Schnepfenjagd in Österreich: EU droht mit Verfahren

Die EU droht dem österreichischen Bundesland Salzburg mit einem Verfahren wegen der Frühjahrs-Jagd auf Waldschnepfen, wie der ORF berichtet. Die EU kritisiert die Jagd im März und April, weil sie in der Brut- und Nistzeit der Schnepfen stattfindet – deshalb widerspreche sie der Vogelschutzrichtlinie. Die Balzjagd auf die Waldschnepfe – der sogenannte Schnepfenstrich – ist eine uralte jagdliche Tradition in allen Ländern, in denen die Schnepfe brütet. Der Leiter der Salzburger Agrarbehörde, Franz Hauthaler, bestätigte gegenüber dem ORF den Eingang eines entsprechenden Schreibens von der EU. Gegenüber dem Sender erklärte Hauthaler in vorauseilendem Gehorsam, dass die Verordnung, die die Jagd auf Waldschnepfen im Salzburger Land regle, “Ende 2015 ohnehin auslaufe.” Es sei “derzeit nicht geplant und vorgesehen, in einer neuerlichen Verordnung auch die Frühjahrsbejagung der Waldschnepfe wieder aufzunehmen, sofern nicht ganz triftige Gründe auftreten, die die Argumente der EU-Kommission entkräften könnten.“

“Ganz triftige Gründe, die die Argumente der EU-Kommission entkräften könnten”, könnten Hauthaler und andere Interessierte in Prof. Dr. Heribert Kalchreuters Standardwerk “Die Sache mit der Jagd” und den dort zitierten und beschriebenen Untersuchungen zur Waldschnepfe (Kosmos Verlag, 2003. S.223f.) finden. Einleitend stellt Kalchreuter fest: “So pragmatisch die Frage der Balzjagd in Amerika untersucht wurde, so emotionsbefrachtet sind diesbezügliche Diskussionen vor allem im deutschsprachigen Raum.” Kalchreuter fasst die Forschungsergebnisse wie folgt zusammen: “Im Allgemeinen beteiligen sich nur Schnepfenhähne an den abendlichen Balzflügen. Da sich die Geschlechter der Waldschnepfe an Größe und Gefieder kaum unterscheiden lassen, bietet nur die Balzjagd die Möglichkeit zu geschlechtsspezifischer Bejagung.” […] Nachteilige Auswirkungen der Balzjagd auf die Populationsentwicklung (der eher durch Habitatverluste und intensivierte Landnutzung gefährdeten Art) konnten demnach nie nachgewiesen werden, was auch wenig erstaunlich ist, da hierbei nur balzende Hähne geschossen werden, die sich an der Brutpflege nicht beteiligen und sofort durch “Reservehähne” ersetzt werden.

Kalchreuter kommt zu dem Schluss, dass die Untersuchungen an der Waldschnepfe “auf eine negative Korrelation der Fortpflanzungsrate mit der Dichte der Männchen” hindeutet, wie sie auch bei anderen Arten – Hühnervögeln, Schalenwild – festgestellt wurde. “Wir verstehen nun auch”, bemerkt Kalchreuter abschließend, “warum sich die Einstellung der traditionellen Balzjagd bislang in keinem Fall positiv auf die Bestandsentwicklung des ‘Vogels mit dem langen Gesicht’ auswirken konnte.”

Wir können die Forschungsergebnisse und die entsprechenden Ausführungen Kalchreuters an dieser Stelle nur stark verkürzt darstellen. Die Lektüre nicht nur des entsprechenden Kapitels, sondern des genannten Werks sei hiermit nochmals dringend empfohlen. “Die Sache mit der Jagd” ist eines der besten, informativsten, wichtigsten und spannendsten Bücher, das je zum Thema Jagd geschrieben wurde. Es scheint zur Zeit nur antiquarisch erhältlich zu sein.

Abzuwarten bleibt, ob diese Argumente die Ideologen und Lobbyisten in und im Umfeld der EU-Kommission beeindrucken werden. Im vergangenen Jahr haben Salzburgs Jäger laut ORF 90 Waldschnepfen erlegt – erlaubt gewesen wären 115. SE

Beitragsbild: Waldschnepfe mit Regenwurm. Quelle: Wikipedia, Autor: Ronald Slabke.

 

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