Guns of London

Teil 1: Rigby und die Remembrance Poppies

London – das war die Traum-Destination meiner verkorksten Jugend. Musik, Movies, Mode, moderne Literatur – sprich: alles, was wirklich wichtig war – kam aus London oder stand in inniger Verbindung zu dieser Stadt, dem heiligen Gral der Anglophilen. Der Zeitgeist schien über den Wassern der Themse zu schweben, das Zentrum der Erdanziehungskraft irgendwo zwischen Hampstead und Greenwich zu verorten zu sein. Und war es nicht schon lange so? London sei die größte und großartigste (the biggest, and the greatest) Stadt der Welt, schrieb Joseph Conrad, Paris, verglichen mit London, nur “ein Quark, urteilte Fontane und wer Londons überdrüssig sei, sagt Samuel Johnson, der sei des Lebens überdrüssig: When a man is tired of London, he is tired of life.

Es wäre keine Zeitverschwendung, sich wochenlang einfach nur durch die Straßen dieser faszinierend lebendigen, vielfältigen, geschichtsträchtigen, boomenden Metropole treiben zu lassen, die unzähligen Museen und Galerien rechtfertigten ein Auslandssemester, die Kneipen, Bars und Pubs ein weiteres. Vor all diesem urbanen Glanz mag die Geschichte der berühmten Londoner Waffenmanufakturen nur als ein Randaspekt erscheinen. Doch auch für Kenner und Liebhaber feinster Jagdwaffen ist London ein einzigartiger Ort, stellt die London Best Gun den Höhepunkt traditionellen Büchsenmacherhandwerks auf allerhöchstem Niveau dar. Wir haben uns in den Showrooms der legendären Hersteller einmal umgesehen.

 

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London Canary Wharf.

Die erste Station galt der Firma John Rigby & Co., die von den berühmten Londoner Jagdwaffenherstellern wohl die wechselvollste Geschichte aufweist. Nach einem Verkauf im Jahr 1997 produzierte Rigby sogar vorübergehend in den USA – in Verkennung der Tatsache, dass eine London Best Gun wirklich nur aus London kommen kann.

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Showroom von Rigby in London.

Nach einem weiteren Verkauf kehrte Rigby 2010 nach London zurück. 2013 wurde Rigby von der Lüke-Gruppe übernommen, zu der u.a. die Jagdwaffenhersteller Blaser, Sauer und Mauser gehören. Seitdem ist Rigby unter Führung von Patricia Pugh und Marc Newton bestrebt, an die traditionsreiche Zusammenarbeit von Mauser und Rigby anzuknüpfen. Mauser hatte schon vor dem Ersten Weltkrieg die 98er Magnum-Systeme für die Großwildbüchsen von Rigby geliefert. Dem Vernehmen nach werden die Mauser-98er-Systeme mittlerweile auch wieder unter der Regie von Mauser gefertigt.

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Traditionsreich: Die Zusammenarbeit zwischen Mauser und Rigby.

Beim Abendessen gab Marc Newton eine interessante Antwort auf die Frage, was John Rigby wohl machen würde, wenn er heute lebte: “John Rigby war so ein innovativer Mensch”, sagte Marc, “Wahrscheinlich würde er die Blaser R8 importieren und mit einem Rigby-Stempel darauf verkaufen.” Ob er das auch gesagt hätte, wenn Rigby nicht zum Lüke-Imperium gehörte? Jedenfalls fragte ich ihn am nächsten Tag, wie er das gemeint habe und warum jemand sich nach dem Spruch noch einen Rigby-Repetierer kaufen sollte.

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Klassisches Handwerk: Ein Schäfter schneidet eine perfektionistische Fischhaut.

Seine Antwort: “Wir glauben, dass in unserem speziellen Segment, bei Waffen für die Jagd auf gefährliches Wild in Afrika, das 98er-System immer noch unübertroffen ist, was Sicherheit, Zuverlässigkeit und Unempfindlichkeit gegen Schmutz und Staub angeht. Das zusammen mit einem in der Tradition Londoner Best Guns auf Maß gefertigten Schaft, so dass die Waffe wie eine Flinte liegt – das ist immer noch die ideale Waffe für diese speziellen Bedingungen.” Gut gebrüllt, Löwe. Die Preise sind – das werden wir noch sehen – für eine Londoner Manufakturwaffe, die einen großen Namen trägt, vergleichsweise moderat. Marc Newton zufolge ist schon ab etwa 7500 Pfund aufwärts eine neue Rigby zu bekommen. Das ist wenig im Vergleich zu den Summen, die Sammler für bestimmte gut erhaltene Vorkriegs-Rigbys hinlegen. Das nach aufwärts jede Menge Spielraum ist, und die Waffen durch aufwändige Gravuren und Edelhölzer viel teurer werden können, ist klar.

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Aufwändige Gravuren wie an diesen Magazinkästen bei Rigby dürften auf der Wunschliste vieler Kunden stehen.

 

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Dem Staub keine Chance: Das Mauser-System wird akribisch genau und spielfrei in den Schaft eingepasst, das Holz liegt an. Das mag die Präzision beeinträchtigen, aber auf die kommt es beim Schuss auf Großwild aus kurzer Entfernung nicht so sehr an. Wichtiger ist absolute Zuverlässigkeit unter widrigsten Einsatzbedingungen.

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Rigby ist erfolgreich mit dem originalgetreuen Nachbau legendärer Waffen der Marke.

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Diese Waffe wurde dem Besitzer als Dank dafür überreicht, dass er einen berüchtigten menschenfressenden Tiger erlegt hat, woran die Medaille auf dem Schaft erinnert.

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Ein Foto erinnert an die Heldentat…

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… und auch in Abenteuerromanen hat der Name Rigby einen guten Klang.

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Anschussbild (über offene Visierung auf 65 Yards = 59,436 Meter) einer Rigby im Kaliber .416 Rigby.

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Die Geschäftsbücher mit den Namen und Bestellungen berühmter Jäger sind der Stolz der klassischen Gunmaker. Rigby musste sein Archiv (lt. Wikipedia) aus Privatbesitz zurückkaufen.

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“Use enough gun” à la Rigby: Marc Newton mit einer gewaltigen Doppelflinte.

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Lieferant bei Rigby: Schöne Grüße aus Isny

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100 Jahre Erster Weltkrieg: 800.000 Remembrance Poppies aus Keramik im Graben des Tower of London.

Rahmenprogramm an diesem Tag: Besuch der Poppies-Installation beim Tower of London. Die Sache mit den Poppies (poppy = Mohnblüte) war ein Teil der Gedenkfeierlichkeiten anlässlich des 100. Jahrestags des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs und geht zurück auf das Gedicht “In Flanders Fields” von John McCrae:

In Flanders fields the poppies blow
Between the crosses, row on row (…)

Das Gedicht machte die Mohnblüte zu einem Symbol des Gedenkens an die Toten des Ersten Weltkriegs. Es war erstaunlich zu sehen, wie viele Londoner eine der stilisierten Mohnblüten am Revers trugen, die überall von der Wohlfahrtsorganisation British Legion (die sich u.a. um Kriegshinterbliebene kümmert) verkauft (bzw. gegen eine Spende verschenkt) wurden.

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Poppy-gefüllter Tower-Graben mit ungefähr 1 Mio. Schaulustiger.

Text und Fotos: SE

Zur “London Excursion” hatte die Nürnberg Messe als Veranstalter der IWA im Vorfeld der Waffenmesse eingeladen. Die Reise fand im Dezember 2014 statt. Geladen waren einige handverlesene Fachjournalisten (d.i.: Waffenfreaks). Als einziger Vertreter der Jagdmedien nahm Jawina teil. Da das Rahmenprogramm teilweise thematische Bezüge zum Anlass der Reise aufwies, wird dieses in der Berichterstattung nicht ausgespart.

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