Sie nennen mich Willi – ein Schweißhundwelpe erzählt

Eine Kolumne von Robert Saemann-Ischenko

1. Folge: Weg von Mama, verdammt!

Wau, hier geht’s ja ab! Gestern abend kamen neue Menschen vorbei und haben mich besucht. Meine Geschwister schon auch, aber vor allem mich, das habe ich genau gemerkt. Die haben mich voll genau angeschaut und überall begrabbelt und ständig hochgehoben, und dazu haben sie gequietscht, als würde ihnen jemand auf die Pfoten treten. Mama fand die nett, aber Mama findet immer alle nett. Tante Jolana ist da schon kritischer, die bellt immer erst mal wie wild. Aber wenn man genau hinhört, merkt man, dass sie auch nur auf den Schoß will. Wobei es mit dem Hinhören bei den Menschen so eine Sache ist, die merken ja nicht viel. Wenn ich mit meinen sechs Schwestern und Brüdern in der Vorzeigekiste bin (Mama nennt sie immer „Catwalk“, keine Ahnung warum), wissen die Menschen nach ein paar Wuseleinheiten nicht mehr, wer wer ist, obwohl wir uns ja nun echt total unterschiedlich anhören und -riechen. Und von tiefer Nase haben diese Zweibeiner auch noch nichts gehört, das sagt ja schon alles.

Heute morgen sind die beiden Quietschemenschen zurückgekommen. Ich habe sie gleich wiedererkannt – aber die mich? Nasennulpen! Die haben irgendwas in die Runde geflötet und suchend einen nach dem anderen von uns hochgehoben, woraufhin unser Hauptmensch gekommen und mich verhaftet hat. Dann hat er mich abgeschnuddelt, als käme ich ins Heim, dann hat mich die Hauptmenschin abgeschnuddelt, dann haben mich stundenlang die beiden neuen abgeschnuddelt, boah, hoffentlich habe ich mir nichts geholt! Schließlich haben sie mich zu so einem schwarzen Stinkding gebracht, wie es auch unsere Hauptmenschen haben, kenne ich natürlich schon, und dann ging’s los.

Aber nicht einfach zum Metzger, sondern: Weg von Mama, verdammt!

Ich bin an der Rückbank hochgesprungen und habe zurückgeschaut. Da hinten war unser schöner Zwinger mit dem Kasten, in dem wir die Menschen halten, und beides wurde kleiner und kleiner, und das war schrecklich, da habe ich gescheit gewinselt, weil: da hinten verschwand mein ganzes bisheriges Leben, alles, was ich in meinen bisherigen acht Wochen kennengelernt habe.

Ich dachte, ich sterbe. Aber müde war ich auch, schon von all dem Abgeschnuddel, soviel wurde ich in meinem ganzen Leben noch nicht gestreichelt, das ist schon schön, finde ich, vor allem am Bauch, aber müde macht’s auch, noch dazu wenn man auf so einer oberweichen Matratze liegt wie jetzt ich hier, ich wußte gar nicht, dass es sowas gibt. Hin und her schuckeln tut’s auch, das Stinkding, das schläfert tierisch ein, und diese olle Decke da, die schnüffelt super nach Mama und den andern Pupsis. Ich habe mich dann erst mal ’n bißchen ausgestreckt. Nicht schlafen, nur so’n bißchen ausstrecken wohlgemerkt. Ich muß ja schließlich aufpassen, ob … zzzzzzzz…

Autor: Robert Saemann-Ischenko, www.saemannischenko.de

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