Re(h)alsatire – eine wahre Geschichte

Das Jahr zählte erst wenige Wochen, im Land Brandenburg waren Kitze noch offen. Am Morgen hatte der Jäger Helge K. Weidmannsheil – er streckte ein Stück Rehwild der Altersklasse 0. Soweit völlig legal: K. ist im Besitz eines gültigen Jagdscheins und, wie viele Berliner Weidgenossen, eines Begehungsscheins für das Revier im Nachbarland. Allerdings geriet er durch den Jagderfolg unter Zeitdruck, weil er zur Arbeit musste. Statt das ordnungsgemäß aufgebrochene und für die Verwertung in der eigenen Küche vorgesehene Stück in die etwas abgelegene Kühlkammer zu bringen, bat er einen befreundeten Mitjäger, es vorübergehend auf seinem Balkon zu lagern – bei der kühlen Witterung eigentlich kein Problem.

Doch als Helge K. Am nächsten Tag sein Reh abholen will, ist es bereits weg. Der Balkon des Mietshauses in der Strelitzer Straße im Berliner Stadtbezirk Mitte geht auf den Hinterhof und ist von der Straße aus nicht zu einzusehen. Das Reh lag auf dem Boden des Balkons, größtenteils in einen Poncho gehüllt, der zugleich als Unterlage diente. „Nur das Haupt guckte ein wenig heraus und die Hinterläufe, die leicht gespreizt waren, damit das Stück auskühlen kann“, berichtet der Jagdfreund. Gut sichtbar sei allerdings auch die leuchtend-neue Brandenburger Wildmarke gewesen. Einem lieben Nachbarn reichte offenbar, was er sah, um die Polizei zu alarmieren.

Die erschien noch am selben Tag und fotografierte das „Opfer“ vom Nachbarbalkon aus. Die Lagebesprechung muss dann ergeben haben, dass der Ernst der Lage keinen Aufschub dulde und beherztes Vorgehen erfordere, denn am nächsten Tag rückten Polizei, Feuerwehrund Amtsveterinär an. Die Polizei sperrte die Straße für den Großeinsatz, die Feuerwehr stellte eine Leiter an und barg das Stück vom Balkon im ersten Stock. Erst den Totenschein! Das Verschwinden des Rehs sorgte zunächst für Verwirrung bei den Jägern („Hast Du …?“, „Nein, ich dachte, Du …?“), durch Rückfragen bei den Nachbarn ließ sich die Sache aber klären. Als Helge K. nun zum zuständigen Polizeirevier fuhr, um Herausgabe von Kitz und Poncho zu verlangen, kam es nach seiner Schilderung zu einem denkwürdigen Dialog. K. bittet den Polizisten auf der Wache, ihm sein Reh wiederzugeben, das wolle er schließlich noch verwerten. Darauf antwortet der ganz in Grün gekleidete Beamte, das gehe nicht, weil „die vom Veterinäramt“ noch dabei seien, „die Todesursache zu ermitteln.“ „Die Todesursache?“, fragt K. Ungläubig, „Die kann ich Ihnen verraten: saubererBlattschuss.“ Der Polizist meinte dann noch, dass K. beim Veterinäramt wohl „Totenschein und Kaufvertrag“ vorweisen müsse. Rätsel über Rätsel.

Die Pressesprecherin der Berliner Polizei bemüht sich erfolglos, ein Kichern zu unterdrücken, als ihr der Sachverhalt am Telefon geschildert wird. Und sie wirkt ziemlich erleichtert, als sie wenig später mitteilen kann, dass Polizei und Feuerwehr in dem Fall „nur Amtshilfe für das Veterinäramt geleistet“ hätten, es liege auch keine Anzeige vor. Das Veterinäramt möchte sich nicht äußern, um „die sachgerechte Durchführung des schwebenden Verfahrens“ nicht zu gefährden. Wenige Tage später erhält K. einen vonAmtstierarzt Dr. Ulrich Lindemann unterzeichneten Brief vom Veterinäramt, der den Eindruck von Ahnungslosigkeit und Inkompetenz noch verfestigt. K. wird darin aufgefordert, dem Amt Jagdschein, „Zulassung der zuständigen Behörde in Brandenburg“ (was immer das sein mag), sowie „die Erlaubnis, die Fleischbeschau durchführen zu dürfen“ vorzulegen. Dabei könnte und müsste das Veterinäramt durchaus wissen, das im Rahmen rechtmäßiger Jagdausübung erlegtes Wild von der Pflicht zur Fleischbeschau (die in Schlachthäusern stattfindet) ausgenommen ist – das war schon so, als noch die nationalen Fleischhygienegesetze galten. „Man könnte meinen, die kennen nicht einmal die Vorschriften, die sie direkt betreffen“, stellt der Berliner Rechtsanwalt Jens Ole Sendke fest, der Helge K. in der Angelegenheit vertritt.

Helge K. fordert jedenfalls Schadensersatz für das verdorbene Reh, und den Poncho hätte er auch gern zurück. Was das Veterinäramt will, erschließt sich nicht ganz. Von einem „Verdacht des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz“ ist in dem Schreiben die Rede. Wie wird die heitere Posse aus Berliner Amtsstuben ausgehen? Das Verfahren schwebt…

Stephan Elison

 

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