Von Beeren und Elchen

Eine Reise in die einsamen Weiten Kareliens, in die Moore und Wälder unterm Polarkreis dicht an der russischen Grenze, wo wir vor dem Elchhund auf den Schaufler jagten.

Text und Fotos: Stephan Elison

Teemu und Enska flüstern jetzt nur noch: „237 Meter“, raunt Enska, einer der beiden finnischen Jäger und Hundeführer, die Entfernung vom Display seines Handys ablesend. Teemu wirft einen bedeutsamen Blick auf meine Waffe, das heißt: Mach dich fertig. Lautlos gleitet das Gewehr von der Schulter, ich entsichere und starre konzentriert in das ortsübliche Dickicht aus Birken, Kiefern und Fichten mit ihren vielfarbigen Flechtenbärten, aus dem vielleicht, hoffentlich gleich der Elch hervorbrechen wird.

Den ganzen Vormittag schon sind wir durch die Wälder gestreift, bemüht, dem mit einem GPS-Gerät ausgerüsteten Elchhund zu folgen. Wir umrunden Seen, springen über Bäche, Gräben und Rinnsale. Überall ist Wasser, bei jedem Schritt versinken wir glucksend und schmatzend mindestens bis zu den Knöcheln in dem dichten Teppich aus Moos, Heidel- und Preiselbeeren. Diese zu pflücken ist eine Tätigkeit, die das altertümliche Jedermannsrecht allen erlaubt, es ist Teil der Landeskultur und Nationalsport – in Suomussalmi, wo ein Teil der Jagdgruppe im heimeligen Scandic- Hotel untergebracht ist, wird alljährlich die Beeren-Sammel- WM ausgetragen. Bei Pausen an Seeufern oder mitten im Wald machen wir ausgiebig vom Pflück-Privileg Gebrauch und kauen die aromatischen, sauren Beeren zu Tee, belegten Broten, einer Zigarette.

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Pause in der Tundra. Foto: SE

184 Meter“, haucht Enska kaum noch hörbar. Doch dann nehmen wir drei gleichzeitig die auffrischende Brise wahr, die unsere Nacken umfächelt: Rückenwind. „320 Meter“, meldet Enska, „440, 750.“ Der Elch hat Wind bekommen und Konsequenzen gezogen. Bald sind Hund und Elch kilometerweit entfernt. Wir sichern die Waffen und grinsen uns an, weil unseren Gesichtern noch die Spannung dieses adrenalingeschwängerten Moments anzusehen ist. „Das war …“, sagt Teemu und macht mit der Hand auf dem Oberkörper die Pumpbewegung eines heftig schlagenden Jägerherzens nach. Wir gehen zurück zum Auto, denn diesen Elch werden wir zu Fuß nicht mehr einholen.

 Fleisch- und Trophäenjäger

Die vom Jagdreiseveranstalter Adler-Tours organisierte Jagdreise führte uns nach Karelien im Nordosten Finnlands, knapp unterhalb des Polarkreises, nahe an der russischen Grenze. Der erste Jagdtag fiel zusammen mit dem Aufgang der Elchjagd in Finnland (vom letzten Samstag im September bis zum 15. Dezember).

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Die Teilnehmer wurden in kleinen Gruppen von zwei bis vier Personen auf die in dem Gebiet ansässigen Jagdklubs verteilt, die riesige Gebiete von einigen tausend oder zigtausend Hektar genossenschaftlich bejagen. Die Jagdgäste hatten die Wahl: Sie konnten sich an aussichtsreichen Plätzen anstellen lassen oder die Hundeführer begleiten. Letzteres bedeutete kilometer- und stundenlange Märsche durch teilweise recht anspruchsvolles Geläuf, bot aber die größere Chance, einen Elch vor dem stellenden Hund anzugehen.

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Ohne sie wäre die Elchjagd ziemlich aussichtslos: Elchhund mit GPS-Trackern. Foto: SE

Nur vereinzelt bot sich Gelegenheit, Ansitze auf Elch mit Aussicht auf Erfolg durchzuführen: Zu groß sind die Jagdgebiete, zu gering die Wilddichte, zu dicht der Bewuchs. Die wichtigsten Akteure bei der Elchjagd sind die Hunde, die gigantische Leistungen erbringen: Über zig Kilometer verfolgen sie die Elche und stellen und verbellen außerordentlich ausdauernd. Im letzten Jahr hat ein Finne einen Elch geschossen, der vom Elchhund acht (!) Stunden lang verbellt wurde, bevor es gelang, an ihn heranzukommen.

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Hier ist er rüber. Foto: SE

Die GPS-Geräte der Hunde haben die Elchjagd sehr erleichtert. Während früher nur der Hundelaut einen Hinweis auf den Aufenthaltsort des Wildes lieferte, lassen sich dessen Position und Laufrichtung heute vom Ortungsgerät ablesen. Die Schotterpisten und Waldwege, über die der Elch dann vermutlich wechseln wird, werden abgestellt. Die Finnen sind Fleischjäger, erst allmählich breitet sich bei manchen eine gewisse Wertschätzung der Trophäe aus. Als ein Finne einen kapitalen Elchhirsch geschossen hatte, und die Schaufeln beim Transport immer wieder in Wurzeln und Ästen hängen blieben, hackte er sie unter den fassungslosen Blicken der deutschen Trophäenjäger kurzerhand mit dem Beil ab.

Die Elche nehmen die Verfolgung durch die Hunde mit erstaunlicher Gelassenheit hin. Sie trollen eher gemächlich,äsen unbeeindruckt vom Gekläff, nur dann und wann einen Ausfall gegen den Hund unternehmend. Erst Anblick oder Wittrung des Jägers lässt die Elche hochflüchtig werden. Erstaunlich ist, wie leise sich die riesigen Tiere in den Wäldern bewegen und wie lange sie im dichten Zeug unsichtbar bleiben. Der Schuss auf den Elch ist daher mit dem Flüchtigschießen auf Drückjagden oder eher noch mit dem Fangschuss auf Nachsuchen vergleichbar: Ansprechen und Schießen müssen blitzschnell gehen, wobei der Schütze noch auf den stellenden Hund und andere Schützen achten muss. Allround-Optikenmit großem Sehfeld wie ein 1,5 – 6 oder 2,5 – 10-fach-Glas sind für diese Jagd daher eine gute Wahl. Elche sind nicht besonders schusshart, alle Kaliber ab .308 Winchester aufwärts sind geeignet. Unverzichtbar ist wasserdichte, atmungsaktive Kleidung und festes, bequemes Schuhwerk.

Elchhunde – hart aber herzlich

So umgänglich die Elchhunde im Auto oder bei einem Päuschen sein mögen – am Stück ist nicht mit ihnen zu spaßen. Selbst die Hundeführer wagten sich an manche Hunde nur mit größter Vorsicht heran – verständlich angesichts der zu Bestien mutierten Jagdhelfer, die ihre Beute unmissverständlich knurrend, zähnefletschend verteidigten, während sie dem erlegten Elch mit Inbrunst einen neuen Haarschnitt verpassten. Hatte keiner eine Leine dabei, dann begannen die Finnen, an Gewehrriemen oder Gürteln zu nesteln, um sie dem Elchhund um den Hals zu schlingen – niemand hätte die Viecher mit bloßen Händen greifen mögen.

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Vorsicht: Am Stück verstehen die Elchhunde keinen Spaß. Foto: SE

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Ein Finne versucht, den Elchhund mit Hilfe eines Gewehrriemens vom erlegten Stück wegzuzerren. Foto: SE

Nachdem es im dritten oder vierten Anlauf gelungen war, einem Hund den Behelfsriemen umzulegen, drehte er sich wütend knurrend und in die eigene Rute beißend im Kreis, als er vom Stück weggezerrt wurde – eine Übersprungshandlung, um die Triebenergie abzuleiten, die nach ausdauernder Jagd nicht im genüsslichen Zerfleischen der Beute ihre Belohnung finden durfte.

Ein ungewolltes Souvenir

Wie ernst die vierbeinigen Elchjäger die Konkurrenz durch die zweibeinigen nehmen, konnte der Berichterstatter am eigenen Leib erfahren. Als ich das Aufbrechen des von mir erlegten Elchs fotografieren wollte und unachtsam zwischen dem Elch und dem inzwischen mit einem Stück Elchdrossel genossengemachten Hund hindurchlief, hing er, zack, an meinem Arm. „Boah, war das der Hund?“, fragten meine Mitjäger, als ich abends im kurzärmeligen Hemd an der Hotelbar saß. So kam ich zu einem ebenso individuellen wie nachhaltigen Andenken an eine Jagdreise, die auch ohne dieses unvergesslich gewesen wäre.