Showdown in Buckow

Zu einem denkwürdigen Zusammentreffen kam es am vergangenen Samstag im malerischen Buckow in der Märkischen Schweiz: Der Vorstand des Ökologischen Jagdvereins Brandenburg (ÖJVB) hatte den Verf. zu einem “lebhaften Kamingespräch zum Großthema Jagd und Gesellschaft” geladen, einer “engagierten Diskussion nicht nur zum Thema Wolf.” Auch um “Image und gesellschaftliche Akzeptanz der Jagd” sollte es bei der Klausurtagung des ÖJVB-Vorstands gehen, wie der Journalist und stellvertretende Vorsitzende des ÖJVB, Eckhard Fuhr in seiner Einladung schrieb: Da tue sich einiges zur Zeit, meinte Fuhr im Hinblick auf die “beiden Jagdbücher von Frauen, die in diesem Frühjahr erschienen sind”, Pauline de Boks “Beute” und Antje Joel “Jagd. Unsere Versöhnung mit der Natur” sowie den Dokumentarfilm über die Jagd von Alice Agneskirchner, “der ein überaus positives Bild von Jagd und Jägern zeichnet.” Es solle ein “Aufschlag” geliefert werden, “ein kurzes Impulsreferat von außen”: Wir “könnten uns Sie als Referenten sehr gut vorstellen, gerade weil Sie ÖJV-Positionen eher kritisch bis ablehnend gegenüberstehen”, schrieb Fuhr. Einem anständigen “Sechs gegen einen” sollte man nicht aus dem Weg gehen, also nahm ich die Einladung an.

So trafen wir uns am Samstag um 19 Uhr im Bellevue Gastgeberei und Kreativhaus, sehr reizend umsorgt von dem leicht kauzigen, aber ungemein (gast)freundlichen Mutter-Tochter-Gespann, das das Bellevue betreibt. Anwesend waren der ÖJVB-Vorsitzende Mathias Graf von Schwerin, sein Stellvertreter Eckhard Fuhr und die weiteren ÖJVB-Vorstandsmitglieder Bernhard Schachtner, Kay Hagemann, Tim Taeger und Sebastian Schuster und der Verf. Jeder der Anwesenden stellte sich kurz vor, in dieser Runde hieß das: Berichtete, wie er zur Jagd und – bei den erstgenannten sechs – zum ÖJV gekommen war. Dabei zeigte sich, dass die Motivationen für letzteres ziemlich unterschiedlich waren: Neben dem “klassischen” Privatwaldbesitzer Matthias Graf von Schwerin, der ein Interesse daran hat, seinen Wald auf wirtschaftliche Weise bewirtschaften zu können, waren Leute dabei, die als Landwirte (Sebastian Schuster) oder Forstleute (Kay Hagemann) ihre Sicht zum Thema Jagd vertraten. Die übrigen würde ich salopp als “ganz normale” Jagdscheininhaber bezeichnen wollen, die jedoch mit den in manchen Landes- und Kreisjagdverbänden vertretenen  Auffassungen von der Jagd – “traditionalistisch, rückwärtsgewandt, verzopft und brauchtümlerisch” – einfach nichts anfangen konnten. Das ist hier eine sehr verkürzte Darstellung, die Angesprochenen sind herzlich eingeladen, ihren Standpunkt ausführlicher nachzuliefern.

Wir hatten kaum Platz genommen, als sich bereits eine sehr lebhafte Diskussion entwickelte, weshalb ich mich beeilte, den bestellten “Aufschlag” abzuliefern, um nicht ständig vorgreifen zu müssen:

Jagd und Gesellschaft

Sehr geehrte Damen und Herren,

Herr Fuhr ließ mich wissen, dass man mich eingeladen habe, gerade weil ich Ihrem Verein “eher kritisch bis ablehnend” gegenüber stünde. Weil ich Respekt vor dieser Haltung habe, bin ich hier: Die konstruktive Auseinandersetzung mit Kritikern suchen, anstatt diese anzufeinden, zu diffamieren, zu ignorieren usw. – insofern vielen Dank für die Einladung. Auf das Thema Kritik und Ablehnung komme ich später noch einmal zurück. Aber: Kann denn das sein? Darf das sein? Dass jemand Ihrem schönen Verein, in dem Sie Mitglied sind und Mitgliedsbeiträge entrichten, kritisch bis ablehnend gegenüber steht?

Die Antwort kennen Sie selbst: Es ist nur allzu gut möglich, denn es gibt viele Themen im weiten Feld der Jagd, über die man anderer, ja gegensätzlicher Ansicht sein kann und über die man daher intensiv und ausgiebig streiten kann: Bejagungsstrategien, angemessene Wilddichten, die Frage, ob die Devise “Wald vor Wild” lauten müsse, oder ob beide, Wild und Wald, nicht eine untrennbare Einheit bilden, bilden müssen und daher Wald UND Wild die einzig angemessene Direktive ist – über all das kann man sich streiten, und es wird auch darüber gestritten, weidlich und bis zum Überdruss und bis die Fetzen fliegen – und das leitet uns zum Thema des heutigen Abends über:

Jagd und Gesellschaft – anders ausgedrückt: Zank und Streit

Googeln Sie mal die Worte “Jäger” und “Streit”. Google spuckt dafür in 0,28 Sekunden ungefähr 523.000 Ergebnisse aus: Jäger streiten mit Hundebesitzern, Jäger streiten mit Joggern, Jäger streiten mit Mountainbikern, Jäger streiten mit den Jagdgenossen, Jäger streiten um die Jagdsteuer und Fallwildentsorgung, Jäger streiten mit Tierschützern, Jäger streiten wegen der Fuchsjagd, Jäger streiten wegen der Baujagd und wegen der Bewegungsgjagd, Jäger streiten um Wölfe. Es wird über die Jagd gestritten, sehr gerne streiten Jäger aber auch untereinander, Jäger streiten wegen Drückjagden auf Rehwild, wegen überjagenden Hunden, Jäger – Vater und Sohn in diesem Fall – liefern sich eine blutige Auseinandersetzung darüber, wer in welchem Teil der gemeinsam gepachteten Jagd jagen und welchen Hochsitz besetzen darf, kurzum: Jäger streiten mit allem und jedem.

Das macht uns total sympathisch, oder?

Anschnauzen

Die Neigung des Jägers, sich mit allem und jedem herumzustreiten, äußert sich in einem charakteristischen Wesenszug des Weidmanns, nämlich seiner Neigung, alles und jeden nach Belieben und Herzenslust anzuschnauzen: “Nimm den Scheißköter an die Leine, sonst schieß ich ihn tot!” Sätze dieser Art prägen Begegnungen zwischen Jägern und Nichtjägern leider nach wie vor. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Biographien von Jagdgegnern: Dass sie meist in früher Jugend äußerst unerfreuliche Begegnungen mit Jägern hatten, aus denen sich ihre Abneigung gegen Jagd und Jäger speist.

Jagd in der Gesellschaft ist vor allem dies: Umstritten. Jäger sind zerstritten, streiten sich mit anderen gesellschaftlichen Akteuren herum, die Jagd selbst ist strittig und ein ständiger Streitgegenstand, Ihren Zweck und ihre Berechtigung muss sie sich zwischen Anliegen wie Wildschadensverhütung, Seuchenprophylaxe, Nutzung natürlicher Ressourcen und Anwürfen wie Trophäenkult, Machogehabe, Tierquälerei und Machtausübung fortwährend aufs Neue erstreiten.

Das ist mindestens seit der Antike so und wird sich voraussichtlich ändern. Eckhard Fuhr hat in der Einladung zwei Bücher erwähnt, die ein positives Bild von der Jagd zeichnen (wobei das Buch von Antje Joel m.E. eher davon handelt, was man in der Jagd sucht und nicht findet, sie also eher kritisiert) und einen Film über die Jagd erwähnt und damit die Frage verbunden, ob dies eine Trendwende in der gesellschaftlichen Wahrnehmung der Jagd bedeutet: Ich glaube nicht. Es hat dergleichen schon immer gegeben, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und es ließen sich eine ganze Reihe jagdkritischer Schriften zum Beispiel aus der Tierrechte-Ecke in die andere Waagschale werfen.

Die grundsätzliche Situation der Jagd ist charakterisiert vor allem durch zunehmende Verstädterung: Immer mehr Menschen leben in der Stadt – weshalb in einer Demokratie auch dort, in der Stadt und von Städtern, über die Zukunft der Jagd entschieden werden wird – immer mehr Menschen sind einerseits natürlichen Zusammenhängen zunehmend entfremdet, verspüren aber andererseits ein Bedürfnis, eine Sehnsucht nach Verbindung zur Natur, wie sie die Jagd verheißt – in dieser Gemengelage liegen Chancen und Risiken für die Jagd.

Anmaßung, Polarisierung, Provokation

Wenn wir zunächst einräumen, dass das im Vorhergehenden beschriebene Verhalten – Streit, Streitbarkeit, Strittigkeit, Zerstrittenheit a) typisch ist und b) das Bild von Jagd und Jägern in der Öffentlichkeit prägt und zwar c) überwiegend negativ, so muss kopfschüttelnd an die triviale und oft schon heruntergebetete Erkenntnis erinnert werden, dass die Jäger eine winzige Minderheit darstellen (0,475 Prozent, wenn man von 380.000 Jägern unter 80 Mio. Menschen ausgeht) und als solche den Fortbestand der Jagd eher erbitten als erpöbeln müssen. Es ist daher die sinnvollste und dringendste Aufgabe jeder jagdlichen Vereinigung, jeder Jagdschule und jeden einzelnen Jägers, die lieben Mitjäger daran zu erinnern und darin zu schulen, durch ihr Auftreten einen möglichst vorteilhaften Eindruck in der Öffentlichkeit zu hinterlassen, für unser Anliegen zu werben, anstatt der Jagd neue Feinde zu machen.

Dann ist aber auch zu fragen, ob das Agieren des ÖJV – ich komme jetzt, wie eingangs versprochen, auf Kritik und Ablehnung zurück – der Sache der Jagd dient oder nicht. Herr Fuhr hat das mal sehr schön auf den Punkt gebracht: Der ÖJV müsste eigentlich ökonomischer Jagdverein heißten, nicht ökologischer, weil er ausschließlich die Interessen der Waldbesitzer vertritt. [Es würde mich übrigens interessieren, Herr Fuhr, wie Ihre Saulus-zu-Paulus-Werdung sich vollzogen hat. Vielleicht konnten Sie günstig eine Waldparzelle erwerben?] Der ÖJV betreibt, knallhart und effizient Lobbypolitik, bestens vernetzt in den Ministerien und Redaktionen. Im Hinblick auf den im Verhältnis zur Mitgliederzahl völlig überproportionalen politischen Einfluss ist der ÖJV vergleichbar mit der Deutschen Umwelthilfe – auch was den Beliebtheitsgrad angeht, übrigens.

Von den 0,475 Prozent vertritt der ÖJV wiederum schätzungsweise 0,3 Prozent, eine winzige Minderheit von der winzigen Minderheit. Und diese Splittergruppe und mikroskopische Minderheit maßt sich an, im Alleinbesitz der jagdliche Weisheit zu sein und alles, alles besser zu wissen und besser zu machen. Anmaßung, Überheblichkeit, Rechthaberei und Besserwisserei finden Ausdruck im Motto des ÖJV Brandenburg: So jagt man heute. Wenn man schon eine absolute Außenseiter- und Minderheitsposition vertritt, muss man offenbar von der Unfehlbarkeit der eigenen Anschauungen und Propheten umso felsenfester überzeugt sein.

Und wie alle Sektierer und Ideologen gefällt sich der ÖJV in Polemik, Polarisierung und Provokation: Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird auf die Lodenjockel, die Traditionsjäger eingedroschen. Die sind jagdlich unfähig, unwillig angepasste Wildbestände herbeizuschießen, schießen können sie übrigens gar nicht, wenn dann nur krank oder vorbei, es geht ihnen sowieso nur um den Knochen an der Wand und bei jeder Gelegenheit verbündet man sich mit Naturschützern gegen die Jäger, wenn es um das Verbot von Jagdarten geht, die den Waldbesitzer nicht interessieren, Enten, Niederwild, Baujagd, was auch immer.

Es mag sein, dass das aus Ihrer Sicht einem vordergründigen Vereinsinteresse dient, weil die Provokation und Polarisierung das Überlegenheitsgefühl Ihrer Mitglieder stärken. Sich wohlig die Hände reibend blickt man in der Gewissheit, ein für alle mal Recht zu haben – so jagt man heute – auf den dummen und rückständigen Normalojäger herab. So wie das Mitglied im Golf-GTI-Klub die Prolls im Opel-Manta-Klub verachtet. So wie man stolz ist, Deutscher zu sein und Franzosen, Italiener und alle anderen geringschätzt: Am deutschen Wesen soll dereinst die Welt genesen, so jagt man heute!

Meine Damen und Herren, Sie wissen, was ich damit sagen möchte: Mit Polarisierung und Provokation, dem Herumhacken auf anderen und andersdenkenden Jägern schmeicheln Sie vielleicht der Eitelkeit eines Vereinsklüngels – der Sache dienen Sie damit nicht. Wir Jäger sitzen alle im selben Boot. Mit heilloser Zerstrittenheit, dem Auseinanderfallen der Jägerschaft in verfeindete Parteien schaden wir uns in erster Linie selbst. Denken Sie nur an den – etwas blauäugigen – Trend, natürliche Ressourcen aus der Nutzung zu nehmen, Totalreservate, Urwald, Prozessschutz, Jagdruhe sind die Stichworte – um dergleichen abzuwenden müssen Naturnutzer zusammenhalten, anstatt Feindschaften zu pflegen.

Wie weit diese Feindschaft bereits gediehen ist und wie ernst es damit ist, erkennen Sie z.B. daran, dass mir viele Leute ganz im Ernst abgeraten haben, diesen Termin hier wahrzunehmen, oder wenn doch, dann auf keinen Fall alleine aufzukreuzen, alles aufzuzeichnen usf. Weil sie in diesem Gesprächsangebot nichts als eine Falle sehen, eine willentlich herbeigeführte Gelegenheit, einem Kritiker zu schaden, Worte im Mund zu verdrehen und so belastendes Material zu konstruieren usw.

Ich würde mir wünschen, dass die Auseinandersetzung über sachliche Themen wie Jagd, Wildbewirtschaftung, die obendrein für viele doch nur ein Hobby sind, auch sachlich und respektvoll geführt werden, ohne Rechthaberei, ideologisches Überlegenheitsgetue und persönliche Anfeindungen wie neulich im Fall der Attacke auf Prof. Pfannenstiel. Natürlich: Der ÖJV ist eine Interessenvertretung und aus dem Widerstreit der Interessen sollen gesellschaftlich mehrheitlich akzeptable Lösungen erwachsen. Es ist Ihr Recht und Ihre Pflicht, die Interessen Ihrer Mitglieder – auch lautstark – zu vertreten, tun Sie es, aber tun Sie es anständig.

Ich serviere Ihnen jetzt echte, tiefe Weisheit, aus der Praxis abgeleitet und in der Praxis bewährt: Nietzsche sagte einmal, die einzig anständigen unter den Philosophen seien die Skeptiker. Warum? Weil Skeptiker grundsätzlich anerkennen, dass andere, abweichende Meinungen auch ihre Berechtigung haben, ja mehr noch, genau so berechtigt sind, wie meine eigene.

Es kommt noch besser: Der griechische Philosoph, Redner, Lyriker und Staatsmann Solon, dem es gelungen ist, die athenische Gesellschaft zu befrieden, hat einen nachdenkenswerten Satz hinterlassen: “Der Sieg der Interessen ist der Sieg des Unrechts.” Als Demokrat – und das sind wir hoffentlich alle – kann, sollte ich gar nicht hoffen, dass ich meine Interessen zu 100 Prozent durchsetzen kann. Denn einem absoluten Sieger steht ein absoluter Verlierer gegenüber, der seine Lage als Unrecht auffassen wird. Es geht um Interessensausgleich, um Kompromisse. Um diese zu finden, muss man sie aushandeln, miteinander reden und das geht nur, wenn aus unterschiedlichen Ansichten und Interessen nicht Feindschaft und Hass werden.

Kompromisse finden und Interessensausgleich bewerkstelligen zu können, setzt, wie oben ausgeführt, einen angemessenen Umgang mit einander voraus. Zwei weitere Faktoren halte ich desweiteren für unverzichtbar, die auch für die Wahrnehmung von Jagd in der Gesellschaft entscheidend sind:

Exzesse

Exzesse vermeiden – extreme Haltungen, Forderungen, Maximalpositionen erschweren oder verunmöglichen jede Einigung. Das gilt übrigens auch für Jagdstrategien wie nicht zuletzt der Fall Jagszent zeigt: Auch gute, sinnvolle, bewährte und tierschutzkonforme Jagdformen wie Intervalljagd oder Bewegungsjagd büßen jegliche Akzeptanz ein, wenn sie übertrieben werden. Mit Schlagzeilen wie “Massaker an der Müritz” oder “Gemetzel im Nationalpark” ist der Jagd nicht geholfen. Der Fall Jagszent ist, nebenbei bemerkt, ein weiteres gutes Beispiel für den Hass, der aus unterschiedlichen Auffassungen die Jagd betreffend, aber auch Überheblichkeit, Arroganz und Besserwisserei entstehen kann.

Einen Exzess stellt es in meinen Augen auf jeden Fall dar, wenn Jagd zu Schädlingsbekämpfung herabgewürdigt wird, wenn es heißt, nur ein totes Reh ist ein gutes Reh. Wenn sich ein Jagdleiter im Landesforst mit ÖJV-Käppi auf dem Kopf vor die Corona stellt und tönt: Schießt du Rücken, hast du Keule, schießt du Keule, hast du Rücken” – so ist das schlicht nicht akzeptabel. Für mich als Jäger nicht und, da bin ich mir ganz sicher, gesamtgesellschaftlich auch nicht.

Rechtstreue

Jäger stellen illegale Fallen, vergiften Greifvögel, betreiben verbotene Kirrungen, schießen aus Versehen Ponys, Schafe und Kühe tot, und wenn es ganz schlimm kommt, muss auch mal ein Liebespaar im Mais dran glauben. Neben den ewigen Streiereien sind es vor allem Unglücksfälle und Vergehen, durch die die Öffentlichkeit von Jägern Kenntnis nimmt. Das ist fatal, dem ist durch Aufklärung, bessere Ausbildung etc. gegenzusteuern, da sind wir uns einig. Nur: Wie wäre es, bei sich selbst anzufangen? Ich kenne eine ganze Reihe Jäger, die sagen: Was in meinem Revier Jagdzeit hat, bestimme ich. Sie alle kennen das Projekt “zielorientierte Jagd” auch Müller- oder Hatzfeld-Projekt genannt. Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Ergebnisse des Projekts verfälscht wurden – und zwar dadurch, dass in den Revieren der beteiligten Privatwaldbesitzern ohnehin seit jeher jedes Reh geschossen wurde, egal, ob es Schonzeit hatte oder nicht.

Ich finde, ein Privatwaldbesitzer, der ein Reh erschießt, ob es Schonzeit hat oder nicht, ist um keinen Deut besser als ein Jäger, der einen Wolf erschießt.

Es gibt ohne Frage eine ganze Reihe ideologisch motivierter Jagdgesetze, deren Sinn sich nicht erschließt und die unsere jagdliche Freiheit teils schmerzlich einschränken: Für den einen ist es das Verbot der Frühjahrsbejagung von Schnepfen, für den anderen die Transport- und Aufbewahrungsvorschriften, das alberne Schlösschen am Futteral, die an der Reviergrenze zu beendende Nachsuche oder eben die Schonzeit des Rehbocks.

Aber wo kommen wir hin, wenn jeder nur noch die Gesetze befolgt, die ihm in den Kram passen. Anarchie mag machbar sein, aber ist sie wirklich wünschenswert? Kann ich mich noch auf den Schutz der Gesetze berufen, auf den Schutz meines Eigentum, auf Strafverfolgung von Kanzelsägern oder dem Biker, der durch den Wald brettert und mir den Schädel einschlägt, wenn ich selbst auf Recht und Gesetz pfeife? Oder ist das einfach nur bigott?

Ich denke, es ist besser, sich an Gesetze zu halten – aus einem Respekt vor Recht und Rechtstaatlichkeit, aber auch weil die Außenwirkung von Gesetzesverstößen durch Jäger fatal ist. Die Öffentlichkeit stellt an uns als privilegierte Legalwaffenbesitzer zu Recht erhöhte Anforderungen, denen wir genügen sollten. Und um auf den Umgang miteinander zurück zu kommen: Wir müssen uns gar nicht erst bemühen, Kompromisse auszuhandeln, wenn man sich dann nach Gutsherrenart nicht daran hält.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Im Anschluss entwickelte sich eine sehr lebhafte Diskussion, die den Beweis dafür lieferte, dass es sehr wohl möglich ist, unterschiedliche bis konträre jagdliche Standpunkte konstruktiv, sachlich und in einer von gegenseitiger Achtung und – ich wage fast zu sagen – Sympathie getragenen Atmosphäre zu erörtern. Interessant fand ich die unterschiedlichen Vorstellungen bezüglich Selbstverständnis und Aufgabe der Jagd: Jagd als Freiheitsrecht, als urmenschliche Tätigkeit (Jäger & Sammler) oder Jagd als Dienstleistung an der Gesellschaft (z.B. Klimaschutz, Wildunfallverhütung) oder Land- und Forstwirtschaft (Wildschäden). Einig waren wir uns, glaube ich, darin, dass sich diese verschiedenen Sichtweisen nicht unbedingt ausschließen, sondern auf jeweils unterschiedliche Jägertypen, Jagdarten und -aufgaben mehr oder weniger stark zutreffen.

Aus dem vorher Erörterten leitete sich die Frage ab, wie es der Jagd eher gelingen kann, ihr Anliegen und ihre Berechtigung der Gesellschaft zu vermitteln. Die meisten neigten der Ansicht zu, dass es sinnvoller und aussichtsreicher sein dürfte, mit dem gesellschaftlichen Nutzen – also letztlich dem Dienstleistungs-Gedanken – zu argumentieren, als mit Vorstellungen von Jagd als Freiheits- und Menschenrecht oder auch schützenswertem Kulturgut nach dem Vorbild der Falknerei, die bekanntlich als immaterielles UNESCO Weltkulturerbe anerkannt ist.

“Über Ihre Eingangsworte, mit denen Sie beschrieben hatten, dass Ihnen von einem Besuch beim ÖJV abgeraten wurde, bzw. mit welchen Hilfs- und Schutzmaßnahmen Sie nur dort hätten auftreten sollen, haben wir erst geschmunzelt”, schreibt Matthias Graf von Schwerin in einer Mail im Nachgang des Treffens: “Im Nachhinein bin ich doch ziemlich erschrocken über diese Haltung gegenüber dem ÖJV, selbst wenn diese nur von einer Minderheit der Jäger vertreten werden dürfte.”

“Im Endeffekt war es dann ja gar nicht schlimm…”, resümiert der ÖJVB-Vorsitzende:  “Über den Verlauf der Diskussion habe ich mich gefreut. Zum Teil haben wir Einigkeit feststellen können, zu einigen Themen haben wir uns kontrovers, aber sachlich fundiert ausgetauscht […]” Es habe nicht immer 6 : 1 gestanden, sondern manchmal nur 5 : 2…

Dieser Einschätzung kann ich mich nur anschließen. Es war ein über Erwarten anregender, angenehmer und interessanter Abend. Es wurde vereinbart, im Gespräch zu bleiben. SE

Beitragsbild: Internetseite des ÖJV Brandenburg mit dem zitierten Claim “So jagt man heute!” (Screenshot)

7 Gedanken zu „Showdown in Buckow

  1. Grimbart

    Toller Artikel! Nachdenklich hat mich der Aspekt des Streitens gemacht. Leider ist er nur allzu wahr. Da können sich große Teile der Jägerschaft selbst an die Nase fassen.
    Hoffnungsvoll können einer doch die Schlusssätze stimmen, denn es doch immer besser miteinander zu reden, als nur übereinander.

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  2. Ronbi

    Schnauzen, sollte nie ein Jäger. Erklären ist besser.
    Oberstes Gebot statt Sheriff-Allüren, Freundlichkeit in jeder Situation.
    Dann klappt es auch mit der Akzeptanz für die Jagd.

    Nur aus Neugier, hat der ÖJVB auch so eine Echokammer und wie funktioniert die?

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  3. MH

    Toller Artikel!

    Zum Fazit:

    Die Botschaft hör’ ich wohl, …

    Nicht vergessen, daß Wölfe (und vielleicht auch Wolfsliebhaber) manchmal Kreide fressen.

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    1. admin Beitragsautor

      Vielen Dank! Ich kann nur sagen, dass die Anwesenden auf mich absolut aufrichtig wirkten – es gibt in dem Verein aber sicherlich Leute, die weitaus radikaler, “scharfmacherischer” sind, und mit denen diese wirklich angenehme und bereichernde Gesprächsrunde so nicht möglich gewesen wäre. SE

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