T.H. Whites Habichtbuch gibt es endlich auf deutsch

In der Reihe Naturkunden des Berliner Verlags Matthes & Seitz ist eine deutsche Übersetzung von T.H. Whites The Goshawk erschienen. Wie alle Bücher aus der verdientermaßen erfolgreichen Reihe ist auch “Der Habicht” sehr schön gemacht: Vom festen Einband (Titel und Autorenname nicht etwa schnöde aufgedruckt, sondern tiefgeprägt) über Fadenheftung und Lesebändchen bis zum guten Papier und der feinen Typografie – ein Fest für Bibliophile. Doch auch wenn es nur für ein schmuckloses Reclambändchen gereicht hätte, wäre es sehr zu begrüßen, dass dieser Klassiker endlich auf Deutsch vorliegt. “Der Habicht” ist “ein schmales, sprachgewaltiges, komisches, tragisches, mutiges Bändchen über den furchtbar gescheiterten Versuch, einen Habicht abzutragen”. Aber es ist weit mehr als bloß ein Buch über Falknerei, ein auf uneitle Weise philosophisches Buch, in dem es um unser Verhältnis zu Tieren, zu Natur und Wildheit, zum Landleben und überhaupt um das richtige Leben – und Schreiben – geht.

Also: Unbedingte Kauf- und Leseempfehlung.

Ausführlich habe ich mich hier schon zu The Goshawk geäußert und will mich hier nicht wiederholen.

Noch ein paar Worte zur Übersetzung, die überall gelobt wird. Man fragt sich ja schon, aufgrund welcher Kriterien Rezensenten eine Übersetzung loben, die offenbar das Original nicht kennen. “Liest sich gut und flüssig, also ist die Übersetzung gut”, so etwa wird es wohl laufen. “Der Habicht” liest sich in der deutschen Übersetzung tatsächlich gut und flüssig, einen Eindruck von der kraftvollen Intensität des Originals vermittelt sie jedoch nicht. Was bei T.H. White z.B. sehr komisch ist (etwa seine mühsam unterdrückten Wutausbrüche und Gewaltfantasien angesichts der Renitenz seines Habichts) oder sehr bewegend, wirkt in der deutschen Version stark abgeschwächt – der übliche Fernrohreffekt einer Übersetzung halt.

Bedenklicher ist, dass man schon auf Seite 2 des Texts auf einen fetten Übersetzungsfehler stößt, weil einen eine seltsame Formulierung stutzen lässt: “[…] als zwei Freunde vorbeikamen, deren trauriges Kollegenschicksal ich in letzter Zeit verfolgt hatte;[…]”, heißt es da. Wie oder warum sollte er das tun? T.H. White als eine Art Stalker, der traurige Kollegen oder Schicksale verfolgt? Rätselhaft.

Im Original heißt der Satz “[…] when two friends whose sad employment I had lately followed came to take me to a public house […]” Also etwa: … als zwei Freunde vorbeikamen, deren traurigen Job ich bis vor kurzem ausgeübt hatte […]”. White hatte als Englischlehrer an einer Schule in der Nähe des Cottages gearbeitet, die Tätigkeit jedoch als deprimierend empfunden und daher gekündigt, um sich in dem Häuschen (das, wenn ich mich recht entsinne, auf dem weitläufigen Parkgelände der Schule lag) dem Schreiben zu widmen. Zwei befreundete Ex-Kollegen kamen vorbei, um ihn zu einem Kneipenbesuch abzuholen. Ein seltsamer, Unverständlichkeit produzierender Übertragungsfehler auf Google-Übersetzer-Niveau an einer völlig unproblematischen Stelle – wollen wir hoffen, dass es der einzige Lapsus dieser Art und Güte ist. SE

Beitragsbild: Einband von T.H. White, Der Habicht, erschienen in der Reihe “Naturkunden” bei Matthes & Seitz. (Grafik: Hersteller)

Terence Hanbury White, Judith Schalansky (Hg.)
Der Habicht

Reihe: Naturkunden Bd. 047
188 Seiten, Gebunden
Helen Macdonald (Vorwort)
Cord Riechelmann (Nachwort)

Originaltitel: The Goshawk (Englisch)
Übersetzung: Ulrike Kretschmer

Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-95757-642-2
Preis: 30,00 €

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