Studie: Die erworbene Schläue der Leittiere

Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse können viele Jäger bestätigen: Ein Forscherteam der kanadischen University of Alberta hat sich mit dem Lernverhalten weiblichen Rotwilds beschäftigt. Je älter die Tiere werden, desto geschickter weichen sie menschlichen Jägern aus.

In der Verhaltensforschung ist es ein entscheidendes Anliegen, zwischen angeborenem und erworbenem Verhalten zu unterscheiden. In der Studie “Learning from the mistakes of others: How female elk (Cervus elaphus) adjust behaviour with age to avoid hunters” wollten Henrik Thurfjell, Simone Ciuti und Mark S. Boyce herausfinden, ob unterschiedliche Verhaltensmuster von Rottieren unterschiedlichen Alters eher darauf zurückzuführen sind, dass bei der Bejagung überwiegend unvorsichtige Stücke geschossen werden, so dass die (angeborenerweise) vorsichtigen, misstrauischen Stücke übrig bleiben – also alt werden. Oder ob auch Lernprozesse dazu führen, dass die Tiere im Lauf ihres Lebens immer vorsichtiger werden und besser auf die Bejagung reagieren können. Zu diesem Zweck wurde das Verhalten mit GPS-Sendern ausgestatteter Stücke in einem Jagdgebiet ausgewertet. Ergebnis: Lernprozesse spielen eine entscheidende Rolle und sind verantwortlich dafür, dass Rottiere älter als neun oder zehn Jahre “fast unverwundbar” durch menschliche Jäger (“almost invulnerable to human hunters”) sind. Um das zu erreichen, haben sie ein erstaunliches Repertoire an Verhaltensweisen entwickelt:

Ältere Stücke legten im Studienverlauf individuelle und wechselnde Verhaltensweisen an den Tag, mit der sie sich an die Art der Bejagung anpassten. Die Leittiere zeigten weniger Aktivität, bewegten sich insbesondere in der Nähe von Straßen weniger (“reduced movement rate”), was die Wahrscheinlichkeit, einem Jäger zu begegnen, erheblich reduziert. Sie hielten sich bevorzugt in sicheren Gebieten auf, wie dichten Wäldern oder unzugänglich steilem Gebiet. Sogar auf die Jagdmethoden stellten die Tiere sich ein: Während der Bogenjagdsaison – Bogenjäger müssen sich viel näher an das Wild heranpirschen als mit Jagdgewehren weidwerkende Jäger – legten sie andere Vermeidungsstrategien an den Tag, als während der Saison für die Jagd mit Schusswaffen. Die Rottiere werden also nicht einfach nur vorsichtiger im Lauf der Jagdsaison, sondern zeigen ein erstaunliches “Fine-Tuning” beim Vermeiden der Jäger. Dies zeige die bemerkenswerte Formbarkeit des Verhaltens (“behavioural plasticity”) dieser Wildart auf.

Selektion aufgrund angeborener Verhaltensweisen oder erworbener Verhaltensänderungen durch Lernen seien eine wichtige, aber oft ignorierte Auswirkung der Bejagung von Wildtieren, resümieren Henrik Thurfjell und seine Co-Autoren. SE

 

 

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