Quo vadis Landesjagdverband Berlin

Oder: Versuch einer Richtungsbestimmung – ein Gastbeitrag von Alexander Damaschun

Die Wahl eines neuen Vereinsvorstandes stellt gewöhnlich ein Ereignis dar, dessen überregionale mediale Präsenz etwa auf dem Niveau der Öffnungszeiten der Schleuse Neue Mühle, der Kür der Spätzlekönigin von Villingen-Schwenningen oder auch der Farbe der Narrenkappen des diesjährigen Elferrates von Erftstadt-Lechenich liegt. So verhält es sich auch mit der nach dem Tod des bisherigen Vorsitzenden, Dr. Ulrich Grasser, erforderlichen Nachwahl, zu der die Mitglieder des Landesjagdverbandes Berlin am 10. November dieses Jahres aufgerufen sind.
Dabei verdient das bevorstehende Ereignis aufgrund einer Reihe Berliner Eigenheiten womöglich eine erhöhte Aufmerksamkeit, entscheiden die Mitglieder des LJV-Berlins doch nur vordergründig über die Neubesetzung eines vakanten Postens. Die bevorstehende Wahl bestimmt über nichts weniger als die Form des weiteren Bestehens des Jagdverbandes der Hauptstadt. 25 Jahre nach der Wiedervereinigung sieht sich der neue Vorstand gewaltigen Herausforderungen gegenüber, in seiner Stadt und darüber hinaus.

In keinem anderen Bundesland spielt die Jagd in der öffentlichen Wahrnehmung eine so untergeordnete Rolle wie in Berlin. Hier sind von 10.000 Einwohnern nur 8 Inhaber eines Jagdscheines (40 im Bundesdurchschnitt). Zum Vergleich: In den Flächenländern Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern ist diese Quote mit 77, 74 und respektive 73 Jägern pro 10.000 Einwohner fast 10-mal so groß wie in Berlin. Selbst in den Stadtstaaten Hamburg und Bremen, in denen die überwiegende Mehrzahl der Jäger auch nicht im Stadtgebiet jagt, ist sie mit 13 bzw. 12 pro 10.000 Einwohnern noch gut 50% größer als in Berlin. Der Zugang durch Jungjäger und Zugereiste hält sich in Berlin mit Wegziehenden und den natürlichen Abgängen seit Jahren gerade so die Waage. Stagnation wohin das Auge blickt.

Ein ähnlich düsteres Bild offenbart sich bei der Betrachtung des Organisationsgrades der Berliner Jagdscheininhaber in ihrem Landesjagdverband. Im Bundesdurchschnitt werden knapp drei Viertel der Jäger von ihren jeweiligen LJVs vertreten. In Berlin gilt dies für gerade einmal für 31%, für so wenige wie nirgendwo anders. Während der LJV-Hamburg als Spitzenreiter mit einer Traumquote von 96% beim Organisationsgrad seiner Jäger über ein unangefochtenes Landesmandat bei der Interessenvertretung auf allen Ebenen verfügt, könnte es für das knappe Drittel der Berliner Jäger im LJV-Berlin am Ende ein böses Erwachen geben. Was schon immer so war und heute noch so ist, wird mit Sicherheit nicht auch morgen so bleiben. Erste jagdliche Kompetenzen hat sich der LJV-Berlin bereits aus der Hand nehmen lassen. So wird das Wildtiertelefon in Berlin, als eine wichtige öffentlichkeitswirksame und meinungsbildende Schnittstelle, jetzt vom NABU betrieben.

Einem schlagkräftigen landeseinheitlichen Auftritt steht zudem der starke Zersplitterungsgrad der Berliner Jagdorganisationen im Wege. Von außen betrachtet operiert der LJV-Berlin als elitärer Klub des Berliner Südwestens. Weitere knapp 30 jagdliche Vereine und Zusammenschlüsse sitzen nur als stimmlose Mitglieder am Katzentisch, teilweise auch nur geduldet.

Mit dieser kurzen Bestandsaufnahme ist das dringend zu bearbeitende Handlungsfeld der neuen und alten Vorstandsmitglieder klar abgesteckt. Ein zukünftiger LJV-Berlin kann nur dann dauerhaft erfolgreich bestehen, wenn er die öffentliche Wahrnehmung der Jagd in der Stadt Berlin aktiv verbessert und selbst steuert, indem er die eigene Mitgliederbasis stärkt – einerseits durch zeitgemäße Jugend- und Nachwuchsarbeit und andererseits durch Integration aller Berliner jagdlichen Akteure auf Augenhöhe – und ein lebhaftes Vereinsleben für und mit seinen Mitgliedern in allen seinen Facetten befördert. Nicht zuletzt sind die Voraussetzungen für ein nachhaltiges operatives Vereinsgeschäft zu schaffen, ohne ständig die Mitgliederbasis anbetteln zu müssen.

Das Gegenteil, das heißt, eine bloße Interessenvertretung, reduziert auf die gegenüber der Politik, durch einen Vorstand eines reinen „Dachverbandes“ und die Auslagerung der eigenen Verantwortung für die eigentlich wichtigen Vereinsaktivitäten in noch weiter aufgespaltene Stadtbezirks-Jagdvereine wird das Abgleiten des LJV-Berlins in die Bedeutungslosigkeit unaufhaltsam beschleunigen. Am Ende stünde das Landesmandat auf dem Spiel.

Noch eine augenscheinliche Berliner Eigenheit: Mit den Ausgaben 5/ und 6/2015 der Verbandszeitschrift „Die Jäger in Berlin“ wurden die Mitglieder des LJV-Berlin zwar frist- und ordnungsgemäß zur außerordentlichen Mitgliederversammlung eingeladen. Das eine oder andere Mitglied wird sich dennoch verwundert fragen: „Wen soll ich dann eigentlich wählen?“ Bis dato wurden der geneigten Mitgliederbasis über die offiziellen Kommunikationswege des Vereins weder potenzielle Kandidaten noch deren Programme vorgestellt. Vielleicht birgt diese Nachwahl dann doch noch ungeahnte Überraschungspotenziale. Alexander Damaschun

Quelle der Daten: Aktuelle Statistiken des DJV zu den Landesjagdverbänden, verfügbar auf www.jagdnetz.de

Beitragsbild: Eine Jahreshauptversammlung des LJV Berlin, noch unter der Leitung des verstorbenen Präsidenten Dr. Ulrich Grasser (Archivbild, Copyright: SE)

4 Gedanken zu „Quo vadis Landesjagdverband Berlin

  1. HW

    Das Problem des geringen Organisationsgrades ist sicherlich auch und gerade dem Umstand geschuldet, dass viele Jäger gedanklich noch in Jagdgesellschaften und gemütlichen Jägerstammtischen verhaftet sind. Solange der brave Bock im eigenen Revier fällt und man über die gute alte Zeit (in Ost und West) beim Preisskat sinnieren kann, ist vielen Jägern die Jagdpolitik völlig egal. Viele Berliner Jagdvereine haben nach meinem Verständnis ausschließlich gesellschaftlichen Charakter. Wenn sich nicht schleunigst die Erkenntnis durchsetzt, dass wir den ideologischen Feinden der Jagd (vgl. NRW & Co) eine ganz starke und finanziell gestärkte Jägervertretung in Form eines modernen, medienaffinen und kampfeslustigen DJV entgegensetzen müssen, dann wird es ohnehin ein böses Erwachen an den vorbenannten Stammtischen geben. Aber dann ist es zu spät. Solange also die Jäger in den Berliner Kleinvereinen nicht erkennen, dass sie dem LJV beitreten müssen, damit der DJV die notwendige Durchsetzungskraft erhält, ist nichts gewonnen. Letztlich sind diese Kleinvereine diejenigen, die sich einer jagdlichen Machtbündelung entziehen…..da kann der LJV wenig dafür. Vielleicht war aber auch der Geburtsfehler nach der Wende, dass man den “West-LJV” nicht dicht gemacht und einen gemeinsamen LJV mit den “Ossis” gegründet hat. Denn in den anderen Ostländern sind auch beachtliche Organisationsgrade vorhanden.

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  2. Joachim Orbach

    Wer die Notwendigkeit der Öffentlichkeitsarbeit in der heutigen Zeit nicht erkennt oder erkennen will, der hat verloren. Wir Jäger nutzen oftmals nicht die bereits vorhandenen Potenziale wie z.B. die eigenen Websiten der Hegeringe, der Zucht – und Prüfungsvereine von Jagdhunden usw.. Versuchen wir es u.a. doch auch einmal mit Verlinkungen zu bestimmten Beiträgen aud die eigene Website. Wichtig ist es aber allerdings auch, bei bestimmten Themen möglichst mit einer Stimme zu sprechen. Aber der DJV bietet ja hierzu bereits Seminare an – man muss nur daran teilnehmen.

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  3. Zielke Frank Dieter

    Prima! Vielleicht kommt ja doch frischer Wind in eine recht schläfrige Organisation.
    Ich werde wählen gehen!

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