Spaltpilz?

Der Brief des schleswig-holsteinischen LJV-Präsidenten Dr. Klaus-Hinnerk Baasch dürfte beim DJV angekommen sein wie eine Kriegserklärung: In dem auf den 30.07. datierten Schreiben erhebt Baaasch schwerste Vorwürfe: “Seitens des DJV, der Geschäftsstelle und auch der Delegiertenversammlung” gebe es “keinerlei Solidarität und Vertrauen”. Damit fehle die unabdingbare Voraussetzung für die Zusammenarbeit, heißt es darin. Aufgabenteilung bestünde nur auf dem Papier und stelle nur eine “politische Demonstration von Zusammenarbeit” dar. Als Konsequenz tritt Baasch von allen DJV-Ämtern zurück und kündigt an, dass er künftig nur noch die Hälfte der dem DJV zustehenden Beiträge an den Dachverband abführen will. Die Vorgänge erinnern an die Eskalation, die im Jahr 2009 zum Austritt des BJV aus dem DJV führten.

Worum geht es?

Auf den ersten Blick geht es in der Streitsache Baasch vs. DJV um Geld, wobei der ursprüngliche Zankapfel schon vor geraumer Zeit vom Baum fiel: Auf dem Bundesjägertag 2004 in Celle wurde eine Beitragserhöhung um drei Euro beschlossen. Frau Künast war seinerzeit Agrarministerin, und eine gut gefüllte Kriegskasse schien wünschenswert, um “kampagnenfähig” zu sein. Als Frau Künast weg vom Fenster war, stellte sich die Frage, was mit dem Geld geschehen solle. Im Vorfeld des Bundesjägertages in Marburg 2013 schien festzustehen, dass eine Beitragsrückzahlung an die LJV in Höhe von 1,50 Euro pro Mitglied beschlossen werden würde. Es kam anders: Mit deutlicher Mehrheit beschlossen die Delegierten, die Beiträge nicht zurückzuzahlen, sondern dem DJV eine vernünftige finanzielle Ausstattung zuzugestehen. Böse Zungen munkeln, ein Vertreter des niedersächsischen LJV, der ursprünglich für die Beitragsrückzahlung habe stimmen wollen, sei massiv in die Mangel genommen worden und in letzter Minute umgefallen. Dafür habe er einen niedersächsischen Kandidaten als DJV-Präsidenten vorschlagen dürfen, den er dann auch bekommen habe: Hartwig Fischer.

Diskussion um Verteilung von Aufgaben und Mitteln angemahnt

Baasch kritisiert, dass lange im Vorfeld ausgehandelte Beschlüsse umgestürzt werden und will den Mehrheitsbeschluss nicht akzeptieren. Im Gespräch mit JAWINA argumentiert er, dass die LJV sich in ihrer mittelfristigen Finanzplanung auf die Beitragsrückzahlung eingestellt hätten und deren Ausbleiben empfindliche Lücken reiße: Im Zuge der Föderalismusreform seien viele Aufgaben vom Bundesverband auf die Landesjagdverbände übergegangen. Der Kampf um die Änderung bei Jagdgesetzen, Jagdzeiten und dem Katalog jagdbarer Arten, die Diskussionen um “bleifrei” und den Wolf seien jetzt in erster Linie in den Ländern zu führen, dafür benötige man zusätzliche Mittel. Baasch mahnt eine Diskussion an um die Verteilung von Zuständigkeiten und Geldern zwischen DJV und LJV: “Das ist bisher nie gemacht worden.”

Reformbeschlüsse nicht umgesetzt?

Der schleswig-holsteinische LJV-Präsident kritsiert zudem, dass die in der Vergangenheit gefassten Reformbeschlüsse – mit Ausnahme des Umzugs der Geschäftsstelle nach Berlin – nicht umgesetzt und die beschlossenen Satzungsänderungen ausgeblieben seien. Auch die Personalpolitik – die Zahl der Mitarbeiter in der Geschäftsstelle sollte dem Reformbeschluss zufolge 12,5 nicht überschreiten – laufe wieder aus dem Ruder. Mit “Taschenspielertricks” werde die Zahl offiziell eingehalten, während in Wahrheit 15 oder 18 Leute für den DJV schafften. Stellen würden aufgelöst und angeblich nicht neu besetzt, während die in irgendwelchen Projekten versteckten Mitarbeiter weiterhin auf der Gehaltsliste des DJV stünden.

Kritisierte DJV-Beschlüsse demokratisch legitimiert

Der DJV, so Baasch weiter, suche eine kostspielige Immobilie in Berlin Mitte zu erwerben – und beschließe dann in Marburg “ein neues Logo und ein neues Glaubensbekenntnis – und auch “die letzten 1,50 Euro” noch abzukassieren.” Gegenüber JAWINA räumte ein Mitglied des DJV-Präsidiums ein, dass Baaschs Vorwurf, man beschäftige mehr als die vereinbarten 12,5 Mitarbeiter, “formal zutreffend” sei. Jedoch stehe dahinter ein demokratisch legitimierter Präsidiumsbeschluss, der auf der Erkenntnis beruhe, dass das starre Festhalten an den einmal festgelegten 12,5 Stellen professionelles und effizientes Arbeiten unmöglich mache. Die Einstellung weiterer Mitarbeiter sei finanziell abgesichert und auch von Präsidiumsmitgliedern mitgetragen worden, die an dem einstigen Reformbeschluss mitgewirkt hätten. Hinter Baaschs Vorwurf, der DJV wolle sich Luxusimmobilien in Mitte leisten, stecke der ebenfalls demokratische Beschluss, den Erlös aus dem Verkauf des DJV-Hauses in Bonn in eine Immobilie für die Geschäftsstelle in Berlin zu reinvestieren, um die horrenden Mietkosten für Geschäftsräume in der Hauptstadt zu sparen.

Vertrauensvolle Zusammenarbeit

Weitere Vorwürfe Baaschs zielen auf die Zusammenarbeit im DJV-Präsidium, in dem Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen sich mit jeweils zwei Vertretern die Mehrheit sichern würden und die kleineren Verbände dominierten. Die weniger mitgliederstarken Verbände könnten “nicht auf Augenhöhe mitreden.” Diese Anschuldigungen sind für Außenstehende kaum überprüfbar. Allerdings scheinen die Präsidenten wesentlich kleinerer Verbände als Schleswig-Holstein mit seinen ca. 15.000 Mitgliedern keine Schwierigkeiten zu haben, sich im DJV-Präsidium einzubringen. Gegenüber JAWINA bekundeten Insider, dass der unter Borchert mitunter rüde und autoritär geführte Verband mit Hartwig Fischer zu einer offenen, vertrauensvollen und gleichberechtigten Zusammenarbeit zurück gefunden habe. Die Vertreter der großen Verbände versuchten nicht, die kleineren zu dominieren. Solche Äußerungen werfen die Frage auf, ob Baaschs Anklagen tatsächlich überwiegend sachlich, oder vielleicht nicht wenigstens teilweise persönlich motiviert sein könnten – und ob seine Vorgehensweise angemessen ist.

Kritik

Ohne die Frage entscheiden zu müssen, was an Baaschs Verbandsschelte berechtigt ist und was nicht, lässt sich sein Vorgehen kritisieren. So wie andere Präsidiumsmitglieder die Arbeit im DJV-Präsidium beschreiben, scheint es möglich und zumutbar zu sein, z.B. die von Baasch angemahnte Diskussion um Aufgaben- und Mittelverteilung zwischen LJV und DJV in den entsprechenden Gremien zu führen. Stattdessen gibt Baasch einer Jagdzeitschrift ein Interview unter dem dramatischen Titel “Hilferuf aus dem Norden” (das Interview ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags noch nicht erschienen) und attackiert öffentlich den Jagdverband – und das zu einer Zeit, da die Jagd von allen Seiten Prügel bezieht und bedroht ist wie in der Geschichte der Bundesrepublik nie zuvor.

Einigkeit (wenigstens nach außen) erscheint da dringend geboten. Doch unsere Interessenvertreter zelebrieren ihre Zerwürfnisse in den Medien, und die Gegner der Jagd klatschen vor Freude in die Hände. Unter Jägern macht sich indes Besorgnis breit: So schrieb JAWINA-Leser JE an die Redaktion: “Berichten Sie mal Näheres, was sich da mit dem LJV SH abspielt. Ich habe den Eindruck, die Jägerschaft hat sich die Betonschuhe schon mal angezogen und sucht nun nur noch einen See, der tief genug ist, um rein zu springen?”

Beim DJV kürzen?

Wenn Baasch meint, dass er mehr Geld für die Verbandsarbeit im Lande benötigt – gut, aber warum muss dieses Geld ausgerechnet von den Mitteln des ohnehin finanziell nicht gerade glänzend ausgestatteten Dachverbands abgezwackt werden? (Hintergrund: Wer Mitglied in einem LJV ist, zahlt Beiträge, die nach einem von Bundesland zu Bundesland verschiedenen Schlüssel auf Kreis- und Landesjagdverbände aufgeteilt werden. Immer gleich ist der Anteil, der an den DJV geht: 12 Euro pro Mitglied führen die LJV an den Dachverband der deutschen Jäger ab, der die Interessen der Jägerschaft auf nationaler Ebene und als Mitglied von FACE auch auf europäischer Ebene vertritt.) Ein maßvolle und wohlbegründete Beitragserhöhung ließe sich den schleswig-holsteinischen LJV-Mitgliedern in Hinblick auf die bevorstehenden Kampfzeiten doch sicherlich vermitteln.

Gekränkte Eitelkeit

Wer mit Baasch spricht, kann sich mitunter des Eindrucks nicht erwehren, dass persönliche Kränkungen, vielleicht noch aus der Ära Borchert herrührend, ein mögliches Motiv für sein jetziges Aufbegehren sein könnten: Sätze wie: “Wenn ich im Präsidium für Wildunfälle zuständig bin, dann muss ich es doch auch sein, der mit dem ADAC spricht”, können ebenso als Indiz für gekränkte Eitelkeit, wie als Hinweis auf tatsächliche Mängel in der Aufgabenteilung des Präsidiums gewertet werden. Umso deutlicher erinnern die jetzigen Vorgänge an die Eskalation, die 2009 zum Austritt des BJV aus dem DJV führten. Baasch bestreitet indes vehement, den Austritt des LJV Schleswig-Holstein aus dem DJV anzustreben oder in Kauf zu nehmen.

Wenn Super-Egos aufeinander prallen

Hauptgrund für die durch den BJV-Austritt verursachte Spaltung der deutschen Jägerschaft schienen auch seinerzeit nicht die Sachfragen zu sein, um deren Klärung sich doch angeblich alle Beteiligten so sehr bemühten, sondern das Aufeinanderprallen zweier Super-Egos – Borchert und Vocke – die stur, kompromisslos, selbstverliebt ihr Spiel spielten und das Auseinanderbrechen des Jagdverbands darüber in Kauf nahmen. Mit 98,4 Prozent stimmte eine überwältigende Mehrheit für den Austritt des BJV, öffentliche Kritik an den Protagonisten blieb weitgehend aus. Mein Eindruck ist, dass auch deshalb der eine oder andere LJV-Landesfürst interessiert und vielleicht ein bisschen neidisch nach Bayern lugt – und auf die finanziellen Möglichkeiten des BJV.

Hat Bayern vom DJV-Austritt profitiert?

Vier Jahre ist es her, dass die Bayern ausscherten. Da ist es doch an der Zeit, einmal Bilanz zu ziehen: Der BJV, der dem DJV seine Personalausstattung verübelte, beschäftigt heute 22 Mitarbeiter. Dem BJV-Präsidenten (ein Ehrenamt…) steht laut Auskunft seines Pressesprechers ein 5er BMW als Dienstwagen zur Verfügung. Der Austritt macht kostspielige Doppelstrukturen erforderlich, wie etwa das dem DJV-Handbuch nachempfundene BJV-Handbuch, oder “Natur erleben und begreifen”, die Lernort-Natur-Kopie des BJV. Die bayerischen Jäger rühmen sich ihrer guten Kontakte zu Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner, sind faktisch jedoch auf Bundesebene nicht mehr politisch vertreten. Und auf europäischer Ebene auch nicht: Denn der BJV hat sich zwar um Aufnahme in die europäische Dachorganisation der Jäger, FACE, bemüht, doch wurde ihm unmissverständlich beschieden, dass es nur ein Mitglied pro EU-Land geben kann. Meines Erachtens ein eher abschreckendes Beispiel für Separatisten in den LJV, denn eine Erfolgsstory sieht anders aus, oder?

Alarmglocken oder Totenglöckchen?

Folglich schrillen die Alarmglocken, wenn Baasch dieser BJV-Schelte entgegen hält, wie viel der Bayerische Verband doch beim Netzwerken und in der Öffentlichkeitsarbeit erreiche: “Wenn der BJV einen Empfang gibt, kommen 1800 Leute, davon allein hundert Parlamentsmitglieder.” Doch was hat uns diese Art des Netzwerkens und der Öffentlichkeitsarbeit bisher gebracht? Dass uns landauf, landab die Jagdgesetze und das Waffenrecht um die Ohren gehauen werden, weiter nichts. Außer, dass sich ein paar hochrangige Verbandsvertreter ungemein wichtig und bedeutend vorkommen…

Man kann nur hoffen, dass die Beteiligten in den Verbänden an den Verhandlungstisch zurückkehren, ihre Streitigkeiten in den dafür vorgesehenen Gremien austragen und die (Rest-)Einheit der Jägerschaft über ihre persönlichen Anliegen und Interessen stellen. Über die in der Öffentlichkeit zelebrierte Zerstrittenheit der Jäger freuen sich nur unsere Gegner. Baasch sagt, nicht er sei der Spaltpilz, sondern die Leute, die sich an einmal getroffene Beschlüsse nicht halten. Aber in einem demokratisch geführten Verband kann niemand erwarten, dass Mehrheiten sich nicht ändern, dass einmal gefasste Beschlüsse wie in Stein gemeißelt für alle Zeiten feststehen. Die Agenda für die Sondersitzung des DJV-Präsidiums am 24. oder 25. September steht damit fest: Einigt Euch, beruhigt Euch, tragt Streitereien nicht nach außen und konzentriert Euch auf die Sacharbeit. Das erwarten die Mitglieder von ihrer Verbandsführung. SE

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