Sie nennen mich Willi – ein Schweißhundwelpe erzählt

Eine Kolumne von Robert Saemannn-Ischenko

7. Folge: Wie auf der Sklavengaleere

Dass der Tag mit diesem anstrengenden Aufstehen beginnt, ist schade, aber hinnehmbar, solang es dann flott Frühstück gibt. Richtig blöd dagegen finde ich, dass mein Mensch so ein Frühsportfanatiker ist und ich jeden Morgen rausmuß. Alles, was ich brauche, habe ich nämlich daheim: Fressen, Schlafplätze für alle Temperaturen, einen Garten mit Blumen in perfekter Abbeißhöhe. Und den Fernseher. Umgekehrt gibt es im Dschungel auf der anderen Seite des Zauns nur Dornen, Gräben, Nesseln, Bäche. Alles ist entweder naß oder sticht. Manchmal auch beides. Keine Ahnung, was mein Mensch in diesem Dschungel will. Vermutlich weiß er es selber nicht.

Anders kann ich mir nicht erklären, warum er bei unseren täglichen Qualmärschen mal hier längs geht, mal da, mal schnell, mal langsam, grund- und sinnlos abbiegt und manchmal sogar rückwärts läuft.

Natürlich mache ich diesen Quatsch nicht freiwillig mit, sondern weil der Mensch versucht, meinen Willen zu brechen: Er leint mich an. Für alle, die nicht wissen, was eine Leine ist: Handschellen für den Hals. Damit man nicht fliehen kann. Wie auf der Sklavengaleere. Nur ohne Rudern, noch jedenfalls. Ist eh Freiheitsberaubung, klar, aber in meinem Fall besonders sinnlos. Weil: Wieso schafft man sich ein Nasenwunder wie mich an – um es dann an einer Leine so durch die Botanik zu schleifen, das es nichts, aber auch gar nichts in Ruhe erschnüffeln kann?

Am allerdoofsten aber finde ich, dass er manchmal stehenbleibt. Ganz ohne Grund und voll plötzlich. Meistens renne ich ihm dann von hinten in die Haxen, weil ich mit meinen achteinhalb Wochen schließlich keine Keramikbremsen habe, aber meint ihr, er entschuldigt sich dann wenigstens? Nix da. Er schaut den Wolken beim Wandern zu, während mich die Mücken auffressen. Tolle Übung!

Mann, ist das langweilig. Und ich darf gar nichts. Nicht die Leine zerkauen, nicht die Schnürsenkel zerkauen, sogar das Winseln verbietet mir der Sergeant. Mir bleibt nix übrig als dieses blöde Ökospielzeug zu zernagen, was da überall rumliegt: harzige Kiefernzapfen, bemooste Äste, verfaulte Blätter. Als wäre ich im Waldkindergarten „Wurzelwelpen“.

Überhaupt tut er alles, um mir das Leben schwerzumachen. Und es hat System, wie ich gemerkt habe! Immer wenn ich es mal einen Hauch eilig habe und so freundlich bin, ihn ein bissel zu ziehen, zum Beispiel, wenn wir nach unserer Zeckeneinsammeltour im Dschungel ENDLICH wieder nach Hause gehen, bleibt er besonders gern stehen. Führt der kürzeste Weg heim links lang, tapert er nach rechts. Sind wir dann schließlich am Gartentürchen – dreht er garantiert  noch eine Willkürrunde um den Block. Natürlich mit mir im Schlepptau, als würde er den Weg nicht selber kennen.

Heute abend wollte ich besonders schlau sein und habe getan, als wollte ich supergern superweit laufen und eigentlich gar nicht mehr nach Hause. Ich dachte das wäre besonders schlau vonwegen er macht immer das Gegenteil. Ging aber voll ins Fell, mein Plan. Wir sind dann nämlich wirklich superweit gelaufen…

Jetzt muß ich erst mal zwölf Stunden schlafen, mindestens. Und wenn er im Morgengrauen um 9 Uhr wieder loswill, setze ich meine allerletzte Geheimwaffe ein: den Dackelblick. Den hat uns Mama im Sozialkundeunterricht täglich eine Stunde eingebleut. Am besten wirkt’s, wenn man zudem noch auf einer Seite kess die Lefze einklemmt, als könnte man nicht bis drei zählen. Hilft sonst immer. Aber bei DEM? Ich fürchte das Schlimmste.

Text und Foto: Robert Saemann-Ischenko, www.saemann-ischenko.de

6. Folge: Her mit dem Käse!

5. Folge: Schaf. Karpaten, Südwestlage.

4. Folge: Verdammt, das ist Gemüse!

3. Folge: Zurücktrampen kann ich immer noch…

2. Folge: Boah, habe ich Hunger!

1. Folge: Weg von Mama, verdammt!

 

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