Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Max Hesses Verlag, Leipzig, 1907. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Heinrich_Vogeler_-_Illustration_Jorinde_und_Joringel.jpg#/media/File:Heinrich_Vogeler_-_Illustration_Jorinde_und_Joringel.jpg

Der Autor bittet um Beachtung einer von ihm verfassten Schmähschrift über die ökonomischen Rahmenbedingungen beim Verfassen jagdjournalistischer Texte.

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