Verwaiste Kälber: Wildes Bayern verteidigt sich gegen Vorwürfe

Der Verein Wildes Bayern e.V. veröffentlicht eine Stellungnahme, in denen er sich gegen die Vorwürfe der Nationalparkverwaltung zur Wehr setzt. Wir veröffentlichen das Dokument im Wortlaut:

Acht tote Rotwildkälber zwischen Königsee und Obersee, gefunden am Karsamstag, haben eine Lawine losgetreten. Unter großer Anteilnahme der lokalen Bevölkerung und Fachleuten aus Nah und Fern wird seither die Frage diskutiert: Ist der Fund ein Zeichen dafür, dass im Nationalpark die Kräfte der Natur frei walten dürfen? Oder sind sie ein sichtbares Symptom für eine fehlgeleitete Politik, die Natur nach dem Lehrbuch formen und gestalten will und dabei auch haarscharf an den Grenzen des Erlaubten entlang manövriert.

Die Erklärungen der Parkverwaltung, dass es sich bei den acht am Südufer des Königssees verendeten Rotwildkälber um einen natürlichen Ausleseprozess in der Naturlandschaft des Nationalparks handelt, sind nach Ansicht des Naturschutzvereins „Wildes Bayern“ weder schlüssig noch realistisch (Fakten-Check am Ende der Meldung). Für jeden Rotwildkenner und Biologen eindeutig, hat bei diesen Verlusten der Mensch entscheidend die Hand im Spiel.

Aber immer noch weigert sich die Parkverwaltung, genau jene Daten auf den Tisch zu legen, die tatsächlich belegen könnten, was sie seit Wochen behauptet. „Zählzahlen, Angaben über Fallwild, das heißt natürlich gestorbene Tiere, die Abschussplanungen und die Abschusszahlen müssten eigentlich Hand in Hand greifen. Nur, wenn diese Zahlen vorliegen, kann man sagen: OK, Ihr wisst, wie die groß die Rotwildrudel sind und Ihr greift auf dieser Basis gezielt ein. Aber genau diese Zahlen rückt die Parkverwaltung nicht raus. Im Gegenteil: die alten, veröffentlichten Zahlen führen zu mehr Fragen als Antworten.“ moniert die Wildtierbiologin Dr. Christine Miller. Der Verdacht bleibt daher bestehen: Die mutterlosen Kälber sind ein Indiz für das rigorose Jagdmanagement der Parkverwaltung und nicht für das Walten der Natur.

Dagegen weisen die Verantwortlichen im Nationalpark gebetsmühlenartig darauf hin, dass die toten Kälber extra für den Steinadler am Königssee drapiert wurden. „Wenn Dr. Baier das wirklich ernst gemeint hat, dann bieten wir ihm und seinem Team gerne eine kostenlose Fortbildungsveranstaltung in „Fallwild-Management“ an!“, so Miller. „Ja, die Steinadler brauchen jetzt Fallwild (z. B. tote Gams) für die Versorgung ihrer Jungen im Horst. Wenn die Parkverwaltung, jedoch Hirschkälber am tiefsten Punkt der Talsohle auslegt, können Adler die schwere Beute kaum hoch in die Horste schleppen – ein Adler ist kein Lastenhubschrauber. Außerdem wurden die Kadaver auf einer Insel zwischen Bäumen, und bald unter geschlossenem Blätterdach, ausgelegt – für den Adler ist das Fallwild so unerreichbar. Entweder haben die Verantwortlichen da nicht mitgedacht oder keine Ahnung – beides wäre für die Verwaltung eines Nationalparks ein Skandal!“

Laut Nationalparkplan wird die Waldentwicklung im Park künstlich durch Pflanzungen beeinflusst. Ökologische Zusammenhänge, wie der Einfluss von natürlich vorkommenden Wildtieren werden dazu kategorisch missachtet. Auf einem Viertel der Nationalparkfläche herrscht deshalb Dauerfeuer auf große Pflanzenfresser. Biologen wie Christine Miller sind empört: „Es gibt keinen vernünftigen, wissenschaftlich fundierten Grund, statt der Natur die forstliche Kreativität walten zu lassen. Ein Nationalpark macht nur Sinn, wenn wir das Zusammenspiel der Arten achten und beobachten.“ Für den intensiven forstlichen Ansatz im Park, der sich an „Verbiss-Prozenten“ und an gewünschten Baumarten-Zusammensetzungen orientiert, braucht es keinen Nationalpark. Dieses Wirtschaften ist ja schon in allen anderen Wäldern Bayerns Standard. „Ein Nationalpark ist kein Forstbetrieb, er sollte konsequenterweise auch nicht von Fachleuten für Bäume bewirtschaftet werden, sondern von den Experten für Pflanzen, Tiere und Ökosysteme“, so die Forderung von Christine Miller. „Wir wollen einen Nationalpark, in der die Natur walten darf und in der auch alte, artenreiche Kulturlandschaften erhalten bleiben können. Alles andere ist Etikettenschwindel. Gebt uns unseren Nationalpark zurück, Forstbetriebe haben wir schon genügend!“

Fakten-Check durch Wildes Bayern e.Vs.:

Hier eine Gegenüberstellung von Behauptungen der Nationalparkverwaltung in verschiedenen Statements der vergangenen Wochen:

1. Die Verwaltung des Nationalparks behauptete in verschiedenen Stellungnahmen, dass die gefundenen Tiere entweder abgestürzt sind oder dass die Kälber von ihren Müttern im Stich gelassen wurden als diese durch tiefen Schnee zur Fütterung zogen oder dass die Mütter abgestürzt sind und dadurch die Kälber zu Waisen wurden, die den Anschluss ans Rudel verloren und nicht mehr den Wechsel zu der rettenden Wildfütterung gefunden haben.

Fakt ist, dass die Untersuchung des Zustands der Kälber vor Ort keinen Hinweis auf Absturz der Tiere ergeben hat. Die Kälber lagen in flacher Umgebung und wiesen auch keine Knochenbrüche auf.

Fakt ist auch, dass Hirschkühe ihre Kälber nicht einfach verlassen würden und der Fundort der Kälber auch nicht die extremen Schneehöhen aufwies, wie in den Hochlagen. Die Kälber wurden auf etwa 600m üNN entdeckt.

Und Fakt ist, dass die „fehlenden“ Mütter so groß gewesen wären, dass ihre Kadaver in der Zwischenzeit gefunden worden wären. Acht Hirschkühe verschwinden nicht einfach.

2. Die Parkverwaltung behauptet, dass keine Muttertiere vom Parkpersonal geschossen worden wären.

Fakt ist, dass auch ehemalige Berufsjäger und Praktiker bestätigen, dass bei dem hohen Abschussdruck im Park selbst bei besten Absichten, Fehler passieren können. Das wurde vor allem in der BR Sendung sehr deutlich von einem ehemaligen Berufsjäger bestätigt.

Fakt ist dazu noch die Beobachtung von Einheimischen, dass schon im Dezember 2018 verwaiste Kälber an der Wildfütterung gegenüber St. Bartholomä beobachtet wurden. Es traten also im Laufe des vergangenen Winters tatsächlich verwaiste Kälber auf.

3. Die Parkverwaltung behauptet, die Rotwildkälber wären für den Adler als wichtige Nahrungsquelle ausgelegt worden, bzw. jetzt auf die Insel im Süden des Sees als „Adler-Futter“ geschafft worden.

Fakt ist Steinadler brauchen von März bis Juli Beute zur Aufzucht der Jungen. Fallwild, Gamskitze und Murmeltiere sind in der richtigen „Portionsgröße“ zum Transport in den Horst. Dabei sammeln und schlagen die Adler die Beute fast immer oberhalb des Horstes, um mit der schweren Last nach unten gleiten zu können.

Fakt ist auch, dass Steinadler mit einer Flügelspannweite von etwa 2 Meter, nicht durchs Gebüsch fliegen können. Aber dort lagen mindestens vier der toten Kälber. Aktuell wurden alle Kälber als „Fallwild-Ressource“ auf die dicht bewaldetet Insel gebracht. Dort sind sie für den Adler nicht nutzbar.

4. Im aktuellen Nationalparkplan werden große Bereiche als „Pflegezone“ ausgewiesen. Dort soll Forstwirtschaft so betrieben werden, um Schäden in den besiedelten Tallagen zu verhindern. Im Zentrum dieses Konzeptes steht eine drastische Bekämpfung der wildlebenden Pflanzenfresser, wie Rehe, Rotwild und Gams (siehe Nationalparkplan)

Fakt ist, dass die intensive Bejagung dieser Wildtiere auf über einem Viertel der gesamten Parkfläche stattfindet.

Fakt ist, dass keine Anstalten gemacht werden, auf das natürliche Verhalten und auf natürliche Wilddichten Rücksicht zu nehmen. Erkennbar ist das an den hohen Abschusszahlen und an der Weigerung natürliche Verluste bei den Wildtieren überhaupt wissen zu wollen.

Fakt ist, dass das Gamswild eine international geschützte Tierart ist. Sie wird in der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie nur unter bestimmten Bedingungen zur Jagd „freigegeben“. Die Nationalparkverwaltung bekämpft auf ihren Flächen jedoch diese geschützte Tierart.
Fakt ist schließlich, dass ein Nationalpark drei Dinge zu erfüllen hat: Naturschutz, Bildung und Forschung. Große Tierarten kommen heute im Nationalpark Berchtesgaden weder im Forschungs- noch im Bildungsprogramm vor. Einzig als „Störfaktoren“ erscheinen sie in den Angeboten des Parks („Waldmanagement und Wildbestandsregulierung”)

Weitere Informationen zu den Aktivitäten von „Wildes Bayern e.V.“ findet man auf der Webseite: www.wildes-bayern.de sowie auf www.facebook.com/wildesbayern

Beitragsbild: Mutmaßlich verhungertes Kalb im Nationalpark. Quelle: Wildes Bayern e.V.

Ein Gedanke zu „Verwaiste Kälber: Wildes Bayern verteidigt sich gegen Vorwürfe

  1. Carpe Diem.. jetzt erst recht

    Diese Geschichte liest sich wie die Missbrauchsfälle in der Kirche – alles geheim, alles undurchsichtig, Einblicke von Außen werden verweigert, und man will sich der ordentlichen Justiz und Rechtsprechung entziehen. als sei der “Nationalparkstatus” schon etwas unantastbares. Nennt Ross und Reiter einschließlich deren persönliche Verbindungen mit Parteien und öffentlichen Ämtern, denn von irgend wem braucht diese Nationalparkverwaltung ja Rückendeckung…….und tauscht diese Leute aus.

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