Schmerzhafte Einschnitte

Oder: Ein Plädoyer für den Stechschutzhandschuh

“Also pass auf: Du setzt das Messer hier an, zwischen Gelenkpfanne und – kugel und dann…” Gebannt verfolgen Jungjägerin Tina und ihr ebenfalls jagender Freund Marco, wie Holger das korrekte Zerwirken eines Wildschweins demonstriert, das vor wenigen Tagen von Jagdkumpel Chris geschossen, nach kurzer Nachsuche von Holgers Kopov Dasco gestellt und vom Hundeführer abgefangen worden war. Das Stück ist bereits aus der Decke geschlagen, Haupt, Blätter und Rippen sind abgetrennt. Keule und Rücken hängen noch am Haken. Holger führt vor, wie man die Keule im Gelenk von der Hüfte löst. Sauber zertrennt das frisch geschärfte Messer das Fleisch, gleitet am Hüftknochen der Sau entlang, bleibt an der Gelenkkugel hängen. Holger erhöht den Druck, rutscht ab. Instinktiv, wie ein kleiner Junge, der sich beim Schnitzen in den Finger geschnitten hat, drückt Holger den Arm mit der Schnittwunde an den Mund. Das alles ging so schnell, dass Tina und Marco gar nicht mitbekommen, was gerade passiert ist. “Holger, was ist los?”, fragt Tina. Holger, mit dem Arm vorm Gesicht, redet unverständliches Zeug: “Bopp, Nock, Rock!” Tina starrt ihn an: “Holger, ich verstehe Dich nicht.” Holger reißt den Arm aus seinem Gesicht und schreit: “DOC!” Ungefähr ein halber Liter Blut quillt dabei aus seinem Mund und strömt blasig an den Mundwinkeln hinab auf das T-Shirt, was seinen Worten eine gewisse Eindringlichkeit verleiht.

” Ich hatte schnell den Eindruck, dass diese Art der Wundversorgung unangemessen ist”, wird Holger später sagen, “weil da so viel Blut in meinen Mund floss. Von dem intensiven Blutgeschmack wurde mir speiübel, und beinah hätte ich noch vollflächig auf die Wunde gekotzt, was den Heilungsprozess vermutlich nicht befördert hätte…”

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Fieser Schnitt: Aber der Arzt lobte die Qualität des Messers… Fotos: privat

Jetzt geht alles sehr schnell, Marco und Tina reagieren ruhig und beinah professionell: Während Tina den Notarzt ruft, bindet Marco in der Küche die immer noch stark blutende Wunde ab. In der Notaufnahme defilieren die Ärzte an Holger vorbei. Der erste sagt: “Ach du Scheiße, Sehne durch, Gefäße durch, das sieht aber gar nicht gut aus.” Der zweite meint: “Das ist nicht so schlimm, da können Sie bestimmt schon morgen Abend nach Hause.” Der dritte Arzt trifft eine – vermutlich sehr gute – Entscheidung: “Da können wir jetzt gar nichts machen, das operiert morgen der Handchirurg.”

Holger richtet sich mental auf die eine oder andere Übernachtung im Krankenhaus ein. “Gibt nichts zu essen und zu trinken”, verkündet der Pfleger, “Aber hier haste Leck-Arsch-Tablette.” Am nächsten Morgen wird Holger für die OP vorbereitet, eine nette Anästhesistin lässt ihm sein iPad zum Musikhören. Nach einer Stunde OP kommt der Befund: Eine Sehne ist durch, ein Kompliment geht an den Messerhersteller nach Schweden: “Sehr gutes Messer, fast so gut wie mein Skalpell. Der Schnitt ging glatt durch bis auf den Knochen, da ist nichts zerdrückt, deshalb muss ich sehr wenig Gewebe wegschneiden.” Das hört man als Jäger doch gerne.

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Holger nach der OP zum Arzt: “Das kannste aber gleich nochmal machen.”

Nach drei Stunden OP zieht der Operateur das Tuch weg. Holger wirft einen Blick auf den grotesken Verband und sagt zu dem Arzt: “Das kannste aber gleich nochmal machen, wa?” “Äh, wieso?”, fragt der Arzt leicht irritiert zurück. “Na, Du hast mir doch ‘n Fuß angenäht, der hier irgendwo rumlag.” Der Handchirurg erklärt lachend, dass die Hand im Gelenk so hochgebogen wird, damit sich die geflickte Sehne nicht verkürzt.

Wenige Wochen nach der OP sieht der Arm schon wieder ganz gut aus – daran hat auch ein Jagdfreund, der Physiotherapeut ist, einen Anteil.

Nach der OP kommen die Schmerzen, richtige Schmerzen, vor allem im Handgelenk, Holger bekommt Morphium und Dipidolor. Da blutarm operiert wurde, wobei die Nervenbahnen betäubt werden und mit einer fahrradschlauchartigen Manschette die Blutzufuhr gestoppt wird, fühlt sich der Arm noch zwölf Stunden später wie ein tauber Fremdkörper an: “Als ob du einen Holzklotz mit Dir rumträgst.”

Narben als bleibende Erinnerung: Holger hat aus dem Unfall seine Lehren gezogen.

Und dann kommt auch die Wut. Wut auf sich selbst, Wut auf diese sinnlose Aktion. “Ich habe daraus meine Lehren gezogen”, erklärt Holger: “Die erste: Ich besorge mir einen Stechschutzhandschuh aus dem Fleischerbedarf. Die zweite: “Gerade beim Zerwirken ist es wichtig, in Ruhe zu arbeiten und Selbstgefährdung durch korrekte Messerführung auszuschließen. Ich werde künftig keine Leute mehr beim Zerwirken zuschauen lassen, weil mich das zu sehr ablenkt. Wenn ich nicht hätte vorführen wollen, wie es geht, und deswegen die Keule unterhalb des Messers ins Licht gehalten hätte, wäre das nie passiert.” SE

Jawina dankt Holger für die Fotos und den Bericht und wünscht weiterhin gute Besserung!

 

Ein Gedanke zu „Schmerzhafte Einschnitte

  1. RK

    Herzlichen Dank für den prima Unfallbericht. Nur so können wir voneinander lernen und Risiken reduzieren. In Luftfahrt und Medizin ist das mittlerweile etabliert:
    Beispiel: http://www.inpass.de/cirs/auf-einen-blick/
    Das wird in der Jägerschaft noch viel zu wenig gemacht. Jawina ist da ein guter Vorreiter.Vielleicht haben wir irgendmal ein CIRS für die Jäger?
    Gute Besserung weiterhin und WaiHei!
    René

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