Sachsen: Petition “Rotwild im Erzgebirge” übergeben

Gestern wurde die von 4127 Menschen unterzeichnete Petition “Rotwild im Erzgebirge” im Dresdner Landtag übergeben. Die von einem Zusammenschluss mehrerer Hegegemeinschaften unter Beteiligung von Kreisjagdverbänden und dem Landesjagdverband initiierte Petition mahnt einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Rotwild im Erzgebirge an.

Wir dokumentieren die Übergabe der Petition durch Veröffentlichung der aus diesem Anlass gehaltenen Reden, aus denen sehr gut hervorgeht, worum es den Initiatoren geht:

Rede der IG SSHG zur Petitionsübergabe am 14.12.2017

Sehr geehrte Mitglieder des Sächsischen Landtags, liebe Jäger und Naturschützer, sehr geehrte Damen und Herren,

seit 2015 ist dies nunmehr die zweite Petition zum Thema Rotwild, mit der sich der Petitionsausschuss des Sächsischen Landtages beschäftigen muss.

Auch wenn beide Petitionen verschiedene Petenten und divergente Inhalte haben, so zeigt dieser Umstand doch, dass es offenbar beim Umgang mit dem Wild und bei bestimmten administrativen Regelungen in Sachsen erhebliche Unzufriedenheit gibt.

Die 2015 eingereichte Petition zielte maßgeblich auf die Wildbewirtschaftung durch den SBS ab. Neben der Aufhebung des Fütterungsverbots im Winter, forderte sie die Erhaltung eines reproduktionsfähigen Wildbestandes, Änderungen am Jagdgesetz und zur Senkung der Wildschäden weniger Beunruhigung des Wildes im Landeswald durch ständigen Jagddruck.

Die Forderungen der heute eingereichten Petition gehen in eine gänzlich andere Richtung. Neben Änderungen an der Sächsischen Jagdverordnung, die z.B. an der Wildtierbiologie ausgerichtete Jagdzeiten und die Beseitigung von Hemmniss en für das Wanderverhalten des Rotwildes und damit für den Genaustausch und die Lebensraumerschließung zum Inhalt haben, werden Maßnahmen gefordert, um die sächsischen Hegegemeinschaften überhaupt arbeitsfähig zu machen. Insbesondere bei der Bewertung dieser Maßnahmen möchte ich den Abgeordneten den Abschlussbericht zum Projekt „Sachsenweite Evaluierung der Situation von Hegegemeinschaften und Vorschläge zu deren Weiterentwicklung“ ans Herz legen. In diesem Projekt wurden sämtliche sächsische Hegegemeinschaften zu verschiedenen Problemstellungen befragt. Die Ergebnisse sind eindeutig und spiegeln einen Teil der Anliegen dieser Petition wieder! Leider leitet die Obere Jagdbehörde lediglich einen vermehrten Schulungsbedarf für Hegegemeinschaftsvorstände aus den Projektergebnissen ab, was den Verdacht nahe legt, dass hier bewusst provoziert und eskaliert werden soll!

Auch die Kommentare, die die Unterzeichner dieser Petition auf die Frage hin abgegeben haben, warum sie die Petition zeichnen, sprechen Bände und beweisen, dass es sich bei den Anliegen der Petition keinesfalls um regionale Probleme handelt.
Konkret beinhaltet die heute übergebene Petition folgende Punkte:

1. Stimmt die Behördenstruktur nicht, muss sie geändert werden

Die Struktur der Jagdbehörden in Sachsen ist so zu ändern, dass die Untere Jagdbehörde der Landkreise für alle Jagdbezirke zuständig ist. Die Unteren Jagdbehörden haben bei Entscheidungen zur Wildbewirtschaftung Einvernehmen mit ihrem Jagdbeirat herzustellen. Die Obere Jagdbehörde wird bei der jeweiligen Landesdirektion angesiedelt.

2. Hegegemeinschaften ermöglichen großflächige Wildbewirtschaftung

Eine sinnvolle, großflächige und populationssteuernde Bewirtschaftung von Schalenwild kann nur durch Hegegemeinschaften gewährleistet werden. Daher muss für alle Jagdbezirke im Satzungsbereich einer Hegegemeinschaft eine Pflichtmitgliedschaft in dieser Hegegemeinschaft bestehen. Nur so kann vermieden werden, dass sich einzelne Jagdbezirke dem Anliegen der großräumigen Wildbewirtschaftung entziehen und eigene Ziele verfolgen. Hegegemeinschaften sind staatlich zu fördern und, da sie auch im öffentlichen Interesse arbeiten, finanziell zu unterstützen.

3. Erlegen von Wild nur mit gültigem Abschussplan

Um die grenzübergreifende Bewirtschaftung des Wildes nicht zu umgehen, dürfen Rot-, Muffel- und Damwild generell nur im Rahmen eines gültigen Abschussplanes erlegt werden. Über Abschusspläne für Rot-, Muffel- und Damwild ist mit der Hegegemeinschaft Einvernehmen herzustellen.

4. Wild soll sich seinen Lebensraum selbst suchen dürfen

Die Regelung, wonach 6 weibliche Stücke dieser Wildarten je Planungszeitraum ohne Abschussplan erlegt werden dürfen, ist zu streichen, da sie verhindert, dass sich das Wild selbst seinen Lebensraum suchen und so seinem natürlichen Wanderverhalten folgen kann.

5. Wildbiologische Grundlagen müssen Beachtung finden

Um den wildbiologischen Erfordernissen des Wildes Rechnung zu tragen, ist die Jagdzeit auf Schalenwild – außer Schwarzwild – bis zum 31.12. eines Jahres zu begrenzen.

6. Wildtiermanagementpläne sind Grundlage jagdlichen Handelns

Die Arbeit der Hegegemeinschaften muss auf Wildtiermanagementplänen fußen. Diese sind vom Freistaat Sachsen zu finanzieren. In den Wildtiermanagementplänen sind wissenschaftlich fundierte Aussagen zu Lebensraumausstattung und –Nutzung, Wildschäden und deren Ursachen, Raum-Zeitdynamik und Abundanzen bezogen auf die darin vorkommenden oder evtl. noch kommenden Wildarten zu treffen und daraus eigentumsübergreifende Jagdstrategien abzuleiten.

Eine Änderung des Sächsischen Jagdgesetzes ist zur Umsetzung dieser Punkte nach unserem Dafürhalten nicht nötig. Alle gewünschten Änderungen können auf dem Verordnungsweg erreicht werden.

Sehr geehrte Abgeordnete, am Abend der letzten Bundestagswahl war im MDR- Sachsenspiegel ein erschütterter Ministerpräsident Tillich zu sehen, der das Wahlergebnis mit den Worten „Wir müssen prüfen, welche Anliegen der Bürger in der Politik ungehört verpufft sind“ kommentierte. Abgeordnete, die bei der Bearbeitung der Petition aus 2015 keinerlei Sacharbeit leisteten, sondern mit fiktiven Wandergruppen und deren imaginären Briefen Lobbyarbeit betrieben, trugen zu diesem Wahlergebnis bei.

Mit der heute übergebenen Petition liegt Ihnen der Wille der Bürger vor. Selbstverständlich werden Sie sich zu den einzelnen Punkten erst sachkundig machen müssen. Bitte erliegen Sie dabei nicht den pseudo-wissenschaftlichen Einflüsterungen von ÖJV und ANW. Diese Verbände besetzen mit ihren Mitgliedern mittlerweile wichtige Schaltstellen bei Sachsenforst und im Landwirtschaftsministerium und haben erst die Probleme geschaffen, vor denen wir heute stehen. Wir heute hier anwesenden Hegegemeinschaften und Verbände sind gerne bereit, mit Ihnen zusammen zu arbeiten. Daher unsere Bitte an Sie als Abgeordnete:

Bitte arbeiten Sie mit uns, nicht gegen uns! Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Redebeitrag des Bündnisses für Wald und Wild (BWW) zur Übergabe der „Petition – Rotwild im Erzgebirge“

Sehr geehrte Mitglieder d es Sächsischen Landtages, sehr geehrte Mitglieder des Petitionsausschusses, liebe Jägerinnen und Jäger, sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Reiner Eisoldt. Ich bin Namens des Vorstandes des Bündnisses für Wald und Wild e.V., einem bundesweit agierenden, gemeinnützigen Verein, der sich dem Schutze des Wildes, der traditionellen Jagd und des Waldes verschrieben hat, beauftragt, die heute hier übergebene „Petition – Rotwild im Erzgebirge“ ausdrücklich zu unterstützen!

Es ist die Pflicht des Staates, respektive die der Landtage und Länderregierungen, gesetzlich verbrieftem Recht und der dafür erlassenen Gesetze und Verordnungen zum Erfolg zu verhelfen; also auch die Verpflichtung des Freistaates Sachsen und des Sächsischen Landtages.

Sowohl das Bundesjagdgesetz als Rahmengesetz, das u. a. die nachhaltige Jagd und die Waidgerechtigkeit impliziert, als auch der im Deutschen Grundgesetz festgezurrte (Wild)-Tierschutz sowie die von der Bundesrepublik Deutschland unterzeichneten internationalen Abkommen, wie zum Beispiel das zur BIODIVERSITÄT (Artenvielfalt) von Rio aus dem Jahre 1992, veranlassen Sie als Mandatsträger eines gesetzgebenden Parlamentes dem Rechnung zu tragen.

Als Sie, sehr geehrte Damen und Herren MdL – Sachsen im Jahr 2012 mit der Novelle des Sächsischen Landes-Jagdgesetzes den Hegegemeinschaften den Status einer Rechtskörperschaft aberkannt und den Zusammenschluss zu einer solchen der Freiwilligkeit überlassen haben, war es nur eine Frage der Zeit, bis Rolle der Hegegemeinschaften als Bewahrer von Wald und Wild unmöglich gemacht wurde!

Und dass ausgerechnet in einem Bundesland, wie dem Freistaat Sachsen, das seit mehr als ein Jahrhundert praktizierte Nachhaltigkeitsprinzip im Umgang mit Wald und Wild den pseudo-wissenschaftlichen Erkenntnissen von ANW und ÖJV, deren praktische Nachweisführung diese Verbände und die staatlichen Forsten der Allgemeinheit im Übrigen bis heute schuldig
geblieben sind, geopfert wird, ist schwerlich nachvollziehbar.

Weiterhin haben Sie, sehr geehrte Landtagsmitglieder mit der 2012er Jagdgesetzesnovelle der outgesourcten staatlichen Wirtschaftseinheit Sachsenforst höchstbehördliche Kompetenzen und Entscheidungsbefugnissen und damit auch eine Art Rechtsaufsicht über das Jagdwesen im Freistaat Sachsen übertragen. Das, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete, grenzt – mit Verlaub gesagt – an Staats- respektive an Regierungsversagen und dient der Umgehung der Säulen unserer demokratischen Rechtsordnung.

Es kann nicht sein, dass sich der Sächsische Staatsforstbetrieb offenbar als Eigentümer des Landeswaldes versteht. Sachsenforst verwaltet und bewirtschaftet vielmehr den Wald, der sich im Eigentum aller Sächsischen Bürgerinnen und Bürger befindet! Dies hat unter der Prämisse zu erfolgen, dass der „Wald“ Lebensraum und Lebensgemeinschaft in vielfältiger Flora und Fauna darstellt, und dass dieser Kausalität mit Nachhaltigkeit Rechnung zu tragen ist.

Es liegt uns als Verein, respektive mir als Vertreter des Vorstandes des Bündnisses für Wald und Wild fern, die Ihnen heute übergebene Petition um das Rotwild in Sachsen im Einzelnen  wiederzugeben.

Wesentlich ist, dass Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete des sächsischen Landtages, mit dieser Petition ein Leitfaden für das parlamentarische Handeln vorgelegt wurde. Eine „Handlungsanleitung“, die sowohl von wildökologischer Wissenschaft als auch von Praktikerwissen geprägt ist und die Ihnen auch Hinweise vermittelt, wie der Freistaat Sachsen selbst seiner Aufgabe in dieser Richtung gerecht werden kann.

Danke für Ihre geschätzte Aufmerksamkeit!

Waidmanns Heil!

Beitragsbild: Übergabe der Petition “Rotwild in Sachsen” an den Landtagspräsidenten und die Vorsitzende des Petitionsausschusses. Foto: privat

 

Ein Gedanke zu „Sachsen: Petition “Rotwild im Erzgebirge” übergeben

  1. Hans-Dieter Pfannenstiel

    Zwei Gedanken in der jetzt dem sächsischen Landtag übergebenen Petition scheinen mir in diesem Zusammenhang besonders wichtig zu sein.
    1. “Vor dem Gesetz sind alle gleich”, heißt es immer wieder. Wenn aber in manchen Bundesländern die Eigenjagdreviere des Landes, sprich die Landesforsten, unabhängig von den für alle anderen Reviere zuständigen Jagdbehörden ihren Jagdbetrieb in eigener Kontrolle, also ohne Kontrolle der Jagdbehörden regeln können, dann wird der bewährte Grundsatz der Rechtsgleichheit ausgehebelt. Und wenn, wie die Petenten richtig bemerken, in manchen Landesforsten und -ministerien Vertreter wildfeindlicher Vereinigungen, die die Maxime “Wald vor Wild” nicht nur propagieren, sondern auch tatkräftig zu Lasten des Wildes umsetzen, das Sagen haben, dann ist es mit Tierschutz und Weidgerechtigkeit nicht mehr weit her.
    2. Man muss die vom Volk zeitweilig mit der Verantwortung für den Landeswald Betrauten, sprich die Forstbeamten und die Forstbürokraten in den Landesministerien , deutlicher als bisher darauf aufmerksam machen, dass sie keine Eigenjagdbesitzer sind. Dazu sind die in den Parlamenten sitzenden Vertreter des Volkes besonders prädestiniert. Nachhaltige forstliche Bewirtschaftung des Landeswaldes darf Gesetzmäßigkeiten der Natur nicht außer Acht lassen. Wald und Wild gehören zusammen. Ökologie, die Lehre vom Haushalt in der Natur, vor gut 150 Jahren vom Zoologen Ernst Haeckel als Wissenschaftsdisziplin der Biologie begründet, kennt keine Tierökologie und keine Pflanzenökologie. Wer angeblich naturnah im Wald wirtschaften will, sollte das nicht vergessen.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.