Rehwild in Brandenburg vogelfrei

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel

Im Landesjagdgesetz Brandenburg (letztmals geändert im Juli 2014) heißt es: „Wild ist ein wesentlicher Bestandteil der heimischen Natur. Es ist als unverzichtbarer Teil der natürlichen Umwelt in seinem Beziehungsgefüge zu bewahren.“ Das Gesetz soll dazu dienen, „einen artenreichen und gesunden Wildbestand in einem ausgewogenen Verhältnis zu seinen natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten.“

Liest man dann die neue Durchführungsverordnung (DVO) vom Oktober 2014, so stellt man fest, dass Rehwild von Stund an in Brandenburg vogelfrei ist und vom Gesetzgeber ganz offenbar nicht mehr als wesentlicher Bestandteil der heimischen Natur gesehen wird. Rehwild kommt in der DVO außer bei der Festlegung von Jagdzeiten einfach nicht mehr vor. Weder muss ein Abschussplan erstellt werden, was auch so bereits im Jagdgesetz steht, noch gibt es Hinweise darauf, wie Rehwild nach Altersklassen einzuteilen ist oder welche Abschussanteile (Geschlecht und Altersklassen) erreicht werden sollten. Und noch ein pikantes Detail: Die Oberste Jagdbehörde hat mit Schreiben vom 20. Oktober 2014 an die Unteren Jagdbehörden der Kreise und alle jagd- und forstlich befassten Verbände darauf hingewiesen, dass die für das laufende Jagdjahr bestätigten Rehwild-Abschusspläne zwar weiterhin Rechtskraft besitzen. Aber Verstöße dagegen sollen doch bitte nicht geahndet werden. Mit anderen Worten, die Wald vor Wild-Scharfmacher dürfen ab sofort unbehelligt die unbarmherzige Bekämpfung des Schädlings Reh in ihren Revieren starten bzw. weiterführen, wie man besser sagen sollte.

Der Sinn von Abschussplänen liegt darin, dass nach deren möglichst punktgenauer Erfüllung der verbleibende lebende Teil einer Population naturnah gegliedert ist und damit eben gesund, wie es das Jagdgesetz und der gesunde Jägerverstand fordern. Nun werden die Befürworter der rigorosen und unbarmherzigen Rehwildbejagung, die nur Holz im Kopf haben*, sofort einwenden, jeder Revierinhaber könne ja selbst für sich einen vernünftigen Abschussplan aufstellen. Der müsse ja nicht unbedingt behördlich festgesetzt werden. Stimmt. Ein zwischen Jagdausübungsberechtigten und Jagdrechtsinhabern abgestimmter Plan reicht vollkommen aus. Aber dann hätte der Gesetzgeber das auch so formulieren sollen. Man kann nicht nach Belieben in einem Punkt an die Verantwortung des Jägers appellieren und in einem anderen Punkt ihm harte Vorschriften machen. Genau das aber tut der Gesetzgeber, bzw. das haben ihm die waldbaulichen Scharfmacher eingeblasen. Und zwar immer so, dass sie ihr eigenes Süppchen ungestört kochen können. Bezeichnenderweise gibt es ja aus den letzten Jahren genügend Erfahrungen, wie die Wald vor Wild-Lobby in Brandenburg mit Rehwild umgeht. In manchen Landeswaldoberförstereien, die per Schonzeitaufhebung den Rehbock bis in den Winter bejagen konnten, wurden wesentlich mehr männliche als weibliche Rehe erlegt. Damit führt sich das Deckmäntelchen der Bestandesreduzierung selbst ad absurdum!

Die Festsetzung der Jagdzeit für den Rehbock, die nun am 31. Dezember endet, ist wohl eher als Betriebsunfall anzusehen und wird vermutlich von interessierter Seite als Spaßbremse verstanden, kann man doch den Bock auf Bewegungsjagden im Januar nun nicht unter Feuer nehmen. Aber auch da wird sich schon eine Ausnahmegenehmigung besorgen lassen. Dass man zumindest wiederkäuendes Schalenwild im Januar wegen seines auf Energiesparbetrieb umgestellten Stoffwechsels nicht mehr durch die Gegend scheuchen soll, weiß doch inzwischen jeder Jagdscheinanwärter. Landesjagdverband Brandenburg (LJVB) und Landesforstbetrieb hatten früher auch mal vereinbart, im Januar keine Bewegungsjagden mehr zu planen. Das „planen“ in diesem Zusammenhang ist aber schon verräterisch genug. Offenbar hatten weder der LJVB noch der Landesforstbetrieb genug Schneid, die Durchführung von Bewegungsjagden im Januar zu ächten. Im „Notfall“ hätte man also trotz dieser Vereinbarung im Januar fröhlich Reh und Hirsch durch den Wald scheuchen können.

Ein großes Ärgernis stellt auch die Tatsache dar, dass der LJVB die Abschaffung des behördlich festgesetzten bzw. bestätigten Abschussplans mit der Begründung gutgeheißen hat, den Bestand von Rehwild kenne man ohnehin nicht genau. Stimmt zwar, aber man ist dabei in eine Falle getappt. Die Bestände von Rot-, Dam- und Muffelwild lassen sich ebenfalls nicht exakt bestimmen. Und es dürfte dann nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die Liebhaber der klimastabilen Mischwälder, über deren Klimastabilität man heute ohnehin nur spekulieren kann, auch den Abschussplan für diese Wildarten in Frage stellen, die doch den ehrgeizigen Waldumbauplänen sowieso nur im Wege stehen. Oh arme Forstwirtschaft, wohin hast du dich treiben lassen, wie ärmlich kommst du daher?

Viele Mitglieder das LJVB sind auch über neue Jagdzeiten erbost. Aus wildbiologischer Sicht ist gegen die Erlegung des Rehbocks bis Ende Dezember nichts einzuwenden, wenn im Abschuss ein ordentliches Geschlechterverhältnis (mehr weiblich als männlich) eingehalten wird. Aber gerade da muss man manchenorts die größten Befürchtungen haben. Für die Vorverlegung der Jagd auf Schmaltiere und Schmalspießer habe ich ein gewisses Verständnis, gibt diese Regelung doch dem Wildschadensgeplagten Feldrevierpächter die Möglichkeit, Wildschäden durch die Erlegung des einen oder anderen Stückes zu mindern. Es bleibt abzuwarten, ob diese Vorverlegung dazu missbraucht wird, den Abschussplan in den betroffenen Altersklassen bereit im Mai radikal zu erfüllen. Das wäre keinesfalls im Sinne des Erfinders. Man kann durchaus darüber diskutieren, ob Kälber und Alttiere so früh bejagt werden müssen. Mit Wildschadensverhütung ist das jedoch nicht unbedingt zu begründen. Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel

* – Damit ich nicht falsch verstanden werde, Holz im Kopf bedeutet selbstverständlich, dass Wald und Holz an erster Stelle stehen, nicht das, was der eine oder andere vielleicht vermutet hätte.

 

Hans-Dieter Pfannenstiel

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