Sie nennen mich Willi – ein Schweißhundwelpe erzählt

Eine Kolumne von Robert Saemann-Ischenko

14. Folge: Büchsenöffner

Neulich hat mich eine Frau aus Hamburg Büchsenöffner genannt. Keine Ahnung, was sie meint, ich habe fürs Büchsenöffnen eigentlich Personal. Also habe ich meine Freundin Melli gefragt, die ist in einem rumänischen Waisenhaus aufgewachsen und kennt das Leben. Melli sagt, der Spruch bedeutet, ich sei ein sehr hübscher Kerl, auf den die Frauen dermaßen was von abfahren würden, dass man mich gezielt einsetzen könnte, um welche kennenzulernen, und in Hamburg würden Hosen Büchsen heißen, ich wüßte schon, dass ich mir darauf aber nichts einbilden solle, sonst würde sie mich gleich mal auf den Rücken drehen und in die nächste Mistpfütze tauchen, bis ich nicht mehr wüßte wo oben und unten und ob ich Männlein oder Weiblein wäre.

So redet sie, die Melli, aber sie meint es nicht so, jedenfalls nicht immer, das mit der Mistpfütze allerdings schon, wie ich weiß, ihr habe ich es zu verdanken, das ich neulich in die Hundewaschstraße mußte, wie meine Menschen diesen durchsichtigen Zwinger im Badezimmer nennen, in dem es auf Kommando warm regnet.

Äh, wo war ich? Ach ja, bei den Büchsen. Wieso ich die öffnen soll, verstehe ich immer noch nicht, aber dass die Leute und besonders die Menschenfrauen auf mich abfahren, das stimmt schon. Ich kann nicht durch die Stadt laufen, ohne dass alle paar Meter eine spitze Schreie ausstößt und sagt, dass ich ja wohl der goldigste Hund aller Zeiten sei und dass mein Fell ja sowas von seidenweich wäre und sie mich jetzt unbedingt streicheln müsse und dass ich für einen Dackel ja merkwürdig hochläufig sei. Die Einschätzung Dackel hatten wir dreimal, Rhodesian Ridgeback zweimal, je einmal Hannoveraner und Bergischer Bergschweißhund, viermal kam die Frage, was für ein Mischling ich genau sei.

Der Sergeant erklärt dann immer freundlich, was ich für einer bin, was ich beruflich so mache und dass ich eh nicht alt werden würde, weil mich bald ein angeschossener Keiler aufschlitzt.
So bleiben die Büchsen für meinen Chef natürlich geschlossen, aber ich habe nicht den Eindruck, dass ihn das schert. Das wiederum interessiert die Streichelnmüssenfrauen wenig, die erklären uns dann meistens trotzdem ausführlich, wie grausam Jagen ist und dass der süße, süße Willi ja wohl ein ganz, ganz Armer sei, dass er so gefährliches Zeug machen müsse.

Früher habe ich das immer gleich Melli erzählt, weil ich dachte, dann bekomme ich endlich mal Mitleid von ihr. Aber Pustekuchen. Ich sei ein Jeansbügler und Beckenrandschwimmer, hat sie gesagt, und solle mich mal bloß nicht so anstellen, sie kenne diese Büchsenhunde, also die Hunde dieser Frauen, die dürften wirklich gar nichts, die müssten nicht mal was und die könnten entsprechend auch nichts, da solle ich mal froh sein, dass ich einen anständigen Job hätte.

Und wenn ich nicht gleich meine verwöhnte Warmduscherschnauze halten würde …

Text und Foto: Robert Saemann-Ischenko, www.saemannischenko.de

Bisher erschienen:

13. Folge: Total im Hier und Jetzt

12. Folge: Permanenter Schlafentzug

11. Folge: Freie Liebe

Folge 10a (außerplanmäßig): Kleinanzeige

10. Folge: Berufliche Zukunft

9. Folge: Gemüsescheiß im Essen

8. Folge: Ich rieche Blättermagen

7. Folge: Wie auf der Sklavengaleere

6. Folge: Her mit dem Käse!

5. Folge: Schaf. Karpaten, Südwestlage.

4. Folge: Verdammt, das ist Gemüse!

3. Folge: Zurücktrampen kann ich immer noch…

2. Folge: Boah, habe ich Hunger!

1. Folge: Weg von Mama, verdammt!

3 Gedanken zu „Sie nennen mich Willi – ein Schweißhundwelpe erzählt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.