Schwein der Schande

“Unser ritterliches Schwarzwild wird behandelt wie Prostituierte: Jeder bumst fröhlich drauf rum.” Zitat eines bekannten Nachsuchenführers

Diese dreibeinige Sau wurde als Hegeabschuss vor einigen Wochen in Brandenburg gestreckt. Es handelt sich, wie unschwer zu erkennen ist, um eine Bache mit angesogenen Strichen (Zitzen). Man kann sich sicherlich darüber streiten, ob dieser Hegeabschuss erforderlich oder notwendig war. Das Stück befand sich jedoch wohl in einer größeren Rotte mit mehreren anderen Bachen, man wird also davon ausgehen können, dass die schon ziemlich großen Frischlinge durch den Abschuss der Bache nicht führungslos verwaist sind. Doch es soll hier um etwas anderes gehen. An der Ursache für die Dreibeinigkeit des Wildschweins kann nämlich leider kein Zweifel bestehen: Deutlich ist die Narbe des Streifschusses auf der Bauchdecke des Schweins zu erkennen, die das Geschoss gerissen hat, bevor es in die Keule einschlug.

Streifschuss auf der Bauchdecke des Schweins. Foto: SE

Es handelt sich also unzweifelhaft um eine alte Schussverletzung, die dazu führte, dass die getroffene Keule beinahe vollständig – ja, was? – abfiel? abfaulte?

Ohne OP, Tierarzt und Schmerzmittel hat das Wildschwein die furchtbare Verletzung ausgeheilt, von der getroffenen Keule ist kaum noch etwas übrig. Foto: SE

Als wäre das noch nicht genug, weist das schwer geprüfte Schwein eine weitere Verletzung an einem Vorderlauf auf, bei der es sich lt. Tierarzt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch um eine alte ausgeheilte Schussverletzung handelt:

Alte Verletzung am Vorderlauf. Foto: SE

Wir wissen nicht, unter welchen Umständen dieses Wildschwein diese Schussverletzung(en) empfangen hat. Ob es sich um ein Drückjagdopfer handelt, oder ob irgendwo nachts auf einen dunklen Klumpen geschossen wurde. Man kann aber davon ausgehen, dass das Schwein auf den oder die Schüsse hin deutlich gezeichnet und sehr wahrscheinlich auch geklagt hat. Es dürfte zunächst zusammengebrochen sein, bevor es sich weiterschleppte. Es hat höchstwahrscheinlich stark geschweißt und sich nach kurzer Zeit ins Wundbett begeben und hätte sich bald dem Hund oder den Hunden gestellt.

Auf einer Nachsuche mit einem nicht einmal besonders leistungsfähigen Gespann wäre es folglich mit Sicherheit zur Strecke gekommen. Wir wissen nicht, ob überhaupt nachgesucht wurde oder warum die Nachsuche unterblieb.

Vielleicht ist der Schütze ein wenig am Anschuss – oder da, wo er ihn vermutete – herumgetappt, hat keinen Schweiß gefunden und sich eingeredet, dass er “folglich” wohl vorgeschossen habe. Vielleicht ist er sogar mit seinem ungeübten und unbrauchbaren Fiffi ein paar Meter der Fährte gefolgt, bis Fiffi nicht mehr weiter wusste oder am ersten Brombeerverhau nicht mehr weiter wollte. “Nicht zu kriegen”, heißt es dann…

Vielleicht ist das Schwein auch über die Grenze zum bösen Nachbarn gelaufen, wo alle Nachsuchen enden müssen, weil man den prinzipiell nicht mag, weshalb man konsequenterweise weder seinen Namen noch seine Telefonnummer kennt, obwohl man seit dreißig Jahren Reviernachbar ist. Vielleicht ist die Bache auch auf einer Erntejagd von diversen Schützen beflakt worden, wo man ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass es nur Volltreffer und glatte Fehlschüsse gibt und sich daher auch keiner die Mühe macht, die diversen Anschüsse zu kontrollieren. Wäre ja auch ein Haufen Arbeit bei all den Magazinen, die da verballert wurden…

Wie gesagt, wir wissen es (leider) nicht. Aber es sollte klar sein, dass dergleichen – ob die Stücke nun von anderen zu Ende geschossen oder verludert von Spaziergängern oder Erntearbeitern gefunden werden – die ultimative Schande für die Jägerschaft darstellt und wir alles daran setzen müssen, die nicht nachsuchenden schwarzen Schafe zu identifizieren und auszusondern.

Ich wünsche jedenfalls allen, die leichtfertig ihre Schlump- und Küchenschüsse anbringen und dann nicht nachsuchen (lassen), dass sie aus pädagogischen Gründen nur mal ein, zwei Tage lang die Schmerzen aushalten dürften, die diese wahrlich arme Sau erleiden musste, als sie über Wochen und Monate auf blutigen Stümpfen durchs Gebüsch humpelnd ihre entsetzlichen Verletzungen ganz ohne Tierarzt, OP und Betäubungsmittel ausheilte.

Die Bache wurde vom Erleger übrigens verworfen und einer Jagdschule für ein Anschuss-Seminar zur Verfügung gestellt, so dass ein paar angehende Jungjäger aus deren Martyrium  wenigstens noch etwas lernen konnten. SE

Beitragsbild: Arme Sau als Demonstrationsobjekt im Anschuss-Seminar. Foto: SE

16 Gedanken zu „Schwein der Schande

  1. Carpe Diem.. jetzt erst recht

    Diese Bilder tun weh, sind aber auch im Süden der Republik keine Seltenheit. Habe erst gestern in einer größeren Gruppe ein Schießkino besucht und bei wirklich einfachen realistischen Schwarzwildsituationen erleben können, wo das Wild im ziehen überall getroffen worden wäre. Bei staatlichen Drückjagden (jedenfalls bei uns) wird jeder Schuss kontrolliert (da keine Füchse frei sind). Bei Privatjagden werden Schüsse auf die Sau manchmal als Fehlschuss auf den Fuchs gemeldet (alles schon erlebt), bis der Nachbar eine kranke Sau meldet, die bei ihm vorbei kam. Bei solchen Jagden ist Kontrolle allemal besser als das Vertrauen auf eine zweifelhafte Meldung auf der Standkarte.
    Zumal die Nachsuchegespanne vorhanden sind und Arbeit für ihre Hunde brauchen um Spezialisten werden zu können.

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    1. Axel Plümacher

      Ja Carpe Diem, so kann man es etwas kontrollieren. Nur rasten etliche Staatsbedienstete völlig aus, wenn die ein Reh auf der Drückjagd sehen. Da wird die morgentliche Parole des Jagdleiters völlig ignoriert. und aus allen Winkeln und bei jeder Geschwindigkeit aufs Reh geballert und niemand ahndet es.

      Axel Plümacher

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  2. Ronbi

    Nun, wo bleiben sie, die Kommentare?
    Da wird ein Jagdhund von einem Wolf zerlegt und es quillt nur so über.
    Da wird eine Sau gezeigt, die zu Klump geschossen wurde und es herrscht das sprichwörtliche Schweigen im Walde.
    Arme Wildsau, wie wird die Zukunft aussehen.

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  3. Rudolf Brettschneider

    Es gibt ( leider ) immer wieder Schützen, die behaupten vorbei geschossen zu haben, ohne auch nur einen Schritt zum Anschuss gegangen zu sein. Auch der Jagdherr oder Leiter der Jagd werden dann nicht kontrollieren.
    Was dabei raus kommt, ist hier zu sehen und nicht hinzunehmen! Das darf und kann nicht im Interesse der Jäger sein.
    MfG
    D.T.

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    1. Zündelnerlaubt

      Hab ich vorbeigeschossen, habe ich getroffen? Reichen fehlende Pirschzeichen?
      Bei uns im Revier wird jeder Schuß kontrolliert. Man hat schon Stücke ohne Pirschzeichen am Anschuß oder das sie gezeichnet hätten verendet aufgefunden.

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      1. MH

        Ich habe das Fuchsargument bei Forstamtsjagden schon oft gehört. Die einen sagen, wegen der Mäuse, die anderen, weil man sich dann nicht mehr mit “Fuchs gefehlt” rausreden kann. Verstanden habe ich es nicht, denn es kann doch wohl nicht sein, daß nicht JEDER Schuß kontrolliert wird, ohne wenn und aber, auch wenn es sich “nur” um einen Fuchs handelt. Das läßt tief blicken. Ich kenne es glücklicherweise so, daß IMMER mit Hund kontrolliert und ggf. dann nachgesucht wird, ob Fuchs, ob Has´, ob Haselhuhn, völlig egal…

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        1. Carpe Diem.. jetzt erst recht

          Es gibt viele gute Gründe, auf einer DJ den Fuchs nicht frei zu geben. Als Hundeführer von hirschroten Hunden fühle ich mich bei solcher Ansage deutlich wohler, damit am Ende keiner meiner Hunde als vermeintlicher Fuchs auf der Strecke liegt.

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  4. Fisker

    Es würde schon reichen Jäger “einzuladen” und nicht Reisebusladungen jagdloser Jagdscheininhaber gegen Standgebühr wahllos auf das Wild loszulassen. Bei denen ist oft nicht klar, ob Jagdfieber, Erlegungsdruck oder totale Unerfahrenheit die Büchse führen. Und ja, wer hunderte Kilometer fährt und viele Euros für Reise, Unterkunft und Jagdgelegenheit bezahlt, der sitzt nun mal nicht entspannt auf dem Stand und denkt sich, wenn es nichts wird ist es auch nicht schlimm.

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      1. Zündelnerlaubt

        Das würde konsequenter Weise auch heißen andere ihr Wild auch selbst schießen zu lassen ….
        auch in Afrika, Schottland, Österrreich…….

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  5. G.Glinka

    Guten Tag.
    Es muss ALLEN JÄGERN klar werden das:
    – die meisten Jäger nicht in der Lage sind zu erkennen ob sie gefehlt haben
    – eine Kontrollsuche ist wichtig, eine Pflicht und wir sind es der Kreatur schuldig
    – Eine Nachsuche ist meistens kostenlos, das Nachsuchengespann ist für jede Art der Arbeit dankbar
    Die größte „Schände“ wäre es z.b. wenn der Jagdnachbar eine krankgeschossene Kreatur erlegt und sich der Unglücksschütze ermitteln läßt……
    Ein Anruf bei einem Schweißhundeführer und ihn um eine Kontroll/ Nachsuche zu bitten tut nicht weh……

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  6. Reiner Rubbish

    So nötig die Diskussion um erhebliche und weit verbreitete Defizite bei der Schwarzwildbejagung wäre, so unbeliebt ist sie unter Jägern. Gerade hat ein großes Jagdforum die gesamte Diskussion zum Link dieses Artiklels komplett gelöscht. Das ist mehr als schade und bestätigt leider Jagdkritiker, die Jägern aus eigener Kraft keine Verbesserungen zutrauen.

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    1. Carpe Diem.. jetzt erst recht

      Da möchte ich gerne wissen um welches zensierende Forum es sich handelt, ich kenne sonst kein anderes 😉

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  7. Friedrich Ludwig

    Für mich sieht das eher nach einem Unfall mit einem Zug aus, bei dem Pürzel und Hinterlauf abgetrennt wurden.

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  8. H.S.

    Eine arme wirklich arme Sau und viel, viel Spekulation. Mit diesen Bildern und ohne große Phantasie sind auch komplett andere Geschichten leicht erzählbar, z. B. die vom brutalen Maishäckslerfahrer, die vom überforderten Jagdleiter, die vom versagenden “bestätigten Schweißhundeführer” oder sogar eine des gemeinschaftlichen Versagens der drei.

    Ich würde mich freuen, wenn der Autor auch diese Geschichten noch liefern würde, sie sind wirklich nicht weniger wahrscheinlich als die schon erzählte.

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    1. admin Beitragsautor

      Ein Häcksler verursacht keinen Streifschuss. Es geht auch nicht darum, “Geschichten zu liefern”. Der geschilderte Vorfall ist kein Einzelfall, die geschilderte Haltung zum Nachsuchen leider keine große Seltenheit. SE

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