Ukraine: Weniger Jagd, mehr Wolfsangriffe

Aus naheliegenden Gründen kommt die geregelte Jagd in Kriegsgebieten weitgehend zum Erliegen: “Es ist ein gewaltiges Risiko für Zivilisten, in Kriegszeiten mit einem Gewehr durch ein Feld zu laufen. Sie könnten auf eine Mine treten oder von einem Scharfschützen erschossen werden”, erklärt Viktor Storoschenko Leiter der Jagd- und Forstbehörde der ukrainischen Donezk-Region, wo es noch immer zu Gefechten zwischen den von Russland unterstützten Separatisten und ukrainischen Regierungstruppen kommt. In einem Bereich von 40 Kilometern um die Frontlinie ist die Jagd verboten, um möglicherweise folgenreiche Verwirrungen und Fehlannahmen über die Frage zu vermeiden, wer da schießt und auf wen, heißt es in dem Artikel “A Consequence of Ukraine’s War: Less Hunting, More Wolf Attacks” [Eine Konsequenz des Krieges in der Ukraine: Weniger Jagd, mehr Wolfsangriffe] in der New York Times.

Alexander Podlesnyi wurde “zu einem Extrembeispiel für die unbeabsichtigten Nebenwirkungen des Krieges”, schreib die NYT: Als er eines Morgens aus seinem Haus trat, um die Hühner zu füttern, nahm er wahr, dass etwas auf ihn lossprang, noch bevor er den Umriss als Wolf identifizieren konnte. Sein erster Gedanke sei gewesen, Wo kommt der denn her?, sein zweiter, nachdem der Wolf sich in seinen linken Arm verbissen hatte: Entweder ich töte ihn, oder er tötet mich.

Ein Nachbar stürmte herbei und versuchte, mit einem Montiereisen die Kiefer des Wolfs auseinander zu drücken. Ein Soldat von der Garnison auf der anderen Seite der Straße hörte den Tumult, rannte hinzu und tötete den Wolf mit zwei Schüssen in den Kopf. Der Wolf hatte an diesem Morgen bereits mehrere Tiere in der näheren Umgebung angegriffen. Er sei wahrscheinlich tollwütig, erklärte ein Amtstierarzt laut NYT, aber der Kadaver sei nicht untersucht worden, deshalb wisse man es nicht genau. Podlesnyi verbrachte zwei Wochen im Krankenhaus, danach bekam er noch weitere zwei Wochen vorbeugend Spritzen, um ihn gegen Tollwut zu impfen. Die Narben an seinem Arm und Handgelenk werden ihn sein Leben lang an den Vorfall erinnern.

Obwohl solche Vorfälle selten seien, machten sich Jäger und Dorfbewohner zunehmend Sorgen um die Sicherheit ihrer Kinder und Tiere. Zwischen Ende Februar und Anfang März sollen Wölfe neun Hunde in der Region getötet haben. Die Jagdorganisationen bemühten sich nach Kräften, die Gefahr der durch Füchse verbreiteten Tollwut zu minimieren und zugleich auch die weitere Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest (ASP) zu verhindern, die in der Ostukraine grassiert und die fleischverarbeitende Industrie fast zum Erliegen gebracht hat. Angesichts der angespannten Sicherheitslage ist an eine Intensivierung der Jagd nicht zu denken und wenn die Bejagung der Karnivoren weiter eingeschränkt werde, werde sich die Lage zu einem unkontrollierbaren Problem auswachsen, warnt ein Vertreter eines Jagd- und Fischereiverbandes. Wir können die Leute nicht in den Tod schicken, sagt der bereits zitierte Mitarbeiter der Forst- und Jagdbehörde, wer will dafür die Verantwortung übernehmen? Wer schießen wolle, könne ja gehen und gegen die Separatisten kämpfen…

Vor dem Krieg konnten Wölfe in der Donezk-Region regulär bejagt werden. In dem Gebiet gibt es jetzt etwa 300 Wölfe, 100 mehr als vor dem Krieg, so die NYT. Die wegen der Tollwutverbreitung höchst problematische Fuchspopulation soll sich seit dem Beginn des Krieges vervierfacht haben. SE

Beitragsbild; Headline des zitierten Beitrags in der NYT (Screenshot).

3 Gedanken zu „Ukraine: Weniger Jagd, mehr Wolfsangriffe

  1. Grimbart

    Zum Glück haben wir keinen Krieg und die Tollwut ist bei uns ausgerottet. Aber wehe wenn sich die Tollwut wieder ausbreiten würde bei unseren Wolfsbeständen. Allein Niedersachsen hat schon annähernd so viele Wölfe, wie die Ukraine.

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