Rotwild in Hessen – Überlebenschancen einer Leitwildart

Großes Interesse am Symposium der Jägervereinigung Oberhessen

Nur noch auf ca. 29 Prozent der Landesfläche geduldet, gilt in Hessen für den Rothirsch und seinen Anhang ein strikter Schießbefehl: Sobald unser größtes frei lebendes Säugetier auf seinen uralten Wanderwegen eines der 20 abgegrenzten Rotwildgebiete verlässt, fordert das Jagdgesetz seinen Abschuss. Denn Rotwild schält seit Urzeiten Rinde von den Bäumen und mindert damit die Einnahmen der modernen Forstwirtschaft. Deshalb darf es sich seinen Lebensraum nicht selbst suchen. Zugleich bilden Autobahnen für das Rotwild unüberwindliche Barrieren und isolieren seine Vorkommen. Angesichts dieses Szenarios und einer neuen Bejagungsrichtlinie des hessischen Umweltministeriums, die nach Ansicht von Rotwildexperten die ausgeprägte Sozialstruktur dieser Wildart zerstört, veranstaltete die Jägervereinigung Oberhessen in der Grünberger Gallushalle mit rund 230 Teilnehmern das Symposium „Rotwild in Hessen – Überlebenschancen einer Leitwildart“.

„Früher waren die hessischen Rotwildpopulationen gut vernetzt, heute sind sie stark isoliert“, schilderte der Genetiker Prof. Dr. Dr. Gerald Reiner (Justus-Liebig-Universität Gießen) die Lage. Der genetische Austausch zwischen den inselartigen Rotwildgebieten sei unterbrochen, die Vielfalt der Erbanlagen schwinde, erste Inzuchterscheinungen träten zutage. Letztere zeigen sich, so Reiner, in körperlichen Missbildungen der Tiere wie einem verkürzten Unterkiefer. Ein solcher Fall sei erst Ende 2018 in Nordhessen dokumentiert worden. „Wenn man die ersten Defekte sieht, sind diese schon weit verbreitet“, warnte der Genetiker.

Im Krofdorfer Forst, in dem der Gießener Wissenschaftler seine hessenweite genetische Forschung 2010 begonnen hatte, sei die genetische Vielfalt seit Ende der 1980er Jahre um 15 Prozent gesunken. Es sei zu befürchten, dass sich die genetische Diversität bis 2029 um weitere fünf Prozent reduziere. Mit zunehmendem Inzuchtgrad sinkt laut Reiner aber auch „die Überlebensrate des Rotwilds im ersten Lebensjahr von 70 auf 20 Prozent“. Diese Entwicklung könne letztlich zum Auslöschen einer Population führen. Einer Hochrechnung zufolge könnten die Zuwachsverluste in kleineren Rotwildgebieten binnen zehn Jahren von 25 auf 45 Prozent steigen.

Besonders stark isolieren nach Reiners Erkenntnis die A 5 und die A7 Rotwildgebiete wie Krofdorfer Forst, Nördlicher Vogelsberg und Knüll vom Genaustausch mit anderen Rotwildpopulationen. Biotopvernetzung, die Schonung junger Rothirsche auf der Wanderschaft und Grünbrücken könnten den Genaustausch wieder herstellen. „Um die Schälschäden zu reduzieren, müssen die Lebensräume des Rotwilds verbessert, die Jagdzeiten verkürzt und Störungen des Wildes reduziert werden“, forderte der Wildbiologe. Denn, so Reiner: „Schälschäden werden vor allem durch Stress verursacht, auch in kleinen Rotwildbeständen.“ Damit widersprach Reiner indirekt der neuen Bejagungsrichtlinie.

Wo genau Grünbrücken (Wildbrücken) über Autobahnen und Biotopvernetzung nicht nur dem Rotwild, sondern auch Wildkatze und Luchs großräumige Wanderungen und Genaustausch ermöglichen, erläuterte der Biogeograph und Naturschutzreferent des Landesjagdverbandes Hessen (LJV), Rolf Becker. Seit über 25 Jahren hat Becker in enger Zusammenarbeit mit den örtlichen Rotwildhegegemeinschaften die Wanderkorridore und Bewegungsräume des Rotwilds erforscht und den Fokus auf dessen Lebensraum gerichtet. In seiner „Landeskonzeption für das Rotwild in Hessen“ beschreibt der Biogeograph, wie die Zukunft der verinselten hessischen Rotwildpopulationen und ihrer Lebens- und Bewegungsräume gesichert werden kann.

In beharrlichem Einsatz hat Becker gemeinsam mit örtlichen Akteuren gegen vielerlei Widerstände den Bau von vier hessischen Grünbrücken erreicht. Dennoch fehlt nach seinen Worten noch eine ganze Reihe weiterer Querungshilfen, etwa über die A 5 zwischen Vogelsberg und Krofdorfer Forst.

„Überlassen wir dem Rotwild nur die ausgewiesenen Gebiete oder lassen wir es sich frei seinen Lebensraum suchen?“ Dies ist laut Becker die entscheidende Frage. Denn wenn den Hirschen auf ihren Fernwanderungen der Schießbefehl droht, fördern auch Grünbrücken den genetischen Austausch nicht. Der Biogeograph plädierte deshalb dafür, Rotwild zumindest auch in seinen Bewegungsräumen rund um die Rotwildgebiete und auf seinen Fernwanderwegen zu tolerieren. Im Übrigen hätten bereits mehrere Bundesländer die Rotwildgebiete aufgehoben.

Becker warb zudem dafür, dass die Hegegemeinschaften für ihre Rotwildgebiete Lebensraumkonzepte erstellen, in die neben den Jägern auch alle anderen Natur- und Flächennutzer eingebunden werden.  Nur so könne die artgerechte Existenz und Zukunft des „Königs der Wälder“ gesichert werden. Dies beweisen nach Beckers Worten die Erfolge jener Lebensraumkonzepte, die eine Reihe von Rotwildgebieten schon mit seiner Hilfe erstellt hat.

„83 Prozent der wild lebenden Säugetiere hat der Mensch in seiner Geschichte bereits ausgerottet“, sagte die bayerische Wildbiologin Dr. Christine Miller, die zum Thema „Vom Wert des Wildes“ referierte.  Dieses Schicksal dürfe der Rothirsch als größte heimische Wildart nicht teilen. Allerdings finde das Rotwild bei uns weniger Beachtung als der Elefant in Afrika.

„Es geht hier auch um die politische Zukunft der Jagd“, betonte der Vorsitzende der Jägervereinigung Oberhessen, Helmut Nickel, in seiner Begrüßung. Mit dieser Veranstaltung setze die Jägervereinigung die Serie unter dem Motto „Fakten statt Wunschkonzert“ gegen eine ideologisch gegängelte Jagdausübung fort. Helmut Nickel, JV Oberhessen

Beitragsbild: Organisator und Referenten. Von links: Helmut Nickel (Jägervereinigung Oberhessen), Dr. Christine Miller (Biologin, Rottach-Egern), Prof. Dr. Dr. Reiner (Uni Gießen), Rolf W. Becker (Landesjagdverband Hessen). Foto: Jägervereinigung

Ansprechpartner: Jägervereinigung Oberhessen e. V., Helmut Nickel (1. Vorsitzender)
www.jaegervereinigung-oberhessen.de

Jägervereinigung Oberhessen e. V.

Gegründet 2004 in Lich-Eberstadt, gehört die Jägervereinigung Oberhessen e. V. (JVO) zu den jüngsten und engagiertesten Jagdvereinen des Landesjagdverbandes Hessen. Der Jagdverein hat derzeit über dreihundert Mitglieder, wobei die Mitgliederzahlen seit der Gründung stetig steigen. Als Interessenvertretung der Jägerschaft setzt sie sich ein für die jagdlichen Interessen ihrer Mitglieder, für die Förderung und Erhaltung eines artenreichen und intakten Wildtierbestandes sowie für eine waidgerechte Politik und Gesetzgebung.

Jungjägern wie geübten Waidfrauen und -männern bietet die JVO umfassende Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen an. Sie reichen vom Fachlehrgang bis zum geselligen Wildbretkochkurs, von der Hygieneschulung bis zum Jagdhornblasen. Der Verein fördert das Gebrauchshundewesen und das jagdliche Brauchtum.

Unter Einbindung von Vertretern der Landwirtschaft, der Jagdgenossenschaften und der Hegegemeinschaften macht sich die Jägervereinigung Oberhessen e. V. stark für waidmännische Interessen. Mit innovativen Projekten und der Schaffung intakter Biotope für Wildtiere unterstreicht sie öffentlichkeitswirksam die Bedeutung des Jagdwesens für den Artenschutz. Besonderes Engagement für Tier und Natur würdigt sie jährlich mit der Verleihung eines Ehrenpreises für Natur- und Tierschutz.

Ein Gedanke zu „Rotwild in Hessen – Überlebenschancen einer Leitwildart

  1. Norbert Vossen, Forstgut Faust, Lichtenfels-Goddelsheim

    Ich finde die Ausführungen der Redner/ Rednerinnen sehr interessant. Mit Prof. Reiner stehen wir in Kontakt und wollen in Kürze auch bei uns die genetische Vielfalt unseres Rotwild Vorkommens überprüfen was eine Vernetzung zu der Population in NRW ( Rothaargebirge) hat. Bei der genetischen Vielfalt muss man ja auch berücksichtigen, dass das Rotwild um die Jahre 1848 teilweise völlig vernichtet wurde und dann speziell von einigen Adeligen wieder Rotwild angekauft wurde. Dabei ist davon auszugehen, dass sich durch diese Zukäufe schon eine Verringerung der genetischen Vielfalt ergeben hat wie dies ja ganz speziell beim Muffelwild bekannt ist, die ja zu wesentlichen Teilen aus dem Lainzer Tiergarten in Österreich oder von der damaligen Wildhandlung Mohr in Ulm geliefert wurden. Unterbindet man die natürlichen Wanderwege und wird jeder Neuankömmling in einen Rotwild freien Gebiet als “Rindenfresser” eingestuft wird dadurch der genetische Austausch verhindert. Wald und Wild sind 2 Kulturgüter die es zu bewahren gilt und jeder Waldeigentümer der auch Rotwild bei sich stehen hat sollte an sich stolz sein, dass er eine Wildart noch bei sich beherbergt, die nachweislich schon viel früher in unseren Breiten existiert hat als der Homo Sapiens.

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