Prof. Dr. Christoph Stubbe: Der Wolf in Russland – historische Entwicklung und Probleme

Der Aufsatz “Der Wolf in Russland – historische Entwicklung und Probleme” von Prof. Dr. Christoph Stubbe beruht auf der Auswertung amtlicher Statistiken und wissenschaftlicher Studien zum Wolf in Russland. Bei einem einjährigen Studienaufenthalt an der jagdlichen Hochschule Irkutsk hat sich Stubbe intensiv mit der Thematik befasst. Sein Aufsatz macht die wissenschaftlichen Erkenntnisse “hunderter studierter Jagdwirtschafter und Wissenschaftler” zugänglich, die sich in Russland “in Theorie und Praxis mit dem Wolf befassen” – und die aufgrund der Sprachbarriere, unzugänglicher Publikationsorte und womöglich weiterer Gründe in der hiesigen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Wolf weitgehend ignoriert werden. Es sei “mehr als verwunderlich, dass man über Erfahrungen und Probleme aus dem Mutterland der Wölfe, aus Russland, überhaupt nichts liest, obwohl unsere Wölfe zur osteuropäischen/asiatischen Population gehören”, konstatiert Stubbe.

Als Folge dieser Unkenntnis wird manch ein Leser nach Lektüre der Studie verwundert feststellen, dass Rotkäppchen es mit der Wahrheit ziemlich genau nahm – zumindest im Vergleich zu der von gewissen Wolfsfreunden und Vertretern der Wolfsindustrie ingrimmig verteidigten Glaubenslehre z.B. von der “natürlichen Scheu” des Wolfs und seiner Ungefährlichkeit für Mensch und Weidetier oder dem Märchen vom konfliktfreien und harmonischen Zusammenleben von Wolf und Mensch in Osteuropa (wobei dahingestellt sei, ob jene Wolfsfreunde ihrem Schützling damit mittelfristig einen Gefallen erweisen). Was Stubbe vom Wolf in Russland berichtet, lässt sich mit solchen naturromantischen Vorstellungen schlechterdings nicht in Einklang bringen. In manchen Jahren töteten Wölfe in Russland hunderttausende Rinder, Schafe, Ziege, Pferde und Fohlen – und hunderte Menschen.

Der Kampf gegen die Wölfe ziehe sich wie ein roter Faden durch Epochen der russischen Geschichte, da sie verheerende Schäden anrichteten, schreibt Stubbe. Der Wolf nehme “unter den Raubtieren bezüglich Schädlichkeit und Gefahr für den Menschen den ersten Platz” ein, stellten Wolfsforscher und Praktiker bei einem Fachforum fest.

Das Kapitel “Begegnungen zwischen Wolf und Mensch” (S. 344f.) sollte jeder lesen, der sich ungetrübt von der herrschenden Ideologie über das Gefahrenpotenzial von Wölfen für Menschen informieren möchte. Für Jäger stellt Stubbes Aufsatz eine Schatztruhe voller wertvoller Erkenntnisse dar, z.B. über “Wechselbeziehungen zwischen Wolf- und Schalenwildpopulationen” (S. 336f.), “Nahrung – Wechselbeziehungen zur Beute” (S. 331f.), Populationsdynamik (S. 328f.) oder Jagdmethoden (S. 353f.). Weidetierhalter werden die Abschnitte über “Schäden an Wild- und Haustierbeständen” mit großem Interesse lesen. Auch die Ausführungen zu Wolfshybriden (S. 351f.) verdienen besondere Beachtung.

Der Aufsatz “Der Wolf in Russland – historische Entwicklung und Probleme” ist in Band 33 der Schriftenreihe “Beiträge zur Jagd- und Wildforschung” erschienen, die von der Gesellschaft für Jagd- und Wildforschung (GWJF) herausgegeben wird. Einzelpersonen und Institutionen können die Mitgliedschaft in der GWJF beantragen , Einzelpersonen zahlen laut Satzung einen Jahresbeitrag von 30 Euro (Stand 01/2019), der sich nach Ansicht des Verf. (selbst langjähriges Mitglied in der GWJF) bereits mit dem jährlich erscheinenden umfangreichen Band der Beiträge amortisiert.

Der Aufsatz ist bereits 2008 erschienen, was eines Tages möglicherweise von Bedeutung sein wird, wenn es darum geht, die Entscheider in Politik und Verwaltung für die Folgen einer Wolfspolitik zur Verantwortung zu ziehen, die mit dem Beiwort “blauäugig” noch verharmlosend beschrieben ist. Das bessere Wissen war verfügbar. Wir haben mit Prof. Dr. Stubbe vereinbart, den Beitrag in der gewählten Form – als Scans – zur Verfügung zu stellen, um Urheberrechtsverstöße und Verfälschungen des Inhalts zu erschweren. Für Beeinträchtigung der Lesbarkeit bitten wir daher um Verständnis.

JAWINA dankt Herrn Prof. Dr. Christoph Stubbe sehr herzlich für die Genehmigung zur Veröffentlichung des Beitrags. SE

Beitragsbild: Beiträge zur Jagd- und Wildforschung, Bd.33, herausgegeben von der GWJF.

 

 

9 Gedanken zu „Prof. Dr. Christoph Stubbe: Der Wolf in Russland – historische Entwicklung und Probleme

  1. AM

    Danke an Prof. Dr. Stubbe und JAWINA, aber leider haben Fakten gegen Ideologien in unserem Deutschland kaum eine Chance. Unsere Politiker fürchten die Reaktionen der vielen extrem wolfsfreundlichen NGOs wie der Teufel das Weihwasser.
    Bin sehr gespannt, wo das mal enden wird.
    “Die ich rief die Geister, werd´ich nicht mehr los”!

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  2. kilalli

    Ich finde es interessant, dass dieser Artikel in dem Paper des Bundesamtes für Naturschutz “Reinhard, I., P. Kaczensky et. al. : Konzept zum Umgang mit Wölfen, die sich Menschen gegenüber auffällig verhalten, BfN-Skripten 502 (2018)” nirgendwo zitiert wird, obwohl es hier ein eigenes Kapitel “Wolf-Mensch-Konflikte” gibt. Stubbe ist einer der profiliertesten Wildbiologen Deutschlands.

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  3. Ralf

    Danke für die Scans des Buches.
    Festzuhalten bezüglich Verträglichkeit der Wölfe:
    EIN Wolf auf 300 (!) Huftiere, wenn keine Jagd durch den Menschen erfolg (S.337). Bei uns erfolgt aber Jagd durch den Menschen. Sogar in Naturschutzgebieten ist eine Bestandskontrolle durch Regulierung der Wölfe demnach notwendig.

    Ich fühle mich nach dem Lesen der Seiten in der Vermutung bestätigt, dass der von manchen NGO’s (BUND und NABU, etc.) angestrebte absolute Wolfschutz, einmal abgesehen von dem Bestreben, die Jagdausübung mittelfristig zu verhindern (sry- das ist mein Eindruck und bewahrheitet sich in Angaben von Pächtern/Jägern aus Wolfgebieten), eine absolute Gefahr für uns Menschen darstellt. Denn Wölfe spezialisieren sich. Und wenn Wildtiere aufgefressen sind, werden Alternativen gesucht. Das sind dann Haus- und Weidetiere.
    Aber:
    Bundesjagdgesetz §1 Abs. 2: Die Hege hat zum Ziel die Erhaltung eines den landschaftlichen und landeskulturellen Verhältnissen angepaßten artenreichen und gesunden Wildbestandes sowie die Pflege und Sicherung seiner Lebensgrundlagen;…

    Ist diese Gesetzespassage noch haltbar, wenn Wölfe zur absoluten Reduzierung des Wildbestandes führen? Was ist mit dem letzten reinrassigen Muffelvorkommen Europas in der Göhrde? Gibt’s das noch? Mein letzter Kenntnissstand ist, dass die Wölfe dem ein Ende bereiteten.

    Wie oft habe ich auf den Seiten gelesen, dass die Wölfe nicht zu den Rissen zurückgekehrt seien. Welche Schlüsse, bezogen auf eine Hygienefunktion der Wölfe, sind daraus zu ziehen? Das Märchen davon, dass Wölfe nur kranke Tiere reißen und komplett auffressen, sollte mit dem Buch der Geschichte Angehören.

    Ein wesentlicher Unterschied: in Russland nimmt der Wolf den Schuss als Gefahr dar. Bei uns sind Wölfe bisher so nicht konditioniert. Wölfe werden bei uns nicht verfolgt und haben keine Angst vor einem Schuss. Im gegenteil. Sie verbinden mit dem Schuss Beute für sich.

    Im Ergebnis komme ich zu folgendem Schluss:
    Der Wolfbestand ist kurz und knapp zu halten PUNKT
    Das geht NUR durch Abschüsse.
    Erhard Brütt hatte in unserer Jägerschaft einmal über den Fuchs referiert und sagt: “Der Fuchs ist zu schießen, wenn man ihn kriegt”. So muss es beim Wolf aus meiner Sicht in Zukunft, auch nach dem, was ich eben gelesen habe, auch laufen. Und nicht anders!
    Ansonsten hoffe ich, dass beim Beibehalten der aktuellen Wolfpolitik die Umweltministerin und der Umweltstaatssekretär mit den jeweiligen Privatvermögen für die vorprogrammierten Schäden haften müssen.
    Es kann und darf aus meiner Sicht nicht sein, dass für eine ideologisierte Wolfpolitik Steuerzahler bezahlen müssen.

    Ich hoffe, dass die Bundeskanzlerin sich im Sinne der Bürgerinnen und Bürger einschaltet und solche, wie auf Seite 344 f. genannten Szenarien zu verhindern weiß.
    S. 346 ff. beschreibt die Szenarien noch eindrucksvoller. Wölfe sind nicht harmlos, wie oft vorgetäuscht.
    Ein gesunder Wolf, der konditioniert ist, ist für die Menschen keine Gefahr. Nur sehe ich derzeit Tendenzen, dass eine Konditionierung (Menschen und Schuss= Gefahr) bislang fehlt. Und das wird zur echten Gefahr!

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  4. Ronbi

    Warum einen so interessanten Artikel als “Scan” und nicht als pdf, wie in der Wissenschaft allgemein üblich.
    Ein pdf hat den Vorteil, dass man Copyright und Sicherheit einfach wählen kann.
    Die jpgs hier kann man ganz einfach speichern und dann mit einem entsprechenden Programm ein pdf daraus machen.
    Man erhält ja auch Diplom- oder Doktorarbeiten und Habitilationen ganz einfach als pdf, ohne dass sich dabei jemand grosse Sorgen vor Datenklau oder Veränderung macht. Weil das ist in jedem Fall illegal und es gibt Programme, die so etwas aufspüren. Das hatten zuletzt einige prominente Köpfe spüren müssen und die Dissertation und der Job waren futsch.

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  5. Ronbi

    Herzlichen Dank für diese aufschlußreiche Abhandlung über Wölfe in Russland.
    Es gibt auch genügend wissenschaftliche Studien aus USA.
    Eigentlich braucht es keine weiteren Forschungen, um zu wissen, was zu tun ist.
    Nur machen wir gerade alles falsch, was man im Umgang mit Wölfen falsch machen kann!
    Interessant auch die Liste der wolf attacks in der Englischen Wikipedia.
    Der letzte Eintrag zu einem Wolfsangriff auf zwei Holzfäller in der Ukraine vom 23.01.2019.
    Bezeichnender Weise gibt es eine derartige Liste in der Deutschen Wikipedia offensichtlich nicht.
    Und ich frage mich, gibt es wirklich keinen ernsthaften Angriff von Wölfen auf Menschen, in den letzten 20 Jahren bei uns.

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  6. Grimbart

    Am aussagekräftigsten ist der letzte Satz der Zusammenfassung: “In dicht besiedelten Gebieten mit intensiver Haustierhaltung sollten Wölfe möglichst nicht vorkommen.”
    Nur ist genau das, was bei uns geschieht mit all den Problemen.

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  7. Albrecht v Heimgerber

    Zumindest in Sachsen könnten die Menschen etwas Hoffnung haben. Der Wolf ist hier bereits im Jagdrecht verankert UND es ist Landtagswahl 2019.

    Da der Ministerpräsident Kretschmer Wählerstimmen benötigt um die 30%-Marke gut hinter sich zu lassen, wird er sicher darüber nachdenken, dem geneigten Wähler sein “Ich-habe-verstanden” zu zeigen.

    Wir werden sehen wie ernst es mit ” Auf Augenhöhe” reden ist.

    Der neuen Chef im Landesforstbetrieb wir Ihm hoffentlich erzählen das die “schützende Hand” über dem grauen Schalenwildjäger aus walbaulicher Sicht vollkommener Quatsch war die ganzen Jahre…..

    Der Lenrprozess, dass ein Wolf sich nachts eben nicht in den Ortschaften an den Mülltonnen bedient, muss tatsächlich ganz rasch eintreten, ehe etwas schlimmes passiert. Das würde bei einem so schlauen Tier auch rasch passieren, wenn eine Regulierung in Siedlungsnähe von der Politik gewollt würde.
    Ich bin schon auch ein klein wenig beruhigter, dass meine Enkelkinder nicht in einer Wolfs-Region aufwachsen.

    Jedoch verpflichtet uns die Rechtstreue, als Jäger hier dem Gesetz zu folgen.

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