Unzertrennlich

Als ich dann in meinem Bettchen liege, kommt auch der Schmerz. Die Narkose ließ nach und die ungeheuren Mengen Adrenalin und Endorphin, die mitfühlende Drüsen in meine Blutbahn gepumpt hatten, waren aufgebraucht. Ich warf eine von den zwei Schmerztabletten ein, die mir die fürsorgliche Ärztin mitgegeben hatte, nach einer halben Stunde waren die Schmerzen wieder weg. Total aufgedreht, wie ich war, konnte ich ewig nicht einschlafen.

Ich dachte über die merkwürdige Abwesenheit von Schmerz bei meinen diversen Missgeschicken nach. Nicht ohne Stolz blicke ich auf eine ganze Reihe teils übler Fahrrad-, Motorrad und Reitunfälle zurück. Einmal bin ich aus ziemlich hohem Tempo mit meiner Honda abgeschmiert. Es war Sommer, mein T-Shirt flatterte im Fahrtwind, für Handschuhe war es viel zu warm, deshalb steckten sie ja auch im Hosenbund meiner Shorts. Den halben Theodor-Heuss-Platz habe ich auf groteske und unwürdige Art rollend und kollernd überquert, während mein Motorrad kreischend und Funken sprühend neben mir über den Asphalt schlitterte. Ich wollte, dass es aufhört, wollte jetzt! sofort! stehen bleiben und aufstehen, aber es ging nicht, weil ich noch viel zu schnell war und mein Körper die Energie, die in ihm steckte, erst durch weitere endlose demütigende Umdrehungen abbauen musste. Endlich konnte ich mich aufrappeln und mein Motorrad auf den Bürgersteig schieben. Da war eine Ölspur, ruf die Polizei, dachte ich und ging, es war noch vor der Handy-Ära, in den nächstbesten Laden, einen Juwelier. “Entschuldigung, dürfte ich mal telefonieren?” Die Frau hinter dem Verkaufstresen antwortete nicht, kuckte mich nur an mit Augen wie Untertassen, dann ging ihr Mund auf, und ihre Lippen zitterten und zuckten so komisch, und ich wusste, die fängt gleich an zu schreien. Ich schaute an mir runter und verstand dann auch, warum. Dabei: So schlimm war es gar nicht, Ganzkörperschürfwunde, aber sonst alles noch dran. Auch da: Kein Schmerz.

Oft werde ich gefragt, warum ich zwei unterschiedliche Schuhe anhabe. Oder ob die Sandale von Gucci ist.

War es nicht erstaunlich, dass man den zerfetzten Zeh auf- und zuklappen und mit Tape umwickeln, dass ich damit Auto fahren konnte, ohne dass es im geringsten weh tat, während ich eine sanfte Berührung an der Zehenspitze doch deutlich spürte? “Sei froh, dass du das hast”, meinte X., die es wissen muss, “Andere schreien bei sowas wie am Spieß.” Vielleicht muss man sich einfach nur bei seinen Genen für die gut funktionierende körpereigene Drogenproduktion bedanken. Andererseits gibt es bestimmt Verletzungen, bei denen das auch nicht mehr hilft: Verbrennungen und Verbrühungen tun richtig weh. Und Bauchwunden, Quetschungen, Bänderrisse und dergleichen vermutlich auch.

Für einen Jäger ist es ein ziemlich naheliegender Gedanke, die eigenen Wehwehchen in Relation zu setzen zu den Verletzungen, die er seinen Beutetieren beibringt. In ‘Die grünen Hügel Afrikas’ beschreibt Hemingway eine üble Nacht im Lazarett, als sein “Arm zwischen Ellbogen und Schulter beinah abgebrochen” war: “Allein mit dem Schmerz in einer Nacht der fünften schlaflosen Woche dachte ich plötzlich, was wohl ein Hirsch fühlen würde, wenn du ihm die Schulter zerbrichst und er davonkommt (…).” Und “da ich ein bisschen wirr im Kopf war, dachte ich, was ich durchmache, sei vielleicht die Strafe für alle Jäger. Dann, als ich gesund wurde, kam ich zu dem Schluss, dass ich voll bezahlt hatte, falls es Strafe war, und dass ich jetzt wenigstens wusste, was ich tat. Ich tat nichts, was man mir nicht angetan hatte.” (Zit. n. dem Rowohlt Taschenbuch, Aufl. Juli 1999 aus der Übers. v. Annemarie Horschitz-Horst.)

Jedenfalls klassifizierten Jagdfreunde, denen ich von meinem kleinen Unfall erzählte, meine Verletzung schnell als “tiefen Hinterlaufschuss” und als ich Ihnen von meinem seltsamen Adrenalinrausch erzählte, überlegten wir, ob die Betäubung durch Endorphine im Schock nicht die Bedingung für die Jagd schlechthin ist: Denn in der Regel hast du ja nicht das Gefühl, dass ein beschossenes Tier leidet. Wäre es anders, würden sie klagen und schreien und sich in Schmerzen winden – was sie ja bei großer Angst, etwa wenn wildernde Hunde ein Reh reißen, durchaus können – würden wir nicht zur Jagd gehen. Da ist ein Schreck, vielleicht noch eine kurze Flucht, und dann Bewusstlosigkeit und Tod, wenn letzterer nicht sofort, “schockartig” eintritt, was der glücklicherweise häufige Idealfall ist. Wie sich Gebrech- und Weidwundschüsse anfühlen, will ich mir nicht mal vorstellen. Manchmal kommst du auf einer Nachsuche an ein Wundbett, wo das Stück den Erdboden vor Schmerz zerscharrt hat, was als unleugbarer Beweis verursachter Leiden immer für betretene Mienen sorgt.

Ich dachte, dass sich aus einer Verletzung alles ableiten lässt: Die Pflicht zur Nachsuche mit guten Hunden ebenso wie das schlechte Gefühl, wenn die Suche abgebrochen werden muss oder erst am nächsten Morgen stattfinden kann. Wenn du dir vorstellst, wie das Stück allein im Wundbett liegt und der Schmerz kommt, und dann gibt es kein Krankenhaus und keine fürsorgliche Assistenzärztin, keine Betäubung, keine OP und kein Antibiotikum. Irgendwann schlief ich dann ein. Stephan Elison

Horoskop

Ein paar Tage später eim Orthopäden im Warteraum mein Horoskop in der Gala gelesen. Am besten gefiel mir der Satz: “In Ihrer Freizeit lassen Sie es derzeit lieber ruhig angehen.” Der Rest wird dann wohl auch stimmen.

 

2 Gedanken zu „Unzertrennlich

  1. Joachim Ernst

    Nun wissen Sie also, wie sich ein Stück Rotwild “fühlt”, kurz bevor es in die Kühlkammer geschoben wird. Wenn Sie wieder einmal solche Selbstversuche durchführen, sollten Sie bedenken, das Stück Rotwild ist tot, wenn die Sache mit dem Riß und dem Knick kommt 🙂
    Von hier aus gute Besserung!

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  2. Gottfried Schnurr

    …tiefer Hinterlaufschuss…soso….:-) Mensch Stephan, Du sollst doch Wild zur Strecke bringen und nicht dich selbst !

    “Jeder Jäger wird mal ein Hase”. (Wilhelm Busch)

    In diesem Sinne auch von mir Gute Besserung !!

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