Sachsen: Streit um Rotwildbejagung setzt sich fort

Der Streit um die Bejagung des Rotwilds in Sachsen geht weiter: Auf das Gemeinsame Positionspapier des Landesjagdverbands Sachsen und der Hegegemeinschaften im Erzgebirge reagieren die einschlägigen Waldbesitzer- und Ökojagdverbände mit einem Offenen Brief an den sächsischen Umwelt- und Landwirtschaftsminister Thomas Schmidt. Nicht nur das Bündnis Wald und Wild (BWW), sondern auch Grüne Liga Sachsen und Naturschutzverband Sachsen (NaSa) kontern mit Offenen Briefen und kritisieren den Umgang mit dem Rotwild. Im folgenden dokumentieren wir den Schlagabtausch im Wortlaut:

Offener Brief von Nabu, ANW, ÖJV und Co. “zu den Forderungen des Landesjagdverbandes Sachsen und der Hegegemeinschaften bezüglich der Rotwildbejagung vom 18. Oktober 2018

Sehr geehrter Herr Staatsminister Schmidt,

die Instabilität der historisch entstandenen Nadelholzreinbestände ist insbesondere in diesem, von Stürmen und Dürre sowie einer nie dagewesenen Borkenkäferplage bestimmten Jahr 2018 deutlich zutage getreten.

Diese außerordentliche Ballung von bestandsgefährdenden natürlichen und menschen-gemachten Kalamitäten lässt gravierende ökologische und ökonomische Langzeitschäden mit negativen Auswirkungen auf die Nachhaltigkeit komplexer Waldfunktionen erwarten. Der Gesundheitszustand der Sächsischen Wälder ist dramatisch beeinträchtigt. Wertvolle Kulturlandschaft droht verloren zu gehen und viele Waldbesitzer sind in ihrer Existenz bedroht.

In diesem Kontext sehen wir die Forderungen des Landesjagdverbandes und der Hegegemeinschaften zur Beibehaltung der bisherigen Wildbestandsdichte, insbesondere beim Rotwild, mit großer Besorgnis. Denn vor allem während der aus o.g. Gründen dringend notwendigen Umbauphase der Wälder ist eine temporäre Anpassung (keine „Ausrottung“!) der Rotwildbestände unverzichtbar – da eine großflächige Gatterung der Umbau- und Wiederbegründungsflächen aus mehrfacher Hinsicht nicht umsetzbar ist.

Selbstverständlich ist Rotwild ein wertvoller Bestandteil unserer Wälder. Entscheidend ist aber, ob es in „jagdlich interessanter“ oder in „ökologisch – ökonomisch vertretbarer“ Anzahl auftritt. Eine Existenzgefährdung des Rotwildes ist auf der Basis jahrelanger Bestands- und Abschussstatistiken in keiner Weise erkennbar, die aktuelle Gefährdung der Vitalität und Stabilität der Wälder ist dagegen für jeden sichtbar.

Die derzeitigen Wildbestände beeinträchtigen häufig eine nachhaltige Waldverjüngung sowie die Biodiversität im Wald. Der in Anbetracht des Klimawandels notwendige Waldumbau wird somit zusätzlich zu den dargestellten dramatischen Auswirkungen durch Sturm, Hitze und die starke Borkenkäferpopulation massiv infrage gestellt. In strukturreichen Mischwäldern beheimatete Arten finden angesichts überhöhter Wildbestände keinen Lebensraum. Hochwasser- und Trinkwasserschutz sind eingeschränkt. Waldbesitzer sind erhöhten Belastungen zum Waldschutz durch Verbiss und Schälung ausgesetzt und damit tatsächlich auch in ihren Grundeigentümerrechten eingeschränkt. Letztlich und zusammenfassend werden aufgrund der langen Verjüngungszeiträume die Erfolge der letzten 25 Jahre wieder in Frage gestellt.

Auf der Basis dieser eindeutigen Sachlage müssen wir das Positionspapier des Landesjagdverbandes und der Hegegemeinschaften in seinen wesentlichen Punkten ablehnen. Im Rahmen eines gesellschaftlichen Konsenses sollte keine Gruppierung eine privilegierte Position beanspruchen. Die berechtigten Belange aller Interessengruppen müssen gewahrt werden. Ergänzend sind wir überzeugt, dass die Mitgliedschaft in Hegegemeinschaften freiwillig sein muss. Die Übernahme staatlicher Aufgaben durch Hegegemeinschaften birgt die Gefahr relevanter Interessenskonflikte. Eine ausschließliche Orientierung am Gemeinwohl ist nicht grundsätzlich sichergestellt.

Der erfolgreiche sächsische Weg des Waldumbaus zu klimastabilen Mischwäldern muss deshalb mit Hilfe engagierter Vertreter aus Land- und Forstwirtschaft, der Jagd sowie des Naturschutzes mit aller Konsequenz gemeinsam fortgesetzt werden. Eine Einschränkung bestehender gesetzlicher Möglichkeiten im Jagdrecht wäre kontraproduktiv. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen geben für ein aktives Handeln zum Wohle des Waldes, des Wildes und der Bürger in ganz Sachsen einen umfassenden Gestaltungsspielraum. Künftige Gesetzesanpassungen sollten die veränderten Rahmenbedingungen des Klimawandels noch stärker berücksichtigen.

Im Interesse der Nachhaltigkeit aller Waldfunktionen, zur Wahrung von Grundeigentümerrechten und zur Sicherung des Gemeinwohls stehen wir für einen konstruktiven und sachorientierten Dialog jederzeit sehr gern mit allen Beteiligten zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Bernd Heinitz, Naturschutzbund Deutschland (NABU)
Oliver Fritzsche, MdL, Schutzgemeinschaft Deutscher Wald Landesverband Sachsen e. V. Landesverband Sachsen e. V.
Walter Christian Steinbach, Stiftung Wald für Sachsen
Stephan Schusser, Ökologischer Jagdverein Sachsen e. V.
Henrik Thode ANW Landesgruppe Sachsen
Jörg Richter, Naturschutzverein Grüne Aktion Westerzgebirge e. V.
Prof. Dr. Andreas W. Bitter, Sächsischer Waldbesitzer Verband e.V.

Den Offenen Brief der genannten Verbände kontert das Bündnis für Wald und Wild (BWW) mit der folgenden Stellungnahme:

“Offener Brief des Sächsischen Waldbesitzerverbandes und „anderer“ Verbände vom 10.12.2018 zum Positionspapier des Sächsischen Jagdverbandes

Sehr geehrter Herr Staatsminister Schmidt,

hiermit distanziert sich das Bündnis für Wald und Wild e.V. öffentlich vom obigen Schreiben.

Wie Ihnen sicher selbst aufgefallen ist, erhalten Sie vom Absenderkeis des offenen Briefes vom 10.12.2018 immer dann Post, wenn es darum geht, der Landesforstverwaltung maximalen Einfluss und maximale Freizügigkeit zu erhalten. Warum ist das so?

Zunächst möchten wir darauf aufmerksam machen, dass sich die Mitgliederzahlen von ANW und ÖJV in Sachsen lediglich im zweistelligen Bereich bewegen. Die Mitgliederlisten sind zum Großteil deckungsgleich, die Mitglieder dieser Vereine rekrutieren sich hauptsächlich aus dem Staatsbetrieb Sachsenforst bzw. aus von ihm in einem Abhängigkeitsverhältnis stehenden Personen.

Dieser Zusammenhang besteht auch beim Waldbesitzerverband und anderen Verbänden, die diesen Brief – womöglich sogar ohne Legitimation ihrer Mitglieder – verfasst haben.
So versteht sich der Waldbesitzerverband Sachsen laut eigenem Internetauftritt als die Interessenvertretung von 85.000 Waldbesitzern. Er verschweigt aber, dass lediglich ein äußerst geringer Anteil der Waldbesitzer wirklich Mitglied dieses Verbandes ist- und jährlich werden es weniger…

Man muss also resümieren, dass hier offenbar gerade die Angehörigen des Staatsbetriebs Sachenforst mit den extremsten Ansichten versuchen, durch die Hintertür Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen. Ein Skandal!

Leider haben Sie gerade mit der Wahl des künftigen Landesforstchefs diesem Treiben Vorschub geleistet. Es steht zu erwarten, dass das Einnehmen von Extrempositionen künftig Voraussetzung dafür sein wird, gewisse Positionen in den Sächsischen Landesforsten zu bekleiden.

In dem an Sie gerichteten Schreiben werden aus niederstem Geltungsbedürfnis einiger Verbandsvorsitzender lediglich abgehalfterte Platitüten aneinander gereiht, die einfach unwahr oder zumindest wissenschaftlich widerlegt sind.

Allein die Tatsache, dass hier der NABU dafür eintritt, dass es keine Pflichtmitgliedschaft in Hegegemeinschaften geben soll, spricht Bände. Auf Grund welchen Sachverstandes und welcher Grundlagen sieht sich der NABU eigentlich zu einer solchen Aussage im Stande, noch dazu, wo einige seiner Unterverbände, wie z.B. im Erzgebirge, offenbar ganz andere Auffassungen vertreten?

Darüber hinaus ist Ihnen, sehr geehrter Herr Staatsminister, sicher selbst aufgefallen, dass beispielsweise das Rotwild weder für die waldbaulichen Sünden der Vergangenheit, noch für Klimawandel oder Borkenkäferkalamität verantwortlich ist. Dies sind einfach unbelegte, polemische Behauptungen, die keiner Prüfung stand halten!

Auch die Aussage, dass keine Gruppierung eine privilegierte Position einnehmen sollte, zeugt von mangelnder Kenntnis der Tatsachen:

Wer ist denn bei der Jagd wirklich privilegiert? Sind es die Jäger in den Eigen- und Gemeinschaftsjagdbezirken, die ihre Jagdausrüstung und Pachtzahlungen aus voll versteuertem Einkommen aufbringen und zudem für ihre Überzeugungen ihre Freizeit opfern, um genau die Leistung zu erbringen, wie die Forstbeamten, die in Wahrheit Initiator des an Sie gerichteten offenen Brief sind. Diese Beamten gehen im Landeswald während ihrer Arbeitszeit zur Jagd, ohne dafür auch nur einen Cent zu zahlen. Und weil das nicht genug ist, setzen sie Jagdausrüstung, Hunde etc. von der Steuer ab und kassieren zu ihrem Arbeitsentgelt und den Steuervorteilen noch Zahlungen in Form von Schuss- und Bergegeld! Sicher ist es aus Sicht dieser Forstbeamten angeraten, wirklich alles zu tun, um einmal „errungene“ Besitzstände zu wahren. Dabei ist den Verfassern des offenen Briefes offensichtlich egal, dass sie zu einem Verstoß gegen §1 BJG aufrufen, denn aus der Rechtsprechung hierzu ergibt sich, dass eine Anpassung der Wildbestände an die landeskulturellen Verhältnisse eben nicht einseitig zu Lasten der (vermeintlich) für die Forstwirtschaft schädlichen Wildarten betrieben werden darf!

Sehr geehrter Herr Staatsminister Schmidt, wir sind der Überzeugung, dass die derzeitigen Probleme in Sachsen in der 2012 erfolgten Novellierung des Landesjagdgesetzes begründet sind. Die Autoren dieser Gesetzesnovelle waren die Herren Grunwald und Eisenhauer, beide SBS. So ist dann auch der Inhalt ausgefallen. Schon damals wurde anfänglich der Landesjagdverband nicht in die Erarbeitung eingebunden und später wurden die vom Verband eingebrachten Änderungswünsche nicht berücksichtig. Die Arroganz gipfelte darin, dass die damalige Abteilungsleiterin Domschke vor der Behandlung des Gesetzesentwurfes im Landtag die Abgeordneten wissen ließ, alles sei mit dem Landesjagdverband abgesprochen worden. Eine Lüge, wie allein die Stellungnahme des Sächsischen Landesjagdverbandes zur Gesetzesnovelle zeigt. Diese ist ebenso wie die vernichtende Stellungnahme von Prof. Dr. Dr. Herzog, dem Ihr Amtsvorgänger Kupfer zugesagt hatte, die Ergebnisse einer entsprechenden Studie der TU Dresden im Gesetz zu berücksichtigen, im Anhörungsprotokoll des Sächsischen Landtages zum Jagdgesetz zu finden.

Es bleibt der unbestreitbare Fakt, dass man ein „SBS – Jagdgesetz“ wollte und dieses mit den Stimmen CDU gegen den erklärten Willen der Wissenschaft, der Jäger und anderer Landnutzer durchgewunken hat. Jetzt, Herr Staatminister, ist es an Ihnen, die Fehler der Vergangenheit – auch gegen den Willen des SBS und seiner Seilschaften – zu korrigieren!
Das Bündnis für Wald und Wild e. V. fordert Sie daher auf, die im Positionspapier des LJVSN enthaltenen Punkte unverzüglich umzusetzen und dies nicht einem eventuellen Amtsnachfolger zu überlassen.

Hierbei stehen wir Ihnen gern jeder Zeit mit Rat und Tat zur Seite.

Mit freundlichen Grüßen

Jürgen Rosenbaum, 1. Vorsitzender

Ralf Huhnstock,  2. Vorsitzender”

Auch die Grüne Liga Sachsen und der Naturschutzverband Sachen (NaSa) schalten sich in die Diskussion ein und kritisieren den Umgang mit dem Schalenwild:

Forstwirtschaftliche Konfliktsituation zwischen der Nutz- und der Schutzfunktion des
Waldes

“Sehr geehrter Herr Staatsminister,

mit großer Sorge verfolgen die GRÜNE LIGA Sachsen e.V. und der Naturschutzverband Sachsen e.V. (NaSa) die zunehmenden Spannungen zwischen den forstwirtschaftlichen Nutzungsambitionen und der Schutzfunktion des Waldes als Lebensraum wildlebender Tiere und Pflanzen.

Die Eingriffe in das Waldökosystem im Zuge forstwirtschaftlicher Nutzungsaktivitäten sind Ihnen am Beispiel der Störungen/Vertreibung des Schwarzstorches aus langjährig besetzten Brutplätzen sowie während der Brutzeit in europäischen Vogelschutzgebieten bekannt. Als Naturschutzvereinigungen haben wir in den letzten Jahren zunehmend den Eindruck gewonnen, dass durch die forstwirtschaftlichen Aktivitäten auch und insbesondere des Staatsbetriebes Sachsenforst die Schutzfunktion des Waldes in den Hintergrund gedrängt werden. Das sogenannte integrierte Nutz- und Schutzkonzept des Staatsbetriebes Sachsenforst berücksichtigt nicht in angemessener Weise die Bedeutung von Ruhe und Ungestörtheit als besonders wertgebendes Merkmal des Waldes in unserer weitgehend intensiv genutzten Kulturlandschaft.

Der von der Forstwirtschaft beklagte Wildverbiss ist ein weiterer Beleg dafür, dass vielerorts Ruhe und Ungestörtheit im Wald verlorengegangen sind.

Auch die zahlreichen Bemühungen zum Waldumbau von Nadelholzmonokulturen hin zu strukturreichen Mischwäldern rechtfertigen nicht die gegenwärtige Intensität der Forstwirtschaft (die im übrigen die Nadelholzkulturen in noch nicht allzu ferner Zeit selbst begründet hat und damit auch als Verursacher wirtschaftlicher Verluste im Zuge von Sturmereignissen und Käferkalamitäten einzuordnen wäre). Denn auch ohne menschliche Einflussnahme bleibt der Wald als solcher erhalten, die Gehölzvegetation passt sich den klimatischen Verhältnissen an und der Borkenkäfer ist ein wirtschaftliches, kein ökologisches Problem.

In der Öffentlichkeit stoßen die Holzungsmaßnahmen der Forstwirtschaft und deren Umgang mit dem Schalenwild zunehmend auf Unverständnis.

Aus diesem Grunde regen die GRÜNE LIGA Sachsen e.V. und der NaSa e.V. an,  wieder deutlich mehr Aufmerksamkeit auf die Schutzfunktion des Waldes und hier insbesondere die Sicherung von Ruhe und Ungestörtheit im Ökosystem Wald durch eine an diesem Wertemaßstab angepasste Wirtschaftsweise und Jagdausübung zu legen. Die Ausdehnung der Jagdaktivitäten über das bisherige Maß hinaus mit entsprechender Störung im Wald sind in diesem Sinne kontraproduktiv und widersprechen darüber hinaus allgemein gültigen tierethischen Grundsätzen. Deshalb möchten wir mit diesem Schreiben auch ausdrücklich einen Kontrapunkt zu öffentlichen Verlautbarungen setzen, die für eine Zunahme des Jagddruckes auf die größte heimische Schalenwildart plädieren.
Um eine hinreichende Kontrollfähigkeit des größten Forstwirtschaftsunternehmens im Freistaat Sachsen (hier Staatsbetrieb Sachsenforst) zu gewährleisten, sollte darüber hinaus die bisherige Praxis der eigenverantwortlichen Verwaltung dieses Wirtschaftsunternehmens beendet und verwaltungsbehördliches Handeln wieder auf die freistaatlichen Verwaltungsbehörden übertragen werden.

Sehr geehrter Herr Staatsminister, gern stehen wir Ihnen und allen Beteiligten für einen konstruktiven und sachorientierten Dialog zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

T. Mehnert

Vorsitzender”

Beitragsbild: Offener Brief der sächsischen Ableger von Nabu, ÖJV, ANW und anderer Verbände zur Rotwildbejagung in Sachsen (Screenshot, Ausschnitt).

2 Gedanken zu „Sachsen: Streit um Rotwildbejagung setzt sich fort

  1. Waldläufer

    Nachdem jetzt auch klar ist, welcher Personenkreis hinter dem Schreiben von ÖJV und Co. steht, scheinen endlich die ersten Leute die richtigen Konsequenzen zu ziehen:

    rotwilderzgebirge.wordpress.com/neu-interessant/

    Weiter so! Das kann man nur unterstützen! Meine Stimme bekommt Breitenbuch nicht!

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