Schleswig-Holstein: Ministerium ordnet Rotwild-Abschuss an

Es ist wieder einmal bezeichnend für den schäbigen Umgang mit Deutschlands größter Schalenwildart: Das Kieler Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung (MELUND) hat in einem Schreiben vom 26.09. an die unteren Jagdbehörden (UJB) der Kreise Nordfriesland, Schleswig-Flensburg, Dithmarschen und Rendsburg-Eckernförde und der Stadt Flensburg die Erlasse zum Vorkommen, zur Begrenzung und zur Freigabe von Rotwild vom 21.04.1980 und 24.11.2005 aufgehoben. Hintergrund sei “die seit etwa der Jahrtausendwende stattfindende Zuwanderung des Rotwildes aus Dänemark in einen für diese Wildart konfliktbehafteten Lebensraum”, heißt es in dem Schreiben. Daher werden die genannten UJB “gebeten, ab sofort allen Jagdbezirken in ihrem Zuständigkeitsbereich, die nördlich des Nord-Ostsee-Kanals und westlich der Bundesautobahn 7 liegen, Rotwild ohne zahlenmäßige Begrenzung und im Rahmen der festgelegten Jagdzeiten freizugeben. Die Freigabe soll entgegen Ziffer 5 Satz 3 der Richtlinie für die Hege und Bejagung des Rotwildes in Schleswig-Holstein vom 30.06.1997 auch für Hirsche der Klassen I und II erteilt werden.”

Weiter heißt es: “In dem Bereich nördlich Rendsburg und östlich der Bundesautobahn 7 soll ‘Rotwild ebenfalls in vorgenanntem Umfang zum Abschuss freigegeben werden. Dieser Raum soll laut Erlass vom 21.04.1980 prinzipiell von Rotwild freigehalten werden.”

Diese sehr weitgehende Abschussfreigabe soll während der Projektlaufzeit eines Telemetrieprojekts gelten, das in den kommenden Jahren durchgeführt werden solle, um “das Raum-Zeit-Verhalten des Rotwildes besser beurteilen zu können und um das abschließende Konzept auf wissenschaftlichen Erkenntnissen aufzubauen.” Da die Freigabe des Rotwilds nach Einschätzung von Betroffenen vor Ort vermutlich zu einem Totalabschuss in den genannten Gebieten führen wird, stellt sich die Frage, ob das Telemetrieprojekt nicht nur ein Deckmäntelchen für die geplante radikale Bestandsdezimierung darstellt.

Von den Regelungen sind lediglich die Mitgliedsreviere der bereits etablierten Rotwildhegegemeinschaften Elsdorf-Westermühlen und Fröslev-Jardelunder Moor ausgenommen, die ihren Abschuss weiterhin im Rahmen von Abschussplänen durchführen dürfen.

Das MELUND weist darauf hin, dass “bei der Durchführung des Abschusses […] die gesetzlichen Vorgaben des Elterntierschutzes unbedingt zu beachten” seien. Weiterhin solle “auf örtlicher Ebene darauf hingewirkt werden, dass der Anteil des Kahlwildes an der Gesamtstrecke möglichst hoch ausfällt.” SE

Beitragsbild: Schreiben des MELUND an die UJB (Screenshot, bearbeitet).

Die JAWINA-Red. dankt für den Hinweis!

 

 

10 Gedanken zu „Schleswig-Holstein: Ministerium ordnet Rotwild-Abschuss an

  1. Zündelnerlaubt

    …Dieser Raum soll laut Erlass vom 21.04.1980 prinzipiell von Rotwild freigehalten werden… sprich Totalbschuß-

    Leider kann man seine Mitgliedschaft in der Brd nicht kündigen

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  2. Hans-Dieter Pfannenstiel

    Unsere größte heimische Tierart wird behandelt wie der letzte Dreck. Man denke zum Vergleich an die Eiertänze, die aufgeführt werden, bevor nur ein sog. Problemwolf zum Abschuss freigegeben wird. Warum muss Rotwild so rabiat an die Landeskultur angepasst werden und warum muss sich die Landeskultur so rabiat an Isegrim anpassen? Gesetzgeber und Regierungen: Aufwachen!!!

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    1. kilalli

      “Warum muss Rotwild so rabiat an die Landeskultur angepasst werden und warum muss sich die Landeskultur so rabiat an Isegrim anpassen?” Eine gute Frage (die i.d.R. geschickt eingegrünt mit den falschen Angaben zum Erhaltungszustand des Wolfes beantwortet wird). Man muss sich allerdings darüber im Klaren sein, dass die Antwort für beide Arten gleichgerichtet gilt. Es wäre problematisch, wenn man beides ohne Herausstellung der Unterschiede vermengen würde, falls man das eine Vorkommen für richtig hält und das andere nicht.

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    2. Jäger aus Walhall

      Nicht die Regierungen sind es, welche aufwachen müssen-die sind wach und handeln in voller Absicht.
      Der Wähler ist es, welcher aufwachen muss und die Regierenden endlich wegen schreiender Unfähigkeit in allen Bereichen abwählen muss.

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  3. Carpe Diem.. jetzt erst recht

    Nun, das Rotwild hat offensichtlich keine solch rabiate Lobby wie diejenige der Wolfsliebhaber. Unsere Jagdverbände kochen ihr eigenes Harmlos-Süppchen und der DJV ist gut, wenn er sich auf Messen mit der Weinkönigin zeigen darf.

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  4. AM

    Äußerst treffend formuliert, Prof. Pfannenstiel. Wölfe dürfen alles und Rotwild nichts. Verlogener geht es wirklich nicht.

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  5. Ronbi

    Irgendwann ist das Rotwild alle und was macht der Wolf dann?
    Hält er sich an die hier, einzige vorkommende Art, der Trockennasenaffen?

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  6. Dr. Wolfgang Lipps

    Abgesehen von allen hier schon wiedergegebenen richtigen Bemerkungen: ich halte einen Totalabschuss in dieser Weise für schlicht rechtswidrig. Er verstößt gegen das BJagdG und das LJagdG und Art. 20a GG. Untergrenze für die Regulierung von Schalenwild ist immer und unabdingbar der gesunde lebens- und reproduktionsfähige Wildbestand der jeweiligen Wildart in Verbindung mit dem Biotop. Der ist wie gesetzlich vorgesehen nur mit einem detaillierten Plan zu erreichen, nicht mit Totalabschussgenehmigungen. Jagdausübungsberechtigte, die diese Rechtslage ignorieren und sich auf die Genehmigung berufen, laufen Gefahr, zumindest mit dolus eventualis gegen § 17 TierSchG zu verstoßen; das ist ein Vergehen und kostet den Jagdschein. Zynisch ist der Hinweis auf den Mutterschutz – knallen wir halt schnell mal erst den Nachwuchs ab, dann kriegen wir die Mütter auch.

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  7. Puddingpapst

    Und was sagt der Landesjagdverband dazu? Der Begriff Rattenbekämpfungswoche wird umgemünzt in Rotwildbekämpfungswoche. Ich könnte kotzen!

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