Schlagwort-Archive: Rezension

T.H. Whites Habichtbuch gibt es endlich auf deutsch

In der Reihe Naturkunden des Berliner Verlags Matthes & Seitz ist eine deutsche Übersetzung von T.H. Whites The Goshawk erschienen. Wie alle Bücher aus der verdientermaßen erfolgreichen Reihe ist auch “Der Habicht” sehr schön gemacht: Vom festen Einband (Titel und Autorenname nicht etwa schnöde aufgedruckt, sondern tiefgeprägt) über Fadenheftung und Lesebändchen bis zum guten Papier und der feinen Typografie – ein Fest für Bibliophile. Doch auch wenn es nur für ein schmuckloses Reclambändchen gereicht hätte, wäre es sehr zu begrüßen, dass dieser Klassiker endlich auf Deutsch vorliegt. “Der Habicht” ist “ein schmales, sprachgewaltiges, komisches, tragisches, mutiges Bändchen über den furchtbar gescheiterten Versuch, einen Habicht abzutragen”. Aber es ist weit mehr als bloß ein Buch über Falknerei, ein auf uneitle Weise philosophisches Buch, in dem es um unser Verhältnis zu Tieren, zu Natur und Wildheit, zum Landleben und überhaupt um das richtige Leben – und Schreiben – geht.

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Intimrasur als Artenschutzproblem

Kees Moeliker, Der Entenmann – Eine Rezension von JAWINA-Leser JS

Kees Moeliker, Direktor des Naturhistorischen Museums Rotterdam ist: Der Entenmann, Edel Hamburg, 2018. Informativ und amüsant beschreibt er seine Beobachtungen zu allerlei seltsamen, aber keineswegs seltenem Tierverhalten wie z.B. über nekrophile Erpel, Spatzen mit riesigen Testikeln, angriffslustige Auerhühner und erbittert gegen Spiegelbilder kämpfende Amseln. Das Vordringen der Intimrasur mit dem Aussterben der Filzlaus in Verbindung zu bringen und als Artenschutzproblem zu erkennen, ist nur eines der Glanzstücke dieses Meisterwerks trockenen Humors.

Das Buch an sich kommt schmuck im Hardcover daher mit einem Portrait des Autors, welches Bände spricht. Mein Votum: Sehr zu empfehlen. JS

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Was Jagd ist und was nicht

Rezension Antje Joel: Jagd

In dem Buch von Antja Joel mit dem schlichten Titel “Jagd” geht es, wie ich in anderem Zusammenhang schon mal äußerte, eigentlich weniger um die Jagd als solche, sondern eher darum, was man in der Jagd sucht und nicht findet. Freiheit schon mal nicht: “Jagd in Deutschland ist nicht Freiheit. Es ist ein exklusives, streng limitiertes und reglementiertes “Vergnügen”. Stocksteif und starr wie Magda.” Magda ist die protofaschistische Ausbilderin in dem von Gruppenzwang und Konformitäts- und Zugehörigkeitsritualen geprägten Jungjägerkurs, den Joel seinerzeit besucht hat – eine Schilderung, die viele für authentisch halten dürften, da sie ähnliches erlebt haben. Seit sie vor ca. 20 Jahren die Jägerprüfung bestand, hat sie kein Stück Wild geschossen: “Ich bin kein Jäger. Ich war seit Ewigkeiten auf der Jagd. Hatte schon vor Jahren scheinbar jedes Interesse an ihr verloren. Meine Waffen verkauft. Vorbei. Ich dachte, das lag daran, dass die Jagd, so wie ich sie in braven deutschen Wäldern erlebt hatte, nicht meinen Vorstellungen von ihr entsprach. Nicht: lebhaft, natürlich, erfrischend. Sondern: behäbig, steril und altbacken. Ich dachte, es lag daran, dass ich mit den Jägern, wie ich sie in ernüchternder Überzahl kennengelernt hatte, nichts gemeinsam hatte.”

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Jagen für Landlust-Leser

Rezension Pauline de Bok: Beute

Pauline de Bok hat mit “Beute” etwas geschafft, was viele für unwahrscheinlich bis unmöglich gehalten hätten. Mit einem Jagdbuch – einem Pro-Jagd-Buch, genauer gesagt – auf die Bestsellerlisten zu gelangen. Ich muss sagen, so hundertprozentig erschließt sich mir bei der Lektüre nicht, was den erstaunlichen Erfolg dieses Buchs ausmacht. Es ist ohne Frage gut geschrieben und liest sich leicht und locker, streckenweise durchaus genussvoll, weg. In fachlicher Hinsicht bietet es erfahrenen Weidmännern und -frauen wenig, das ist aber auch nicht der Anspruch des Buchs, das stellenweise erstaunlich konventionelle Jagdprosa und Naturschilderungen der sattsam belkannten Sorte – “Die Sonne versinkt hinter der doppelten Baumreihe in der Ferne, wo ein überwucherter Hohlweg verläuft…” – aufbietet. Manche Kapitel könnten Überschriften-Klassiker tragen wie “Mein erster Rehbock” oder “Meine erste Drückjagd”. Tun sie aber nicht, zum Glück. Jäger und Nichtjäger werden aber – möglicherweise mit einer Prise Neid – die Schilderungen der ländlichen Idylle lesen, die sich de Bok mit ihrem ausgebauten Kuhstall in Mecklenburg-Vorpommern geschaffen hat.

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Räudiger Fuchs – entschwurbelt

WWW  (was in diesem Fall für Werte, Wandel, Weidgerechtigkeit) 2.01 ist im Schweizer Eichlmändli-Verlag erschienen. In den “Meditationen über den räudigen Fuchs” setzt sich der Verleger und Autor Alexander Schwab mit der Philosophie der Tierrechtsbewegung auseinander: “Die philosophische Energie der Ethikindustrie und der Missionseifer der Tierrechtsbewegung scheinen unerschöpflich. Der politische Rückhalt der Tierrechtsbewegung wird immer stärker und die Forderungen bezüglich der Jagd und anderer Land- bzw. Tiernutzungen (Angeln, Reiten, Zoos, Forschung, Landwirtschaft, Aquarien etc.) immer radikaler”, heißt es auf der Internetseite des Eichlmändli-Verlags. Das Thema ist, wie Alexander Schwab feststellt, aktuell und wird es bleiben. WWW 2.01 ist die gekürzte, präzisere und “vollständig entschwurbelte” [O-Ton Schwab] Neuauflage des von JAWINA lobend rezensierten WWW 2.0, das nur in einer limitierten Auflage verfügbar und deshalb bald vergriffen war. WWW 2.01 ist nicht limitiert, weshalb wir es hemmungslos empfehlen dürfen – was wir hiermit auch tun. Die Straffung ist dem Werk gut bekommen, es stellt nach wie vor eine gut geschriebene Einführung in und Darstellung der Tierrechts-Problematik dar – jetzt auch für Leute, die nicht allzu vertieft in philosophische Auseinandersetzungen einsteigen wollen. Bis zum 31. März ist WWW 2.01 zum Einführungspreis von 10 Schweizer Franken erhältlich. SE

WWW 2.01
Titel: Werte, Wandel, Weidgerechtigkeit – Meditationen über den räudigen Fuchs
Autor: Alexander Schwab
Ausstattung: Broschur, 128 Seiten s/w
ISBN: 978-3-033-06510-9

DAS (!) Buch zum Thema Wolf

Der Diplom-Politologe Frank N. Möller hat DAS Buch zum Thema Wölfe geschrieben: Denn anders als der vielleicht etwas unglücklich gewählte Titel “Zur Hölle mit den Wölfen” vermuten lässt, handelt es sich eben nicht um eine emotionale Auseinandersetzung mit dem Großraubtier in Form flammender Wutrede oder empört vorgebrachter Verwünschungen. Im Gegenteil: Möller behandelt seinen Gegenstand auf der Basis profunder Sachkenntnis, seine zwingende Argumentation belegt er mit wissenschaftlicher Akribie durch Quellennachweise und Zitatangaben. Bei all dem lässt sich das Buch auch noch flüssig und genussvoll lesen, es ist einfach gut geschrieben.

Möller ist Hobby-Astronom. Seinem Hobby geht er “in finsterer Nacht an irgendwelchen Feldwegen” nach, um der Lichtverschmutzung der Städte zu entgehen. Wie ist “die Situation einzuschätzen, wenn sich jemand allein und ungeschützt in der Dunkelheit aufhält, wo sich auch frei lebende Wölfe bewegen?” Das ist Möllers Ausgangsfrage. Um eine rational begründete Antwort zu finden, hat er die verfügbare Fachliteratur durchgearbeitet, die daraus gezogenen Erkenntnisse sind beunruhigend. In den ersten Kapiteln entkräftet Möller die unablässig wiederholten Mythen und Lügen von der “natürlichen Scheu” und der Ungefährlichkeit des Wolfs (an die JAWINA-Leser schon lange nicht mehr glauben…) durch eine beeindruckende Fallsammlung, um dann die Auswirkungen der Wiederbesiedlung der ländlichen Gegenden durch Wölfe zu beschreiben: Während den Menschen in den Städten weisgemacht werde, dass die Bevölkerung vor Ort die Wölfe akzeptiert habe, “weil ja nichts Schlimmes geschehe” (Möller, S. 446f.), handle es sich dabei in Wahrheit um eine Vertauschung von Ursache und Wirkung: “Es passiert eben nur deshalb nichts, weil die Menschen vorsichtig werden und sich nicht mehr frei bewegen. Sie ziehen sich zurück, d.h. sie führen ihre Hunde nicht mehr außerhalb des Dorfes aus, sie joggen nicht mehr, die Pferde werden in der Halle geritten, Kinder dürfen nicht mehr draußen spielen usw. Von Akzeptanz ist das weit entfernt – es ist schlicht das Gegenteil.”

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AAA in Afrika

Im Neumann-Neudamm-Verlag ist eine deutsche Übersetzung des Afrika-Klassikers “The Last of Old Africa” von Brian Nicholson unter dem Titel “Großwildjagd im alten Afrika” erschienen. In dem Buch schildert Nicholson seine Zeit als Berufsjäger und Wildhüter vor allem im Wildreservat Selous in Tansania. Es war, wie Nicholson selbst bekundet, “die große Zeit der Afrikajagd”. Monatelang war Nicholson mit Trägern in dem urwüchsigen, dünn besiedelten und kaum erschlossenen Wildparadies unterwegs. Er schoss Wild und angelte, um sich und seine Leute mit Fleisch zu versorgen, erlegte menschenfressende Löwen und Schadelefanten en masse. Dabei dienten seine Expeditionen auch der Sicherung und dem Erhalt des Selous, er erweiterte die Grenzen des Reservats, bekämpfte Wilderer, schuf eine funktionierende Verwaltung und erschloss mit der Trophäenjagd die wichtigste Geldquelle. “Zu Recht gilt er deshalb als einer der Väter dieses Reservats, das unter seiner Ägide zum größten Naturschutzgebiet in Afrika wurde”, schreibt Herausgeber Rolf Baldus in seinem Vorwort zu dem Werk. Bei allem Idealismus war natürlich auch “die Sucht nach Erleben und Abenteuer” eine starke Motivation – und es ist ein großes Vergnügen, sich von Schreibtisch und Couch hinwegzuträumen und Nicholson und seine Mannen beim Triple A (Aimlessly Arseing Around) im Busch zu begleiten. Dass man den mit vielen Fotos und Abbildungen opulent ausgestatteten dicken Schmöker gebannt in einem Zug durchliest, dazu trägt entscheidend die hervorragende und sorgfältige Übersetzung bei, die Rolf Baldus (nach einer Arbeitsübersetzung von Gert G. von Harling) erarbeitet hat.

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“Fakten statt Naturschwärmerei” – der neue Pfannenstiel

In der Einleitung zu seinem neuen Buch “Heute noch jagen?” beschreibt Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel die von Wald umgebenen Felder in der Nähe des Bauernhofs im Rhein-Main-Gebiet, wo er aufwuchs: “Beschaulichkeit und Stille dort [wurden] vom allgegenwärtigen Jubilieren der Feldlerchen noch betont. Wiesen waren bunt blühende Teppiche mit darüber schwebenden Wolken von Schmetterlingen und anderen Insekten. Lief man durch eine solche Wiese, stand alle paar Meter ein Hase auf, und an den Feldrändern waren immer wieder Rebhuhnketten zu beobachten. […] Heute ist der weitaus größte Teil dieser Flächen zugebaut, und das Dröhnen der Flugzeugturbinen des nahen Flughafens hat das Jubilieren der Lerchen abgelöst. […] Und da stellt sich dann die Frage, ob man in einer solchen Situation überhaupt noch jagen darf.”

Das ist der Ausgangspunkt. Was Hans-Dieter Pfannenstiel am Beispiel jener Wiesen und Felder beschreibt, ist als Befund ja verallgemeinerbar – sowohl in Hinblick auf die tatsächliche Naturzerstörung, als auch auf die daraus abgeleitete Stimmungslage. Wir alle sind einem unablässigen Bombardement mit ökologischen Hiobsbotschaften ausgesetzt: Artensterben, Klimawandel, Abholzung der Regenwälder, Ozonloch, Versauerung der Weltmeere, Erosion, Überbevölkerung uvm. Viele können in ihrer Umgebung beobachten, wie aller schönen Lippenbekenntnisse zum Trotz, immer mehr Flächen versiegelt werden, immer mehr Natur und Kulturlandschaft für neue Autobahnen, Umgehungsstraßen, Wohn- und Gewerbegebiete verschwinden oder mit Windrädern verspargelt werden. Vor diesem Hintergrund erscheint vielen die Bejagung von Wildtieren als Frevel, als Anachronismus und Atavismus, als zusätzliche und unnötige Gefährdung einer bedrohten Natur – und Forderungen nach Käseglocken-Naturschutz und Jagdverboten oder Jagdbeschränkungen aller Art, vom Kürzen des Katalogs jagdbarer Arten bis zu Jagdruhezonen in Nationalparks, als logische Konsequenz.

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Louise Gray: Die anständige Fleischfresserin

Louise Gray hat ein Sachbuch geschrieben, das mit ein wenig Augen-Zudrücken auch als Bildungsroman durchgehen würde: Ausgangspunkt der bemerkenswerten Entwicklung, die die Autorin durchläuft, ist die im Kreis ihrer urbanen Freunde halb im Scherz ausgesprochene Idee, ein Jahr lang nur Fleisch von Tieren zu essen, die sie selbst getötet hat. Sie merkt gleich, dass sie damit einen Nerv getroffen hat – Freunde und Kollegen sind fasziniert, sie spüren ihre Unwissenheit, wissen nicht, wie man ein Tier findet, schlachtet, verarbeitet und waren zugleich “hungrig nach einer Beziehung zu dem Fleisch, das sie aßen, und zur Natur im Allgemeinen”: “Mir war klar, dass ich meine Idee in die Tat umsetzen musste.”

Die ist der Auftakt zu “Richtig Tiere essen?!”, wobei der englische Originaltitel “The Ethical Carnivore” (Der ethische / moralische einwandfreie Fleischfresser) das Anliegen des Buchs besser wiedergibt. Als erstes Opfer und Repräsentanten ihrer Idee wählt Gray ein Kaninchen. Es endet im Debakel, jedenfalls fast: Beim Schuss auf das erste von ihr zu tötende Lebewesen ist Gray nervös, sie muckt und trifft zwar das Kaninchen – aber es schlägt noch einen Salto und verschwindet im Gebüsch. Louise Gray fühlt sich, als hätte sie “furchtbar etwas falsch gemacht”, als “schlechter Mensch”, der “furchtbares Leid verursacht” hat. Watership-Down-Assoziationen suchen sie heim (bezeichnenderweise machen ihr, als sie ihre Mission beginnt, immer wieder vermenschlichte Tierfiguren aus Büchern und Zeichentrickfilmen zu schaffen, die die damit verbundene infantile Gefühlswelt wachrufen), ihre Knie zittern, sie ist den Tränen sehr, sehr nahe. Während ihr Guide Steve die Suche aufgibt und in den Pub fährt, dreht Louise, schon auf der Heimfahrt, noch einmal um und sucht das Kaninchen, instinktiv jene Grundsätze befolgend, die deutsche Jäger als Weidgerechtigkeit bezeichnen. Sie zerreißt sich ihr Sweatshirt am Stacheldraht, zieht sich blutige Kratzer und Dornen im Gestrüpp zu – und findet das Kaninchen. Bei Steve und seinen Kumpels im dörflichen Pub erntet “diese merkwürdige Frau in schlammverdreckten Klamotten mit Blättern im Haar” dafür ehrliche Anerkennung. Ihre städtische Schwägerin kreischt: “Du hast ein Schmusetier getötet.”

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Zwei Meisterwerke

Helen Macdonald ‘H is for Hawk’ und T.H. White ‘The Goshawk’

Für alle, die es noch nicht mitbekommen haben: Das hier ist ein phantastisches, großartiges Buch. Helen Macdonalds “H is for Hawk” (H wie Habicht) gewann renommierte Preise – den Samuel Johnson Prize und den Costa Book Award), eroberte sich Top-Platzierungen auf Bestsellerlisten und erhielt hymnische Rezensionen gleich bündelweise, allein zwei davon in der New York Times: Dwight Garner schrieb, ihr Buch sei so gut, dass es geradezu schmerze, es zu lesen (“Her book is so good that, at times, it hurt me to read it”), Vicki Constantine Croke vergleicht Helen Macdonalds Worte mit Federn: So unfassbar schön, dass man ihre erstaunliche Konstruktion darüber kaum bemerkt (“… with words that mimic feathers, so impossibly pretty we don’t notice their astonishing engineering.”). Und nichts davon ist übertrieben. Es ist eines der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe – und ich meine nicht Jagdbücher, was ja eine ziemlich drastische Einschränkung wäre. Ich habe H is for Hawk dreimal hintereinander gelesen und mit Anmerkungen und Merkzetteln gespickt – eine Reverenz, die ich den wenigsten Büchern erweise…

Als Trauer und Schmerz nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters ihr den Boden unter den Füßen zu entziehen drohen, wächst in der erfahrenen Falknerin, die bisher umgänglichere Beizvögel bevorzugt hatte, der dringende Wunsch, ja, die Notwendigkeit, zum ersten Mal einen Habicht zu fliegen. Vermutlich die Wirkung der Selbstheilungskräfte einer durch massives Leid gefährdeten Psyche, ein komplizierter seelischer Prozess, für den es die eine rationale Begründung nicht gibt, Gründe aber durchaus. Da sind Erinnerungen an Ausflüge, die die Neunjährige mit ihrem Vater unternahm, um Greifvögel zu beobachten, es gibt Schilderungen der mystisch scheinenden Fähigkeit der Habichte, aus der Welt zu fallen: Über auf einer Beizjagd entflogene Habichte schreibt sie: “It seemed that the hawks couldn’t see us at all, that they’d slipped out of our world entirely and moved into another, wilder world from which humans had been utterly erased.” (Es schien, als ob die Habichte uns überhaupt nicht sehen könnten, als seien sie unserer Welt entschlüpft und hinübergezogen in eine andere, wildere Welt, aus der der Mensch vollständig herausgelöscht wurde.”). Sie beschreibt, wie ein gefangenes Habichtsweib freigelassen wird und im Nichts verschwindet: “It was as if she’d found a rent in the damp Gloucestershire air and slipped through it. That was the moment I kept replaying, over and over. That was the recurring dream. From then on, the hawk was inevitable.” (“Es war, als ob sie einen Riss in der nasskalten Luft von Gloucestershire gefunden hätte und hindurchgeschlüpft wäre. Das war der Moment, den ich in Gedanken immer und immer wieder abspielte, der wiederkehrende Traum. Von da an war der Habicht unausweichlich.”)

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Petra Ahne: Wölfe

Eine Kurzrezension von JAWINA-Leser JS:

Liebe Redaktion,

wieder ein kleiner Hinweis auf interessante einschlägige Literatur für Ihre schöne Internetseite: “Wölfe – ein Porträt” von Petra Ahne, (Naturkunden bei Matthes & Seiz, Berlin).

Schon wieder ein Buch über Wölfe – muss das sein?! Muss nicht, aber kann – und wenn es ein so blickreiches Porträt ist, wie es Petra Ahne zeichnet, sogar gerne. Neben dem Wort streitet hier auch das Bild für die Lektüre des Büchleins: Keine beliebigen Wolfsfotos, sondern Stiche, Grafiken, Zeichnungen und Gemälde in feiner Sortierung. Ein von Außen unauffälliges, Innen aber um so gehaltvolleres Vergnügen. Ich habe es mir schon mal gewissermaßen als Vorschuss auf Weihnachten vorab selbst geschenkt und gebe den Tip gerne weiter.JS

JAWINA dankt für die Empfehlung und das Einverständnis zur Veröffentlichung!

Bibliografische Angaben:

Petra Ahne, Judith Schalansky (Hg.)
Wölfe
Ein Portrait

Reihe: Naturkunden
144 Seiten, Hardcover (gebunden)
Illustration: Falk Nordmann

Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-95757-333-9
Preis: 18,00 €

Weinende Wildbiologen

Nicolette Krebitz: Wild – eine Rezension von René Kieselmann

Neu im Kino, der Film “Wild” von Nicolette Krebitz, in dem es nur vordergründig um die Begegnung mit einem Wolf geht. JAWINA-Leser René Kieselmann hat sich die Premiere angesehen und uns eine kleine Rezension verfasst:

Die Protagonistin Ania (famos: Lilith Stangenberg) wirkt zunächst unscheinbar, verletzlich, gelangweilt, gehemmt – sie arbeitet als IT-Spezialistin in einer Werbeagentur, in deren Kollegium sie sich nicht so recht einfügt. Das langweilige Leben in einer Plattenbausiedlung in Halle erfährt eine Zäsur, als Ania im Stadtpark einen Wolf erblickt – der Wendepunkt des Films. Von dieser Begegnung gefangen, verabschiedet sie sich nach und nach von sozialen Normen, lässt sich vom Instinkt treiben, kehrt zurück zum Ursprung. Aus Faszination wird Besessenheit.

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Rezension zur Nabu-Publikation “Leitfaden Pferd und Wolf”

“Solange man nicht ehrlich mit den Betroffenen umgeht, wird es keinen Frieden geben.”

Jawina-Leserin Regs hat in einem Leser-Kommentar zum Jawina-Beitrag über den vom Nabu herausgegebenen “Leitfaden Pferd und Wolf” auf eine Rezension hingewiesen, die sie über die Nabu-Publikation geschrieben und auf Facebook veröffentlicht hat. Die lesenswerte Rezension enthält aufschlussreiche Aussagen über den kreativen Umgang mit Fakten in der Wolfsdebatte. Deshalb geben wir sie hier mit freundlicher Genehmigung von Regs im Wortlaut wieder:

Pferd & Wolf – Wege zur Koexistenz
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Der “Arbeitskreis Pferd & Wolf” hat eine Broschüre heraus gegeben, die man als Buch oder kostenlos als PDF Datei beim Nabu herunterladen kann. Gleich vorweg – diejenigen Pferdeverbände, die sich dazu hergegeben haben, die VW-finanzierte Schrift gemeinsam mit den Nabu zu erstellen verlieren ihre Glaubwürdigkeit durch die Vermengung ihrer Inhalte mit den manipulativen Aussagen des Naturschutzbundes und haben sich damit keinen Gefallen getan.

Zitat: “Trotz einer kontinuierlichen Wolfsanwesenheit seit 2000 in
Deutschland und seit 2006 in Niedersachsen gab es bislang
(Stand August 2015) noch keinen verifizierten Übergriff von
Wölfen auf Pferde”

Wie das sein kann, lässt sich mit Blick in das Wildtiermanagement schnell feststellen. Dort gibt es acht Rissmeldungen von Fohlen/Pferden aus 2015 die allesamt entweder nicht bearbeitet wurden obwohl sie Monate alt sind oder es konnte keine Wolfs-DNA festgestellt werden – wie z.B. bei dem Fohlen in Borstel. Dort hatten zwar Phantome über Nacht 22 Kilo Fleisch von einem Fohlen genagt und daneben gesch… und gehaart aber direkt von dem Fohlen ließ sich nach Tage langem “abhängen” beim Wolfsberater leider kein Nachweis mehr führen.

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Der Geist des Altai

Galsan Tschinags tuwinische Geschichten

Dass es Galsan Tschinag und seine Bücher überhaupt gibt, ist fast schon ein kleines Wunder. Anfang der Vierziger Jahre wurde er im Altai-Gebirge geboren. Er gehört zum Stamm der Tuwa oder Tuwiner, deren Oberhaupt er heute ist. Tuwa, eine autonome Republik und Teil der Russischen Föderation, liegt im südlichsten Zipfel Sibiriens an der Grenze zur Mongolei. Der tuwinischen Tradition gemäß wuchs Galsan Tschinag als Nomade auf, zog mit dem Vieh von der Sommer- auf die Winterweide, ritt auf den kleinen, harten, zähen Pferden zur Jagd, lauschte abends in der Jurte den Gesängen der Schamanin. Aus dieser unendlich fernen und fremden Welt berichtet er – und das faszinierenderweise auf deutsch. So erhalten seine deutschsprachigen Leser eine eindringliche Schilderung des archaischen Lebens der Tuwiner aus erster Hand – und zugleich eine ziemlich präzise Vorstellung von der Härte einer wirklich “naturnahen” Existenz.

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Bücher: Dreimal Wilderei

Horst Eberhöfer, Der Wilderer im Nationalpark

Umschlag_EberhoeferIm 53 000 Hektar großen Nationalpark Stilfserjoch herrscht seit 1983 Jagdverbot. Und weil das Südtiroler Reviersystem das Jagdrecht an den Wohnort koppelt, dürfen die Menschen dort keine Jäger sein. Das fanden die ungerecht. Auch wollten die Bergler nicht zuschauen, wie die explosionsartig anwachsenden Rotwildbestände den für den Lawinenschutz wichtigen Bannwald kahlfraßen. So wurde der Nationalpark zu einer Hochburg der Wilderei. Ob Horst Eberhöfer so gute Gründe brauchte, ist indes fraglich, er wäre wohl ohnehin Wilderer geworden. Denn eigentlich, meint Eberhöfer, wäre der „gewöhnliche, zivilisierte Jäger“ viel lieber Wilderer, in dem noch „die Leidenschaft des Steinzeitmenschen“ am Werk sei. Mit geradezu steinzeitlicher Leidenschaft ist auch Eberhöfers Buch geschrieben. Er schildert, wie ihn sein Jagdtrieb weder arbeiten, noch schlafen lässt, wie Wilderei zur Sucht wird, wie ihn die Lust am Risiko dazu bringt, den dicksten Hirsch unter den Augen der Carabinieri zu schießen. Doch er verschweigt auch die Gefahren nicht: Die Hausdurchsuchungen, Verfolgungsjagden und Gefängnisaufenthalte ebenso wenig, wie Selbstekel und schlechtes Gewissen, die ihn befallen, wenn er „blind tötet“, statt zu jagen. Ein packendes Buch, das man in einem Zug durchliest.

143 Seiten, 18,50 Euro, ISBN 88-88118-16-0, Provinz Verlag w www.provinz-verlag.com

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