Sie nennen mich Willi – ein Schweißhundwelpe erzählt

Eine Kolumne von Robert Saemann-Ischenko

Folge 12: Permanent im Stadium des Schlafentzugs

Mein großes Vorbild sind Löwen, weil: Die schlafen zwanzig Stunden am Tag. ZWANZIG Stunden! Das könnte ich auch, ich darf nur nicht. Weil ich ständig geweckt werde und zu Tätigkeiten gezwungen werde, die Löwen aus guten Gründen meiden: sinnlos durch Wälder laufen, sinnlos schwimmen, sinnlos vor Supermärkten warten. Das ist aber kein Grund, es nicht zu versuchen. Das mit den zwanzig Stunden, meine ich. Würden ja immerhin ungefähr vier Stunden für alles andere bleiben.

Meine Traumaufteilung für diese Zeit wäre: zwei Minuten strullern und so, zehn Minuten Dinge zerstören und/oder vergraben, drei Stunden achtundvierzig Minuten fressen.

Ich komme auf höchstens achtzehn Stunden Schlaf pro Tag – befinde mich also permanent im Stadium des Schlafentzugs. Mit allen Folgen, die das hat: Denkstörungen, Halluzinationen, Willfährigkeit. Ich habe mich schon dabei ertappt, dass ich Kommandos unmittelbar ausführe, nachdem sie kommen, und das ist ja nun wirklich kein gutes Zeichen. Mein Lieblingskommando ist übrigens „Platz“, weil es meinen Grundbedürfnissen am meisten entgegenkommt. Das aber nur am Rande.

Ich habe früher noch Lieblingsstellungen unterschieden. LieblingsSCHLAFstellungen natürlich, Menschenskind! Bei 50 habe ich aber aufgehört zu zählen, weil ich gemerkt habe: ich habe NUR Lieblingsschlafstellungen. Jede Stellung, in der ich schlafen kann, ist nämlich eine gute. Und umgekehrt: Ich kann in jeder Stellung schlafen. Am Anfang, als ich gerade hier eingezogen bin, haben mich die beiden manchmal geweckt, weil sie dachten, so wie ich liege, breche ich mir den Hals. Oder bin schon tot. Dabei ist klar, dass ich an Hunger sterbe, vermutlich sogar bald.

Was für ein Glück, dass ich schnell wieder einschlafe. Was heißt schnell: sofort. Ich schlafe manchmal schon, während ich mich noch hinlege.

Meine Menschen behaupten sogar, dass ich schnarche. Neulich bin ich von einem gräßlichen Geräusch aufgewacht, wie wenn alte Bachen über einen dreckigen Witz lachen. Das waren aber nur meine Menschen, die mir von so einem kleinen Kauknochengerät vorgespielt haben, wie ich mich angeblich anhöre. Das sollte MEIN Schnarchen sein, unerhört! Wie kaputt man sein muß, um sowas lustig zu finden. Stehe bzw. liege ich natürlich drüber.

Versöhnt bin ich mit den beiden, seit sie mir neulich ein Kissen geschenkt haben. Das habe ich eigentlich ganz geschickt angestellt: Als die mal eines ihrer Kopfkissen im Flur auf einer Tasche haben stehen lassen, bin ich draufgeklettert und habe mich dort hineingemuschelt. Sauwacklig war das, und ein bis zwei Haxen hing immer runter, aber es ging. Sooo müffelig war das, sooo gemütlich! Vielleicht sehen die mich, dachte ich noch, und dann … Aufgewacht bin ich davon, dass die mich fotografieren auf meinem Schlafturm. Machen sie ja dauernd, aber diesmal haben sie besonders hochfrequent gequiekt.

Hat geklappt: Einen Tag später bekam ich mein eigenes Kissen. Mit einem herrlich gebrauchten Bezug in Zorroschwarz! Passend zu meiner Maske! Damit ich mich ankuscheln kann, wenn ich allein schlafe, hat der Sergeant gesagt. Man soll Menschen ja nicht verhundeln, aber das war schon eine feine Geste, fast schweißhundemäßig.

Jetzt, wo ich endlich ein eigenes Kissen habe, bin ich meinem Ziel wieder ein Stück näher gekommen: endlich richtig ausgeschlafen zu haben, wenn die Nachtruhe beginnt.

Text und Foto: Robert Saemann-Ischenko, www.saemannischenko.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.