Sie nennen mich Willi – ein Schweißhundwelpe erzählt

Eine Kolumne von Robert Saemannn-Ischenko

8. Folge: Ich rieche Blättermagen

Zeit, eins mal geradezurücken: Kein Mensch ist nur schlecht, nicht mal meiner. Okay, das hört sich an, als würde ich voll stockholm-syndrom-mäßig mit dem Täter sympathisieren, aber das trifft’s nicht, ich zweifle keine Sekunde daran, dass ich das Opfer bin, und identifiziere mich nicht die Bohne mit den Motiven des Sergeants.

Naja, höchstens ein bißchen. Heute morgen hat er mir zum Beispiel in diesem blöden Wald so Löcher im Boden gezeigt, die schon verdammt lecker gerochen haben. Nicht mal nach Essen, eher nach, hm, wie soll ich sagen, nach Abenteuer. Mir ist natürlich klar, was da längsgestolpert ist, nämlich ein zweijähriges männliches Wildschwein mit miserablen Ernährungsgewohnheiten, sowas kann ich lässig in meiner Geruchsbibliothek nachschlagen. Aber so ne Mieftrummfährte live und in Farbe zu erschnüffeln ist schon noch mal anders. Danke dafür, Chef!

Was er wirklich draufhat, ist das mit dem Knutschen. Da kommt nicht nur alle paar Tage so’n wachsweiches Mit-dem-Strich-Gestreichel, nee, da kommt ganz viel und ganz oft und auch mal so’s büschen rauher. Wie wir Männer es halt so mögen.

Und sein Blick wird manchmal weich, wenn er mich anschaut, das merke ich genau. Wenn er an mir vorbeigeht, schaut er mich fast immer freundlich an und macht lustige Geräusche, und ganz schön oft biegt er ab und tätschelt kurz meinen Bauch oder tut so, als würde er meine Ohren verknoten.

Mache ich inzwischen auch, ist mir aufgefallen: Umwege gehen, um ihn kurz zu kontakten. Seine Schnauze schleckern und hochspringen darf ich leider nicht, nicht mal seine Hand kurz ankauen, aber mei, es bleibt immer noch genug Schönes, etwa meine Nase an seine Brille zu dötzen, dann fiepst er immer so hilflos.

Inzwischen ist es soweit, dass wir uns oft quer durch den Raum anschauen und freuen. Er mit dem Mund, ich mit der Rute. Ich habe mich schon ertappt, dass ich dabei mehrere Sekunden nicht ans Essen denke!

Das Allerallerschönste ist, wenn abends unser Kleinstrudel zusammen ist und wir draußen Bier trinken und noch eine Runde klönen. Das heißt, ich schlafe, und meine beiden Menschen trinken. Ich konnte das Bier zwar mal probieren, als die Flasche umfiel, und mochte es auch, aber ich bekomme keines, was ich ziemlich gemein finde. Fast so gemein wie … äh, wo war ich? Ach ja, abends, das ist herrlich, immer wieder wegzudämmern und beim Aufzuwachen zu merken, dass beide da sind, und wieder einzuratzen…

Könnte ich stundenlang machen. Was heißt könnte – ich MACHE es stundenlang, glaube ich.

Wichtig ist, dass einer der beiden auf dem Boden hockt und ich mich in seinem Schoß zusammenrollen kann. Mir egal, wenn der Kopf dann komisch runterhängt. Sie ist weicher und riecht besser, bei ihm ist wegen der längeren Beine mehr Platz, aber mir sind beide recht, Hauptsache Schoß.

Habe heute das erstemal seit längerem wieder an Mama gedacht. Wir Kinder fehlen ihr bestimmt total! Und sie mir? Darüber denke ich bei Gelegenheit mal nach, versprochen, aber jetzt muß ich erst mal die Küche checken, ich rieche eindeutig gekochten Blättermagen …

Text und Foto: Robert Saemann-Ischenko, www.saemann-ischenko.de

7. Folge: Wie auf der Sklavengaleere

6. Folge: Her mit dem Käse!

5. Folge: Schaf. Karpaten, Südwestlage.

4. Folge: Verdammt, das ist Gemüse!

3. Folge: Zurücktrampen kann ich immer noch…

2. Folge: Boah, habe ich Hunger!

1. Folge: Weg von Mama, verdammt!

Ein Gedanke zu „Sie nennen mich Willi – ein Schweißhundwelpe erzählt

  1. Norbert Seemann

    Hallo Robert,
    erstmal herzlichen Dank für Deine Einschulung in Sachen einstellen der Blaser Sattelmontage. Jetzt sitzt das Teil, wackelt nicht und bekommt demnächst viel frische Luft am Schießstand und in meinem Revier.
    Sehr erheitert hat mich Deine Kolumne über den Schweißhundwelpen, der bestimmt ein spannendes Leben vor sich hat.
    WmH
    Norbert Seemann

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