Reminiscere

“Die wenigsten Jäger kennen noch den Frühjahrsschnepfenstrich aus eigener Erfahrung. Hast Du da schon gejagt, als ein paar Idioten mit fadenscheinigen Artenschutzargumenten den Schnepfenstrich abgewürgt haben?”, fragte mich Hans-Dieter Pfannenstiel letztens in einer Mail. Nein, habe ich nicht. “Vielleicht sollte man den Jägern wenigstens den alten Merkspruch in Erinnerung bringen, indem JAWINA an jedem der Fastensonntage in der Quadragesima und am ersten Sonntag nach Ostern den passenden Teil des Merkspruchs mit einer Übersetzung bzw. Erklärung des dahinter stehenden Bibelspruchs bringt. Wär das was?” Das wär was, fand ich, und so entstand die Idee zu dieser kleinen Beitragsserie, die mit dem heutigen “Reminiscere – putzt die Gewehre” ihren Anfang nimmt.

Reminiscere

Reminiscere miserationum tuarum: Denk an Dein Erbarmen, Herr. So lautet der Introitus der heiligen Messe am heutigen zweiten Fastensonntag. Was hat das mit Jagd und Jägern zu tun, werden nun jüngere Mitglieder der grünen Zunft fragen. Man kann es ihnen nicht verdenken. Der Zauber des Schnepfenstrichs ist den älteren Jägern unter uns allerdings sicher noch wohlbekannt. Seit vielen Jahren ist die Frühjahrsbejagung der Schnepfe jedoch bei uns leider mit einem Verbot belegt. Artenschutz wurde als Grund vorgeschoben. Seit 2002 wurde die Schnepfe sogar in die Vorwarnliste der Roten Liste aufgenommen. Heute kann man sich nur noch wehmütig an die Frühjahrsabende im Revier erinnern, wenn ein Vogel nach dem anderen mit zunehmender Dämmerung verstummte und dann plötzlich das Quorren und Puitzen zu hören war.

Im zeitigen Frühjahr, meist um den kalendarischen Frühlingsbeginn, genauer am zweiten Fastensonntag, fing man an, die Flinten zu putzen und die Schrotpatronen heraus zu kramen. Schließlich war um den dritten Fastensonntag herum mit dem Beginn des Schnepfenzugs zu rechnen. Merkverse, in denen die kirchlichen Bezeichnungen der Fastensonntage und des ersten Sonntags nach Ostern eine Rolle spielten begleiteten die etwa fünfwöchige Jagdzeit, den Schnepfenstrich. Die Bezeichnungen der Sonntage leiten sich von den Eröffnungsversen der heiligen Messe ab.

Reminiscere, putzt die Gewehre.
Oculi, da kommen sie.
Laetare, das ist das Wahre.
Judica, da sind sie auch noch da.
Palmarum, tralarum.
Quasimodogeniti, halt Jäger, halt, jetzt brüten sie!

Gelegentlich wird auch noch für den 1. Fastensonntag ein Vers genannt:
Invocavit, nimm den Hund mit.

JAWINA möchte an jedem dieser Sonntage mit einem kleinen Beitrag zur Waldschnepfe (Scolopax rusticola) und zum Frühjahrsstrich Wissenswertes über den „Vogel mit dem langen Gesicht“ vermitteln und an vergangene Zeiten erinnern. Da im März/April vorwiegend Hähne streichen, wurden beim legendären Schnepfenstrich kaum Hennen erlegt. Während der heutigen Jagdzeit vom 16. Oktober bis zum 31. Dezember ist eine Unterscheidung der Geschlechter nicht mehr möglich. Es fragt sich also, ob die Frühjahrsbejagung nicht die bessere Alternative war. Doch dazu mehr am nächsten Sonntag Oculi. Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel

Beitragsbild: Reminiscere, putzt die Gewehre. Foto: HDP

Die JAWINA-Redaktion dankt Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel für diesen Beitrag!

 

16 Gedanken zu „Reminiscere

  1. Eckhard Fuhr

    Horrido! Schwelgerische Erinnerungen an den Schnepfenstrich sind genau das, was die Jagd heute braucht. Im Ernst: So schafft man sich selbst ab. Wieder einmal zeigt sich, dass die größte Gefahr für die Jagd von den Jägern ausgeht.

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    1. admin Beitragsautor

      Die größte, von den Jägern für die Jagd ausgehende Gefahr dürfte gehorsames Kuschen vor dem politisch korrekten veganen Zeitgeist sein. Diese angepasste Haltung wird unweigerlich dafür sorgen, dass von der Jagd nicht mehr als Schädlingsbekämpfung übrigbleibt. Wenn überhaupt. SE

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    2. Anko

      Wieso? Womöglich haben Sie das hier überlesen:

      “Da im März/April vorwiegend Hähne streichen, wurden beim legendären Schnepfenstrich kaum Hennen erlegt. Während der heutigen Jagdzeit vom 16. Oktober bis zum 31. Dezember ist eine Unterscheidung der Geschlechter nicht mehr möglich. Es fragt sich also, ob die Frühjahrsbejagung nicht die bessere Alternative war. ”

      Für mich liest sich das klar als ein Votum für eine dem Artenschutz und der Bestandserhaltung gerechtere Jagdzeit.

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    3. Eckhard Fuhr

      Jetzt sollen wir uns also mutig dem “veganen Zeitgeist” entgegen stellen. Und das auch noch auf dem Schnepfenstrich. Ich dachte bislang, die Jagd sei ein nützliches Handwerk und eine ernsthafte Beschäftigung. Aber wenn der vegane Zeitgeist das nächste Mal bei mir vorbei kommt, stelle ich ihn in den Senkel. Er macht sich nur leider sogar hier bei mir in Prenzlauer Berg rar.

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      1. admin Beitragsautor

        Ich finde es nicht so schlimm, wenn Sie mit dem Schnepfenstrich nichts anfangen können. Als Berliner liegt einem – nur rein geografisch gesehen natürlich – der Straßenstrich halt näher. Aber ich bin gespannt, ob der Zeitgeist mit dem herrlich altfränkischen “in den Senkel stellen” etwas anzufangen weiß. Vermutlich eher nicht.
        Spaß beiseite, Herr Fuhr: Mich regt Ihre Anmaßung auf, wenn Sie glauben höchstrichterlich festlegen zu dürfen, welche Art der Jagd (natürlich: die Ihre) als nützlich und sinnvoll anzusehen ist und welche nicht (die der anderen).

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        1. Eckhard Fuhr

          Inwiefern lege ich “höchstrichterlich” irgend etwas fest? Ich vertrete eine Position, nicht mehr und nicht weniger. Und die Sache mit dem Straßenstrich ist ja sowas von geistreich…

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          1. Frank

            “Höchstrichterlich” vllt. nur als eine etwas zu starke Alternative für “besserwisserisch” lesen! Mit Verlaub: Man MUSS mit Jagdtraditionen nicht zwingend etwas anfangen können – auch als Jäger nicht! Diejenigen aber, die damit noch etwas anfangen können und sich dazu auch öffentlich zu bekennen, als “Abschaffer ihrer selbst” zu zeihen, hat schon deutlich mehr als bloß latent etwas Anmaßendes – zumindest in meinen Augen…

            Eine Gefahr, der wir Journalisten vllt. quasi “von Berufs wegen” ausgesetzt sein mögen – und uns deshalb darin umso stärker hinterfragen sollten?!?

    4. RK

      Zunächst herzlichen Dank an die Mitdiskutanten, dass hier überhaupt noch diskutiert wird – teilweise auch auf recht hohem Niveau (jedenfalls von Prof. Pfannenstiel).
      @Eckhard Fuhr die Frage: Was ist denn an den “schwelgerischen Erinnerungen” so schlimm und was ist am “Totschießen von Vögeln” anders als am Erlegen anderer Kreaturen im Rahmen der Jagd? Ich hatte noch nie die Gelegenheit, auf den Schnepfenstrich zu gehen und würde dies gerne zukünftig erleben. Wir sollten als Jäger durchaus unsere eigene Position vertreten. Dazu gehört auch eine gewisse Solidarität unter den Jägern, auch wenn sie andere Jagdarten praktizieren als man selbst.
      Es wurde ja auch ausgeführt, dass die aktuellen jagdlichen Regelungen in Bezug auf Schnepfen biologisch wohl eher nachteilig sind. Das sollten wir als Jäger konstruktiv kritisieren. Insofern haben Sie bedauerlicherweise (quasi als Treppenwitz zu Ihrer Aussage) recht damit, dass “die größte Gefahr für die Jagd von den Jägern ausgeht”…

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  2. Hans-Dieter Pfannenstiel

    Ach Herr Fuhr, welche Diskussion habe ich denn da mit meinem schlichten Gemüt angestoßen? Wehmütige Erinnerungen an den Schnepfenstrich als Beitrag zur Abschaffung der Jagd? Schießen Sie da nicht im weiter vorauseilenden Gehorsam, den pseudoökologischen Parolen der Chlorophyllpartei auf den Leim gehend, ein bisschen über das Ziel hinaus? Wollen wir immer weiter am Fehler der Vergangenheit festhalten und unsere Freude am Weidwerk verhehlen? Viele meiner Altersgenossen hatten große Freude am Schnepfenstrich, und wir haben die Schnepfenpopulation mit der Frühjahrsbejagung nicht im geringsten negativ beeinflusst. Heribert Kalchreuther hat es auf den Punkt gebracht, als er sagte: “Sie sterben doch, ob wir sie schießen oder nicht”. Ich habe meine erlegten Schnepfen übrigens auch verspeist, falls die fehlende Verwertung ein Argument kontra Schnepfenjagd sein sollte. Wo ist also das Problem?

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    1. Eckhard Fuhr

      Lieber Herr Pfannenstiel,

      die “Chlorophylpartei” lassen wir mal außen vor. Als käme alles Unheil für die Jagd von den Grünen. Das ist ebensolcher Unfug wie der “vorauseilende Gehorsam”. Was für ein Politikverständnis haben Sie denn?. Ich jedenfalls bin mein Leben lang ungehorsam gewesen. Auch als Jäger. Ich bin allerdings leidenschaftlich interessiert an der Frage, wie es weitergeht mit uns als Natur-, Kultur- und Sozialgeschöpfen. Und für diese Debatte müsste man die Grünen erfinden, wenn es sie nicht schon gäbe. Im Übrigen: Ich finde es gut, dass das besinnliche Totschießen von ziemlich seltenen Vögeln im zeitigen Frühjahr heute weder erlaubt noch gesellschaftlich akzeptabel ist.

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      1. Hans-Dieter Pfannenstiel

        Wie kommen Sie denn zu der Annahme, lieber Herr Fuhr, die Schnepfe gehöre zu den seltenen Vögeln ? Die Angaben über den Bestand alleine in Russland gehen in die Millionen. Optimisten gehen von bis zu 20 Mio dort aus. Und lassen Sie es möglicherweise tatsächlich nur 10 Prozent davon sein, dann spricht wohl kaum etwas dagegen, in Deutschland jedes Jahr zwischen 10000 und 18000 (Strecken der letzten 10 Jahre) zu erlegen. Mich interessiert auch und besonders die Frage, wie es in unserem Land mit der Jagd weitergeht. Dass viele Mitglieder und Sympathisanten der Chlorophyllpartei die Jagd am liebsten ganz abschaffen würden oder zumindest auf den Wald- und Feldschutz im Sinne einer Schädlingsbekämpfung, möglichst mit staatlichen Wildhütern nach dem “Vorbild” Genf, reduzieren möchten, wird man kaum bestreiten können. Und leider ist es bereits, zu spät zu sagen: Wehret den Anfängen!

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        1. Frank

          …und überdies kann selbst ich mich – noch nicht ganz so reich an Jahren wie Eckhard Fuhr und der geschätzte Prof. Pfannenstiel – nicht einmal daran erinnern, dass die Jagd ein bedeutenderes gesellschaftspolitisches Thema VOR dem Aufkommen der Grünen in den 80ern war!

          Im Gegenteil: Ich kann mich noch gut an Vertreter der “beiden großen Volksparteien” – also auch der SPD – erinnern, die sich zumindest hier in NRW ganz unverhohlen positiv zur Jagd rsp. ihrem Dasein als Jäger öffentlich bekannt haben.

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      2. RK

        @Eckhard Fuhr: Noch ein Nachtrag zur “Chlorophyllpartei”: Es kommt nicht “alles Unheil für die Jagd von den Grünen”. Allerdings repräsentieren die Grünen seit einigen Jahren sowohl im Waffenrecht als auch im Jagdrecht (und auch in vielen anderen Lebensbereichen) Positionen, die teilweise recht faktenresistent sind (“postfaktisch”). Ebenfalls zeigen sich die Grünen als Verbotspartei mit mittlerweile fast diktatorisch anmutenden Zügen. Die Grünen sind mittlerweile (nach einem erfolgreichen “Marsch durch die Institutionen”, der von konservativerer Seite nicht hinreichend ernstgenommen wurde) an den Schaltstellen der Macht angelangt. Sie repräsentieren nicht mehr den Ungehorsam, der früher vielleicht von ihnen ausging und der – da gebe ich Ihnen recht – die Diskussion vor längerer Zeit befruchtet hat (gerade auch zur “Frage, wie es weitergeht mit uns als Natur-, Kultur- und Sozialgeschöpfen”).

        Insofern hatten die Grünen eine sinnvolle katalytische Wirkung, die sich aber mittlerweile in ihr Gegenteil verkehrt hat. Die Grünen zeigen sich mittlerweile eher als diktatorische Wölfe im grün-gutmenschlichen Schafspelz, als willfährige Wegbereiter einer postdemokratischen Diktatur…

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