Symposium Artenschutz und Prädatoren: “Schonzeit für Jungtiere von Prädatoren provoziert weitere Verluste rückläufiger Arten”

Lässt die Bejagung von Waschbär und Co. den Raubwildbestand erst recht in die Höhe schnellen? Dieses von Jagdgegnern und Tierschützern bejahte Dogma wiesen der Biologe Prof. Hans-Dieter Pfannenstiel sowie Fangjagdexperten auf dem Symposium „Artenschutz und Prädatoren“ der Jägervereinigung Oberhessen am 29.8. in Grünberg (Kreis Gießen) entschieden zurück. Pfannenstiel: „Die Lebensraumkapazität bildet die Obergrenze. Bejagung senkt die Prädatorendichte.“

Zwar versuche das Raubwild (ebenso wie Schalenwild) Bejagung durch eine höhere Reproduktionsrate auszugleichen. „Aufgabe der Jäger ist es daher“, so der Zoologe, „zur Hege des Niederwilds und zum Schutz bedrohter Arten die Beutegreifer (einschließlich Schwarzwild) dauerhaft unterhalb dieser Kapazitätsgrenze zu halten“. Deshalb ist nach den Worten des emeritierten Hochschullehrers der FU Berlin eine intensive und dauerhafte Prädatorenbejagung unerlässlich. Pfannenstiel: „Eine Schonzeit auch für Jungtiere von Prädatoren provoziert weitere Verluste rückläufiger Arten.“

„Zur Raubwildbejagung ist der Einsatz von Fallen unverzichtbar“, betonte Berufsjäger Christian Lintow, der für die Wildlandstiftung Bayern sieben Jahre lang das Birkhuhn-Schutzprojekt in der Rhön begleitet hat. Das Birkwild hatte dort einen absoluten Tiefstand erreicht. Durch die Auswilderung von schwedischen Rauhfußhühnern, ein dichtes Fallennetz und Lebensraumverbesserungen stieg die Birkwildpopulation wieder an. Lintow empfahl deshalb den Jägern, „die Fangjagd auszuüben, wo und wann es möglich ist.“ Dafür müsse die Politik jagdgesetzlich die Weichen stellen.

„In Hessen müssen die gesetzlichen Vorschriften zugunsten der Raubwildbejagung geändert werden“, forderte Thomas Fuchs. Denn ausgerechnet in den Monaten März, Juni und Juli – wenn der Waschbär in Hessen Schonzeit genießt – hat der Journalist, Jäger und Hundeführer im Jahresablauf in seinem niedersächsischen Niederwildrevier in Kastenfallen die meisten Waschbären gefangen. Diese Lebendfallen ermöglichen es, eventuell gefangene Elterntiere unversehrt freizulassen. Den größten Fangerfolg verzeichnete er an einem Teichgebiet. „Der Teichbesitzer berichtete, dass seither wieder mehr Amphibien zu sehen sind“, sagte Fuchs. Im Sinne des Artenschutzes sollten die Anreize für die Fangjagd verstärkt werden.

„Tierschutz ist unteilbar“, unterstrich der Tiermediziner Prof. Michael Lierz. Deshalb müssten für den Fang einer Maus durch Privatleute oder von Waschbären durch Jäger grundsätzlich die gleichen Anforderungen an die Fallen und die Fallensteller gestellt werden. „Stets darf den Tieren nicht mehr Schmerz zugefügt werden, als unvermeidbar ist“, sagte Lierz, der auch als Vorsitzender des Arbeitskreises Wildbiologie (AKW) an der Gießener Universität fungiert. Der Uni-Veterinär forderte, alle zulässigen Fallentypen nach dem „Übereinkommen über internationale humane Fangnormen“ (AIHTS) zu prüfen und zu zertifizieren. (Laut Deutschem Jagdverband/DJV sind die gängigen Fallentypen schon erfolgreich geprüft, aber noch nicht offiziell zertifiziert worden).

Tests des AKW mit der Krefelder Fuchsfalle, die für den Waschbärfang geeignet ist, haben laut Lierz gezeigt, dass das Wohlbefinden der gefangenen Tiere durch das Fanggerät nicht gravierend beeinträchtigt worden sei. Der Tiermediziner folgerte daraus: „Ein Verbot der Fallenjagd ist nicht begründbar.“ Um mit der Fangjagd Artenschutz und Niederwild effektiv zu fördern, müsse diese jedoch während der Jagdzeit konsequent betrieben werden. Damit könne auch die Population der Waschbären reduziert werden, selbst wenn diese eine gewisse Schonzeit hätten. Deren Jagdzeit sollte aber laut Lierz „nach vorne erweitert werden“.

Waschbären könnten doch kastriert und wieder ausgesetzt werden, regte die jagd- und tierschutzpolitische Sprecherin der grünen Landtagsfraktion, Ursula Hammann, in der lebhaften Diskussion an. Dabei vergaß sie offenbar, dass die Tiere zuvor in Fallen gefangen werden müssen und die EU das Aussetzen von invasiven Arten untersagt. Zudem hatten die demonstrierenden Jagdgegner, von denen viele ganz offensichtlich den Grünen nahestehen, zuvor die Fallenjagd ausdrücklich verdammt.

Die jagdpolitische Sprecherin der FDP, Wiebke Knell, und ihr SPD-Kollege Heinz Lotz sprachen sich für die ganzjährige Bejagung von Prädatoren-Jungen aus. Beide forderten, in Hessen wieder die früheren, längeren Jagdzeiten für Raubwild einzuführen, die 2016 durch die neue Jagdverordnung verkürzt worden waren. „Frau Hinz macht eine Politik gegen jene Gruppen, die sie eigentlich vertreten müsste, gegen Jäger, Angler und Landwirte“, kritisierte Wiebke Knell. „Schon der gesunde Menschenverstand besagt, dass der Waschbär als invasive Art nur in verträglichem Maß vorhanden sein sollte“, betonte Heinz Lotz. Der jagdpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Dr. Walter Arnold, nahm trotz Zusage nicht an der Veranstaltung teil.
Dabei diskutierten auch Jagdgegner mit, denen der Vorsitzende der Jägervereinigung Oberhessen und Organisator der Veranstaltung, Helmut Nickel, in souveräner Weise die Teilnahme an der Veranstaltung ermöglicht hatte. Hubert Weidmann

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Beitragsbild: Podium beim Symposium „Artenschutz und Prädatoren“ der Jägervereinigung Oberhessen. Quelle: Jägervereinigung Oberhessen

12 Gedanken zu „Symposium Artenschutz und Prädatoren: “Schonzeit für Jungtiere von Prädatoren provoziert weitere Verluste rückläufiger Arten”

  1. Hans-Dieter Pfannenstiel

    Das “Argument”, Bejagung kurbele nur die Fortpflanzung an und führe damit zur Erhöhung von Tierbeständen, habe ich nicht nur zurückgewiesen. Ich hoffe, dass ich dieses Pseudoargument durch meinen Vortrag ad absurdum führen konnte. Allerdings erlebe ich immer wieder in Diskussionen mit ideologischen Naturschützern, dass man gegen eine Wand redet. Am nächsten Tag erzählen die fröhlich und vollkommen schmerzfrei wieder den selben Unsinn!

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    1. Kr.-Itisch

      Das Weltbild von Verbrämten, ideologisch Indoktrinierten oder sonstigen Fanatikern zu ändern, ist vergebene Liebesmüh. Das ist überall das gleiche egal ob es sich um Jagd- oder Impfgegner, (militante) Veganer oder Homöopathen, alle Radikalen des politischen Spektrums etc. geht. Viel wichtiger ist es, die zu erreichen, die noch klar denken können, aber durch die Dauerbeschallung dieser Gruppen ihr Weltbild nach und nach verändern, nach dem Motto: steter Tropfen höhlt den Stein. In Diskussionen mit „normalen“ Menschen zum Thema Wachbär oder Fuchs, merkt man deutlich, dass sich die Argumentation der Jagdgegner wie selbstverständlich findet. Argumente pro Prädatorenbejagung sind meistens überhaupt nicht bekannt.

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  2. Edelmann

    So lange von Seiten der Jägerschaft stets der “Abschuss” propagiert wird, um Probleme zu lösen, bin ich froh, dass die Deutungshoheit über die Natur nicht bei der Jägerschaft liegt.
    Lösungsvorschläge, die nur die eigene Notwendigkeit fördern, stehen bei mir grundsätzlich unter Vorbehalt.
    Welche Tiere müssen denn als nächstes geschossen werden, wenn nach der Fuchsbejagung die Niederwilddichte immer noch nicht zunimmt?
    Sind dann die Raubvögel die schuldigen Prädatoren.

    Aktuell sehe ich hier sehr wenig Hasen, bis zur Trockenheit waren in jeder Flurlage (Mittelgebirgslage, Wiesen, Weiden, Wald) Feldhasen regelmäßig sichtbar.
    Seit Juni (nach dem 1. Schnitt/Abweiden) gab es hier keinen wesentlichen Zuwachs (Grünland) mehr. Die Wuchshöhe liegt bei 5-8 cm, keine Deckung, weite Wege zu Bachläufen.
    Und was wurde diese Woche entsprechend der guten landwirtschaftlichen Praxis vorgenommen?
    Großflächige Herbizidbehandlung gegen zweikeimblättrige Pflanzen, die etwas trockenresistenter waren als das Weidelgras.
    Nach dem Regen erwarte ich die Gülleausbringung auf den herbizidbehandelten Großlagen, denn ab dem 1. November beginnt die Sperrfrist auf Grünland.
    Und dann will man mit der Tötung von Prädatoren den Niederwildbestand retten?
    Andere werden dann vom Wegfall der Prädatoren ihren Vorteil ziehen.
    Ich befürchte eine Mäusedichte, die zukünftig flächendeckende Rodentizidanwendungen nach sich zieht.
    Ironie-Modus an: “Schießen Jäger eigentlich auch Mäuse?”

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    1. Ralf

      Habe ich was verpasst, Herr Edelmann? Geht’s hier nur um den Mäuse fressenden Fuchs, oder doch vielleicht in erster Linie eher um den Waschbär und andere Prädatoren?
      Die Prädatorendichte zu verringern dient nicht der Niederwildzunahme und stellt keinen Faktor der Niederwildhege dar?

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  3. Joachim

    Wenn die Jagd auf Prädatoren deren Bestand steigen lässt, dann verstehe ich nicht, warum die Wolfsfreunde etwas gegen die Jagd auf diesen haben ???

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  4. Ronbi

    “Die Lebensraumkapazität bildet die Obergrenze. Bejagung senkt die Prädatorendichte.”
    Binsenweisheiten.
    Nur, warum hat die starke Fuchsbejagung seinerzeit nichts an den Seuchenzügen der Tollwut geändert?
    Warum ist es der Jagd bis heute nicht möglich, signifikant in die Wildschweinpopulationen einzugreifen?
    Abgesehen davon, wo nichts mehr ist, etwa Rebhühner, kann auch nicht positiv eingegriffen werden.
    A und O ist unsere Art der Land- und Forstwirtschaft.
    Wenn Agrarpflanzen zu dicht stehen, wenn jeder Quadratmillimeter genutzt wird, wenn Mahd genau dann stattfindet, wenn die Jungenaufzucht ihren Höhepunkt hat, dann brauch man keine Symposien über die Jagd.
    Die Jagd kann auch nicht richten, was Landwirtschaft verbockt.

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    1. Ralf

      So ist es. Den Jagdgegnern braucht man auch nicht mit “sich etwas erjagen” kommen. Auch wenn es wesentlich wäre. Habe eben drüber nachgedacht, wie es dazu kam, dass ich den Jägerlehrgang der hiesigen Jägerschaft besuchen wollte.
      Es war ein Erlebnis als Realschüler (ohne Jagdschein und natürlich ohne Gewehr).
      Ich saß einen Nachmittag im Pirschbezirk meines Vaters in einem Staatsforstrevier im westlichen Bereich Sachsen-Anhalts an. Dort hatte ich den Anblick eines vermutlich verkehrsverunfallten Stückes Schwarzwild (Frischling mit fehlender Schwarte auf der linken Seite)….
      Ich hatte keine Möglichkeit, das Leiden zu beenden- hätte es der Notwendigkeit halber so schnell wie möglich beenden wollen- hatte aber keine Möglichkeit dazu. Ein Gefühl der Ohnmacht überkam mich. Ich konnte nichts machen, um den Frischling von seinen Leiden zu erlösen.
      Das war der Moment, in dem ich beschloss, den Jagdschein machen zu wollen.
      Mein mittlerweile verstorbener Vater konnte den Frischling am Morgen darauf erlösen…
      Ist Jagd wirklich “böse”?

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      1. Edelmann

        Diese Geschichte haben Sie vor Wochen schon einmal geschrieben, damals ohne den Zusatz “vermutlich verkehrsverunfallten Stückes Schwarzwild”.
        Mein Gedanke damals war, wenn der Frischling aufgrund einer Schussverletzung so leiden musste, wird die Begründung der Erlösung durch jagdliches Können absurd. Es wird beides geben, “Jagd als Erlösung” und “Jagd als Ursache für Leid”.
        Neulich war ein Bericht von einem Jagdunfall früh morgens vor dem Berufsverkehr. Zum Glück war rein zufällig der Jagdpächter in der Nähe und konnte sofort das Tier erlösen. Für mich ist die Wahrscheinlich ziemlich groß, dass das Tier vielleicht gerade vor diesem Jäger geflohen war.
        Meistens rennen Tiere nicht kopflos über die Fahrbahn – außer sie flüchten.
        Was mir bei der Prädatorenbejagung im Frühjahr missfällt ist, dass im Herbst getötete Tiere sich nicht im Frühjahr vermehren können.
        Für mich klingt das so, als würde man im Herbst vorrangig “Wildbret” jagen für die Gastronomie und den Festtagsbraten und wenn im Frühjahr das “Wildbret” Schonzeit hat, kümmert man sich dann um die Prädatoren – damit sich das Ansitzen lohnt.
        Tierschutz ist im Grundgesetz verankert und hat aus gutem Grund Vorrang vor Jagdschutz.

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    2. Grimbart

      Am Wetter und der Landwirtschaft können wir nichts ändern. Die einzige Stellschraube an der wir drehen können ist die Prädatorendichte um nicht nur dem Wild sondern auch anderen bedrohten Arten zu helfen. Es gibt genügend Untersuchungen, die dies auch belegen. Das es Fehlentwicklungen für die Biodiversität in der Landwirtschaft gegeben hat un immer noch gibt, will ich gar nicht bestreiten, nur ist es keinem Landwirt noch möglich so wie vor 30 oder 40 Jahren zu wirtschaften. Flurbereinigungen lassen sich wohl nur schwierig rückgänging machen, um wieder zu kleinen Schlägen mit dementsprechend vielen Randstrukturen zu gelangen. Die Zeiten sind vorbei. Land zur Verfügung gestellt für Hegemaßnahmen? Früher leichter möglich, heute bei den Pachtpreisen? Noch sollte wir aber nicht die Flinte ins Korn werfen.

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  5. Ronbi

    Wir alle, also der Staat kann. Ausgleichszahlungen für breite Feldraine und Heckenstreifen. Flächen gegen Geld komplett aus der Produktion nehmen.
    Und der Staatsforst kann erst recht, das unsinnige Mulchen, der Wegränder beiben lassen.

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    1. Grimbart

      Ein Flächenstillegungsprogramm hatten wir mal vor dem Atomausstieg. Diese Flächen sind alle wieder unter den Pflug genommen worden und dort wird jetzt Mais angebaut für die ach so ökologischen Biogasanlagen. Land ist nun mal ein endliches Gut und kann nicht vermehrt werden.

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