“Schwarzwild nicht gnadenlos und unbarmherzig zusammenschießen”

Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel: Offener Brief an den Präsidenten des Deutschen Jagdverbandes, an den Präsidenten des Deutschen Bauernverbandes und an die Präsidenten der Deutschen Landesjagdverbände

Afrikanische Schweinepest ante portas

Sehr geehrte Herrn Präsidenten,

die heranrückende Afrikanische Schweinepest (ASP) hat in der Jägerschaft, in den Jagdverbänden und in der zuständigen Ministerialbürokratie sowie bei Politikern in jüngster Zeit zu vielfältigen, oft hektischen Aussagen und Aktivitäten geführt. In der Aufregung werden jedoch gelegentlich einige Tatsachen außer Acht gelassen oder falsch dargestellt. Man gewinnt zunehmend den Eindruck, dass das Schwarzwild und die Jägerschaft alleine für einen möglichen Ausbruch der Seuche in unserem Land verantwortlich gemacht werden sollen. Die jüngste Forderung der Bauernschaft, 70 Prozent der Wildschweine zu erlegen (70 Prozent wovon?), ist Ausdruck dieser vollkommen unangebrachten Hyperaktivität und des Versuchs, eigene Verantwortlichkeiten auf andere abzuwälzen.


Die Hauptursachen des enormen Anstiegs der Schwarzwildbestände in den letzten Jahrzehnten sind
1. Nahezu vollständiger Ausfall der Wintermortalität vor allem bei Frischlingen wegen der globalen Erwärmung
2. Höhere Frequenz von Vollmasten wegen der Erwärmung und wegen des hohen Stickstoffeintrages aus der Luft mit der Bereitstellung unvorstellbarer Fraßmengen für Sauen
3. Industrialisierung der Landwirtschaft, wodurch Sauen monatelang Deckung und Fraß in der Feldflur finden
4. Unterschätzung der Schwarzwildbestände und des jährlichen Zuwachses durch die Jägerschaft verbunden mit zu geringen Erlegungszahlen insbesondere bei Frischlingen

Die ersten drei Ursachen hat die Jägerschaft weder zu verantworten, noch kann sie darauf Einfluss nehmen. Die vierte Hauptursache muss sich die Jägerschaft zurechnen lassen. Allerdings stehen die Punkte drei und vier zumindest teilweise in einem ursächlichen Zusammenhang. Die industrialisierte Landwirtschaft erlaubt, oft schon alleine wegen der Schlaggrößen, keine ausreichende Bejagung der Sauen während der Vegetationsperiode im Feld. Insofern darf man erwarten, dass die Bauernschaft neben ihrer Abschussforderung auch die Bereitschaft erklärt, die notwendige Sauenbejagung zu ermöglichen bzw. zu erleichtern. Das ist auch im Sinne der Solidarität der Bauern untereinander eine wichtige Forderung.

Seuchen breiten sich in Tierbeständen mit hoher Individuendichte rascher aus als in weniger dichten Beständen. Insofern kommt der Absenkung unserer Schwarzwildbestände besondere Bedeutung zu. Diese Forderung haben Fachleute allerdings auch lange vor Einschleppung der ASP nach Mitteleuropa erhoben. Von einem Irrglauben muss man sich allerdings freimachen. Eine mögliche Einschleppung der ASP in unser Land wird nicht durch Übertragung von einem Wildschwein zum anderen geschehen. Für die Einschleppung wird der Mensch verantwortlich sein, der infektiöses Material in welcher Form auch immer (Rohprodukte aus infiziertem Schweinefleisch, Blut infizierte Tiere auf Kleidung, Jagdausrüstung, Kraftfahrzeugen etc.) nach Deutschland verbringt. Maßnahmen, die dies verhindern können, werden in der gegenwärtigen Aufregung kaum thematisiert. Beispielsweise werden nach wie vor große Mengen erlegter Sauen aus Polen nach Deutschland importiert. Es finden nach wie vor große Drückjagden in Polen unter Beteiligung deutscher Jäger statt. In Kürze werden Spargelstecher und andere Erntehelfer aus unseren östlichen und südöstlichen Nachbarländern, in denen ASP grassiert, zu uns kommen und reichlich billige Verpflegung aus der Heimat mitbringen. Autobahnrastplätze, wo zahlreiche LKW-Fahrer aus diesen Nachbarländern während des Fahrverbots am Wochenende gemeinsam das von zu Hause mitgebrachte Fleisch braten oder grillen, sind allenfalls entsprechend beschildert; einen schweinesicher eingezäunten Rastplatz an den vom Osten nach Deutschland führenden Autobahnen oder schweinesichere Tonnen für Essensreste habe ich noch nicht gesehen. Insofern wird die jetzt hektisch geforderte Absenkung unserer Schwarzwildbestände das Risiko der ASP-Einschleppung nicht mindern! Nicht alle aktuellen Vorschläge zur Sauenbejagung sind mit Weidgerechtigkeit und Tierschutz vereinbar. Bitte setzen Sie sich für mehr Rationalität und weniger Emotionalität in diesem Zusammenhang ein. Wir müssen unser Schwarzwild nicht gnadenlos und unbarmherzig zusammenschießen. Damit verhindern die Einschleppung der ASP nicht!

Die sicher gebotene Intensivierung der Schwarzwildbejagung mit höheren Erlegungszahlen und die Verunsicherung des Verbrauchers führen zunehmend zu Absatzschwierigkeiten bei den Wildhändlern und zu einem Preisverfall. Manche Äußerungen von Jagdfunktionären wirken in diesem Zusammenhang noch verstärkend. Solche Äußerungen sind umso unverständlicher, als wir gerade den Wildhändlern den Rücken stärken sollten, die uns (noch) erlegte Sauen abnehmen. Von den drei Wildhandelsbetrieben in der Nähe meines Jagdreviers nehmen zwei bereits kein Schwarzwild mehr an. Es mehren sich hier die Stimmen von Jägern, die sagen: „Lasst die Sauen doch laufen, wenn keiner sie uns abnimmt.“ Was nützen alle Abschussprämien, wenn die Vermarktung des Wildbrets nicht gesichert ist.

Gerade unsere Jagdverbände sollten jetzt zu vermehrtem Verzehr von Schwarzwildbret auffordern. ASP ist keine Zoonose und wir haben sie noch nicht im Land. Wildbret ist anerkanntermaßen ein gesundes Lebensmittel, und die sinkenden Preise sollten Verbraucher ausnutzen. Ich wünsche mir dazu eine Kampagne des Deutschen Jagdverbandes, der Landesjagdverbände und auch der Kreisjagdverbände. Medienwirksam organisierte öffentlich Wildschweinessen der Jägerschaft wären doch vermutlich ein wirksames Element einer solchen Kampagne.

Meine Bitten und Anregungen erlaube ich mir nach 50jähriger Mitgliedschaft im DJV (LJN Niedersachsen und LJV Brandenburg).

Mit freundlichem Gruß und Weidmannsheil

Hans-Dieter Pfannenstiel

Beitragsbild: Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel hat einen Offenen Brief zum Thema ASP an den Präsidenten des Deutschen Jagdverbandes, den Präsidenten des Deutschen Bauernverbandes und die Präsidenten der Deutschen Landesjagdverbände geschrieben (Screenshot). Wir geben das Schreiben ungekürzt im Wortlaut wieder.

17 Gedanken zu „“Schwarzwild nicht gnadenlos und unbarmherzig zusammenschießen”

  1. René Witkowski

    Nicht immer bin ich mit Herrn Prof. Dr. Pfannenstiel einer Meinung. In diesem Punkt spricht er mir allerdings aus der Seele. Ein Statement zu den Forderungen des Bauernverbandes habe ich mir eigentlich von unseren Interessenvertretern gewünscht. Es blieb aus. Stattdessen werden selbst aus dem Vorstand meines Landesjagdverbandes MV unsere Vermarktungsprobleme abgetan.
    Was hat denn der Bauernverband bisher getan. Ich kooperiere sehr gut mit meinem Landwirt. Aber mehr Schneisen und/oder kleinere Schläge sind nicht in Aussicht. Er hat ja auch keine Schweinehaltung. Wo bleibt denn die Solidarität unter den Landwirten? Wo bleibt der Beitrag, der von der Schweinepest betroffenen?
    Aus Angst zu versagen, hat die Politik ein Opfer gesucht – es sind die Jäger. Jeder von uns sollte sich unserer Verantwortung bewusst sein. Etwas bewegen können wir aber nur, wenn alle an einem Strang ziehen.

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  2. Hans-Dieter Pfannenstiel

    Richtig bemerkt. Es muss “Herren” heißen. Außerdem fehlt ein Datum. Mea culpa, mea maxima culpa!

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  3. Grimbart

    Damit verhindern die Einschleppung der ASP nicht. Auch ein Satz der korrigiert werden sollte. Inhaltlich kann ich Prof. Pfannenstiel nur beipflichten. Die Politik hat über Jahre nichts getan und jetzt verfällt sie in blinden Aktionismus, um der Bevölkerung Handlungsfähigkeit vorzugaukeln. Kann man doch schön bei jeder Waffenrechtsverschärfung nach irgendwelchen Amokläufen oder Anschlägen sehen. Der Sicherheitsgewinn geht gegen Null, aber man hat ja was getan. Bei der ASP ist es dann noch recht praktisch einen Sündenbock zu haben, wenn sie dann angekommen ist.

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  4. Ullrich Meissner

    Würde den Inhalt von Prof.Pfannenstiel voll zustimmen. Jedoch ist er mir zu einseitig. Warum setzt sich niemand in der Öffentlichkeit mit der Rolle des Wolfes bei der Verbreitung der ASP auseinander. Warum auch,der Schuldige ist ja gefunden. Unsere Verbände heulen ja mit den Wölfen. Die Geldmaschine funktioniert. Weidmannsheil

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    1. Mikka

      Herr Meissner,
      wenn sich Tausende Menschen vom afrikanischen und eurasischen Kontinent auf Land-, Wasser, oder Luftwegen durch Europa bewegen, dabei Nahrung und Hinterlassenschaften in breiten Gürteln auch über Bergregionen hinweg transportieren, genau dabei werden so viele Wölfe aufgescheucht, dass diese die Hauptverantwortung für die ASP in Deutschland tragen!
      Bitte meinen Sarkasmus nicht falsch verstehen, aber logisches Denken hilft.

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  5. Grimbart

    Gibt es denn schon einen wissenschaftlichen Beweis für die Vermutung, dass der Wolf zu Verbreitung der ASP beiträgt? Falls nicht, sollte man vorsichtig mit solchen Behauptungen sein.

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  6. Ullrich Meissner

    Das Fress -und Territorialverhalten des Wolfes spricht dafür. Es gibt dazu auch eine Reihe regionaler Veröffentlichungen. Man sollte diese Möglichleit nicht ausser acht lassen. Auch von mir bekannten Tierärzten wird diese Möglichkeit in Betracht gezogen.

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    1. Grimbart

      Also gibt es noch keine. Eine solche Vermutung wird von Wolfsfreunden vehement bestritten werden, denn damit soll ein Grund für die Bejagung gefunden werden. Bis dieser Nachweis erbracht ist, wird es die aber nicht geben und die ASP ist dann schon lange im Lande.

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  7. Mikka

    DER EINSAME JÄGER – so müsste die Überschrift lauten!
    Chapeau!, Herr Pfannenstiel. Wie so oft richtig analysiert und auch adressiert.
    ABER:
    1. Die ASP wird kommen!
    2. Die Sicherung der schon jetzt sterilen Schweinehaltung wird wohl einfacher sein als die finanzielle Unterstützung bzw. Hilfe bei der Schwarzwildbejagung in freier Natur.
    3. Man wird die ASP den Jägern anlasten! Deutschland braucht immer schuldige.
    4. Viele Landwirte und die landwirtschaftliche Industrie in ihren Facetten hofft auf die ASP. So wird doch wieder ein großer biotischer Schädling dezimiert.
    5. Es gibt LEIDER genügend Jäger denen beim winken mit Blutgeld viele tierschutzrelevante Sachverhalte abhandenkommen.
    6. Die Panikmache nutzen unsere wohlbekannten Freunde der ökologischen und ökonomischen Fraktion und Waffenlobby, um sickerartig waffenrechtlich relevante Sachverhalte aufzuweichen (ein Schalldämpfer schießt nicht mehr Schweine!) UND um der verbeißenden und schälenden” Wildtierbrut” den Gar auszumachen (aktuell laufen genügend Jagden zum Thema ASP-Prävention, bei denen Reh und Rotwild die Hauptziele sind – vor allen in den Verwaltungsjagden)
    7. Wir Jäger werden es sein, die veterinärrechtliche Konsequenzen erfahren. Soll heißen: einer MUSS die toten und kranken Schweine finden und beseitigen!!!!
    8. Der Preisverfall und die Verfügbarkeit von Schwarzwild wird jetzt und nach Ausbruch der Seuche, vielerorts zum finanziellen Scheiderichter des deutschen Revierjagdsystems.
    9. Eine offene und kommunikative Lobbyarbeit, sowie eine vorurteilsentkräftende Öffentlichkeitsarbeit des DJV oder seiner LJV, aber auch weiterer grüner Verbände, ist nicht zu erkennen. Da fährt ein Schlafwagenexpress durch Deutschland, wie er größer nicht sein könnte. Meine Wut als Jäger und Mitglied in einem LJV ist größer denn je! BITTE AUFWACHEN!!!!
    10. Die mediale Aufmerksamkeit GEGEN die heimischen Wildtierarten ist erschreckend! Der Bevölkerung wird das heimische Wild und somit auch das Wildbret immer mehr als Schädling und Krankheitsüberträger und somit der Jäger als Bekämpfer präsentiert. Ein Wertewandel wie er schlechter nicht sein könnt für jeden normaldenkenden Weidgenossen.

    Resümierend kann man nur festhalten: wie krank ist diese heutige Gesellschaft eigentlich, um nicht zu erkennen, dass der Jäger, der wohl noch einzige wahre biologische und ökologische Fleischlieferant ist? Die Jagd benötigt massive Unterstützung aus Politik, Bauernschaft und der Bevölkerung, um nicht nachhaltig schaden zu nehmen. Daher DANKE Herr Pfannenstiel für diesen offenen Brief!
    Man verzeihe mir mein Worst-Case-Szenario, jedoch muss man unter diesen Umständen den Tatsachen in die Augen schauen und hoffen das jedes Unheil auch eine innere Heilung bedeuten kann.

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  8. Hans-Dieter Pfannenstiel

    Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) hat in einer Broschüre klar gesagt, dass über die Beteiligung von Beutegreifern an der Verbreitung der ASP nichts bekannt ist und es unwahrscheinlich ist, dass beispielsweise der Wolf hier einen Einfluss hat. Zeitliche und räumliche Ausbreitung und Verteilung von ASP und Wolf sind in Mitteleuropa wenig kongruent. Schon alleine deshalb kann man dem FLI nur zustimmen. Herr Loeffler, der Namensgeber des FLI schreibt sich übrigens tatsachlich mit oe.

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  9. Ullrich Meissner

    Herr Mikka,ich widerspreche doch nicht diesen Ansichten. Mein Anliegen,das Problem der ASP sollte allseitig betrachtet werden. Auch nach über 40 Jahren Jagd habe ich kein Interesse einen Wolf zu schießen. Ihre Antworten betrachte ich als sehr sachlich.

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  10. Keule

    Hier äußern sich erfreulich viele Leute, nur die eigentlichen Adressaten des Offenen Briefes nicht. Schade eigentlich!

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  11. Karl Schwabe

    Nochmals zur Übertragung der ASP. In meinem Buch “Tierärztliche Praxis – Wildkrankheiten” von Günther Gräfner (Gustav Fischer Verlag Jena 1986, 3. überarb. Auflage) steht zur Übertragung der (damals Mitte der 1980er Jahre in der DDR ausgebrochenen) Schweinepest auf Seite 48: “Indirekter Überträger ist auch der Mensch, ebenso wie Greifvögel, Krähen, Stare und Spatzen.” (Ähnlich in einem damaligen Schulungsmaterial für DDR-Jäger) – Sollte das bei der ASP anders sein?

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  12. Schweisshundführer

    Wie immer in Deutschland wird bei einem Problem massiv nach dem Schuldigen gesucht.

    Der Chinese sagt: suche nicht nach dem Schuldigen sondern suche nach der Lösung!

    Gibt es darauf eine Antwort?
    Bachen erlegen wird es wohl kaum sein.

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