Unzertrennlich

Heute werde ich was über meinen großen Zeh schreiben. Und zwar über den rechten. Der ist mir in letzter Zeit besonders ans Herz gewachsen, was wahrscheinlich damit zusammenhängt, dass dieser Zeh gerade damit beschäftigt ist, wieder da anzuwachsen, wo er hingehört: Nicht an mein Herz, sondern an meinen Fuß. Denn vor wenigen Tagen wäre es um ein Haar – oder, um bei der Wahrheit zu bleiben, um einen Hautfetzen – fast geschehen, dass der gewohnte, und, so weit ich mich erinnern kann, nie in Frage gestellte Zusammenhang zwischen meinem großen Zeh und mir, diese so unverbrüchlich scheinende Verbindung gelöst worden und mein Zeh und ich getrennte Wege gegangen wären. Wir waren unzertrennlich, und nun das.

Leider gibt es nicht einmal eine heroische Geschichte dazu zu erzählen. Es geschah nicht auf der Nachsuche durch den Biss einer erzürnten Bache, es war kein Fehlschuss und kein Ausrutscher mit der Motorsäge. Wir haben – ich zögere, mich zu dieser Peinlichkeit zu bekennen – nach dem Karate-Training barfuß Softball gespielt. Ja, Softball. Die Matten, mit denen das Dojo ausgelegt ist, haben eine Oberfläche wie aufgeraute Iso-Matten: extrem rutschhhemmend. Beim Versuch, den Ball mit dem Spann in das gegnerische Tor zu schlenzen, schrammte mein Zeh über den Boden, die Matten bremsten das Gleiten zu einem Hängenbleiben ab. Ich knickte um und sprang aus dem vollen Lauf mit dem vollen Körpergewicht auf meinen Zeh. Für einen Sekundenbruchteil muss ich auf diesem um 180 Grad nach hinten geklappten Zeh gestanden haben, dessen Spitze in diesem Moment folglich nach hinten zur Ferse gezeigt haben dürfte. Der Zeh sprang im vorderen Gelenkspalt auf, die Haut platzte wie ein Wiener Würstchen. Nur ein schmaler Steg zäher Haut an der Fußsohle hielt die Verbindung zwischen meinem Zeh und mir noch aufrecht.

Nach einigen Hüpfern ging ich in die Hocke und betrachtete den Riss, der durch meinen Zeh ging. Eine spontane jagdliche Assoziation half mir zu verstehen, was gerade passiert war: Ich dachte an das Abknicken der Rotwildläufe, bevor die Stücke in die Kühlkammer geschoben werden: Ein Schnitt durch die Haut an der richtigen Stelle unterhalb des Gelenks, und schon lässt sich der Lauf im Gelenkspalt Platz sparend und mit genau dem knöchernen Knacken knicken, mit dem eben mein Zeh gebrochen war. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der Trainer angerannt kam und wieder abdrehte. Am nächsten Tag bestätigte er mir am Telefon, dass ich die von ihm beschriebene seltsame Ellipse richtig gedeutet hatte: “Ich kuckte in deinen Zeh rein und dachte, das macht es jetzt nicht besser, wenn ich da draufkotze.” Ein anderer Schwarzgurt hielt mir eine Rolle Tape hin und sagte mit eigenartig gepresster Stimme: “Ich kann das nicht sehen, kannst du das selbst machen?” Ich klappte meinen Zeh also so hin, wie ich fand, dass er gehört und wickelte drei Lagen Tape rum. Dann ging ich in die Umkleidekabine, zog mich an und fuhr ins Krankenhaus.

In der Notaufnahme vom St. Gertrauden saß eine Schwester hinter so einer Art Schiebefenster und schrieb. Und schrieb. Irgendwann blickt sie auf und sagt: “Guten Abend, und was gibt’s bei Ihnen Schönes?”

“Offenen Bruch.”

Sie schenkt mir einen langen, prüfenden Blick.

“Sicher?”

“Ganz sicher.”

“Wo denn?”, fragt sie und ich zeige ihr meinen Zeh. “Ok, nehmen Sie kurz im Warteraum Platz.” Da ich mit meinem nackten, verletzten Fuß den zwangläufig von einer erlesenen Selektion fieser Keime besiedelten Boden im Warteraum nicht länger als unbedingt nötig berühren will, setze ich mich mit übergeschlagenem Bein in einen der verschlissenen Plastikschalensitze. Ich war nicht allein. Mir gegenüber saß eine türkische Familie, rechts davon ein älteres Ehepaar. Es war sehr still geworden. Alle starrten auf meinen Fuß. Aus dem Tapeverband floss ein dünnes, warmes Rinnsal die Fußsohle herunter. An der Ferse tropfte das Blut ab und bildete eine kleine Pfütze auf dem Fliesenboden. Ein Wundbett. Ich ging nochmal zu der Schwester und sagte, “Ich tropfe da alles voll”, und bekam einen blauen OP-Überschuh. Lange warten musste ich nicht.

2 Gedanken zu „Unzertrennlich

  1. Joachim Ernst

    Nun wissen Sie also, wie sich ein Stück Rotwild “fühlt”, kurz bevor es in die Kühlkammer geschoben wird. Wenn Sie wieder einmal solche Selbstversuche durchführen, sollten Sie bedenken, das Stück Rotwild ist tot, wenn die Sache mit dem Riß und dem Knick kommt 🙂
    Von hier aus gute Besserung!

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  2. Gottfried Schnurr

    …tiefer Hinterlaufschuss…soso….:-) Mensch Stephan, Du sollst doch Wild zur Strecke bringen und nicht dich selbst !

    “Jeder Jäger wird mal ein Hase”. (Wilhelm Busch)

    In diesem Sinne auch von mir Gute Besserung !!

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