Studie: Wildwarnreflektoren sind wirkungslos

Eine im Auftrag der Unfallforschung der Versicherer (UDV)  Von Universität Göttingen in Kooperation mit der Universität Zürich unter der Leitung des Göttinger Waldökologen Prof. Dr. Christian Ammer erstellte Studie kommt zu dem Ergebnis, das Wildwarnreflektoren wirkungslos sind. Die zentrale Frage war, ob neuartige blaue oder mehrfarbige Reflektoren die Anzahl der Wildunfälle nachhaltig reduzieren. Dies ist nicht der Fall. Dazu wurden zum einen 76 vorhandene Studien ausgewertet, zum anderen an 150 jeweils zirka zwei Kilometer langen Streckenabschnitten das Wildunfallgeschehen ausgewertet. An den ausgewählten Straßenabschnitten waren zuvor keine Reflektoren angebracht. Neben der statistischen Auswertung wurden Wärmebildkameras an den ausgewählten Straßenabschnitten angebracht, um Verhalten von Wildtieren an Straßen mit und ohne Wildwarnreflektoren zu untersuchen.

Die Ergebnisse sind ernüchternd: Wildwarnreflektoren führen “zu keiner Änderung der Reaktion von Wildtieren auf herannahende Fahrzeuge. […] Keine Tierart zeigte eine signifikante Änderung der Fluchtdistanz nach Anbringung der Wildwarnreflektoren. Wildwarnreflektoren nahmen demnach keinen Einfluss auf die Fluchtdistanz von Wildtieren auf herannahende Fahrzeuge.”

“Bei den beobachten Ereignissen querten Wildtiere in 38,9 Prozent die Straße. Diese Querungen änderten sich nicht bei Vorhandensein der Wildwarnreflektoren, weder bei den Querungen, bei denen noch kein Fahrzeug zu sehen war, noch bei Querungen als Reaktion auf herannahende Fahrzeuge. Wildwarnreflektoren hinderten Wildtiere demnach nicht daran, die Straße trotz herannahender Fahrzeuge zu betreten.”

Die Anwesenheit von Wildwarnreflektoren änderte das Verhalten der Tiere auf herannahende Fahrzeuge nicht, “weder flohen Tiere signifikant häufiger, noch bewegten sie sich häufiger langsam von der Straße fort, wenn Wildwarnreflektoren installiert waren. Entgegen der Herstellerangabe sicherten die Tiere auch nicht häufiger in Anwesenheit der Reflektoren. Wildwarnreflektoren nahmen demnach keinen Einfluss auf das Verhalten von Wildtieren in Straßennähe.”

Auch das das Verhalten der Autofahrer beeinflussen die Reflektoren nicht: “In den meisten Ereignissen konnte keine Reaktion der Autofahrer auf die in Straßennähe befindlichen Wildtiere beobachtet werden (95,6 %). Selten wurde beobachtet, dass Autofahrer abbremsten (2,8 %) oder voll bremsten (1,7 %). Dieses Verhalten änderte sich nicht in Anwesenheit der Reflektoren.”

Vermutlich ist es schon physikalisch nicht möglich, dass Wildwarnreflektoren den gewünschten Effekt erbringen. Dazu heißt es in Bezugnahme auf eine Studie der TU Dresden: “In einer Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) wurde an der TU Dresden das lichttechnische Wirkprinzip von neun verschiedenen, aktuell im Handel befindlichen optischen Wildwarnreflektoren getestet (Schulze et al., 2017). Es stellte sich heraus, dass mit einem mittleren Anteil von weniger als fünf Prozent der reflektierenden Objektoberfläche der Warneffekt für Wildtiere im Straßenseitenraum bei allen Fabrikaten so gering ist, dass dieser Effekt kaum die Erhellung durch die Scheinwerferstrahlung der sich annähernden Fahrzeuge übersteigt. Somit kommt die Studie zu dem Schluss, dass keiner der getesteten optischen Reflektoren in der Lage ist, ausreichend wahrnehmbare optische Reize für Wildtiere zu generieren. Auch eine Erweiterung der Technik (veränderte Farben, lichtstärkere Scheinwerfer) lassen keine nutzbringende Lösung des Problems erwarten.”

Die Studie kommt somit zu dem Ergebnis: “Eine Reduzierung der Wildunfälle nach Anbringung der untersuchten Wildwarnreflektoren auf allen Untersuchungsstrecken war weder erkennbar noch statistisch nachweisbar. Dies gilt auch für den jeweils betrachteten Reflektortyp.” SE

Eine Zusammenfassung der Studie in deutscher Sprache steht auf der Internetseite des UDV zum Download bereit.

Beitragsbild: Wirkungslos – blauer Wildwarnreflektor. Foto: SE

Die Red. dankt JAWINA-Leser JS für den Hinweis!

 

5 Gedanken zu „Studie: Wildwarnreflektoren sind wirkungslos

  1. MH

    Merkwürdig.

    Hier ist eine Studie des “Institut für Wildbiologie Göttingen und Dresden e. V.”:

    http://www.wildbiologie-institut.de/index.php/de/downloads/category/4-wildunfaelle

    Auf Seite 14 und 15 des Dokuments wird die Wirksamkeit der Reflektoren
    bestätigt.

    Die Reflektoren der neuesten Generation liegen so dicht am Leuchtpfosten an, daß sie vom Autofahrer kaum bemerkt werden dürften. Erhöhte Aufmerksamkeit der Verkehrsteilnehmer als Ursache für die Rückgänge der Wildunfallzahlen dürfte damit als Erklärung ausgeschlossen werden.

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    1. Ralf

      Gerade für mich als Autofahrer sind diese Reflektoren ein Zeichen dafür, dass ich erhöhte Aufmerksamkeit an den Tag legen muss. Sowas ist unwirksam?

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      1. MH

        Wie schon gesagt, die neuen Reflektoren, die bei uns in der HG verwendet werden, sind vom Auto aus kaum erkennbar. Ansonsten wäre es ja egal, wie das Wild reagiert, man müßte nur Methoden finden, die den Autofahrer zur Reaktion veranlassen. Gibt es ja auch schon, z. B. die Dreibeine neben der Straße, wo es zu Wildunfällen gekommen ist. Oder eben die technisch aufwendigen Lösungen mit aktiver Verkehrsbeschilderung.

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    2. Zuludog

      Sehr geehrte(r) MH,

      Sie haben völlig Recht.
      Die Studie, die Sie erwähnen, wurde 2016 veröffentlicht und ist die erste unter wissenschaftlichen Aspekten geführte zur Wirksamkeit von WWR in Deutschland. Zuständig für die Durchführung der ergebnisoffen geführten Studie war das Institut für Wildbiologie in Göttingen.
      Der Untersuchungszeitraum betrug vier Jahre mit Reflektoren. Die Ergebnisse wurden mit Unfallzahlen aus vier (zum Teil mehr) Jahren vor Beginn der Studie verglichen. Somit ergaben sich Zahlen aus insgesamt wenigstens acht Jahren, die ein Ergebnis von 40-60, streckenweise sogar 80 % Unfallrückgang lieferten. Berücksichtigt wurden während der gesamten Zeit weitgehend alle erdenklichen Einflussfaktoren (Äsung, naturräumliche Ausstattung, Wilddichte, Verkehrsdichte, Tages-, Nacht- und Jahreszeiten, Paarungszeit etc.).
      Die Studie wurde in enger Zusammenarbeit mit Jägern durchgeführt, lieferte daher Daten aus erster Hand und gilt als belastbar.

      Im Unterschied dazu:
      Die aktuelle Studie des GDV (2018) wurde von der Fakultät für Forstwissenschaften und Waldökologie der Uni Göttingen durchgeführt. (Selbe Uni, anderes Büro.)
      Man teilte 151 Strecken (ob gut oder weniger gut gewählt, ist unklar) in zwei Hälften, stattete eine Hälfte mit WWR aus, die andere diente als Referenz*. Nach einem Jahr tauschte man, schraubte die WWR der einen Hälfte ab und brachte sie an der anderen an. Beobachtungszeitraum: wieder nur ein Jahr.

      Vorstellbar wäre bei diesem Versuchsaufbau folgendes Szenario:
      Seitlich der Strecke XY im Jahr 1 ohne WWR völlig uninteressantes Äsungsangebot. Ergebnis im Jahr 1: 2 Unfälle (weil Nebel, Fahrer gepennt etc.).
      Im Jahr 2 mit WWR wächst auf der einen Seite ein Wildacker und gegenüberliegend ein Rapsfeld bis zum Straßenrand. Ergebnis im Jahr 2: 4 Unfälle.
      Unter diesen Bedingungen wäre es wahrscheinlich, dass ohne WWR sogar 8 Unfälle mit Rehwild passiert wären. Nur wird man das nie wissen. Ergebnis der Strecke XY im Untersuchungszeitraum würde demnach lauten: Unfallsteigerung um 100 %.
      Lassen wir es – gnädigerweise – trotz schlechter Wirkungsmöglichkeit der WWR durch den Raps und das enorme Äsungsangebot im Jahr 2 trotzdem nur 2 Unfälle sein, wäre das Ergebnis, dass sich durch die WWR gar nichts geändert hat. Allerdings ohne je zu wissen, wie viele Tiere sich in genau dem Jahr wenigstens aus der Richtung des Wildackers von den WWR haben stoppen lassen.

      Der Endbericht lässt zudem – neben einigen weiteren fragwürdigen Details – jegliche Aussagen zur naturräumlichen Ausstattung missen. Es finden sich keinerlei Angaben über die landschaftliche Beschaffenheit seitlich der Strecken. Diese sind allerdings von höchster Bedeutung. Auf offenem Feld haben WWR die ihnen zugedachte Möglichkeit der Reflexion über eine sinnvolle Strecke bis hin zum Wild, während beispielsweise dichte Hecken oder Wald bis zum Straßenrand – im ungünstigsten Fall tief beasteter Nadelwald – steile Böschungen, enge Kurven und spitze Kuppen die Wirkung von WWR von vorne herein stark einschränken. Diese Parameter sind allerdings bekannt und dürften in einer Studie mit dieser Fragestellung keine Anwendung finden.

      Die verwendeten Daten kamen von der Polizei, ausgewählt wurden Strecken mit (schlicht) Unfällen – nicht Unfallschwerpunkten. Das allerdings kann zu irreführenden Zahlen führen.

      Beispiel:
      Strecke XY, Jahr 1: 1 Unfall. Jahr 2: 2 Unfälle. (Macht statistisch eine Unfallsteigerung von 100 %)

      An einem Unfallschwerpunkt, an dem durchschnittlich 20 Stück Rehwild zu Tode kommen, fällt statistisch eines mehr oder weniger kaum ins Gewicht, weshalb die Untersuchung von Schwerpunkten von hoher Relevanz sind, wenn man ein aussagekräftiges und belastbares Ergebnis erzielen möchte.

      *
      Zuletzt noch ein Wort zu den sogenannten Referenzstrecken, auf die einige Wissenschaftler – besonders aus dem Lager der WWR-Gegner oder Zweifler – großen Wert legen:
      Wie ich es auch drehe und wende, aber da Genauigkeit und Vergleichbarkeit davon abhängen, könnte eine Referenzstrecke nur dann einen nützlichen Vergleichswert liefern, wenn ihre Eigenschaften, die später zur Analyse herangezogen werden sollen, nicht oder nur sehr gering schwanken.
      Im vorliegenden Fall müsste demnach nicht nur die Länge und Lage zweier Strecken nahezu identisch sein, sondern im Vergleichszeitraum auch die
      naturräumliche Ausstattung, das Äsungsangebot, Wildarten, Witterungsbedingungen, Verkehrs- und Wilddichte je nach Tageszeit und sämtliche Wechsel.
      Zieht man die genannten (unvollständigen) Einflussfaktoren ins Kalkül, sind das viel zu viele Variablen, die auf eine Messung einwirken, sodass von einem eindeutig vergleichbaren Bezugswert nicht mehr gesprochen werden kann. Ergo funktioniert eine Referenzstrecke in dieser Untersuchung niemals zuverlässig und ist folglich als solche recht nutzlos.

      Fazit:
      Wildwarnreflektoren sind kein 100 %-iger Schutz vor Unfällen. Sie funktionieren nur nachts und nicht in jeder Umgebung (z. B. dichter Nadelwald). So ehrlich muss man sein.
      Dennoch haben sie im passenden Raum absolut ihre Daseinsberechtigung und sind wesentlich besser als ihr derzeitiger Ruf, den ihnen die letzte Studie eingebrockt hat.

      Ich hoffe, etwas Licht ins Dunkel gebracht zu haben und wünsche sichere Fahrt und möglichst wenig Unfallwild.

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  2. Zuludog

    Zu den weiteren im Artikel genannten Untersuchungen:

    Da Blau keine Schreckfarbe ist, laufen Tiere am Straßenrand nicht vor dem Lichtschein der reflektierenden Folien davon. Das bewies auch Dr. Falko Brieger aus Freiburg in einer Untersuchung. Weiter beobachtete er allerdings durchaus erhöhtes Sicherungsverhalten bei Aufleuchten von Scheinwerfern oder der Reflexion der WWR. Schade nur, dass er sog. “additive Effekte” erwartete. Diese traten nicht ein, weshalb er WWR ebenfalls Wirkungslosigkeit attestierte.
    Genau genommen ist das erhöhte Sicherungsverhalten aber völlig ausreichend. Es sind nur Sekunden, in denen ein Fahrzeug ein Tier passieren kann, wenn es zunächst nicht weiter Richtung Straße läuft.

    Andererseits darf man nie außer Acht lassen, dass Wildtiere instinktiv Prioritäten setzen. Wird ein Tier gehetzt und sieht sich in akuter Lebensgefahr, wird es sich vermutlich weniger vom Aufleuchten eines WWR abhalten lassen als zu riskieren, von einer scheinbar größeren Gefahrenquelle getötet zu werden. Jagende Hunde sind ein möglicher Grund für solches Verhalten.

    Die Studie der TU Dresden wurde im Lichtlabor durchgeführt. Daran beteiligt war nicht ein einziges Versuchstier.
    Die Reflektormodelle waren lediglich durchnummeriert (von 1 – 9), nicht namentlich genannt.
    Die Bilder, die in der Studie veröffentlicht sind, zeigen durchaus Wirkungsradien, die für den Zweck (besonders das empfindliche Auge der Tiere) ausreichend sind. Anhand dieser Bilder lässt sich für denjenigen, der sich intensiv mit WWR beschäftigt, sogar nahezu erkennen, um welche Reflektoren es sich gehandelt haben könnte. In Gebrauch sind demnach vermutlich diejenigen, deren Wirkung am besten abgeschnitten hat. 5 % ist dabei nur der unterste Wert der am schlechtesten bewerteten Reflektoren. Die Wirkung anderer getesteter reichte dagegen bis zu 70 %.
    Alles in allem ist fraglich, wie wissenschaftlich eine Untersuchung von WWR auf Tiere genannt werden kann, in der das Testobjekt (Tier) ausgeklammert und das Medium (WWR) nicht beschrieben wird. Bis heute weiß der Leser der Untersuchung nicht mit Sicherheit, welche Modelle im Test waren.

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