Schwere Zeiten für Wiederlader

Nur noch zertifizierte Munition soll dem Entwurf des neuen Bundesjagdgesetzes (BJagdG) zufolge für die Jagdausübung zugelassen sein – was bedeutet das für Wiederlader?

“Wiederladen ade?”, fragt ein Jawina-Leser in einer Mail an die Redaktion, die der juristisch sattelfeste JAWINA-Kommentator Anko wie folgt beantwortet:

“Ja, schwere Zeiten für Wiederlader, wenn der BJagdG-Entwurf so durchgeht:

Nach vorliegender Fassung des Gesetzesentwurf ist die “Munition” durch eine Behörde zu prüfen und der “Hersteller” nur auf Grundlage einer solchen Prüfbescheingung zur Kennzeichnung der “Munition” als jagdgebrauchstauglich berechtigt. Die Jagd mit Munition ohne solche Kennzeichnung ist “verboten”, § 18d Absatz 3. Der jagdliche Wiederlader müsste dann als “Hersteller” seine Munition der o.g. Prüfprozedur unterziehen.

Fazit: Das kann es ja wohl nicht sein. Da waren offensichtlich echte Kenner am Werk.

Aus dem Entwurf die maßgeblichen Regelungen:

§ 18c besagt:

Besondere Anforderungen an Jagdmunition

(1) Büchsenmunition ist für die Jagd auf Schalenwild nur geeignet, wenn sie eine zu-
verlässige Tötungswirkung erzielt und eine hinreichende ballistische Präzision ge-
währleistet. Ferner darf Büchsenmunition nicht mehr Blei als nach dem jeweiligen
Stand der Technik unter gleichzeitiger Wahrung der Anforderungen des Satzes 1
unvermeidbar an den Wildkörper abgeben.

(2) Zum Schutz des Wasserhaushaltes und des Naturhaushaltes ist Schrotmunition für
die Verwendung zur Jagd auf Wasserwild an Gewässern und in Feuchtgebieten nur ge-
eignet, wenn sie über die Anforderungen nach Absatz 1 hinaus möglichst kein Blei an
die Umwelt abgibt.

§ 18d

Kennzeichnung und Verwendung von Jagdmunition

(1) Die Anforderungen des § 18c gelten als erfüllt, wenn die verwendete Munition ein-
deutig als für die jeweilige Jagd geeignet gekennzeichnet ist.
(2) Die Kennzeichnung von Munition nach Absatz 1 ist nur zulässig, soweit

1. eine nach Landesrecht zuständige Behörde auf Antrag des Herstellers der
Munition oder im Falle der Einfuhr auf Antrag des Importeurs geprüft hat, dass
die Munition die Anforderungen des § 18c in Verbindung mit einer
Rechtsverordnung nach § 18e erfüllt und

2. das Ergebnis der Prüfung dem Hersteller oder Einführer bescheinigt ist.
Die Gültigkeitsdauer der Bescheinigung ist für Munition, die noch Blei an den
Wildkörper oder an die Umwelt abgibt, unter Berücksichtigung der zu erwartenden
weiteren Entwicklung des Stands der Technik angemessen zu befristen, längstens
jedoch auf einen Zeitraum von […] Jahren nach deren Ausstellung. Die
Kennzeichnung erfolgt nach näherer Bestimmung einer Rechtsverordnung auf Grund
des § 18e mindestens durch die Angabe der Nummer und im Falle des Satzes 2 der
Gültigkeitsdauer der Prüfbescheinigung sowie die Angabe der Prüfstelle.

(3) Es ist verboten, zur Jagd in den Fällen des § 18c andere als nach Maßgabe des Ab-
satzes 2 gekennzeichnete Munition zu verwenden.”

Was die neuen Regelungen des BJagdG für Folgen hätten, wenn Sie so durchgehen, hat JAWINA-Leser AH in einem Kommentar zum Beitrag “DJV begrüßt Jagdgesetz-Novellierung” treffend zusammengefasst: “Leider begrüßt der DJV da auch einen Punkt, der für viele Jäger einen bedeutenden Einschnitt darstellen wird und letztendlich alle teuer zu stehen kommt. Es geht um das private Wiederladen von Jagdmunition durch qualifizierte Jäger: Laut Entwurf darf nur noch zertifizierte Munition vom Hersteller mit entsprechender Kennzeichnung verwendet werden. Dies bedeutet, dass RUAG und Co. quasi Ihr Monopol weiter ausbauen können und, noch schlimmer, seltene Kaliber nicht mehr oder zu Wahnsinnspreisen zu bekommen sind.

Damit werden in kürze zigtausende Jagdwaffen unbrauchbar und bestimmte Kaliber deutlich teurer – sofern diese überhaupt lieferbar sind. Vielen Jägern wird damit ein wesentlicher und bedeutender Baustein ihres jagdlichen Handwerks genommen.

Der Gesetzgeber spricht mal wieder dem mündigen Bürger/Jäger das Recht und den Verstand ab, beste Bedingungen für die weid- und letztendlich tierschutzgerechte Jagd selbst schaffen zu können. Warum reicht es nicht, nur die Geschosse zu zertifizieren? Jeder Wiederladen versucht ohnehin das Optimum an Leistung und Präzision rauszuholen, und das geht meistens weit über sogannte Fabriklaborierungen hinaus.

Bedanken können wir uns hier vorallem bei den “alten” Sturköpfen in den Jagdverbänden, die der Bleifrei-Diskussion in den letzten Jahren mit ihrer Zweifelei immer wieder neuen Anschub gegeben haben, mit Ihrer elenden Wirkungsdebatte meist ohne eigene jagdliche Erfahrung. Am Ende der Diskussion kam Carl Gremse mit seiner Studie, die letztendlich jetzt im aktuellen Entwurf zur Novellierung ihren Höhepunkt findet. Danke dafür “Genossen”.

Wenn es denn so kommt, gewinnt am Ende nicht unser Wild, sondern die Lobby der Munitionshersteller.” [Hervorhebungen durch red.]

Noch ist es für eine Lösung nicht zu spät

Engagierte Wiederlader (und kleine innovative Geschosshersteller) waren meines Wissens die ersten – und lange Zeit die einzigen – die in Deutschland funktionstüchtige, tierschutzkonforme und damit auch weidgerechte bleifreie Jagdbüchsenmunition hergestellt haben. Es wäre äußerst ungerecht, nun ausgerechnet diesen, das Optimum an Wirkung und Präzision anstrebenden Jägern, durch die Novellierung des Bundesjagdgesetzes das Handwerk zu legen. Zumal akzeptable Lösungen ohne weiteres denkbar sind: So könnten beispielsweise auch Geschosse und eventuell weitere Komponenten zertifiziert und die damit geladenen Patronen dann für jagdtauglich erklärt werden. Möglich wäre auch ein Regelung, der zufolge wiedergeladene Munition, die zertifizierten Patronen in Kaliber, Energie und Geschoss weitgehend entspricht, für die Jagd verwendet werden darf.

Noch ist es dafür nicht zu spät. Der Gesetzesentwurf zum neuen BJagdG hat die interne Ressortabstimmung passiert und geht nun in die Anhörung. Die Jagdverbände, auf deren ausdrücklichen Wunsch die tatsächlich ja wenig praxistauglichen starren Kaliber- und Energiegrenzen abgeschafft wurden, sind jetzt gefordert, mit aller Macht für die Rechte der Wiederlader einzutreten. SE/AH/Anko

Update: Der DJV bestätigte der JAWINA-Redaktion auf Nachfrage, dass er das Thema Wiederlader auf dem Schirm habe und im Rahmen der noch bis Mitte März laufenden Verbändeanhörung auf eine sinnvolle Regelung drängen werde.

Beitragsbild: Wiederladestation. Copyright: SE

 

3 Gedanken zu „Schwere Zeiten für Wiederlader

  1. Berndt Fürstenberg

    Leider ist es das erste Mal das ich im Zusammenhang mit der Änderung des Bundesjagdgesetzes höre, dass wiedergeladene Munition nicht mehr zur Jagd verwendet werden kann. Bitte bedenken Sie, dass es viele verantwortungsbewusste Jäger gibt, die wiedergeladene Munition erfolgreich auf der Jagd einsetzen. Zumal für viele Kaliber nur Wiederladen eine Anpassung an die Waffe ermöglicht und so die Nutzung der geliebten Waffe weiterhin möglich macht. Für viele Kaliber gibt es auch keine industriell hergestellte Munition. Ich nutze seit 38 Jahren wiedergeladene Munition bei der Jagd, und kein Jagdherr hat sich bisher beschwert, da bei mir die tierschutzgerechte Tötung absolute Priorität hat. Dazu führe ich Geschwindigkeitsmessungen V 5 und V 100 durch und lasse von den jagdlich genutzten Ladungen den Gasdruck prüfen um auf der sicheren Seite zu sein. Vom DJV erwarte ich, dass er sich dafür einsetzt und nicht das Wiederladen als kleineres Übel im Poker mit dem Gesetzgeber opfert.

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  2. Dr. rer. nat. Carl Gremse

    Jawina – wie immer ganz vorne mit dabei. Großes Lob.

    Was den Verweis auf die am Fachgebiet Wildbiologie, Wildtiermanagement und Jagdbetriebskunde (FWWJ) der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde von mir durchgeführten Untersuchungen angeht,

    (Zitat)
    “Am Ende der Diskussion kam Carl Gremse mit seiner Studie, die letztendlich jetzt im aktuellen Entwurf zur Novellierung ihren Höhepunkt findet. Danke dafür „Genossen“.”

    verweise ich auf Seite 112 des Berichtes vom 25.02.2014 (http://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/Landwirtschaft/Wald-Jagd/BLE-Forschungsbericht-Jagdmunition.pdf?__blob=publicationFile):

    “Folglich sollte die geschossspezifische Grenzgeschwindigkeit und die laborierungsspezifische Grenzentfernung herstellerseitig ermittelt, beschussrechtlich bestätigt und der kleinsten, handelsüblichen Verpackungseinheit kenntlich gemacht werden. So könnten Jäger und auch Wiederlader, unabhängig vom Geschossmaterial sicherstellen, für ihre jagdlichen Zwecke, bezogen auf die Einsatzreichweite, ausschließlich ausreichend wirksame Geschosse zu verwenden.”

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  3. AH

    Hallo Herr Gremse,

    um nochmal Klarheit meiner Aussagen in die Thematik zu bringen. Ihre Studie “BLE Forschungsbericht Jagdmunition” will sicher keiner in Frage stellen.
    Ihr Bericht beschreibt nach meinem Wissen bislang als einziger umfassend und fundiert anhand von echtem “Praxisbezug” (einige Rehe in Ihrer Auswertung waren mir bekannt) die aktuell relevanten Zusammenhänge zw. Geschoss, Geschwindigkeit, Zielwiederstand etc. .
    Leider gibt es aber immer wieder “Schnellschüsse” von weniger informierten Prozess – Beteiligten die wahrscheinlich ihren Bericht und die darin enthaltene “Physik” nicht gelesen bzw. verstanden haben. Da wird dann schnell zu Begriffen wie zertifiziert, Zertifikat etc. gegriffen ohne sich über deren Auswirkung im klaren zu sein. Hört sich politisch ja auch sauber an.
    Ich kann nur hoffen das der DJV seinen Einfluss bei den zuständigen Stellen für die jagdlichen Wiederlader geltend macht, damit Sie und ich weiterhin freude an diesem wichtigen Teil unseres Hobbys haben.

    Weidmanns Heil

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