Sachsen-Anhalt: Fangschuss nicht gegeben – Jäger muss blechen

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Peta legt Beschwerde gegen Einstellung des Verfahrens gegen Geldauflage ein

Die Staatsanwaltschaft Stendal wirft einem Jäger vor, dass er ein krank geschossenes Wildschwein zu lange habe leiden lassen. Das Tier sei getroffen worden, aber nicht sofort verendet, was zunächst unbemerkt geblieben sei. Als sich das Wildschwein dann doch noch bewegte, soll der Beschuldigte nicht geholfen haben. In einem Bericht der Volksstimme zum Thema heißt es, eine Nachfrage beim Jagdleiter habe ergeben, “dass es aus Sicherheitsgründen verboten sei, ohne Unterbrechung der Jagd das Schussfeld zu betreten und den sogenannten Fangschuss zu setzen”. Der Prozess hätte klären sollen, warum keine Unterbrechung der Jagd erfolgte und ob das Wildschwein unangemessen lange – nach Informationen der Volksstimme geht es um einen Zeitraum von zwölf Minuten – leiden musste. Auf die Idee, dass man eine laufende Drückjagd mal eben für einen Fangschuss unterbrechen könnte, können wohl nur Jagdtheoretiker kommen, die beim Jagdleiter nachfragen müssen, um zu erfahren, dass die Unfallverhütungsvorschriften das Verlassen des Standes verbieten…

Schließlich sind daran etliche Akteure – Jäger, Treiber, Hunde – beteiligt, und Drückjagden finden üblicherweise in ländlichen Gebieten statt, in denen sich hierzulande bekanntlich ein Funkloch ans andere reiht. Eine Unterbrechung einer laufenden Drückjagd ist daher schwierig umzusetzen. Jeden Teilnehmer zu erreichen, was aus Sicherheitsgründen zu fordern wäre, dürfte im Regelfall deutlich länger als zwölf Minuten dauern. Ob der Beschuldigte den Fangschuss von seinem Stand aus hätte geben können, geht aus dem Bericht nicht hervor. Normalerweise ist es jedoch auch möglich – fall möglich nach Absprache mit dem Jagdleiter oder dem Ansteller – in so einer Situation seinen Stand zu verlassen, um einen Fangschuss in näherer Umgebung des Stands abzugeben oder auch einem stellenden Hund zu Hilfe zu eilen. Wenn der Jäger sich laut und deutlich beim Angehen des zu erlösenden Stücks bemerkbar macht, ist dies auch unter Sicherheitsaspekten vertretbar.

Im vorliegenden Fall hat der Anwalt des Beschuldigten die Einstellung des Verfahrens gegen eine Geldauflage in Höhe von 1500 Euro vorgeschlagen. “Weil der Angeklagte nicht vorbestraft sei, hätten Gericht und Staatsanwaltschaft den Vorschlag akzeptiert”, so die Volksstimme.

Die militante Tierrechtsorganisation Peta hat Beschwerde gegen die Einstellung eingelegt. Da diese nicht am Verfahren beteiligt ist, stehen der Organisation jedoch keine Rechtsmittel zu. Der Zeitung zufolge haben Zeugen den angeblichen Sachverhalt beobachtet und Peta informiert. Ob die Organisation auch hinter der Anzeige steckt, sei unklar, heißt es.

Update:

Heute ist es uns gelungen, den ermittelnden Staatsanwalt in der Sache zu erreichen: Demnach hat der Jagdleiter als Zeuge ausgesagt, dass es bei dieser Jagd durchaus möglich gewesen wäre, das Treiben für einige Minuten zu unterbrechen, sämtliche Beteiligte seien über Handy oder durch Jagdsignale zu erreichen gewesen.

Der Schütze hat das Stück nicht im Wald beschossen, sondern in einem Feldbereich. Er habe von seinem Stand aus deutlich sehen können, dass das Wildschwein noch lebe: Es versuchte immer wieder, sich aufzurichten und weiter zu robben. Der Schütze habe das ignoriert. Er habe weder vom Stand aus einen Fangschuss angetragen, noch versucht, das Schwein anzugehen und abzufangen oder aus der Nähe einen Fangschuss anzubringen. Ein Verhalten, das auch der Jagdleiter als unweidmännisch charakterisierte.

Nach Aussage des Staatsanwalts befand sich unter den Anzeigeerstattern auch Peta. red.

Beitragsbild: Fangschuss mit Kurzwaffe (Archivbild). Foto: SE

 

14 Gedanken zu „Sachsen-Anhalt: Fangschuss nicht gegeben – Jäger muss blechen

  1. RK

    Wenn das Stück noch in Schussweite ist und sonst keine Sicherheitsbedenken bestehen, kann man ja auch vom Stand aus in aller Ruhe einen Fangschuss antragen (habe ich auch schon 2 x bei Drückjagden gemacht). Ansonsten würde mich interessieren, wie PETA auf die 12 Minuten kommt und wie das dokumentiert wurde.

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    1. Dennis

      Wenn jemand nicht in der Lage ist einen Fangschuss abzugeben besteht immer noch die Möglichkeit per Handy einen Hundeführer zu Hilfe zu rufen. Dafür sind meistens gute Leute unter den Durchgehern.

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  2. Wollfgang

    Es ist mir nicht klar das die Sicherheit des Jägers auf der Strecke bleibt. Ein angeschossenes Wildschwein ist mit Vorsicht zu betrachten,

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  3. Kr.-Itisch

    Viel interessanter ist doch, warum Staatsanwaltschaften und Richter eine solche Klage überhaupt zulassen. Vorrangig geht es bei solchen Drückjagden um Sicherheit, der richtigerweise hochgehaltene Tierschutz ist dabei nachrangig. Jetzt ist die Situation sicher nicht genau beschrieben, aber sollte vom Stand kein Fangschuss möglich sein und ist es vom Jagdleiter untersagt, diesen während des Treibens zu verlassen, liegt auch kein Verschulden des Jägers vor, warum also der Deal über 1500€. Dieser wirkt ja wie ein Eingeständnis.
    Bliebe man bei dieser Praxis, wird es bald keine Jäger geben, die noch auf eine Drückjagd gehen.
    Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wann die deutsche Judikative endlich merkt, dass sie von diversen NGO’s, wie PETA, DUH etc. für deren kommerziellen Interessen ständig und immer mehr missbraucht werden.

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    1. Titus von Unhold

      Nein, das ist kein Eingeständnis. Eine Einstellung mit Auflagen bei geringer Schuld ist genau geregelt und man behält eine weiße Weste. Einstellung ist Einstellung.

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  4. Zündelnerlaubt

    Im Nachhinein kann man einen solchen Vorfall doch nur noch schwer beurteilen, gerade mit Peta sympathisierenden Zeugen ist doch Vorsicht geboten.
    Es waren erfahrene Jäger vor Ort, die im Augenblick des Handelns nach gebotener Sicherheit und Tierwohl gehandelt haben, Peta-Leute sind keine Jagdexperten. Die orgeschlagene Geldbuße klingt wie ein Schuldeingeständnis

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  5. Carpe Diem.. jetzt erst recht

    Aus dem Artikel geht gar nicht hervor wer der/die Beobachter des Vorganges gewesen sein sollen und was sie genau gesehen haben. Bei einer Drückjagd haben unbeteiligte Dritte nichts aber auch gar nichts im Treiben zu suchen, die Gefahr durch Abpraller/Querschläger ist so schon hoch genug. Wenn der Schütze einem Bußgeld von 1500,-€ zustimmt, hat er “Dreck am Stecken”, denn er hätte nach UVV Jagd korrekt gehandelt. Alles sehr suspekt.

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  6. Zündelnerlaubt

    Nach dem Update ist doch alles klar. Zurecht angezeigt, eine milde Strafe…
    An die Fachleute, wird das Urteil weitere Konsequenzen für den Schützen haben?

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  7. mikka

    Danke an die Recherchearbeit von Jawina. Mich hatten die 1500 Euro für den Vergleich doch auch sehr stutzig werden lassen.
    Ab! und Sozialstunden schruppen. Einmaliger Verstoß gegen Tierschutzgesetzt wird wohl noch nicht gleich zum Entzug der JE führen, obgleich es möglich wäre und im behördlichen Ermessen liegt, es sei denn es gibt denn doch noch ein Urteil über 60 Tagessätze dann ist sowieso Banane.

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  8. RK

    Mir erscheint unrealistisch, eine Drückjagd für einen Fangschuss zu unterbrechen (will der Jagdleiter alle durchtelefonieren – und das im mit Funklöchern übersäten Deutschland?). Wenn aber vom Stand aus die Sau zu sehen war, ist nicht nachzuvollziehen, warum nicht in aller Ruhe ein zweiter aufgelegter (Fang-)Schuss abgegeben wurde. Insofern handelt es sich nach den uns hier vorliegenden Fakten um einen Verstoß gegen Tierschutz-/Jagdrecht. Mit § 153a StPO noch Glück gehabt…

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