“Verhaltensauffälliger” Wolf darf getötet werden

Der angeblich “verhaltensauffällige” Wolf, der bei Mölln mehrere Schafe einer Herde gerissen hatte und sich dann nur widerwillig vom Riss vertreiben ließ, darf getötet werden. Das schleswig-holsteinische Umweltministerium hat dem zuständigen Wolfsbetreuer erstmals die Genehmigung erteilt, das Tier mit Gummigeschossen zu vertreiben oder notfalls gar zu erschießen. Das berichten die Kieler Nachrichten. Aber ist das nicht ein bisschen übertrieben? Es laufen so viele verhaltensgestörte Kreaturen herum, die schießt man ja auch nicht gleich alle tot. Wo käme man denn da hin? Vielleicht hat der Wolf ja ADHS, und mit einem Ritalin-präparierten Schaf dann und wann ließe sich das ganz ohne unnötige Brutalität beheben…

Andererseits: Vielleicht ist der gar nicht verhaltensgestört. Vielleicht hat das intelligente und anpassungsfähige Tier einfach die Erfahrung gemacht, dass von Menschen keine besondere Gefahr ausgeht. Warum sollte sich ein wehrhaftes Raubtier vor diesem Erfahrungshintergrund so ohne weiteres von seiner Beute vertreiben lassen? Man könnte es ja mal drauf ankommen lassen, wer der stärkere ist. Ich kenne Hunde – Hunde von der Statur eines Dackels! – die an der Futterquelle nicht einmal die Konkurrenz von Seiten ihres Besitzers dulden und jede Annäherung an den Fressnapf, solange dieser gefüllt ist, mit Knurren und Zähnefletschen quittieren. Soweit hat es dieser Wolf nicht ausgereizt: Als sich ihm ein Mensch auf zehn Meter näherte, ergriff er die Flucht. Was soll daran verhaltensauffällig sein?

Es ist doch wohl eher so, dass gewissen Leuten jetzt die unablässig wiederholte Lüge von der angeblichen “natürlichen Scheu” des Wolfs auf die Füße fällt. Das war abzusehen. Je mehr Wölfe es gibt, desto mehr Begegnungen gibt es zwischen Mensch und Isegrimm. Und auch wenn die überwältigende Mehrzahl dieser Begegnungen in aller Harmlosigkeit verläuft und dem beteiligten Menschen nicht mehr als ein beeindruckendes Naturerlebnis beschert – je häufiger es zu solchen Begegnungen kommt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es irgendwann zu Konflikten kommt. Zum Beispiel, wenn der Wolf im Schafsstall sich vom herbeieilenden Schäfer, den das Geblöke alarmiert hat, in die Enge gedrängt fühlt. Solche Vorfälle kommen in Ländern mit größerer Wolfspopulation, allem Leugnen zum Trotz, vor – wenn auch sehr selten.

Was, wenn das bei uns passiert? Es ist zu befürchten, dass die anfängliche Euphorie dann in Hysterie umschlägt. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, den Leuten von Anfang die Wahrheit zu sagen: Dass es ein bisher noch nicht dagewesenes – von einer vermuteten Bevölkerungsmehrheit nachdrücklich befürwortetes – Experiment ist, Großraubtiere in großer Zahl in einer so eng besiedelten Landschaft wie der unsrigen sich ansiedeln zu lassen. Dass wir nicht genau wissen, wie es ausgeht und ob und wenn ja zu welchen Konflikten es möglicherweise kommen wird – dass wir den Fortgang aber verfolgen und auf alle Eventualitäten in einer angemessenen vernunftgemäßen Weise reagieren werden. So ungefähr sähe m.E. eine ehrliche und verantwortungsvolle Position aus.

Das Wolfsexperiment tritt jetzt in eine spannende Phase ein. Bald werden wir wissen, ob die Leute in diesem Land wirklich mit einem Raubtier zusammen leben wollten – einem Raubtier, nicht wie es die sentimentale Phantasie des Großstädters zurechtidealisiert, sondern einem Raubtier, wie es wirklich ist. SE

Beitragsbild: Screenshot der Internetseite des MELUR SH, Copyright: MELUR.

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