Sie nennen mich Willi – ein Schweißhundwelpe erzählt

Eine Kolumne von Robert Saemann-Ischenko

13. Folge: Total im Hier und Jetzt

Es ist ja bekannt, dass Menschen keinen Zeitbegriff haben und total im Hier und Jetzt leben. Weiter als bis zu meiner nächsten Mahlzeit denken auch der Sergeant und seine Frau normalerweise nicht. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass sie was vorhaben. Das könnte mir natürlich an meinem kleinen haarigen Hintern vorbeigehen, nur haben die beiden leider etwas mit MIR vor.

Am Anfang waren es nur kleine Zeichen, doch die Hinweise haben sich verdichtet, und mittlerweile gibt es leider keinen Zweifel mehr: Die Menschen haben längst über meine Karriere, ja mein ganzes Leben entschieden: Man zwingt mich tatsächlich, Schweißhund zu werden. Nur wegen meiner Rasse – als würden Münsterländer im Münsterland leben und Wachtel Wachtel jagen. Tschüs Saunameister, servus Profisamenspender, ade Matratzentester und all die anderen Traumberufe – mein Lebensinhalt soll darin bestehen, zu unmöglichen Zeiten an unwirtlichen Orten Tieren hinterherzuschnüffeln, die völlig zu Recht stinksauer sind und deren größter und meist auch letzter Wunsch darin besteht, mir mein seidenweiches Fell über die Schlappohren zu ziehen.

Das muß man mögen. Und ich, ich mag es nicht.

Das ist es, was Mama den Fluch der Begabten nannte. Könnten diese Nasenanalphabeten selber besser riechen, müßten wir sie nicht durch die Pampa führen wie die Blindenhunde. Ach, es würde schon reichen, wenn sie besser schießen könnten. Aber nein, ohne uns sind sie nichts. Ich habe gehört, dass die Eskimos über 40 verschiedene Wörter für Schnee kennen. Nicht übel! Für Menschen, meine ich. Wir Schweißis allerdings unterscheiden schon bei Frischlingsfährten im verharschten Schnee bei Südwestwind 287 Geruchsrichtungen. Hat jedenfalls Mama gesagt. Ich persönlich komme nur auf 234, aber ich übe ja noch.

Und zwar alle sieben Tage. Das nahende Wochenende läßt sich daran erkennen, dass der Sergeant auffällig unauffällig ein paar ausgelatschte Schweinshaxen aus der Tiefkühlung holt und tut, als würde er ohne mich spazierengehen. Einen Tag später muß ich seine Fährte ausarbeiten und ihm zuliebe so tun tun, als wäre da ein Schwein längsgestolpert und als wäre es ganz doll schwer, zu folgen. Manchmal versucht mein Mensch, es besonders schwer zu machen. Dann macht er mit der Fährte Widergänge oder springt ein Stück zur Seite, führt sie durch Suhlen und an Salzlecken vorbei, ein Stück auf Wanderwegen oder im Bach. Süß! Sind echt wie Kinder, diese Menschen, aber ich mag sie trotzdem. Jedenfalls die Leberwurst, die ich am Ende der Fährte bekomme. Von mir aus könnt’s dann noch ordentlich weitergehen, aber der Sergeant schnauft dann schon immer bedenklich. Na, ihr kennt ja sicher die alte Nachsuchen-Regel: Gesucht wird, solang der Hund Bock hat und der Führer hinterherkommt.

Manchmal teste ich den Alten auch. Dann gehe ich von seiner Fährtenautobahn runter und tue so, als würde ich einer Verleitung folgen. Am Anfang ist er dann gleich hysterisch geworden und hat mir angedroht, ich käme ins Heim oder gleich in die Wurst. Inzwischen bleibt er lang ruhig, entsprechend muß ich mir immer wieder was Neues einfallen lassen. Mäuse ausbuddeln während der Suche, das kam richtig gut …

Im August ist dann Prüfung beim Klub für Bayerische Gebirgsschweißhunde. Dann muß der Sergeant zeigen, was er draufhat. Keine Sorge, ich gehe da schon auch mit, aber vor allem, um meine Kumpel zu treffen. Wir haben an den Prüfungstagen immer mächtig Spaß, vor allem wenn wir vorher absprechen, wer sich wie blöd anstellt.

Mal schauen, vielleicht strenge ich mich auch an und suche ernsthaft. Erstaunlicherweise fand ich das Suchen zuletzt nicht nur blöd, das muß ich zugeben. Einmal habe ich dabei sogar mehrere Sekunden nicht an die Leberwurst gedacht.

Wahrscheinlich werde ich alt.

Text und Foto: Robert Saemann-Ischenko, www.saemannischenko.de

 

Bisher erschienen:

12. Folge: Permanenter Schlafentzug

11. Folge: Freie Liebe

Folge 10a (außerplanmäßig): Kleinanzeige

10. Folge: Berufliche Zukunft

9. Folge: Gemüsescheiß im Essen

8. Folge: Ich rieche Blättermagen

7. Folge: Wie auf der Sklavengaleere

6. Folge: Her mit dem Käse!

5. Folge: Schaf. Karpaten, Südwestlage.

4. Folge: Verdammt, das ist Gemüse!

3. Folge: Zurücktrampen kann ich immer noch…

2. Folge: Boah, habe ich Hunger!

1. Folge: Weg von Mama, verdammt!

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