Unzertrennlich

“Hören Sie, der Zeh hängt nur noch an einem Faden, ich möchte das lieber selber machen”, sage ich zu der Schwester, die sich anschickt, den Tapeverband aufzudröseln. “Hach, ich will eigentlich gar nicht, dass Sie das sehen”, meint die Schwester, lässt mich aber machen. Als ich die letzte Lage Tape abziehe, den Zeh dabei vorsichtshalber festhaltend, sagt sie: “Oh Mann, und ich kann doch kein Blut sehen.” Guter Spruch, finde ich. Ich bin hellwach und supergesprächig und eine seltsame Euphorie hat sich meiner bemächtigt. Meine Wahrnehmung ist aufs äußerste geschärft und beschleunigt, kristallklar mein Denken – so muss es auf Koks sein. Ich fühle keinen Schmerz, gar keinen, die ganze Zeit nicht, von den ersten paar Millisekunden nach dem Knackpunkt mal abgesehen. Auch dann nicht, als die junge Assistenzärztin hereinkommt und meinen Zeh auf- und zuklappt. “Spüren Sie das?”, fragt sie und streicht mit dem Finger zart über die Zehenspitze. Es kitzelt. “Sowas habe ich noch nie gesehen. Ich rufe mal meinen Oberarzt an.” Sie telefoniert im Behandlungsraum: “Man kann den Zeh aufklappen und in die Fraktur hineinsehen. Er spürt aber alles und kann den Zeh bewegen.”

Roentgen

Vor dem Röntgen. Fotos: SE

Ein junger serbischer Pfleger schiebt mich zum Röntgen: “Hey Mann, wie hast Du das denn hinbekommen?” Ich verrate es ihm, und er nicht anerkennend: “Ich hab 14 Jahre Fußball im Verein gespielt, aber sowas habe ich noch nie gesehen.”, Alle sind irre nett und herzlich und lachen die ganze Zeit. Kommt mir zumindest so vor. Das Röntgenbild bestätigt, dass der Zeh im Gelenk sauber durch ist, also kriege ich eine örtliche Betäubung und die Assistenzärztin näht erst das Kapselgewebe und dann die Haut zusammen. Dabei unterhalten wir uns, erst über das, was sie gerade so an meinem Zeh macht, dann erzählt sie von ihren Zukunftsplänen und dass sie Kinder will, und ich rede jede Menge Stuss und bewundere ihre dunklen ausdrucksvollen Augen und ihre ruhige und konzentrierte Art, und dass ich sie nicht gefragt habe, ob sie zufällig auf geringfügig ältere Männer steht, die ihren Platz im Leben noch immer nicht gefunden haben, ist vielleicht das einzig heroische an dieser Geschichte.

Sieben_Stiche

Ein Zeh, sieben Stiche.

Dann kriege ich einen Großzehen-Cast, einen Gips um den großen Zeh mit einem Klettverschluss um den Vorderfuß, und auch die Gipsschwester ist so nett, deshalb quatsche ich auch die voll, und sie berichtet mir dafür von ihren Verletzungen beim Handball und von ihrem Verein und wie schwer ihr die Zeit ohne Sport während der Schwangerschaften gefallen ist. Die Ärztin, die die Frau meines Lebens hätte sein können, wenn ich nicht in einem Akt beispielloser Selbstverleugnung beschlossen hätte, ihr nicht im Weg stehen zu wollen, kommt nochmal rein und kuckt sich den Zeh an, und ich muss ihr versprechen, dass ich nicht mit dem Auto nach Hause fahre, und ich mache ein feierliches Gesicht und sage “Versprochen!” und setze mich ins Auto und fahre nach Hause. Was hätte ich auch sonst tun sollen?

2 Gedanken zu „Unzertrennlich

  1. Joachim Ernst

    Nun wissen Sie also, wie sich ein Stück Rotwild “fühlt”, kurz bevor es in die Kühlkammer geschoben wird. Wenn Sie wieder einmal solche Selbstversuche durchführen, sollten Sie bedenken, das Stück Rotwild ist tot, wenn die Sache mit dem Riß und dem Knick kommt 🙂
    Von hier aus gute Besserung!

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  2. Gottfried Schnurr

    …tiefer Hinterlaufschuss…soso….:-) Mensch Stephan, Du sollst doch Wild zur Strecke bringen und nicht dich selbst !

    “Jeder Jäger wird mal ein Hase”. (Wilhelm Busch)

    In diesem Sinne auch von mir Gute Besserung !!

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