Tanz auf dem Rohr

Wir stehen am Schilfrand und warten auf die Gänse. Da, aufgrund der Tarnklamotten kaum wahrnehmbar, bewegt sich auf dem Uferdamm etwas auf mich zu. In seltsamen Zickzackbewegungen. Verstehe, es muss Jagdkumpel Christian sein, der die gründlich verinnerlichten Angewohnheiten aus alten Fallschirmjägertagen nicht ablegen kann. “Da drüben stehen Sauen auf dem Feld, haste Lust, wollen wir sie angehen?” “Klar”, sage ich und los geht’s. Stellt sich nur die Frage, wie wir den Graben überwinden sollen, der uns von dem Feld trennt: Zu breit, um drüberzuspringen, zu kalt, an diesem frostigen Novembertag, um zu schwimmen, zu übelriechend, um ihn zu durchwaten. “Da vorne ist so ein Rohr, da kommt ihr rüber”, verrät einer der Gänsejäger mit detaillierten Revierkenntnissen. Doch der Versuch, auf die andere Seite zu balancieren, scheitert an dem grünlich-feuchten, superglitschigen Moosbelag, der sich auf dem Rohr gebildet hat. Was nun?

Wieder einmal punktet Chris mit Techniken, die er sich wohl damals in entfernten Weltgegenden angeeignet hat: Sich mit den Händen auf dem Rohr abstützend, zieht er den Rest auf dem Hosenboden hinterher. Nach kurzem Zögern folge ich. Immerhin ging Chris als erster, der gröbste Dreck ist schon mal ab.

So geht das: Hände aufstützen, Hintern hinterherziehen. Angenehmer Nebeneffekt: Gründliche Rohrreinigung. Fotos: SE

Drüben schleichen wir geduckt am Ufer entlang, dorthin, wo die Sauen lagern. Geht man nahe am Kanal, erzeugt der Uferschlamm bei jedem Schritt ein Schmatzgeräusch, hält man größeren Abstand, so knistert das mit Raureif überzogene Gras. Ich sehe unsere Chancen schwinden. Und richtig. Als wir an der Suhle anlangen, finden wir nur die noch dampfenden Abdrücke der Sauenleiber vor – und eine Wolke intensiven Maggi-Geruchs. Also geht es auf dem selben Weg, inklusive Rohrüberquerung, wieder zurück. Danach ist das Rohr dann auch sauber.

Wir streifen weiter durchs Revier, eigentlich soll es heute um Gänse, Enten, Hasen und Fasane gehen. Zwei Graugänse und ein Hase kommen zur Strecke. Die Strecke war schon mal besser, aber das ist (beinahe) egal. Wir sind den ganzen Tag mit den Flinten in der Hand umhergestreift, die Hunde haben gut gearbeitet und am Nachmittag gibt es den wohlverdienten Jäger-Imbiss (siehe Bilder). Ein guter Tag… SE

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Der Fahrer wartet ungeduldig. Fotos: SE

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Jägersnack: Das sind (v.l.n.r.): Entenbrüste, Herz, Magen und Leber einer Gans, Krähenbrüste. Wird alles zusammen in einer großen Pfanne in Olivenöl mit viel Zwiebeln gebraten.

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Wunderbaum: Hier wachsen zwei Gänse, ein Hase (die Strecke dieses wunderschönen Jagdtags), Dorsche, Heringe und Regenbogenforellen. Alles selbst gefangen bzw. erlegt.

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Jagdterrier “Lümmel” erholt sich von einem anstrengenden Jagdtag.

 

2 Gedanken zu „Tanz auf dem Rohr

  1. André

    Hallo Stephan,

    Du beschreibst ein nachvollziehbares Jagderlebnis, welches nicht unmittelbar an eine große Strecke geknüpft ist, sondern vielmehr das beschreibt, was die Jagd ausmacht! Natur, Männerfreundschaft und Spaß!

    WMH André

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