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“Von Furcht weiß ich nichts”

Warum in den Märchen der Brüder Grimm Jäger als harte Burschen voller Mitgefühl gezeichnet werden – ein Text von Robert Saemann-Ischenko.

Teil 2

Noch gefährlicher als Räuber, Wolf & Co.: Zwerge und Zauberinnen, Geister und Dämonen. Dieses Jenseitspersonal verflucht und verwandelt bevorzugt unschuldige Menschen („Jorinde war in eine Nachtigall verwandelt, die sang zicküth, zicküth“; aus „Jorinde und Joringel“), zwischendurch bestraft es aber auch mal aufs Krasseste die Richtigen, etwa das hartherzige Mädchen aus „Die drei Männlein im Walde“:

Da sprachen die kleinen Männer untereinander: »Was sollen wir ihm schenken, weil es so unartig ist und ein böses, neidisches Herz hat, das niemand etwas gönnt?« Der erste sprach: »Ich schenk ihm, dass es jeden Tag hässlicher wird.« Der zweite sprach: »Ich schenk ihm, dass ihm bei jedem Wort, das es spricht, eine Kröte aus dem Munde springt.« Der dritte sprach: »Ich schenk ihm, dass es eines unglücklichen Todes stirbt.«

Überhaupt sind in den frühen Märchen der Grimms drakonische Strafen allgegenwärtig, ebenso Angst und Einsamkeit, Willkür und Rohheit, Gewalt und Tod. Das Leben vieler Figuren ist bis ins Detail bestimmt von einer unerschütterlich erscheinenden und sozial fast undurchlässigen Ordnung – der König war von nahezu gottgleicher Allmacht, aber auch schon Dorfvorsteher oder beispielsweise der Lehrherr hatten die Macht, anderen das Leben zur Hölle zu machen.

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„Von Furcht weiß ich nichts“

Warum in den Märchen der Brüder Grimm Jäger als harte Burschen voller Mitgefühl gezeichnet werden – ein Text von Robert Saemann-Ischenko.

Teil 1

Von fast allem, was sich über die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm sagen läßt, trifft auch das Gegenteil zu. Sie huldigen der Tugendhaftigkeit und der Kernfamilie, die Märchen – bersten aber immer noch vor Lebens- und sonstiger Lust. Manche spielen in einer rein literarischen Mittelalterkulisse, andere schildern mit fast schon soziologischer Genauigkeit das bäuerliche Deutschland des 17. und 18. Jahrhunderts („Das Heiraten ist eine Freude und ist auch eine Qual“, heißt’s so schön in „Die drei Männlein im Walde“). Im Wald der Märchen wollen einerseits immerzu Räuber, Tiere und Hexen dem Menschen ans Leben, doch findet er genau und nur dort auch Schutz und Beschützer. Ein Berufsstand allerdings kommt bei den Grimms durchweg und fast ausnahmslos positiv weg, und das sind die Jäger.

Aus einem historischen Einzugsbereich von über 500 Jahren stammen die Märchen, die Jacob und Wilhelm Grimm zusammengestellt haben. Schwänke finden sich darin ebenso wie mündlich überlieferte Volksmärchen, von Schriftstellern verfaßte Kunstmärchen, Legenden, Ursprungsgeschichten. Eine kleine statistische Auswertung ergibt, dass in 211 Märchen der Grimms Jagd/Jagen/Jäger 31mal erwähnt wird, also in jedem siebten. Und zwar spielt die Jagd naturgemäß in den volkstümlichen Schwänken keine Rolle – eine um so größere aber in den Märchen mit mittelalterlichem Kolorit.

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